Across the Galaxy · Band 10
Was die Kälte bewahrt
Nara Kests GeschichteKapitel 01
Das Gewicht leerer Dinge
Nara Kest lernte das Tauchen in Schiffen, die längst keinen Namen mehr trugen.
Mit neun Jahren kroch sie zum ersten Mal durch die aufgeschnittene Außenhaut eines ausgemusterten Erzschleppers. Das Wrack hing im Fangnetz von Station Ravel, festgezurrt zwischen drei Greifarmen. Unter Naras Stiefeln war kein Boden, nur eine Wand, die früher der Boden gewesen war. Jede Schublade stand offen. Schrauben, Löffel und ein einzelner roter Spielstein schwebten in der Luft.
Ilse„Fass nichts an, bevor du weißt, warum es noch da ist“, sagte ihre Mutter Ilse über Funk.
NaraNara hielt den Spielstein zwischen zwei Fingern. „Weil ihn keiner mitgenommen hat.“
Ilse„Das ist eine Antwort“, erwiderte Ilse. „Aber nicht immer die richtige.“
Ilse Kest war Bergungstaucherin, obwohl es im All kein Wasser gab. Die Berufsbezeichnung war älter als die ersten interstellaren Frachter. Sie hatte überlebt, weil jeder verstand, was sie bedeutete: hinabsteigen, wo andere nicht mehr hinkamen, und mit etwas Wertvollem zurückkehren.
Ilse führte ihre Tochter zum Maschinenraum. Sie zeigte ihr, wie Metall nach einem Druckverlust aufplatzte, wie gefrorenes Kühlmittel aussah und warum sich ein stiller Kondensator noch Stunden später entladen konnte. Dann blieb sie vor einem Spind stehen, dessen Tür verbogen war.
Ilse„Öffne ihn“, sagte Ilse.
Nara setzte den Hebel an. Im Spind lagen ein Arbeitsanzug, zwei versiegelte Nahrungsrationen und eine kleine Spieluhr aus dunklem Holz. Auf ihrem Deckel war ein Vogel eingeschnitzt. Nara drehte den Schlüssel. Vier helle Töne erklangen, langsam und falsch, weil die Mechanik unter der Kälte litt.
Nara„Die gehört bestimmt jemandem“, sagte Nara.
Ilse„Alles hier gehörte jemandem“, antwortete Ilse.
Nara„Dürfen wir sie nehmen?“
IlseIlse las die verblasste Kennung am Spind. „Wir melden sie zuerst im Fundregister. Wenn sich niemand meldet, wird sie Teil der Bergungsmasse.“
Nara„Dann gehört sie uns?“
Ilse„Dann dürfen wir sie besitzen“, sagte Ilse. „Das ist nicht dasselbe.“
Auf Ravel wurde aus verlassenen Schiffen fast alles gewonnen. Kupferadern verschwanden aus den Wänden. Reaktorspulen gingen an Werften, intakte Drucktüren an neue Kolonien. Sogar die Luft in geschlossenen Tanks wurde verkauft. Die Station lebte davon, dass anderswo etwas geendet hatte.
Naras Vater hatte das nie gemocht. Jarek Kest reparierte Rettungskapseln und sagte, Bergung beginne dort, wo Rettung zu spät gekommen sei. Als Nara elf war, flog er zu einer havarierten Fähre, deren Notruf seit sechs Stunden wiederholt wurde. Die Fähre explodierte, bevor sein Schlepper andocken konnte. Von Jarek kamen nur ein Helm und neun Sekunden Funk zurück.
Jarek„Schleuse Zwei, Abstand halten. Da ist noch—“
Die Aufnahme endete mitten im Satz.
Ilse hörte sie einmal. Danach löschte sie die Datei nicht, spielte sie aber auch nie wieder ab. Sie legte Jareks Helm auf den Schrank und arbeitete weiter.
Nara begann zwei Jahre später ihre Ausbildung. Ilse widersprach nicht.
Ilse„Du könntest Kartografin werden“, sagte die Mutter am Abend vor der Aufnahmeprüfung.
Nara„Karten zeigen nur, wo andere schon waren“, antwortete Nara.
Ilse„Und Wracks zeigen, wo sie nicht hätten sein sollen.“
Nara„Du bist trotzdem immer wieder hineingegangen.“
IlseIlse betrachtete ihre Tochter über den Tisch hinweg. „Weil jemand die Namen aus ihnen holen muss, bevor die Schneidbrenner kommen.“
Nara verstand damals nur den ersten Teil dieses Satzes. Sie wollte schneiden, bergen und zurückkehren. Sie wollte das Unbekannte in Gewichte, Listen und Rechnungen zerlegen. Ein Wrack erschien ihr ehrlich: Es verlangte nichts, es log nicht, und alles in seinem Inneren hatte eine Ursache.
Am Tag ihrer Prüfung lag die alte Spieluhr auf Ilse Kests Werkbank. Niemand hatte sie in all den Jahren beansprucht. Ilse drehte den Schlüssel, und die vier falschen Töne füllten die Küche.
Ilse„Nimm sie“, sagte Ilse.
Nara„Du hast gesagt, sie gehört uns nicht.“
Ilse„Nein“, erwiderte die Mutter. „Ich habe gesagt, Besitz sei nicht dasselbe wie Zugehörigkeit. Vielleicht gehört sie inzwischen zu dem, woran wir uns erinnern.“
Nara steckte die Spieluhr in ihre Tasche. Später, in stillen Kabinen und vor dunklen Schleusen, würde sie die vier Töne hören und wissen, dass auch ein leerer Gegenstand Gewicht besaß.
Kapitel 02
Namen im Metall
Die Ausbildung machte aus Angst Abläufe.
Nara lernte, vor jeder Schleuse drei Anzeigen und niemals nur eine zu lesen. Sie prüfte Oberflächen mit dem Rücken der behandschuhten Finger, weil die Handfläche an kaltem Metall festfrieren konnte. Sie lernte, dass Stille nicht bedeutete, ein System sei tot. Manche Maschinen warteten nur auf Strom. Manche auf einen Fehler.
Ihre Ausbilderin hieß Mave Orlan und hatte den linken Unterarm bei einer ungesicherten Rotation verloren. Die Prothese war stärker als ihr rechter Arm, doch sie benutzte sie nie, um Leichtsinn zu entschuldigen.
Mave„Das All will euch nicht töten“, sagte Mave am ersten Tag. „Dafür müsste es euch bemerken. Ihr sterbt, weil Physik keine Ausnahmen kennt.“
CorrenEin Schüler namens Corren lachte. „Und warum sind Sie noch da?“
MaveMave schlug mit den Metallfingern gegen den Tisch. „Weil ich für eine Sekunde dümmer war als die Physik und danach nie wieder.“
Im dritten Ausbildungsjahr bekam Naras Gruppe ein echtes Wrack. Der Passagierkutter Lysa hatte beim Sprung ein Triebwerkssegment verloren und war in einem flachen Orbit um einen toten Mond gestrandet. Die Rettungsteams hatten sechzehn Menschen geborgen. Zwei galten als vermisst.
Die Versicherung wollte die Navigationseinheit. Mave wollte die Vermissten.
Corren„Der Auftrag nennt nur die Navigation“, sagte Corren, als sie im Kutter standen.
Mave„Der Auftrag hat keine Angehörigen“, erwiderte Mave.
Sie fanden die erste Vermisste in einer Wartungsnische. Die Frau hatte sich dort festgebunden, bevor die Schwerkraft ausgefallen war. Ihr Anzug war intakt. Ihr Sauerstoff nicht.
Nara blieb vor ihr hängen und vergaß für zwei Atemzüge jede Prüfliste.
Mave„Kest“, sagte Mave über Funk. „Was sehen Sie?“
Nara„Eine Tote“, antwortete Nara.
Mave„Das sehe ich auch. Was sehen Sie für die Bergung?“
NaraNara zwang sich, hinzusehen. „Kennung am Ärmel. Medizinisches Armband. Eine Schnur um das rechte Handgelenk.“
Mave„Was hängt daran?“
Nara„Ein Schlüssel.“
Mave„Dann bergen Sie zuerst den Namen, danach die Geschichte und zuletzt den Körper“, sagte Mave. „In dieser Reihenfolge. Der Körper läuft uns nicht mehr weg.“
Der Schlüssel gehörte zu einer Kabine, in der sie den zweiten Vermissten fanden. Er lebte. Ein umgestürztes Bett hatte ihn gegen die Wand geklemmt. Der Mann war unterkühlt und halb bewusstlos, aber sein Anzug hatte Luft.
Geretteter„Sava“, flüsterte er, als Nara ihn befreite. „Wo ist Sava?“
Nara sah zu Mave.
Mave„Sagen Sie ihm, was Sie wissen“, befahl die Ausbilderin.
Nara„Wir haben sie gefunden“, sagte Nara.
Geretteter„Lebt sie?“
NaraNara hätte sagen können, der Funk sei schlecht. Sie hätte bis zur Krankenstation warten können. Stattdessen antwortete sie: „Nein. Aber sie kommt mit uns zurück.“
Der Mann schloss die Augen. Seine Hand suchte im leeren Raum, bis Nara sie festhielt.
Nach diesem Einsatz schrieb Mave in Naras Bewertung, sie sei technisch präzise, unter Druck kontrolliert und ungeeignet für Befehle, deren Sinn sie nicht teile. Nara hielt den letzten Satz für ein Lob.
IlseIlse sah es anders. „Ungehorsam ist nur dann Mut, wenn du bereit bist, die Rechnung zu tragen“, sagte sie.
Nara„Wir haben einen Menschen gerettet, den der Auftrag ignoriert hat“, erwiderte Nara.
Ilse„Diesmal.“
Nara„Du hättest dasselbe getan.“
Ilse„Deshalb weiß ich, was es kostet.“
Nara bestand die Prüfung mit der zweithöchsten Punktzahl ihres Jahrgangs. Corren wurde Erster. Er wechselte noch am selben Tag zu Orison Rückgewinnung, dem größten Bergungsunternehmen im äußeren Netz. Nara unterschrieb bei einer kleinen Mannschaft, die Schiffe nach Sicherungsanteil bezahlte und keine Fragen stellte, solange alle mit eigener Luft zurückkehrten.
In den folgenden Jahren öffnete sie Frachter, Kuriere, eine verlassene Forschungsboje und einmal ein Hochzeitsschiff, dessen Passagiere rechtzeitig evakuiert worden waren. In einem Saal schwebten tausend Papierblüten. Die Versicherung bezahlte nach Kilogramm. Nara nahm keine einzige.
Sie barg Metalle, Antriebe und schwarze Kästen. Namen meldete sie auch dann, wenn niemand dafür zahlte. An manchen Abenden spielte sie in ihrer Kabine die alte Spieluhr. Die Melodie blieb kurz und unvollständig.
Mit siebenundzwanzig glaubte Nara, jedes Geräusch eines toten Schiffes zu kennen.
Mit achtundzwanzig hörte sie eines atmen.
Kapitel 03
Tiefer als Licht
Der Frachter Eos war seit vierzig Jahren drucklos. Trotzdem zog sich seine Innenwand unter Naras Hand zusammen, als hätte das Metall einen langsamen Atemzug genommen.
Tovin„Wärmespannung“, sagte Tovin Vale aus dem Bergungsschlepper Nadel.
Nara„Hier gibt es keine Wärme“, antwortete Nara.
Tovin„Dann Kältespannung.“
Nara„Das Wort hast du erfunden.“
Tovin„Jedes Wort wurde irgendwann erfunden“, erwiderte Tovin.
Er war Mechaniker, Navigator und der einzige Mensch, mit dem Nara länger als zwei Einsätze zusammenarbeitete. Tovin konnte aus Schrott ein Triebwerk bauen, aber keinen Raum betreten, in dem jemand gestorben war. Er blieb in der Nadel, überwachte Naras Lebenszeichen und redete, wenn die Stille in den Wracks zu groß wurde.
Tovin„Dein Puls ist bei neunzig“, sagte er.
Nara„Weil du mich nervst.“
Tovin„Dann erfülle ich eine medizinische Funktion.“
Die Eos brachte ihnen genug Kupfer für zwei Monate Treibstoff und ein Navigationsmodul, das Tovin gegen einen neuen Luftwäscher tauschte. Es war ein guter Fund. Trotzdem reichte das Geld kaum für die Liegegebühren auf Ravel.
Unabhängige Bergung wurde von Jahr zu Jahr schwieriger. Orison Rückgewinnung kaufte alte Ansprüche, patrouillierte in verlassenen Sektoren und erklärte jedes Wrack mit einer lesbaren Seriennummer zu Firmeneigentum. Was übrig blieb, lag weit außerhalb sicherer Routen oder war so gefährlich, dass selbst Orison darauf verzichtete.
Nara nahm beides.
Ilse arbeitete inzwischen nicht mehr. Eine Strahlenschädigung hatte die Nerven ihrer Hände angegriffen. Sie konnte einen Becher halten, aber keinen Dichtungsring einsetzen. Wenn die Nadel auf Ravel lag, saß sie in Naras Maschinenraum und gab ungefragt Ratschläge.
Ilse„Der Backbordregler schwingt“, sagte Ilse bei einem dieser Besuche.
Tovin„Er schwingt seit drei Jahren“, antwortete Tovin.
Ilse„Dann ignorierst du ihn seit drei Jahren.“
Tovin„Ich nenne das Langzeitbeobachtung“, sagte Tovin.
Ilse mochte ihn. Deshalb kritisierte sie ihn härter als alle anderen.
Als Naras Terminal an diesem Abend eine verschlüsselte Anfrage empfing, saßen sie zu dritt in der engen Kombüse. Die Nachricht enthielt keine Absenderkennung, nur Koordinaten und eine Liste möglicher Bergungsgüter: Kupferleitungen, vier Reaktorspulen, zivile Sprungkerne, kryogene Legierungen.
TovinTovin pfiff leise. „Wenn davon die Hälfte stimmt, kaufen wir Ravel.“
Ilse„Wenn davon die Hälfte stimmt, hat Orison es längst gefunden“, sagte Ilse.
Nara öffnete den Anhang. Ein Sonarbild zeigte einen schweren Langstreckenfrachter, halb in einen Ring aus gefrorenem Staub eingebettet. Keine Kennung war zu erkennen. Die Analyse schätzte das Alter auf mindestens dreißig Jahre.
Nara„Woher stammen die Daten?“, fragte Nara.
Corda„Vom Auftraggeber“, antwortete eine Stimme aus dem Terminal.
Die Verbindung hatte sich ohne Ankündigung geöffnet. Auf dem Schirm erschien Rhun Corda, ein Bergungsmakler mit silbernem Haar und einem Gesicht, das immer so wirkte, als hätte es gerade eine bessere Version der Wahrheit vorbereitet.
Tovin„Sie hören mit?“, fragte Tovin.
Corda„Ich warte“, korrigierte Corda.
Nara„Auf was?“, fragte Nara.
Corda„Auf Ihre Zusage.“
Nara vergrößerte die Koordinaten. Sie lagen im Kaldor-Schatten, einem Gebiet hinter einer dichten Wolke aus metallischem Eis. Navigationsbaken hielten Abstand davon. Der Staub fraß Sensoren und verfälschte Entfernungen.
Corda„Keine Kennung, kein Beacon, keine Lebenswärme“, sagte Corda. „Das Wrack ist herrenlos.“
Nara„Nichts ist herrenlos, wenn Sie davon wissen“, erwiderte Nara.
CordaCorda lächelte. „Sie bekommen sechzig Prozent der verwertbaren Masse.“
Tovin„Achtzig“, sagte Tovin.
Corda„Fünfundsechzig.“
Nara„Und sämtliche persönlichen Daten gehen nicht in die Bergungsmasse“, sagte Nara. „Logs, Kennungen und Nachrichten bleiben bei uns, bis die Herkunft geklärt ist.“
CordaCordas Lächeln verschwand für einen Moment. „Daten sind manchmal wertvoller als Metall.“
Nara„Dann schicken Sie Corren und Orison.“
Corda„Orison darf dieses Wrack nicht finden“, sagte Corda.
In der Kombüse wurde es still.
IlseIlse legte ihre unruhigen Hände auf den Tisch. „Das ist keine Erklärung.“
Corda„Es ist der Grund, warum ich gut bezahle“, antwortete Corda.
Nara hätte ablehnen sollen. Sie wusste es an der Art, wie ihre Mutter den Atem anhielt, und an Tovins ungewöhnlichem Schweigen. Doch auf ihrem Terminal standen offene Rechnungen. Der Backbordregler würde nicht ewig schwingen. Ilse brauchte eine Behandlung, die Ravel nicht kostenlos anbot.
Nara„Siebzig Prozent“, sagte Nara. „Daten bleiben bei mir.“
CordaCorda nickte. „Sie haben vier Tage.“
Cordas Bild verschwand.
Tovin„Ein namenloses Wrack, das Orison nicht finden darf“, sagte Tovin. „Was könnte daran schlecht sein?“
IlseIlse sah Nara an. „Du willst fahren.“
Nara„Ich will wissen, warum es keinen Namen hat“, antwortete Nara.
Ihre Mutter stand auf. An der Tür blieb sie stehen.
Ilse„Dann nimm genug Luft mit, um die Antwort nicht im Schiff lassen zu müssen“, sagte Ilse.
Kapitel 04
Kein Signal
Der Kaldor-Schatten verschluckte Sterne.
Zwei Tage lang flog die Nadel durch Staub, der wie schwarzer Schnee gegen die Außenhaut schlug. Die Partikel bestanden aus Eisen, Eis und den zermahlenen Resten eines Mondes. Auf dem Radar entstanden Ziele und verschwanden wieder. Tovin navigierte nach Trägheit, alten Gravitationskarten und einer Geduld, die Nara ihm sonst nicht zutraute.
Tovin„Noch dreitausend Kilometer“, sagte er.
Nara„Du hast vor einer Stunde dreitausend gesagt“, erwiderte Nara.
Tovin„Damals waren es optimistische Kilometer.“
Nara„Und jetzt?“
Tovin„Ehrliche.“
Das Wrack erschien nicht als Schiff. Zuerst war es nur eine Kante, an der der Staub anders strömte. Dann hob sich ein Bug aus der Dunkelheit. Der Frachter war fast einen Kilometer lang. Eis bedeckte seine Flanken, doch an mehreren Stellen schimmerte blankes Metall, als sei erst vor Kurzem etwas darübergeglitten.
NaraNara stand hinter Tovin und betrachtete die Sensordaten. „Kein Beacon.“
Tovin„Keine Registry-Antwort“, sagte Tovin.
Nara„Keine Reaktorwärme.“
Tovin„Keine Wärme überhaupt“, ergänzte Tovin. „Das Ding ist kälter als der Staub darum.“
Sie umrundeten den Frachter. An der Steuerbordseite klaffte eine Wunde durch drei Decks. Die Ränder waren nach innen gebogen. Kein Einschlag. Etwas hatte sich von außen durch die Hülle gedrückt oder war beim Abreißen eines angedockten Moduls hineingezogen worden.
Nara„Dort gehe ich rein“, sagte Nara.
Tovin„Natürlich“, antwortete Tovin. „Die Schleuse wäre zu höflich.“
Er brachte die Nadel in zweihundert Metern Abstand zum Stillstand. Ein Kabel verband Naras Anzug mit dem Schlepper: Daten, Luftreserve und eine dünne physische Leine, die Tovin wichtiger nahm als alle digitalen Systeme.
Nara„Wenn ich zweimal ziehe, holst du mich zurück“, sagte Nara.
Tovin„Wenn du einmal ziehst, frage ich nach.“
Nara„Wenn ich nicht antworte?“
Tovin„Dann hole ich dich auch bei einmal.“
Nara„Du lernst.“
Tovin„Von der unangenehmsten Lehrerin des äußeren Netzes“, erwiderte Tovin.
Nara löste sich von der Nadel. Ihr Anzug stieß kurze Gasimpulse aus. Das Wrack wuchs vor ihr, bis es keinen Rand mehr hatte. Der Riss in der Hülle wurde zu einer Höhle aus Metall und Eis.
Nara„Einstieg in dreißig Sekunden“, meldete Nara.
Tovin„Telemetrie sauber“, sagte Tovin. „Puls zweiundachtzig. Sauerstoff sechs Stunden. Lampen beide grün.“
Nara„Empfängst du mich?“
Tovin„Klar und unwillkommen“, antwortete Tovin.
Nara lächelte. Die Frage war unter Piloten älter als jedes Sprungtor. Sie bedeutete mehr als guten Funk. Sie bedeutete: Bist du noch da? Bin ich noch da?
Sie schwebte durch den aufgerissenen Frachter. Ihr Licht glitt über abgerissene Leitungen, gefrorene Tropfen und eine Reihe Sitzschienen. Der Raum war nicht geplündert. Kupferadern liefen offen an der Wand. Ein unbeschädigter Steuerknoten hing direkt vor ihr.
Nara„Corda hat nicht gelogen“, sagte Nara.
Tovin„Bitte wiederhole das. Ich möchte es für die Nachwelt sichern“, erwiderte Tovin.
Nara markierte den Steuerknoten, nahm ihn aber nicht mit. Zuerst musste sie die Struktur prüfen. Ein Schiff dieser Größe konnte sich unter dem eigenen, ungleich verteilten Eis langsam verformen. Ein einziger falscher Stoß würde ganze Decks gegeneinander schieben.
Am Ende des Frachtraums fand sie einen Korridor. Die Schilder waren abgeschabt, nicht verblasst. Jemand hatte Kennungen und Decknummern mechanisch entfernt. Nur Pfeile blieben zurück.
Nara„Das war Absicht“, sagte Nara.
Tovin„Vielleicht wollte jemand gründlich renovieren“, antwortete Tovin.
Nara„Dann hat er die Möbel vergessen.“
Hinter der nächsten Tür lag ein Beobachtungsraum. Lange Tische standen unter einer gewölbten Scheibe. Becher waren mit Magnetfüßen befestigt. Teller lagen an ihren Plätzen. Ein Kindersitz war an der Stirnseite festgeschnallt. Über allem schwebte eine dünne Schicht aus Reif.
Nara bewegte sich nicht.
Tovin„Was ist?“, fragte Tovin.
Nara„Die Tische sind gedeckt“, antwortete Nara.
Tovin„Wie lange?“
Nara„Lange genug, dass kein Essen mehr übrig ist.“
An der Wand hing eine Uhr. Ihr mechanisches Zifferblatt zeigte 03:17. Darunter flackerte eine Datumsanzeige, obwohl im Schiff kein Strom messbar war.
Nara las das Datum vor.
Tovin schwieg.
Nara„Sag etwas“, forderte Nara.
Tovin„Das Datum ist morgen“, sagte Tovin.
Die Anzeige sprang um. Für einen Augenblick zeigte sie ein Jahr, das zweiunddreißig Jahre zurücklag. Dann stand dort wieder der nächste Tag.
Aus dem Korridor hinter Nara kam ein metallisches Schaben.
Nicht laut. Nicht schnell.
Aber näher als zuvor.
Kapitel 05
Die gedeckten Tische
Nara drehte sich langsam um. Der Korridor lag leer im Kegel ihrer Lampe.
Nara„Ich habe ein Geräusch“, sagte sie.
Tovin„Ich sehe nichts auf deinem Bild“, antwortete Tovin.
Nara„Das ist der unberuhigende Teil.“
Nara schaltete die zweite Lampe ein. Zwei Lichtkegel wanderten über Türen, Leitungen und eine lose Abdeckung, die sich nicht bewegte. Am Ende des Ganges hing Reif in langen Fäden von der Decke.
Tovin„Möglicherweise arbeitet die Hülle“, sagte Tovin.
Nara„Ohne Wärme?“
Tovin„Kältespannung“, erwiderte er.
Nara„Wenn wir zurück sind, verbiete ich dir dieses Wort.“
Nara kehrte in den Beobachtungsraum zurück. Die Becher trugen keine Logos. Die Beschriftungen der Nahrungsbehälter waren abgeschliffen. Jemand hatte nicht nur das Schiff, sondern auch seine Vergangenheit entkernt.
Am Kindersitz klebte ein schmaler Streifen Stoff. Darauf waren vier Sterne gestickt, ungleichmäßig und mit verschiedenfarbigem Garn. Nara fotografierte ihn. Neben dem Sitz schwebte ein Ring an einem dünnen Faden. Er drehte sich langsam, obwohl Naras Bewegung die Luft nicht beeinflussen konnte. Der Raum war drucklos.
Nara„Tovin, siehst du den Ring?“
Tovin„Ja“, antwortete Tovin. „Keine Ahnung, warum er sich bewegt.“
Nara hielt die Hand daneben. Der Ring drehte weiter.
Tovin„Magnetfeld“, sagte Tovin.
Nara„Von einem Schiff ohne Energie?“
Tovin„Du fragst heute sehr aggressiv.“
Nara„Du antwortest heute sehr schlecht.“
Sie ließ den Ring hängen. An der gegenüberliegenden Wand fand sie ein Terminal. Sein Bildschirm war schwarz, doch der Rahmen war wärmer als die Umgebung: nicht warm genug für einen laufenden Rechner, aber zwei Grad über dem Eis.
Nara öffnete die Wartungsklappe. Im Inneren saß eine Notzelle, deren Ladestandsanzeige tot war. Sie verband ihr eigenes Energiepaket mit dem Datenbus.
Tovin„Stromaufnahme“, meldete Tovin. „Sehr niedrig.“
Der Bildschirm leuchtete auf. Kein Firmenzeichen erschien. Stattdessen lief eine Zahlenfolge über die Anzeige, brach ab und begann erneut. Danach öffnete sich ein Fluglog.
DATEI 4177. ZEITMARKE UNGÜLTIG. POSITION UNGÜLTIG. REGISTRY GESPERRT.
Nara„Das ist kein Frachterlog“, sagte Nara.
Tovin„Was dann?“
Nara„Ein Grab, das seine eigene Adresse vergessen hat.“
Zwischen beschädigten Navigationsblöcken lag eine Videodatei. Nara spielte sie ab.
Zuerst war nur Rauschen zu sehen. Dann erschien das Gesicht eines Kindes. Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, saß zu nah an der Kamera. Dunkles Haar klebte an ihrer Stirn. Hinter ihr blinkte rotes Licht.
Davin„Mina, nicht so nah“, sagte eine männliche Stimme außerhalb des Bildes.
MinaDas Mädchen rückte zurück. „Sieht man mich jetzt?“
Davin„Ja“, antwortete der Mann.
Mina„Wann schicken wir es?“
Davin„Wenn die Verbindung wiederkommt.“
Mina sah direkt in die Kamera. Ihre Lippen zitterten, doch ihre Stimme blieb fest.
Mina„Wir haben den Kurs geändert“, sagte sie. „Wir kommen nach Hause.“
Hinter dem Kind rief jemand eine Zahl. Das Bild sprang. Für einen einzigen Frame war ein Raum voller Menschen zu sehen, dicht gedrängt, viele in Arbeitskleidung, einige in Decken gehüllt.
Dann endete die Datei.
Nara spielte sie noch einmal ab.
Mina„Wir haben den Kurs geändert“, sagte Mina wieder. „Wir kommen nach Hause.“
Tovin„Der Satz steht auch im Lied“, murmelte Tovin, so leise, dass Nara ihn kaum verstand.
Nara„Welches Lied?“
Tovin„Vergiss es. Ich habe die Melodie irgendwo gehört.“
Nara kopierte die Datei. Das Terminal reagierte mit einem schrillen Ton. Gleichzeitig erwachte im Korridor ein Alarm. Rote Lampen sprangen nacheinander an, obwohl Naras Energiepaket nicht genug Leistung für das ganze Deck liefern konnte.
Tovin„Trenn die Verbindung“, sagte Tovin.
Nara zog das Kabel ab. Der Alarm blieb.
Tovin„Nara, dein Sicherungsseil bewegt sich“, sagte Tovin.
Nara„Ich bewege mich nicht.“
Tovin„Nicht bei dir. Vierzig Meter hinter dir.“
Nara drehte die Helmkamera. Im Korridor stand eine Gestalt.
Sie war größer als ein Mensch und zu schmal für einen Raumanzug. Zwei lange Arme berührten die Wände. Dort, wo ein Kopf hätte sein sollen, glomm ein einzelnes blaues Licht.
Nara„Ich habe etwas“, sagte Nara.
Tovin„Zurückkommen“, befahl Tovin.
Die Gestalt setzte einen Arm vor den anderen. Metall kratzte über Metall.
Tovin„Jetzt“, sagte Tovin.
Nara löste das Terminalmodul aus der Halterung. Es war schwerer, als es aussah. Sie befestigte es an ihrem Hüftgurt und stieß sich zur Tür ab.
Hinter ihr begann das Ding zu laufen.
Kapitel 06
Was hinter ihr ging
Nara flog durch den Korridor, ohne die Lampen nach vorn zu richten. Ihr Kamerabild zeigte die Gestalt hinter ihr: ein Wartungsrahmen, vielleicht ein alter Lastenträger, dessen Glieder zu lang wirkten, weil Verkleidungen fehlten. Er bewegte sich ruckartig und dennoch zielgerichtet.
Tovin„Es ist eine Maschine“, sagte Tovin.
Nara„Das macht sie nicht langsamer.“
Tovin„Noch achtzig Meter bis zum Riss.“
Die roten Lampen gingen vor Nara an und hinter ihr aus. Das Schiff beleuchtete ihren Fluchtweg. Oder den Weg der Maschine.
Nara„Zieh mich ein“, sagte Nara.
Tovin aktivierte die Winde. Das Seil spannte sich. Nara beschleunigte, schlug mit der Schulter gegen eine Türzarge und verlor für einen Moment die Kontrolle über das Terminalmodul.
Tovin„Anzug dicht?“, fragte Tovin.
Nara„Grün“, antwortete Nara.
Die Maschine griff nach dem Seil. Ihr Metallarm schloss sich darum. Naras Körper wurde zurückgerissen.
Tovin„Lastspitze“, sagte Tovin. „Ich kann stärker ziehen, aber dann reißt dein Gurt.“
NaraNara tastete nach ihrem Schneidgerät. „Halte die Spannung.“
Sie drehte sich und feuerte einen kurzen Plasmabogen auf den Arm der Maschine. Metall glühte. Die Finger öffneten sich nicht. Der Rahmen zog sich stattdessen näher an das Seil.
Sein blaues Licht blinkte dreimal.
Auf Naras Helmdisplay erschien eine Datenanfrage.
IDENTITÄT BESTÄTIGEN: MINA SOL.
Nara„Tovin, sie hält mich für das Kind.“
Tovin„Sag ihr, dass sie sich irrt.“
Nara„Sehr hilfreich.“
NaraNara öffnete einen lokalen Kanal. „Mina Sol ist nicht hier.“
Der Wartungsrahmen hielt inne.
IDENTITÄT NICHT BESTÄTIGT.
Nara„Evakuierung abgeschlossen?“, fragte Nara.
Das blaue Licht flackerte. Der Griff um das Seil lockerte sich.
EVAKUIERUNG UNVOLLSTÄNDIG. PASSAGIER 27 FEHLT.
Nara„Wo ist Passagier 27?“, fragte Nara.
Der Rahmen hob den freien Arm und zeigte zurück in das Schiff.
Dann brach sein Licht zusammen. Die Maschine trieb reglos im Korridor.
Tovin„Nara“, sagte Tovin. „Wir diskutieren später mit ihr.“
Die Winde zog Nara durch den Riss ins Freie. Zwischen Wrack und Nadel umgab sie wieder der schwarze Staub. Tovins Positionslichter waren die einzigen festen Punkte.
Als die Außenschleuse sich schloss, zitterten Naras Hände so stark, dass sie den Helmverschluss nicht öffnen konnte. Tovin kam aus dem Cockpit und löste ihn für sie.
Tovin„Du hast die teure Fracht liegen lassen“, sagte er.
NaraNara hob das Terminalmodul. „Nicht die wertvolle.“
Tovin„Corda wird das anders sehen.“
Nara„Corda darf sich hinten anstellen.“
TovinTovin setzte sich auf die Kante der Schleuse. „Was war Passagier siebenundzwanzig?“
Nara„Nicht was“, sagte Nara. „Wer.“
Sie spielten Minas Nachricht im Cockpit ab. Tovin hörte sie dreimal. Beim vierten Mal stoppte er direkt nach dem ersten Bildsprung.
Tovin„Da“, sagte er.
Hinter Mina hing ein Schild. Nur drei Buchstaben waren zu erkennen: LYX.
Nara„Calyx“, las Nara.
Tovin suchte im öffentlichen Register. Es gab keinen Frachter dieses Namens. In alten Fahrplänen fand er jedoch Hinweise auf ein Schiff namens Calyx, betrieben von Orison Freight. Vor zweiunddreißig Jahren war es aus sämtlichen Routenlisten verschwunden.
Tovin„Keine Verlustmeldung“, sagte Tovin. „Keine Versicherungsakte. Nicht einmal ein Verkauf.“
Nara„Jemand hat den Namen aus dem Netz geschnitten wie die Schilder im Schiff.“
Ein Annäherungsalarm unterbrach sie. Drei Signaturen erschienen auf dem Radar. Orison-Patrouillenschiffe kamen aus dem Staub, zu schnell und zu zielgenau, um zufällig dort zu sein.
Tovin„Corda“, sagte Tovin.
Naras Terminal öffnete einen Kanal. Corren Vask erschien auf dem Schirm, älter als bei ihrer Ausbildung, aber mit demselben sauberen Lächeln.
Corren„Nara Kest“, sagte Corren. „Du hast Eigentum von Orison betreten.“
Nara„Ohne Registry gibt es kein Eigentum“, antwortete Nara.
Corren„Dann kannst du das Terminalmodul bedenkenlos übergeben.“
Nara„Warum willst du Daten aus einem namenlosen Schiff?“
CorrenCorren neigte den Kopf. „Weil Namen manchmal teurer sind als Wracks.“
Die drei Patrouillen trennten sich und nahmen die Nadel in die Mitte.
TovinTovin legte die Hände auf die Steuerung. „Ich kann uns durch den Eisstrom bringen.“
Nara„Die Sensoren schaffen das nicht“, sagte Nara.
Tovin„Deshalb fliege ich.“
CorrenCorren sprach weiter. „Schalte die Triebwerke ab. Niemand muss sich verletzen.“
Nara sah auf Minas eingefrorenes Gesicht im Nebenfenster.
Mina„Wir kommen nach Hause“, hatte das Kind gesagt.
Nara„Tovin“, sagte Nara. „Bring uns hier raus.“
Kapitel 07
Kurs nach Hause
Die Nadel war kein schnelles Schiff. Sie war ein Schlepper, gebaut, um Last zu ziehen und Fehler zu überleben. Im Kaldor-Schatten genügte das.
Tovin drehte den Bug in die dichteste Staubströmung. Metallisches Eis prasselte gegen die Hülle. Die Orison-Schiffe folgten, doch ihre stärkeren Sensoren wurden von zu vielen falschen Echos geblendet.
Tovin„Noch zwei Minuten bis zur Scherzone“, sagte Tovin.
Nara„Wie schlimm ist die?“, fragte Nara.
Tovin„Wenn wir Glück haben, verlieren wir nur die Antenne.“
Nara„Und wenn wir Pech haben?“
Tovin„Dann brauchen wir die Antenne nicht mehr.“
Nara saß am Datentisch und hielt das Terminalmodul mit beiden Händen fest, als könnte es sonst wieder in das Wrack zurückkehren. Corren sendete auf allen Kanälen Befehle, Drohungen und schließlich ein Angebot.
Corren„Dreihunderttausend Credits“, sagte Corren. „Für das Modul und dein Schweigen.“
Tovin„Er weiß nicht, ob etwas darauf ist“, sagte Tovin.
Nara„Er weiß, dass etwas darauf sein darf“, antwortete Nara.
NaraSie öffnete den allgemeinen Notkanal. „Hier Bergungsschlepper Nadel. Wir werden von drei Schiffen ohne Rechtsgrund verfolgt. Empfängt uns jemand?“
Nur Rauschen antwortete.
Tovin„Im Kaldor-Schatten hört uns niemand“, sagte Tovin.
Nara„Dann bleibt die Aufzeichnung.“
Die Scherzone erfasste das Schiff. Die Nadel vibrierte, als würde ein riesiger Bohrer über ihre Außenhaut fahren. Warnanzeigen wurden rot. Eine Patrouille versuchte, seitlich vorbeizuziehen. Ihr Schutzfeld brach unter einem Strom aus Eisenpartikeln zusammen. Sie drehte ab.
Tovin zog die Nadel durch eine Lücke zwischen zwei dichten Bändern. Die zweite Patrouille verlor das Ziel. Corren blieb.
Nara„Er kennt deine Route“, sagte Nara.
Tovin„Nein“, antwortete Tovin. „Er kennt meine schlechten Gewohnheiten.“
Nara„Hast du auch gute?“
Tovin„Eine.“
Tovin schaltete den Backbordregler ab. Das Schiff kippte abrupt. Der Regler, über dessen Schwingen sie seit Jahren stritten, stieß eine letzte ungleichmäßige Wolke aus heißem Gas aus. Corren folgte der Wärmefahne, während die Nadel mit kalten Steuerdüsen in die Gegenrichtung glitt.
Nara„Du hast ihn absichtlich nie repariert“, sagte Nara.
Tovin„Ich habe ihn langfristig beobachtet“, erwiderte Tovin.
Die Patrouille verschwand im Staub.
Sechs Stunden später erreichten sie eine alte Wartungsboje. Tovin reparierte die Antenne. Nara öffnete das Terminalmodul in einer abgeschirmten Box. Die Dateien waren beschädigt, aber nicht zufällig. Jemand hatte die Zeitmarken verschoben, Positionsdaten in Wartungsprotokollen versteckt und die Crewlisten über Temperaturmessungen verteilt.
Nara„Das ist ein Archiv für Menschen, die davon ausgingen, dass man sie löscht“, sagte Nara.
TovinTovin setzte sich neben sie. „Kannst du es lesen?“
Nara„Nicht allein.“
Nara rief Ilse an. Ihre Mutter meldete sich nach dem dritten Signal.
Ilse„Du lebst“, sagte Ilse.
Nara„Enttäuscht?“
Ilse„Wütend“, antwortete Ilse. „Das ist bei mir fast dasselbe wie erleichtert.“
Nara erzählte vom Wrack, von Mina und von Orison. Ilse hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
Ilse„Bring das Log nicht nach Ravel“, sagte Ilse anschließend.
Nara„Warum?“
Ilse„Weil Orison dort jede Schleuse bezahlt. Fliegt nach Tertius.“
Nara„Zum Gedächtnisarchiv?“
Ilse„Frag nach Elian Dorr“, sagte Ilse. „Sag ihm, Jarek Kests letzte neun Sekunden seien noch nicht die kürzeste Geschichte, die du ihm gebracht hast.“
Nara„Du kennst einen Archivar?“
Ilse„Ich hatte ein Leben, bevor du angefangen hast, meine Schiffe zu übernehmen“, erwiderte Ilse.
Tertius war zwei Sprünge entfernt. Während des Fluges entschlüsselte Nara weitere Fragmente. Die Calyx hatte vor zweiunddreißig Jahren Erz und medizinische Geräte nach Kora transportiert. Sie war nicht leer gestartet. An Bord befanden sich achtzehn Besatzungsmitglieder.
Später stieg die Zahl in den versteckten Lebenssystemdaten auf siebenundvierzig.
Tovin„Neunundzwanzig zusätzliche Menschen“, sagte Tovin.
Nara„Unregistrierte Passagiere“, antwortete Nara.
In einem Audiofragment sprach Kapitänin Sorel Anik.
Sorel„Orison-Zentrale, wir ändern den Kurs nach Ilya“, sagte Sorel. „Die Habitatkuppel fällt aus. Es sind Familien dort. Wir haben Platz.“
Orison-ZentraleEine Männerstimme antwortete: „Calyx, halten Sie Ihre Vertragsroute.“
Sorel„Das ist keine Empfehlung“, sagte Sorel.
Orison-Zentrale„Korrekt“, erwiderte die Stimme.
Das nächste Fragment war Minas Nachricht.
Wir haben den Kurs geändert. Wir kommen nach Hause.
Nara hörte diesmal nicht nur die Hoffnung des Kindes. Sie hörte den Widerspruch eines ganzen Schiffes.
Kapitel 08
Siebenundzwanzig
Das Gedächtnisarchiv von Tertius lag in einem ausgedienten Treibstoffring. Seine Fenster waren klein, seine Türen schwer und seine Datenspeicher voneinander getrennt. Elian Dorr behauptete, ein gutes Archiv müsse einem Brand, einer Regierung und einem wohlmeinenden Administrator widerstehen können.
Er war ein schmaler Mann mit grauen Zöpfen und einem künstlichen rechten Auge, das nie gleichzeitig mit dem linken blinzelte.
Elian„Jarek Kests letzte neun Sekunden“, sagte Elian, nachdem Nara sich vorgestellt hatte. „Ilse weiß, wie man alte Schulden weckt.“
Nara„Was schulden Sie ihr?“, fragte Nara.
Elian„Meine Freiheit“, antwortete Elian. „Und einen Luftfilter.“
Nara„Welches davon war teurer?“
Elian„Der Filter.“
Elian nahm das Terminalmodul nicht an sich. Er ließ Nara jede Verbindung selbst herstellen und fertigte drei physisch getrennte Kopien an. Erst dann begann er mit der Rekonstruktion.
Die Calyx war nach Ilya geflogen, obwohl Orison es verboten hatte. Die Bergbaukuppel der kleinen Mondkolonie hatte nach einem Beben Druck verloren. Neunundzwanzig Menschen passten in die freien Frachträume. Die Kapitänin nahm sie auf, darunter Mina Sol und ihren Vater Davin.
Tovin„Warum wurden sie nicht registriert?“, fragte Tovin.
Elian„Weil Orison dann für ihre Rettung verantwortlich gewesen wäre“, erklärte Elian. „Und weil Ilyas Bewohner keine gültigen Transitverträge besaßen.“
Auf dem Rückweg nach Kora sperrte Orison die Registry der Calyx. Ohne Kennung durfte kein Tor sie passieren lassen. Sorel versuchte, die Daten öffentlich zu senden. Kurz danach traf ein ferngesteuertes Sicherungsmodul das Schiff an der Steuerbordseite. Es sollte den Frachter zum Stillstand zwingen. Stattdessen riss es drei Decks auf und zerstörte den Hauptreaktor.
Nara„Die Wunde“, sagte Nara. „Deshalb waren die Ränder nach innen gebogen.“
ElianElian nickte. „Orison hat das Schiff angehalten und anschließend aus den Registern entfernt.“
Die Menschen gingen nicht am gedeckten Tisch verloren. Sie hatten während des letzten gemeinsamen Essens den Alarm gehört und waren zu den Rettungsmodulen gerannt. Zwei Module wurden beschädigt. Das dritte, die Larch, konnte siebenundzwanzig Personen aufnehmen.
Tovin„Aber es waren siebenundvierzig Menschen an Bord“, sagte Tovin.
Elian„Zwanzig blieben zurück“, antwortete Elian.
NaraNara dachte an den leeren Beobachtungsraum. „Wir haben keine Körper gefunden.“
Elian„Die Wartungsdaten zeigen eine manuelle Öffnung der Heckschleuse“, sagte Elian. „Kurz nach dem Start der Larch.“
Nara„Sie haben sich selbst hinausgelassen.“
Elian„Damit die Larch genug Sauerstoff und Energie für die Passagiere hatte“, erklärte Elian.
Nara schwieg. Zwanzig Menschen hatten ein leeres Schiff hinterlassen, weil sie wussten, dass ihre Körper sonst die Frage überdecken würden, die sie durch die Dunkelheit schickten.
Nara„Passagier siebenundzwanzig fehlt“, sagte Nara. „Der Wartungsrahmen hat danach gesucht.“
Elian öffnete eine beschädigte Evakuierungsliste. Sechsundzwanzig Namen waren als übertragen markiert. Der letzte Eintrag lautete MINA SOL. STATUS: MANUELL AUSSTEHEND.
Tovin„War Mina nicht in der Larch?“, fragte Tovin.
Elian„Die Datei sagt nicht, dass sie fehlte“, antwortete Elian. „Nur ihre Bestätigung.“
Sie fanden Minas Armbandkennung in einem Lastenprotokoll. Jemand hatte sie kurz vor dem Start zusammen mit medizinischem Material in die Larch getragen. Das System hatte den Transfer registriert, aber nicht abgeschlossen. Mina war sehr wahrscheinlich an Bord.
Nara„Dann könnte die Larch noch irgendwo sein“, sagte Nara.
ElianElian vergrößerte die Navigationsfragmente. „Sie startete ohne aktiven Beacon. Orison hätte sie sonst gefunden.“
Tovin„Sie wollten ihn später einschalten“, sagte Tovin.
Elian„Dazu kam es nie“, erwiderte Elian.
Im Terminal lag eine Zahlenfolge, die Nara im Beobachtungsraum für einen Fehler gehalten hatte. Elian legte sie über die Temperaturdaten der Rettungskapsel. Die Abweichungen bildeten Koordinaten und einen Rhythmus: drei kurze Ausschläge, zwei lange, dann eine Pause.
Elian„Ein Kryosignal“, sagte Elian. „Sehr schwach. Wiederholt alle achtundvierzig Stunden.“
Nara„Von wo?“, fragte Nara.
Elian zeigte auf eine dunkle Stelle im Kaldor-Schatten, tiefer im Staub als das Wrack.
Elian„Die Larch war auf Kurs zum Kometen Pelagos“, sagte er. „Wenn sie die Umlaufbahn erreicht hat, liegt sie seit zweiunddreißig Jahren unter seinem Eis.“
Nara sah Minas eingefrorenes Gesicht auf dem Bildschirm.
Nara„Dann ist die Bergung noch nicht beendet“, sagte sie.
Kapitel 09
Die Rechnung der Lebenden
Elian Dorr schloss alle Außentüren des Archivs, bevor er Nara widersprach.
Elian„Sie fliegen nicht zurück“, sagte er.
Nara„Das war keine Frage“, antwortete Nara.
Elian„Orison kennt das Wrack und Ihren Schlepper. Corren wird den Kaldor-Schatten abriegeln.“
Nara„Dann müssen wir vor ihm dort sein.“
Tovin„Mit welchem Schiff?“, fragte Tovin. „Die Nadel hat keine Antenne, der Backbordregler ist tot und unser Schutzfeld klingt, als kaue jemand auf Metall.“
Nara„Du kannst es reparieren.“
Tovin„Natürlich kann ich das“, sagte Tovin. „Ich wollte nur hören, dass du es glaubst.“
ElianElian schlug mit der Hand auf den Datentisch. „Siebenundzwanzig Menschen liegen möglicherweise seit zweiunddreißig Jahren in defekten Kryokammern. Wenn Sie ohne Rettungsausrüstung hinfliegen, finden Sie sie nur, um beim Sterben zuzusehen.“
Nara wusste, dass er recht hatte. Genau deshalb machte der Satz sie wütend.
Nara„Was schlagen Sie vor?“, fragte sie.
Elian„Wir machen aus Orisons Geheimnis ein öffentliches Risiko“, antwortete Elian.
Sie bereiteten eine Übertragung vor. Nicht nur Minas Nachricht, sondern auch die versteckten Crewlisten, Orisons Kursbefehl und die Koordinaten der Calyx sollten gleichzeitig an Nachrichtennetze, Bergungsgilden und zivile Archive gehen. Sobald tausend Kopien existierten, lohnte es sich nicht mehr, Nara für eine einzige zu verfolgen.
Tovin„Und die Position der Larch?“, fragte Tovin.
Elian„Bleibt offline“, sagte Elian. „Bis eine Rettungsmannschaft unterwegs ist.“
Nara öffnete den allgemeinen Kanal des Archivs. Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte.
Nara„Hier spricht Nara Kest vom Bergungsschlepper Nadel. Wir haben den Frachter Calyx gefunden, der vor zweiunddreißig Jahren aus den Registern gelöscht wurde. An Bord waren siebenundvierzig Menschen. Zwanzig starben, nachdem sie siebenundzwanzig anderen die Flucht ermöglicht hatten.“
Sie spielte Sorel Aniks letzten Kursbefehl ab. Danach erschien Mina.
Mina„Wir haben den Kurs geändert“, sagte das Kind. „Wir kommen nach Hause.“
Nara wartete einen Atemzug.
Nara„Empfängt uns jemand?“, fragte sie.
Zuerst kam nur Rauschen.
Haul Neun-SiebenDann meldete sich ein Frachter auf einer Nebenroute. „Haul Neun-Sieben empfängt.“
Tertius-ZivilnetzEine Station antwortete. „Tertius-Zivilnetz empfängt.“
Midnight StarlinerEin Passagierzug öffnete seinen Kanal. „Midnight Starliner empfängt.“
Innerhalb einer Minute füllten sich die Anzeigen. Manche Stimmen nannten nur ihre Kennung. Andere sagten: Wir hören euch. Elian schickte die Dateien. Das Netz nahm sie auf und trug sie weiter.
Orison reagierte nach vier Minuten.
Die offizielle Meldung bezeichnete die Daten als manipuliert und Nara als Diebin. Nach sechs Minuten erschien Corren auf einem privaten Kanal.
Corren„Du verstehst nicht, was du ausgelöst hast“, sagte er.
Nara„Siebenundvierzig Namen“, antwortete Nara. „Das habe ich ausgelöst.“
Corren„Orison kontrolliert die Rettungsrechte im Kaldor-Sektor.“
Nara„Dann retten Sie die Larch.“
Corren schwieg zu lange.
Nara„Sie wissen, wo sie ist“, sagte Nara.
Corren„Es gibt keine Larch.“
Nara„Sie haben gerade behauptet, die Daten seien gefälscht. Jetzt kennen Sie den Namen der Kapsel.“
CorrenCorren sah zur Seite. „Nara, hör mir zu. Das Sicherungsmodul sollte die Calyx nicht zerstören. Damals gab es Entscheidungen, die niemand von uns getroffen hat.“
Nara„Aber heute entscheidest du.“
Corren„Heute schütze ich dreißigtausend Arbeitsplätze vor einem Verfahren, das ein Unternehmen zerreißen kann.“
Nara„Zwanzig Menschen haben sich aus einer Schleuse gestoßen, damit siebenundzwanzig weiteratmen“, sagte Nara. „Erzähl mir nichts von deiner schweren Rechnung.“
CorrenCorren senkte die Stimme. „Wenn du in den Kaldor-Schatten zurückkehrst, darf ich dich aufhalten.“
Nara„Darfst du oder wirst du?“
Corren„Beides“, antwortete Corren.
Die Verbindung brach ab.
ElianElian hatte während des Gesprächs nicht geblinzelt. „Er wird schneller dort sein als wir.“
Tovin„Nicht, wenn er die Koordinaten nicht hat“, sagte Tovin.
Nara„Er braucht sie nicht“, erwiderte Nara. „Er muss nur uns folgen.“
Am Ende fanden sie Hilfe an einem Ort, den Orison nicht kontrollierte. Mave Orlan meldete sich aus dem Ruhestand. Sie hatte Naras Übertragung gehört und binnen einer Stunde neun ehemalige Bergungstaucher, zwei Mediziner und den Rettungskreuzer Sava organisiert.
Mave„Sie haben ein Talent für Aufträge, deren Sinn Sie nicht teilen“, sagte Mave bei ihrer Ankunft.
Nara„Sie haben mich so ausgebildet“, antwortete Nara.
MaveMaves künstliche Hand schloss sich um Naras Schulter. „Dann tragen wir diesmal die Rechnung gemeinsam.“
Kapitel 10
Wo keine Route mehr ist
Die Sava führte, die reparierte Nadel folgte. Drei weitere Schiffe blieben außerhalb des Kaldor-Schattens und wiederholten ihre Position an das öffentliche Netz. Wenn die Rettungsmannschaft verschwand, sollte niemand behaupten können, sie sei nie dort gewesen.
Pelagos war kein großer Komet. Auf den Karten erschien er als unregelmäßiger Eisbrocken von sechs Kilometern Länge. Im schwarzen Staub war er unsichtbar, bis die Scheinwerfer seine Oberfläche trafen. Tiefblaue Spalten zogen sich durch das Eis. Eisenpartikel lagen darauf wie Asche.
Tovin„Kryosignal in neunhundert Metern Tiefe“, sagte Tovin.
Nara„Kann die Sava bohren?“, fragte Nara.
Mave„Nicht schnell genug“, antwortete Mave über Funk. „Wir gehen durch die Spalte.“
Nara und Mave stiegen gemeinsam hinab. Ihre Anzüge streiften die Eiswände. Das Signal kam nur alle achtundvierzig Stunden, doch Elian hatte aus der letzten Übertragung einen Richtungsvektor berechnet. Zwischen den Pulsen blieb ihnen allein die Karte.
Mave„Sie atmen zu schnell“, sagte Mave.
Nara„Sie überprüfen noch immer meinen Puls?“
Mave„Sie sind noch immer meine Schülerin, wenn Sie Unsinn tun.“
Die Spalte wurde enger. Nara sah Kratzspuren im Eis, lange parallele Linien, zu regelmäßig für natürlichen Bruch.
Nara„Die Larch hat sich eingegraben“, sagte sie.
Mave„Oder wurde eingegraben“, erwiderte Mave.
Ein dumpfer Schlag lief durch das Eis. Danach ein zweiter.
Tovin„Orison-Schiff am Rand des Kometen“, meldete Tovin. „Corren fordert Abbruch.“
Mave„Ignorieren“, sagte Mave.
Nara„Das tue ich seit der Ausbildung“, antwortete Nara.
Die Spalte endete in einer Höhlung. Darin lag die Rettungskapsel. Ihr Bug war zerdrückt, der Rumpf von durchsichtigem Eis umschlossen. Auf der Seite stand LARCH, fast vollständig unter Reif.
Nara legte die Hand auf die Außenhaut. Ein schwaches Zittern lief durch den Handschuh.
Nara„Energie“, sagte sie.
MaveMave koppelte ein Prüfgerät an. „Kryosystem aktiv. Ein Prozent Reserve.“
Nara„Lebenszeichen?“
Mave wartete. Die Anzeige füllte sich mit Punkten. Einige leuchteten grün, andere grau.
Mave„Siebzehn stabile Muster“, sagte Mave. „Drei schwache. Sieben keine Antwort.“
Nara schloss die Augen. Zwanzig Menschen lebten vielleicht. Sieben nicht.
Mave„Die Schleuse ist verformt“, sagte Mave. „Wir schneiden.“
Bevor sie beginnen konnten, erschien Corren im Eingang der Höhlung. Zwei Orison-Taucher folgten ihm. Ihre Anzüge trugen schwere Sicherungswerkzeuge, die genauso gut Waffen sein konnten.
Corren„Zurücktreten“, befahl Corren. „Die Kapsel ist Beweismittel in einem Eigentumsverfahren.“
MaveMave drehte sich zu ihm. „In der Kapsel sind Menschen.“
Corren„Wir übernehmen ihre Bergung“, sagte Corren.
Nara„Mit welchem Medizinschiff?“, fragte Nara.
Corren antwortete nicht.
Nara„Deine Patrouille hat keine Kryoeinheit“, sagte Nara. „Du bist nicht hier, um sie zu retten.“
Corren„Nara, zwing mich nicht.“
Nara„Wozu?“, fragte sie. „Zu deiner Entscheidung?“
Ein Knacken ging durch die Höhlung. Feine Risse liefen über das Eis oberhalb der Larch. Die Triebwerke der Orison-Patrouille belasteten den Kometen.
Mave„Schiff zurücksetzen“, befahl Mave.
Tovin„Die Position ist instabil“, meldete Tovin gleichzeitig. „Wenn sie weiter Schub geben, bricht die Höhlung.“
CorrenCorren öffnete einen Kanal zu seiner Brücke. „Triebwerke auf Null.“
Orison-Sicherung„Befehl von Orison-Sicherung: Position halten“, antwortete eine fremde Stimme.
Corren sah Nara an. Zum ersten Mal erinnerte er sie an den Jungen, der in der Ausbildung über Maves verlorenen Arm gelacht hatte und später als Erster durch jede Prüfung gegangen war.
Corren„Sie haben meine Steuerung gesperrt“, sagte er.
Der nächste Riss spaltete die Decke.
Mave„Alle raus“, befahl Mave.
Nara„Nein“, sagte Nara. „Wenn die Kapsel tiefer rutscht, ist sie weg.“
MaveMave packte Naras Arm. „Sie retten niemanden, wenn Sie mit ihr begraben werden.“
CorrenCorren blickte auf die Larch, dann auf seine Taucher. „Verankert die Kapsel“, befahl er.
Orison-Taucher„Orison-Befehl lautet Sicherstellung“, widersprach einer der Taucher.
Corren„Das ist meine Sicherstellung“, sagte Corren.
Vier Seile schossen in die Eiswände. Tovin brachte die Nadel so nah an die Spalte, dass ihr Bug die Kometenoberfläche streifte. Die Sava spannte ihre Winden. Als das Eis brach, hing die Larch zwischen den Schiffen und den Tauchern wie ein Herz, das nicht fallen durfte.
Mave„Ziehen“, rief Mave.
Die Kapsel löste sich aus zweiunddreißig Jahren Eis.
Kapitel 11
Die Stimme des Kindes
Die Mediziner öffneten die Larch an Bord der Sava.
Nara wartete hinter der Schleusenwand. Durch das Fenster sah sie Reihen kleiner Kryokammern, enger als Betten und mit Reif überzogen. Auf manchen Anzeigen glomm ein grüner Punkt. Auf anderen nichts.
Sima„Zwanzig Kammern mit Restaktivität“, meldete Ärztin Sima Rell. „Wir wecken sie nicht gleichzeitig.“
Nara„Ist Mina dabei?“, fragte Nara.
Sima„Wir haben keine Namen“, antwortete Sima. „Nur Nummern.“
Kammer Vier öffnete sich zuerst. Ein Mann mit grauem Bart lag darin, obwohl die Aufnahme aus der Calyx ihn dunkelhaarig gezeigt hatte. Die Kryophase hatte sein Altern verlangsamt, nicht gestoppt. Er atmete selbstständig.
Elian„Davin Sol“, sagte Elian über die Bildverbindung. „Das ist Minas Vater.“
Davin öffnete nach zwei Stunden die Augen. Er sah Nara an, als wäre sie Teil eines Traums, den er nicht verstand.
Davin„Calyx?“, fragte er.
Nara„Gefunden“, antwortete Nara.
Davin„Sorel?“
NaraNara schüttelte den Kopf. „Die Kapitänin blieb zurück.“
Davin schloss die Augen. Eine Träne lief in sein Haar.
Davin„Mina“, flüsterte er.
Nara„Wir suchen sie“, sagte Nara.
Mina lag in Kammer Siebenundzwanzig. Das System hatte ihre Kennung nie abgeschlossen, weil der Sensor ihres Armbands beim Transfer gebrochen war. Die Kammer war in den Notbetrieb gefallen und hatte Energie aus den sieben ausgefallenen Einheiten gezogen. Jene Menschen waren gestorben, damit der Rest weitergekühlt wurde. Niemand hatte diese Entscheidung getroffen. Die Larch hatte nur gerechnet.
Als sich die Abdeckung hob, war Mina noch acht Jahre alt.
Ihr Haar lag gefroren an der Stirn, genau wie in der Nachricht. Auf der Brust ruhte ein Stoffband mit vier gestickten Sternen. Der Streifen am Kindersitz im Wrack war das abgerissene Ende davon gewesen.
SimaSima legte eine Hand auf Naras Schulter. „Sie lebt.“
Nara merkte erst jetzt, dass sie den Atem angehalten hatte.
Mina brauchte neun Stunden, um aufzuwachen. Ihr Vater saß neben ihr. Nara wollte gehen, doch Davin bat sie zu bleiben.
Davin„Sie hat Ihre Stimme gehört“, sagte er. „Während der Aufwärmphase. Sie kennt sonst niemanden hier.“
Mina öffnete die Augen und betrachtete die Decke. Dann sah sie ihren Vater.
Mina„Sind wir da?“, fragte sie.
DavinDavin nahm ihre Hand. „Noch nicht ganz.“
Mina„Du bist alt“, sagte Mina.
DavinDavin lachte und weinte zugleich. „Ein bisschen.“
MinaMina drehte den Kopf zu Nara. „Wer sind Sie?“
Nara„Nara Kest“, antwortete Nara. „Ich habe eure Nachricht gefunden.“
Mina„Haben Sie sie geschickt?“
Nara„Ja.“
Mina„Hat Oma geantwortet?“
Nara wusste nicht, was sie sagen sollte. Minas Großmutter wäre inzwischen über neunzig, falls sie noch lebte. Elian hatte nach Angehörigen gesucht, aber die Register von Ilya waren beim Kuppelbruch beschädigt worden.
Nara„Sehr viele Menschen haben geantwortet“, sagte Nara. „Wir suchen deine Familie.“
MinaMina sah ihren Vater an. „Wir kommen doch nach Hause?“
DavinDavin drückte ihre Hand. „Ja“, sagte er. „Diesmal wirklich.“
Von siebenundzwanzig Menschen in der Larch überlebten achtzehn. Zwei starben während des Aufwärmens. Sieben waren bereits vor Jahren in ihren Kammern gestorben. Jeder Name wurde öffentlich verlesen. Sorel Anik und die neunzehn Besatzungsmitglieder, die auf der Calyx geblieben waren, kamen dazu.
Orison versuchte noch zwei Tage lang, die Sava am Abflug zu hindern. Dann veröffentlichten Mitarbeitende interne Befehle zum Sicherungsmodul. Corren sagte vor dem Netzgericht aus. Er behauptete nicht, ein Held zu sein. Er sagte nur, er habe zu lange geglaubt, Verantwortung könne verjähren, wenn die Menschen, denen man sie schuldete, weit genug entfernt seien.
Auf Kora warteten Tausende am Dock. Unter ihnen stand eine alte Frau im Rollstuhl. Elian hatte sie in einem privaten Pflegeregister gefunden: Leda Sol, Minas Großmutter.
Mina blieb am Ende der Rampe stehen.
Mina„Oma?“, fragte sie.
LedaLeda hob beide Hände. „Du hast gesagt, ihr kommt nach Hause“, antwortete sie.
Mina lief los.
Nara wandte sich ab, weil manche Wiedersehen den Menschen gehörten, die darauf gewartet hatten. Tovin stand neben ihr.
Tovin„Du hast kein Kupfer mitgebracht“, sagte er.
Nara„Nicht eine Spule.“
Tovin„Schlechteste Bergung deiner Karriere.“
NaraNara sah zu Mina und Leda. „Nicht nach Gewicht.“
Kapitel 12
Was die Kälte bewahrt
Das Verfahren gegen Orison Freight dauerte drei Jahre.
Die Calyx wurde nicht mehr zerlegt. Das Netzgericht erklärte sie zur Beweisstätte und später zum Denkmal. Die aufgeschnittene Seite blieb offen. Im Beobachtungsraum standen die gedeckten Tische weiterhin unter Reif. Der Ring am Faden wurde geborgen und Davin Sol übergeben. Er hatte Sorel Anik gehört. Die Kapitänin hatte ihn getragen, bis sie ihn kurz vor der Evakuierung an Minas Sitz befestigte.
Sorel„Damit etwas von uns zurückkommt“, hatte Sorel laut einem Logfragment gesagt.
Rhun Corda verschwand, bevor er aussagen sollte. Zwei Jahre später wurde er auf einer Freihandelsstation verhaftet. Corren verlor seine Stellung und seine Lizenz. Danach arbeitete er bei einer zivilen Rettungsorganisation, zunächst ohne Raumanzug und ohne Rang. Nara sah ihn nur einmal wieder.
Corren„Glaubst du, das gleicht etwas aus?“, fragte Corren.
Nara„Nein“, antwortete Nara.
Corren„Warum habe ich dann überhaupt angefangen?“
Nara„Weil Ausgleich nicht der einzige Grund ist, das Richtige zu tun“, sagte sie.
Ilse Kest erhielt ihre Behandlung aus dem Entschädigungsfonds. Ihre Hände wurden nicht wieder ruhig, aber sie konnte die alte Spieluhr erneut aufziehen. Als Mina sie auf Ravel besuchte, hörte sie die vier Töne und summte den fehlenden Rest.
NaraNara erstarrte. „Woher kennst du die Melodie?“
MinaMina sah überrascht auf. „Die lief in der Calyx. Sorel hat sie immer gespielt, wenn die Sprunglichter ausgingen.“
Tovin suchte im wiederhergestellten Bordarchiv. Die Melodie war ein altes Kinderlied von Ilya. Jemand auf dem Erzschlepper aus Naras Kindheit musste von dort gekommen sein. Die kleine Spieluhr hatte jahrzehntelang eine Heimat getragen, deren Namen niemand mehr kannte.
Nara„Dann gehört sie dir“, sagte Nara und reichte Mina die Spieluhr.
MinaMina schüttelte den Kopf. „Sie hat doch auf dich gewartet.“
Nara„Sie hat auf jemanden gewartet, der die Melodie erkennt.“
Mina nahm sie schließlich. Sie versprach, eine Aufnahme an das Fundregister zu schicken, falls sich die ursprüngliche Familie doch noch finden ließ.
Aus der Nadel wurde kein reiches Schiff. Die Entschädigung bezahlte Schulden, Reparaturen und einen neuen Backbordregler, über den Tovin sich wochenlang beschwerte, weil er zu gleichmäßig arbeitete. Nara änderte den Namen ihres kleinen Unternehmens. Auf der Schleusentür stand nun KEST & VALE — BERGUNG VON TECHNIK, DATEN UND NAMEN.
Ilse„Die Reihenfolge gefällt mir nicht“, sagte Ilse, als sie das Schild sah.
Tovin„Technik bezahlt die Luft“, antwortete Tovin.
Ilse„Namen erklären, wofür man sie atmet“, erwiderte Ilse.
Nara ließ das Schild unverändert. Sie wusste inzwischen, dass gute Arbeit nicht immer in der richtigen Reihenfolge beschrieben werden musste.
Mina wuchs auf Kora zum zweiten Mal auf. In der Schule war sie ein Kind aus der Vergangenheit, für Behörden eine zweiundvierzigjährige Achtjährige und für Nachrichtensender ein Wunder. Nara nannte sie einfach Mina. Davin lernte, Vater einer Tochter zu sein, die er im selben Augenblick wiederbekommen und um zweiunddreißig Jahre verpasst hatte. Manche Tage gelangen ihnen. Andere nicht.
An Minas sechzehntem Geburtstag flog Nara mit ihr zur Calyx. Das Denkmal war inzwischen von einer sicheren Hülle umgeben. Besucher konnten durch den Beobachtungsraum gehen, ohne das Wrack zu berühren.
MinaMina stand vor dem alten Kindersitz. „Ich erinnere mich nicht an den Alarm“, sagte sie.
Nara„Das ist vielleicht gut“, antwortete Nara.
Mina„Ich erinnere mich an Sorels Hand. Und daran, dass Papa gesagt hat, ich soll in die Kamera sprechen.“
Nara„Du hast sehr deutlich gesprochen.“
MinaMina lächelte schwach. „Ich hatte Angst.“
Nara„Deutlichkeit und Angst schließen sich nicht aus.“
Sie gingen zum Terminal, in dem eine Kopie der Nachricht lief. Mina sah ihrem jüngeren Gesicht zu.
Mina„Wir haben den Kurs geändert“, sagte die Aufnahme. „Wir kommen nach Hause.“
Mina„Damals wusste ich nicht, wo das ist“, sagte Mina.
Nara„Weißt du es heute?“
MinaMina dachte lange nach. „Nicht als Ort.“
Nara nickte. Diese Antwort hätte Ilse gefallen.
Auf dem Rückweg erhielt die Nadel einen schwachen Ruf von einem Schiff außerhalb der kartierten Routen. Die Übertragung brach immer wieder ab.
Unbekannte Stimme„Unbekanntes Schiff an alle Stationen“, sagte eine erschöpfte Stimme. „Empfängt uns jemand?“
TovinTovin sah zu Nara. „Wir haben Ladung und einen Zeitplan.“
Nara„Seit wann interessieren dich Zeitpläne?“
Tovin„Seit wir ein Unternehmen mit Schild sind.“
Nara öffnete den Kanal. Hinter ihr zog die Calyx langsam durch das Fenster, nicht länger namenlos und nicht länger leer.
Nara„Unbekanntes Schiff, hier Nadel“, sagte Nara. „Wir empfangen euch.“
Sie übernahm die Koordinaten und änderte den Kurs.