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Across the Galaxy · Kurzroman 09

Geborgtes Licht

Yuna Arkells und Elias Rens Geschichte · zu Passengers of the Void

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Across the Galaxy · Band 09

Geborgtes Licht

Yuna Arkells und Elias Rens Geschichte

Kapitel 01

Der Geruch von Regen

Yuna Arkell war acht Jahre alt, als ihre Mutter sie mitten in der Nacht weckte und sagte, der Himmel habe seine Meinung geändert.

Sena Arkell stand bereits in Arbeitskleidung an der Wohnungstür. Auf ihrer Schulter leuchtete das blaue Zeichen der Atmosphärenwerke, an den Stiefeln klebte roter Staub. Durch das offene Fenster drang ein Geräusch, das Yuna nur aus alten Aufzeichnungen kannte: Millionen kleine Schläge auf Metall, Glas und Stein.

Sena„Regen“, sagte Sena.

YunaYuna sprang aus dem Bett. „Heute ist kein Gewächshaustag.“

Sena„Deshalb müssen wir uns beeilen“, antwortete ihre Mutter.

Sie nahmen die Wartungstreppe auf das Dach. Über Neris hingen Wolken, tief und schwer, vom Licht der Stadt violett gefärbt. Wasser rann an den Kühlschächten hinunter und sammelte sich in den Rinnen. Unten gingen Türen auf. Menschen traten auf Balkone, hielten Tassen, Schüsseln oder bloß ihre Hände in die Luft. Niemand wusste, wer den Regen genehmigt hatte. Vielleicht hatte ihn niemand genehmigt.

Yuna zog die Schuhe aus. Das Dach war warm von der Hitze des Tages, der Regen fast ebenso warm. Er lief ihr über Stirn und Wangen, sammelte sich am Kinn und schmeckte nach Metall.

Yuna„Warum riecht er nach Stein?“, fragte Yuna.

Sena„Weil die Stadt den ganzen Sommer darauf gewartet hat“, sagte Sena.

Ihre Mutter kniete sich hin, sodass ihre Gesichter auf einer Höhe waren. Wasser hing in ihren Wimpern.

Sena„Merk dir, wie er riecht“, sagte Sena. „Eines Tages werden sie behaupten, wir hätten ihn erfunden.“

Damals hielt Yuna den Satz für einen Scherz. Zwei Jahre später wurden die freien Niederschläge eingestellt. Die Wasserbehörde erklärte, die Entsalzungswerke könnten sich keine Verdunstungsverluste leisten. Wolkenkeime durften nur noch über lizenzierten Gewächshäusern ausgebracht werden. Dachrinnen wurden versiegelt, private Speicher erfasst, Regen in den Schulbüchern als ineffiziente Wetterform beschrieben.

Sena arbeitete weiter in den Atmosphärenwerken. Zuerst kam sie nur später nach Hause. Dann sprach sie beim Abendessen nicht mehr über ihre Schicht. Schließlich legte sie Yuna eines Tages eine alte Speicherplatte auf den Tisch.

Yuna„Was ist darauf?“, fragte Yuna.

Sena„Messwerte“, antwortete Sena.

Yuna„Welche Messwerte?“

Sena„Die, die morgen nicht mehr existieren.“

Yuna war inzwischen vierzehn und wusste, dass Erwachsene so redeten, wenn eine ehrliche Antwort gefährlich war. Sie steckte die Platte in ihr Lerngerät. Darauf lagen Niederschlagsmodelle, Verdunstungsreihen und Verträge mit privaten Fördergesellschaften. Yuna verstand wenig davon, aber sie erkannte, dass Zahlen in verschiedenen Dateien dieselben Überschriften und unterschiedliche Werte trugen.

Yuna„Warum ändern sie die Tabellen?“, fragte Yuna.

Sena stellte das Geschirr in den Spüler, obwohl er wegen der Wasserrationierung erst nachts laufen durfte.

Sena„Damit aus einer Entscheidung eine Naturkatastrophe wird“, sagte sie.

In der offiziellen Fassung hatte die Dürre Neris gezwungen, Wasserrechte zu verkaufen. In den älteren Modellen stand etwas anderes: Die Förderung war erhöht worden, nachdem die Rechte verkauft waren. Tiefenspeicher wurden schneller geleert, als Regen sie hätte füllen können. Danach drosselte die Behörde die Wolkenbildung, um die Verluste der Unternehmen zu begrenzen.

Yuna„Dann müssen wir das zeigen“, sagte Yuna.

SenaSena sah ihre Tochter lange an. „Zuerst musst du lernen, wie man etwas so aufbewahrt, dass es nicht nur morgen noch da ist, sondern auch dann, wenn jemand behauptet, es sei nie da gewesen.“

Von diesem Abend an lernte Yuna Archive nicht als Räume voller Vergangenheit kennen, sondern als Verteidigungsanlagen. Sena brachte ihr bei, Prüfsummen von Hand zu vergleichen, Metadaten zu lesen und Kopien an Orten zu hinterlegen, die nichts voneinander wussten. Yuna studierte Informationsgeschichte, dann Klimadokumentation. Mit neunzehn erhielt sie eine Stelle im Zentralarchiv der Wasserbehörde, genau dort, wo Sena niemals hatte arbeiten dürfen.

Sena„Du gehst in den Bauch des Tieres“, sagte Sena an Yunas erstem Arbeitstag.

Yuna„Du klingst stolz“, antwortete Yuna.

Sena„Ich bin entsetzt“, sagte Sena. Dann lächelte sie. „Und stolz.“

Die Jahre ohne Regen machten Neris heller und leiser. Staub bedeckte die Fassaden. Kinder malten Wolken wie graue Schiffe, weil sie keine echten gesehen hatten. Sena wurde krank, zuerst an der Lunge, später am Herzen. Die Ärzte nannten es eine Folge der feinen Mineralsalze, die aus den trockenen Becken über die Stadt wehten. Die Wasserbehörde nannte es eine altersbedingte Belastung.

Am letzten wachen Tag bat Sena um ein Glas Wasser. Yuna gab ihr die halbe Tagesration.

Sena„Verschwenderisch“, flüsterte Sena.

Yuna„Beschwer dich bei der Behörde“, sagte Yuna.

SenaSena lachte kaum hörbar. „Wenn du findest, wonach wir gesucht haben, mach nicht nur eine Kopie.“

Yuna„Zwölf“, versprach Yuna.

Sena„Zwölf ist gut“, sagte Sena. „Zwölf klingt nach schlechtem Schlaf für mächtige Leute.“

Nach der Beisetzung ging Yuna auf das Dach. Die Rinnen waren längst abgebaut. Über der Stadt stand ein vollkommen klarer Himmel. Sie schloss die Augen und roch warmen Stein, obwohl kein Tropfen gefallen war.

Kapitel 02

Der siebte Fahrschein

Elias Ren lernte das Wort Pfropfen, bevor er verstand, warum sein Vater zwei Bäume verletzte, um einen zu retten.

Er war sieben und kniete im Garten von Kepler im feuchten Boden. Sein Vater Jian hielt einen jungen Birnenzweig in der Hand. Am alten Stamm hatte er die Rinde geöffnet. Die Schnitte sahen sauber aus, aber Elias fand sie grausam.

Jian„Der kleine Baum hat gute Früchte und schwache Wurzeln“, erklärte Jian. „Der alte hat starke Wurzeln und fast keine Früchte. Zusammen können sie weiterwachsen.“

Elias„Will der Baum das?“, fragte Elias.

Jian„Bäume beantworten andere Fragen“, sagte Jian.

Er sprach in der alten Sprache der Familie. Elias antwortete absichtlich in Standardsprache. In der Schule hatten zwei Jungen seinen Namen nachgeahmt und dabei die Laute verdreht. Seitdem wollte er keine Wörter mehr benutzen, die jemand gegen ihn wenden konnte.

Jian„Du sollst mit mir üben“, sagte Jian.

Elias„Alle verstehen Standardsprache“, erwiderte Elias.

Jian„Verstehen ist nicht dasselbe wie kennen“, sagte sein Vater.

Elias verdrehte die Augen. Seine Mutter Lian, die am Gartentisch saß und Saatgut sortierte, lachte.

Lian„Lass ihn“, sagte Lian. „Eines Tages braucht er ein Wort, das es nur bei uns gibt. Dann kommt er von allein.“

Jian führte einen Gartenkalender. Er schrieb hinein, wann die Birne blühte, welche Raupen an den Blättern saßen und wie viel Regen im Nordbeet gefallen war. Zwischen den Messwerten notierte er Dinge über Elias: Der Junge gräbt zu flach. Der Junge meidet jede Handvoll Erde. Heute gelang ihm erstmals ein sauberer Schnitt.

Elias wusste nichts davon. Für ihn war das Buch nur ein weiterer Gegenstand, der nach dem Leben seines Vaters roch: Erde, Öl und die bittere Seife aus der Werkstatt.

Als Lian starb, war Elias neunzehn. Eine Infektion, drei Tage Fieber, ein Medikament, das auf Kepler zu spät eintraf. Jian sprach während der Beisetzung kaum. Danach arbeitete er im Garten, bis seine Hände bluteten.

Elias erhielt im selben Monat einen Studienplatz auf Talos. Er wollte Systemtechnik lernen, Sprungnetze bauen und nie wieder davon abhängig sein, ob ein Versorgungsschiff rechtzeitig landete. Jian wollte, dass er ein Jahr blieb.

Elias„Der Platz wird nicht warten“, sagte Elias.

Jian„Der Garten auch nicht“, antwortete Jian.

Elias„Es geht immer um den Garten.“

Jian„Es geht darum, dass etwas bleibt“, sagte Jian.

EliasElias hörte darin einen Vorwurf. „Ich will nie so werden wie du.“

Der Satz stand plötzlich zwischen ihnen, größer als die Küche. Jian legte das Messer weg, mit dem er Birnen geschält hatte.

Jian„Dann musst du gehen“, sagte er.

Elias ging am nächsten Morgen. Er nahm Kleidung, sein Werkzeug und den Zorn mit. Den Gartenkalender ließ er liegen.

Auf Talos wurde er gut in Dingen, die keinen Geruch hatten. Er entwarf redundante Kommunikationswege, prüfte Stationsnetze und lernte, wie man Fehler so lange zerlegte, bis aus Angst eine Aufgabe wurde. Kollegen mochten seine Ruhe. Niemand wusste, dass er auf jede Nachricht seines Vaters dreimal antwortete und jede Antwort wieder löschte.

Jian schrieb kurz. Der Garten wächst. Das Dach hält. Mach dir keine Umstände.

Im ersten Jahr kaufte Elias eine Rückfahrkarte für Liens Todestag. Ein Projektleiter bat ihn, eine Schicht zu übernehmen. Elias stornierte nicht. Er ließ die Karte verfallen.

Im zweiten Jahr kaufte er eine neue. Zwei Tage vor dem Abflug bekam er Fieber. Es war nicht gefährlich, aber ausreichend, um zu bleiben.

Im dritten Jahr war die Verbindung teuer. Im vierten musste ein Sprungrelais ersetzt werden. Im fünften hatte Jian auf Elias’ Frage, ob er kommen solle, nur geschrieben: Wie du willst. Elias las darin Ablehnung und blieb. Im sechsten Jahr buchte er zu spät.

Sechs Karten lagen in einer Datei, geordnet nach Datum, Preis und Ausrede.

Dann rief Mara Vel an, Jians Nachbarin. Hinter ihr sah Elias die alte Küche. Auf dem Tisch standen zwei Teller.

Mara„Ihr Vater verwechselt die Tage“, sagte Mara. „Gestern hat er für Ihre Mutter gedeckt.“

Elias betrachtete den leeren zweiten Stuhl.

Elias„Seit wann?“, fragte Elias.

Mara„Seit Monaten“, antwortete Mara. „Er hat es gut verborgen. Jetzt lässt er nachts das Gartentor offen und sucht morgens den Schlüssel im Kühlschrank.“

Elias„Warum hat mir niemand geschrieben?“

MaraMara wurde still. „Er sagte, Sie hätten wichtige Arbeit.“

Elias öffnete noch während des Gesprächs den Fahrplan. Talos nach Ambar, dort umsteigen nach Kepler. Die nächste Passage kostete fast einen Monatslohn.

Mara„Buchen Sie sie“, sagte Mara.

Elias„Ich buche sie selbst“, antwortete Elias.

Mara„Nein“, erwiderte Mara. „Sie suchen sonst wieder einen Grund.“

Sie wartete, bis auf seinem Bildschirm die Bestätigung erschien.

Sitz 14B.

Der siebte Fahrschein.

Kapitel 03

Was Archive verschweigen

Im Zentralarchiv der Wasserbehörde gab es keine verbotenen Dateien. Es gab nur falsche Zugriffsrechte, abgelaufene Speicherfristen und Ordner, deren Namen so langweilig waren, dass niemand sie öffnete.

Yuna öffnete jeden von ihnen.

Ihre offizielle Aufgabe bestand darin, historische Klimareihen für Forschungsanfragen bereitzustellen. Meist wollten Universitäten wissen, wie heiß ein bestimmter Sommer gewesen war. Yuna lieferte geprüfte Tabellen, setzte Freigabevermerke und sah dabei zu, wie die Vergangenheit mit jedem Jahr trockener wurde.

In der ältesten Messreihe hatte Neris durchschnittlich vierundachtzig Regentage. Zehn Jahre später waren es zweiundsechzig. In der Fassung, die heute öffentlich abrufbar war, hatte es im ersten Jahr nur siebenunddreißig gegeben.

Yuna verglich die Änderungshistorie. Der Eingriff war sauber. Zu sauber. Ein automatisches Migrationsprogramm sollte die Werte angepasst haben, doch die Kennung gehörte zu einer Softwareversion, die erst drei Jahre später entwickelt worden war.

Oren„Du suchst wieder Geister“, sagte ihr Kollege Oren Vale.

Oren saß am Nachbartisch, trank seine gesamte Wochenration als viel zu starken Tee und glaubte fest daran, dass jede Verschwörung irgendwann an schlechter Buchhaltung scheiterte.

Yuna„Geister hinterlassen keine Administratorkennung“, antwortete Yuna.

Oren„Vielleicht ein sehr gewissenhafter Geist.“

YunaYuna drehte den Bildschirm zu ihm. „Sie haben rückwirkend die Niederschläge gesenkt.“

OrenOren las die Zeilen. Sein Lächeln verschwand. „Schließ das Fenster.“

Yuna„Das ist kein Fenster. Das ist die Klimaübersicht.“

Oren„Yuna.“

Sie schloss die Datei. Oren wartete, bis die Aktivitätsanzeige erloschen war.

Oren„Vor drei Wochen wurde eine Archivarin aus Ebene Sechs versetzt“, sagte Oren leise. „Offiziell hat sie Fördermengen falsch klassifiziert. Inoffiziell stellte sie dieselbe Frage.“

Yuna„Wohin wurde sie versetzt?“

Oren„Niemand weiß es.“

Senas Speicherplatte lag in Yunas Wohnung, in einer Wand hinter der Wasseruhr. Yuna holte sie noch in derselben Nacht hervor. Die alten Werte stimmten mit den gelöschten Reihen überein. Dazu kamen Verträge zwischen der Wasserbehörde und drei Fördergesellschaften. Die Unternehmen erhielten garantierte Abnahmemengen. Fiel der Verbrauch, musste die Behörde Entschädigung zahlen. Regen war nicht verboten worden, weil Wasser knapp war. Regen war verboten worden, weil kostenloses Wasser Verträge störte.

Yuna fertigte zwölf Kopien an. Nicht auf einmal. Nicht über denselben Zugang. Eine versteckte sie in einem Musikarchiv, eine in den Wartungsdaten eines stillgelegten Satelliten, eine in einer privaten Sammlung von Wetterfotografien. Zwei schickte sie an Forschungsinstitute außerhalb des Systems. Die übrigen blieben verschlüsselt.

Oren bemerkte, dass sie ihre Arbeitstage plötzlich pünktlich beendete.

Oren„Du machst mir Angst“, sagte er.

Yuna„Weil ich Feierabend mache?“

Oren„Weil du so tust, als hättest du einen Plan.“

Yuna hatte keinen vollständigen Plan. Sie hatte ein Stellenangebot vom Archiv der Roten Welten auf Ambar. Dort wurden Klimadaten von Kolonien gesammelt, die um alternde Sterne kreisten. Der Name des Instituts stammte von den Protuberanzen dieser Sterne, die sich auf den Aufnahmen wie rote Blüten öffneten.

Die Bewerbung hatte sie vor Senas Tod abgeschickt. Nun bot die Stelle eine offizielle Erklärung für ihre Abreise und Zugang zu Netzen, die die Wasserbehörde nicht kontrollierte.

Oren„Nimm sie“, sagte Oren, als sie ihm davon erzählte.

Yuna„Das klang schnell.“

Oren„Ich habe drei Wochen darüber nachgedacht, wie ich dir sage, dass du verschwinden musst.“

YunaYuna legte ihm einen Schlüssel auf den Tisch. „Falls ich am Gate aufgehalten werde, öffnest du damit Kopie zwölf.“

Oren„Was passiert dann?“

Yuna„Sie verteilt sich.“

OrenOren starrte den Schlüssel an. „Und was passiert mit mir?“

Yuna„Du kannst Nein sagen.“

OrenEr schob den Schlüssel nicht zurück. „Archive verschweigen nichts von selbst. Menschen bringen es ihnen bei.“

Zwei Tage später wurde Yuna zu Direktor Cevan gerufen. In seinem Büro standen echte Pflanzen. Jede von ihnen verbrauchte mehr Wasser, als einer Familie pro Woche zustand.

Cevan„Sie wechseln nach Ambar“, sagte Cevan.

Es war keine Frage.

Yuna„Das Angebot ist besser“, antwortete Yuna.

Cevan„Sie hatten hier Zukunft.“

Yuna„Auf Neris ist Zukunft eine kostenpflichtige Zusatzleistung.“

CevanCevan lächelte nicht. „Nehmen Sie keine Arbeitsdaten mit.“

Yuna„Das wäre ein Verstoß gegen meinen Vertrag.“

Cevan„Genau.“

Als Yuna das Büro verließ, wusste sie, dass ihre Zugriffe entdeckt worden waren. Vielleicht kannte Cevan noch nicht den Umfang. Vielleicht wartete er nur darauf, dass sie die Beweise aus dem Gebäude trug.

Sie ging am Abend zum Friedhof. Senas Grab lag unter einer Reihe von Solarplatten. Yuna legte die Hand auf den warmen Stein.

Yuna„Zwölf Kopien“, sagte sie.

Der Wind trug Staub über die Namen der Toten.

Yuna„Jetzt brauche ich nur noch einen Weg, sie zu öffnen.“

Kapitel 04

Ein Buch ohne Wörter

Elias packte für Kepler, als müsse er eine Maschine reparieren: ein Hemd, zwei Hosen, Werkzeug, Diagnosegerät, Ersatzkontakte. Dinge mit eindeutiger Funktion.

Erst kurz vor dem Aufbruch öffnete er die Schublade, in der die sechs alten Fahrscheine lagen. Unter ihnen fand er ein Buch, das er dort nicht abgelegt hatte.

Der Einband war grün und an den Ecken dunkel vom Gebrauch. Auf der ersten Seite stand sein Name in der Schrift seines Vaters. Elias erkannte die Form, nicht die Wörter.

Mara musste es vor Jahren in ein Paket gesteckt haben. Vielleicht hatte Jian es geschickt. Vielleicht war es versehentlich zwischen Werkzeug geraten. Elias konnte sich nicht erinnern, wann es angekommen war. Das machte die Sache schlimmer.

Er aktivierte die automatische Übersetzung. Das Gerät erkannte einzelne Zeichen, setzte sie zu Unsinn zusammen und schlug für dieselbe Zeile nacheinander Ernte, Trauer und Nordwind vor.

Elias„Sehr hilfreich“, sagte Elias.

Er nahm das Buch mit.

Am Raumhafen meldete das System eine Verspätung. Elias setzte sich unter die Abflugtafel und öffnete eine Nachricht an seinen Vater.

Ich bin unterwegs.

Er löschte den Satz. Wenn Jian heute glaubte, Lian lebe noch, würde eine Nachricht ihn vielleicht nur verwirren. Wenn er einen klaren Tag hatte, klang sie nach einer Ankündigung, auf die eine weitere Ausrede folgen konnte.

Elias schrieb stattdessen an Mara: Bin am Gate. Schick mir ein Bild, wenn du kannst.

Mara antwortete mit einem Foto des Gartens. Der alte Birnbaum stand noch. Eine Hälfte trug kahle Äste, die andere war voller kleiner grüner Früchte. Jian saß darunter und blickte nicht in die Kamera.

Im Hintergrund begann ein Kind zu weinen. Eine Ansage wechselte dreimal die Sprache. Elias sah auf das Buch und versuchte, das erste Wort nachzuschreiben. Seine Finger erinnerten sich an Bewegungen, die sein Kopf verloren hatte.

Ältere Frau„Das ist falsch herum“, sagte eine ältere Frau neben ihm.

Elias drehte das Buch.

Ältere Frau„Ich meinte das Zeichen“, erklärte die Frau. „Das Buch war richtig.“

Elias„Danke“, sagte Elias.

Ältere Frau„Sie sprechen die Sprache nicht?“

Elias„Nicht mehr.“

Ältere FrauDie Frau betrachtete ihn, als habe er behauptet, einen Arm nicht mehr zu besitzen. „Dann lernen Sie sie.“

Elias„Mein Flug geht in zwanzig Minuten.“

Ältere Frau„Eine Sprache dauert länger als ein Flug“, sagte sie. „Das ist kein Grund, nicht anzufangen.“

Sie stand auf, bevor Elias antworten konnte.

Sein Auftraggeber rief an. Ein Relais auf Talos war ausgefallen. Elias hörte die vertrauten Worte: Nur Sie kennen die alte Struktur. Zwei Stunden. Wir schreiben es als Reisezeit.

Elias„Ich bin nicht verfügbar“, sagte Elias.

Am anderen Ende entstand eine Pause. Elias hatte diesen Satz in neun Jahren nie benutzt.

Damir„Sie sitzen doch noch im Raumhafen“, sagte Projektleiter Damir.

Elias„Ich bin nicht verfügbar“, wiederholte Elias.

Damir„Es geht um ein ganzes Stationsviertel.“

Elias„Dann sollte ein ganzes Stationsviertel nicht von einer Person abhängen.“

DamirDamir atmete hörbar aus. „Seit wann reden Sie so?“

EliasElias sah den siebten Fahrschein auf seinem Terminal. „Seit heute.“

Er beendete den Anruf und schaltete das Arbeitskonto aus. Sofort wurde es stiller. Nicht um ihn herum, aber in ihm.

Beim Boarding prüfte die Kontrolleurin sein Gepäck. Sie zog das Buch heraus.

Kontrolleurin„Datenmedium?“, fragte sie.

Elias„Papier“, antwortete Elias.

Kontrolleurin„Das sehe ich. Enthält es deklarationspflichtiges Saatgut?“

Elias„Ich kann es nicht lesen.“

Die Kontrolleurin blätterte durch die Seiten. Zwischen zwei Einträgen lag ein flacher, trockener Birnenkern.

Kontrolleurin„Saatgut“, stellte sie fest.

EliasElias nahm den Kern vorsichtig. „Nicht mehr lebensfähig.“

Kontrolleurin„Dann Müll.“

Elias„Nein“, sagte Elias schärfer als beabsichtigt.

KontrolleurinDie Frau musterte ihn, legte den Kern zurück und gab ihm das Buch. „Vierzehn B. Gangseite.“

Elias ging an Bord. Der Sitz neben ihm war leer. Er stellte das Buch auf seine Knie und sah zu, wie die Türen sich schlossen. Im letzten Moment hielt draußen jemand eine feuchte Jacke in die Kontrolle.

Kapitel 05

Abflugwasser

Am Morgen ihrer Abreise stand Yuna noch einmal auf dem Dach des Hauses, in dem sie aufgewachsen war. In drei Stunden sollte der Zubringer nach Ambar starten. Ihr Koffer wartete unten. Oren hatte zweimal geschrieben, dass die Zugriffsprotokolle geprüft würden. Die Wasserbehörde hatte am Vorabend alle Mitarbeitenden an die Verschwiegenheitspflicht erinnert.

Yuna ging trotzdem nicht zum Raumhafen.

Neben dem alten Kühlschacht fand sie das Ventil des stillgelegten Reservoirs. Sena hatte es nach dem letzten freien Regen versiegelt. Yuna brach den spröden Sicherungsdraht und drehte mit beiden Händen. Zuerst kam nur Luft. Dann rann ein dünner Strahl über das Metall.

Yuna„Verschwenderisch“, sagte Yuna in die leere Nacht.

Sie hielt ihre Jacke in das Wasser. Auf der heißen Dachplatte stieg Dampf auf. Für einen Augenblick roch die Stadt wieder nach Stein.

Ihr Terminal vibrierte. Oren.

Oren„Sie wissen, dass du gehst“, sagte er, sobald Yuna den Kanal öffnete.

Yuna„Das stand in meinem Kündigungsschreiben.“

Oren„Sie wissen, dass etwas fehlt.“

Yuna„Es fehlt nichts. Alles ist noch da.“

Oren„Du weißt, was ich meine.“ Oren senkte die Stimme. „Cevan hat die interne Sperre ausgelöst. Wenn sie dich am Gate kontrollieren, öffne ich Kopie zwölf.“

Yuna„Noch nicht“, sagte Yuna.

Oren„Wann dann?“

Yuna„Wenn ich dir sage, dass ich angekommen bin, wartest du sechs Stunden. Wenn ich mich nicht melde, öffnest du sie.“

Oren„Und wenn du dich meldest?“

Yuna„Dann öffne ich die anderen elf selbst.“

OrenOren fluchte. „Das ist kein Plan. Das ist eine Auswahl verschiedener Katastrophen.“

Yuna„Mehr hatte ich nicht im Budget“, antwortete Yuna.

Sie schloss das Ventil. Auf dem Weg zur Treppe nahm sie ein kleines Stück des alten Sicherungsdrahts mit. Sena hatte ihr beigebracht, dass Beweise manchmal lächerlich aussahen, bis jemand erklärte, wofür sie standen.

Der Raumhafen war voller Menschen und heller als nötig. Yuna wählte die langsamste Kontrollreihe, weil dort eine müde Beamtin arbeitete. Als sie an die Reihe kam, blinkte über dem Lesegerät ein gelbes Symbol.

Beamtin„Zufallsprüfung“, sagte die Beamtin.

Yuna glaubte nicht an Zufälle, die ihre Personalnummer kannten.

Die Frau öffnete den Koffer, prüfte Kleidung, Schuhe und die leere Hülle eines Datenspeichers. Die echten Schlüssel lagen nicht im Gepäck. Yuna hatte sie in den Zeitstempeln von zwölf harmlosen Familienfotos verborgen.

Beamtin„Ihre Jacke ist nass“, sagte die Beamtin.

Yuna„Ja.“

Beamtin„Auf Neris hat es nicht geregnet.“

Yuna„Das habe ich auch nicht behauptet.“

BeamtinDie Beamtin führte einen Sensor über den Stoff. „Nicht genehmigte Flüssigkeit?“

YunaYuna lächelte. „Nur eine Erinnerung.“

Die Frau sah zur Uhr. Hinter Yuna wurde bereits ungeduldig gerufen. Schließlich schob sie den Koffer zurück.

Beamtin„Das Gate schließt.“

Yuna rannte.

Als sie den Zubringer erreichte, standen die Türen nur noch einen Spalt offen. Die Kontrolleurin zog sie an Bord und begann sofort über Passagiere zu schimpfen, die Fahrpläne für persönliche Empfehlungen hielten.

Kontrolleurin„Vierzehn A“, sagte sie. „Und trocknen Sie die Jacke, bevor jemand ausrutscht.“

Yuna ging durch die schmale Kabine. Am Fenster von Reihe vierzehn saß ein Mann mit einem grünen Buch auf den Knien. Er wirkte, als hätte er seit Stunden auf eine schlechte Nachricht gewartet und sei nun überrascht, dass stattdessen sie gekommen war.

Yuna setzte sich, verstaute den Koffer und erkannte die Schrift auf dem Einband.

Sena hatte dieselbe Sprache gesprochen, wenn sie müde oder wütend gewesen war.

Das Schiff löste sich vom Dock.

Yuna legte die Hand um den Sitzrand. Sie hatte Neris dreiundzwanzigmal verlassen und jeden Abflug gehasst. Unter ihr wurde die trockene Stadt kleiner. Auf einem Dach glänzte vielleicht noch Wasser.

Der Mann neben ihr bemerkte ihre Hand, sagte aber zunächst nichts. Yuna war ihm dankbar.

Dann öffnete er das Buch auf der ersten Seite.

Die Wörter, die er nicht lesen konnte, lagen zwischen ihnen.

Kapitel 06

Vierzehn A und Vierzehn B

Yuna„Das ist ein Gartenkalender“, sagte Yuna.

EliasDer Mann blickte auf. Seine Augen waren dunkel und übernächtigt. „Ich dachte, es wären Geschichten.“

Yuna„Vielleicht sind Gärten nur langsame Geschichten“, antwortete Yuna.

Er lachte überrascht. Das Geräusch nahm dem engen Sitz für einen Moment die Enge.

Elias„Elias Ren“, stellte er sich vor.

Yuna„Yuna Arkell.“

Unter ihnen verschwand Talos im Licht des Sprungtors. Als die Beschleunigung einsetzte, schloss Yuna die Augen.

Elias„Erster Flug?“, fragte Elias.

Yuna„Dreiundzwanzigster“, antwortete Yuna.

Elias„Dann mögen Sie Flüge einfach nicht.“

Yuna„Ich mag Abflüge nicht.“

Elias„Und Ankünfte?“

YunaYuna öffnete die Augen. „Darüber habe ich noch nicht entschieden.“

Nachdem die Anschnallzeichen erloschen waren, zeigte Elias auf das erste Wort im Buch. Yuna übersetzte es mit Pfropfen: zwei Pflanzen verbinden, damit sie gemeinsam weiterwachsen konnten.

Elias„Mein Vater hat Obstbäume“, sagte Elias. „Ich glaube. Jedenfalls schreibt er immer vom Garten.“

Yuna„Sie glauben?“

Elias erzählte von Kepler, seinem Vater und den sechs ungenutzten Fahrscheinen. Er berichtete es wie eine Anekdote über Terminprobleme. Yuna hörte die Angst darunter.

Yuna„Warum jetzt?“, fragte sie.

Elias„Er vergisst die Tage“, antwortete Elias. „Manchmal denkt er, meine Mutter lebt noch.“

Yuna„Und wenn er Sie vergessen hat?“

Elias„Dann bin ich zu spät.“

YunaYuna dachte an Senas Grab. „Zu spät ist kein Ort. Es ist eine Entscheidung, die man jeden Tag neu treffen kann.“

Elias„Das klingt, als hätten Sie Erfahrung.“

Yuna„Ich habe viele Dinge rechtzeitig aufbewahrt und einen Menschen trotzdem verloren.“

Elias fragte nicht sofort weiter. Das unterschied ihn von den Männern der Behörde, die jede Pause mit einer Forderung füllten. Erst als das Schiff in den Sprungkorridor eintrat und die Sterne zu hellen Linien wurden, erzählte Yuna von Sena, den veränderten Klimareihen und dem Regen, den es auf Neris offiziell nie gegeben hatte.

Sie verschwieg zunächst die Kopien. Elias erzählte dafür nicht, was er seinem Vater beim Abschied gesagt hatte. So handelten sie sich langsam an die Wahrheit heran.

Yuna nahm das Buch. Der erste Eintrag beschrieb, wie Jian Ren mit seinem siebenjährigen Sohn einen Birnbaum pflanzte. Der Junge gräbt zu flach, las Yuna. Der Junge hasst Erde an den Händen. Heute hat er den ersten Ast geschnitten.

Elias„Er hat über mich geschrieben“, sagte Elias.

Yuna blätterte weiter. Später wurden die Einträge kürzer. Elias kommt nicht dieses Jahr. Baum trägt trotzdem. Hoffentlich nächstes.

EliasElias schloss das Buch. „Ich hätte früher fliegen sollen.“

Yuna„Ja“, sagte Yuna.

Er sah sie überrascht an.

Yuna„Was soll ich sonst sagen? Dass Zeit keine Rolle spielt?“ Yuna gab ihm das Buch zurück. „Aber Sie sitzen jetzt hier.“

Eine Weile sprachen sie über unwichtige Dinge. Elias erzählte von einem Relais, das drei Monate lang ausgefallen war, weil jemand eine Kabelnummer falsch abgeschrieben hatte. Yuna beschrieb einen Archivar, der geheime Verträge unter der Kategorie Zierbrunnen abgelegt hatte. Zwischen ihren Sätzen lag die Gewissheit, dass keiner am nächsten Morgen Teil der Folgen sein musste.

Elias„Sie arbeiten also dort, wo die roten Sterne blühen“, sagte Elias, als Yuna das Archiv auf Ambar erwähnte.

Yuna„Das klingt schöner als Klimadokumentation.“

Elias„Dann behalten Sie meine Version.“

YunaYuna betrachtete sein Profil im Licht der vorbeiziehenden Sterne. „Sie tun so, als würden Sie nie irgendwo bleiben.“

Elias„Ich bleibe sehr zuverlässig bei meiner Arbeit.“

Yuna„Das war nicht die Frage.“

EliasElias strich über den Einband. „Vielleicht bin ich gut in Systemen, weil sie nicht merken, wenn man geht.“

YunaYuna öffnete ihr Terminal. Die verschlüsselten Klimadaten erschienen als harmlose Bilddateien. „Ich habe etwas, das merken wird, wenn ich gehe.“

Sie erklärte die zwölf Kopien. Elias prüfte die Übertragungswege und fand, dass drei Archive indirekt derselben Stiftung gehörten. Zwei weitere standen unter Verträgen der Wasserbehörde.

Yuna„Dann bleiben sieben“, sagte Yuna.

Elias„Nein“, widersprach Elias. „Wir bauen neue Wege.“

Er legte ein Netz aus freien wissenschaftlichen Knoten, Bürgerarchiven und dezentralen Pressespeichern an. Yuna öffnete die Schlüssel. Gemeinsam schickten sie die Daten an zwölf Ziele, diesmal zwölf, die voneinander unabhängig waren.

Bestätigung um Bestätigung erschien.

Elias„Jetzt können Sie nicht mehr zurück“, sagte Elias.

Yuna„Das konnte ich vorher auch nicht.“

Elias„Aber jetzt weiß es die ganze Welt.“

Yuna sah die zwölf grünen Zeichen. Zum ersten Mal fühlte sich Flucht nicht wie Verschwinden an.

Sie schliefen nicht. Elias lernte die ersten Zeilen des Gartenkalenders. Yuna erzählte, wie Regen auf heißem Metall roch. Einmal berührten sich ihre Hände auf dem Buch und keiner zog sie sofort zurück.

Als Ambar vor dem Fenster erschien, leuchtete die Station wie ein Ring aus Bernstein. Elias hatte zwei Stunden bis zum Anschluss nach Kepler. Yunas neuer Arbeitgeber erwartete sie am Gate.

Beide konnten Kontakte speichern oder Versprechen machen. Keiner tat es.

Yuna„Lesen Sie ihm den Kalender vor“, sagte Yuna.

Elias„Und Sie?“, fragte Elias.

Yuna„Ich sorge dafür, dass es auf Neris wieder regnet.“

Die Türen öffneten sich. Sie gingen nebeneinander bis zur ersten Kreuzung. Elias musste nach links, Yuna nach rechts.

Elias„Ich werde mich erinnern“, sagte Elias.

Yuna nickte. Auf ihrer Jacke war das Wasser längst getrocknet. Trotzdem glaubte sie, den Geruch von Regen zu tragen.

Dann trennten sich ihre Wege.

Kapitel 07

Die erste Kreuzung

Yuna wurde am Gate von zwei Menschen erwartet. Die kleinere Frau stellte sich als Dr. Senka Vald vor, Direktorin des Archivs der Roten Welten. Der größere Mann nannte keinen Namen. Auf seiner Jacke trug er das Zeichen der Stationssicherheit.

Senka„Frau Arkell“, sagte Senka, „Ihre Personalakte ist in der letzten Stunde bemerkenswert gewachsen.“

Yuna„Das geschieht, wenn andere Leute sie schreiben“, antwortete Yuna.

SicherheitsbeamterDer Sicherheitsbeamte hielt die Hand auf. „Ihr Terminal.“

Yuna„Auf welcher Grundlage?“

Sicherheitsbeamter„Neris hat eine Meldung wegen Datendiebstahls übermittelt.“

SenkaSenka trat zwischen sie. „Ambar erkennt keine planetaren Geheimhaltungsansprüche an Klimadaten an, sofern eine Gefährdung der Bevölkerung glaubhaft ist.“

Yuna„Ist sie glaubhaft?“, fragte Yuna.

SenkaSenka sah auf die Meldungen, die über ihr Armband liefen. „Zwölf Archive haben soeben identische Dateien veröffentlicht. Das ist zumindest gründlich.“

Der Beamte bekam Yunas Terminal nicht. Stattdessen begleiteten sie sie in einen fensterlosen Raum des Archivs. Dort bestätigte Yuna ihre Identität, erklärte die Herkunft der Daten und unterschrieb eine Aussage, die sie auf Neris für Jahrzehnte ins Gefängnis bringen konnte.

Senka„Bedauern Sie es?“, fragte Senka.

YunaYuna dachte an Sitz 14B. „Noch nicht.“

Elias erreichte zur selben Zeit seinen Anschluss. Auf dem Weg zum Gate sah er Yunas Namen auf einer Nachrichtentafel: ARCHIVARIN VERÖFFENTLICHT KLIMADATEN – NERIS SPRICHT VON MANIPULATION.

Er blieb stehen. Ein Teil von ihm wollte umdrehen. Ambar lag hinter drei Sicherheitsschleusen, und Yuna würde vielleicht jemanden brauchen, der bestätigte, wann und wie die Dateien übertragen worden waren.

Dann vibrierte sein Terminal. Mara hatte geschrieben: Ihr Vater wartet im Garten. Heute kennt er den Tag.

Elias sah zur Kreuzung zurück, an der Yuna verschwunden war. Er hatte sechs Jahre lang geglaubt, jede dringende Aufgabe sei wichtiger als ein Weg nach Hause. Wenn er jetzt umkehrte, würde selbst eine gute Tat dieselbe alte Flucht werden.

Er schickte die Übertragungsprotokolle an ein neutrales Beweisarchiv, versah sie mit seiner beruflichen Signatur und hinterließ die Erlaubnis, ihn als Zeugen zu laden. Dann stieg er in den Anschluss nach Kepler.

Jian stand nicht im Garten, als Elias ankam. Er saß am Küchentisch und schälte eine Birne. Die Schale riss alle paar Zentimeter ab.

Elias„Baba“, sagte Elias in der alten Sprache.

Jian hob den Kopf. Sein Blick glitt über Elias’ Gesicht, suchte etwas und fand es nicht sofort.

Jian„Lian?“, fragte Jian.

EliasElias setzte sich. „Nein. Elias.“

JianJian betrachtete das Messer in seiner Hand. „Elias ist auf Talos.“

Elias„Nicht mehr.“

Mara stand in der Tür und presste die Lippen zusammen. Elias nahm Jian das Messer nicht weg. Er wartete.

Nach fast einer Minute sah Jian wieder auf.

Jian„Du bist alt geworden“, sagte er in Standardsprache.

EliasElias lachte, obwohl ihm die Augen brannten. „Du auch.“

Jian„Warum bist du hier?“

EliasElias legte den siebten Fahrschein auf den Tisch. „Weil ich sechs Mal nicht gekommen bin.“

JianJian strich über das Lichtpapier. „Deine Mutter hat gesagt, du kommst von allein.“

Elias„Sie hatte recht. Nur sehr spät.“

JianJian deutete auf das grüne Buch. „Kannst du es lesen?“

Elias„Ein Wort“, antwortete Elias. „Pfropfen.“

JianZum ersten Mal lächelte sein Vater. „Dann reicht es für heute.“

Auf Ambar saß Yuna noch immer im fensterlosen Raum, als Oren sich meldete.

Oren„Kopie zwölf ist offen“, sagte er.

Yuna„Ich habe mich doch gemeldet.“

Oren„Zu spät. Cevan hat mich aus dem Archiv geworfen. Ich dachte, wenn ich schon arbeitslos werde, dann gründlich.“

YunaYuna schloss kurz die Augen. „Bist du sicher?“

Oren„Nein“, antwortete Oren. „Aber es ist passiert.“

SenkaSenka stellte eine Tasse Tee vor Yuna. „Willkommen im Archiv der Roten Welten“, sagte sie. „Ihr erster Arbeitstag wird länger als geplant.“

Kapitel 08

Beweis der Herkunft

In den ersten drei Tagen nach der Veröffentlichung wurden die Dateien von Neris mehr als sechzig Millionen Mal abgerufen. Am vierten Tag erklärte die Wasserbehörde, sie seien gefälscht. Am fünften erschienen Gutachten, nach denen die Daten echt sein konnten, aber nicht mussten. Am sechsten verklagten die Fördergesellschaften zwölf Archive gleichzeitig.

Senka„Wahrheit verbreitet sich schnell“, sagte Senka, „aber Zweifel reist erster Klasse.“

Yuna arbeitete mit einem Team aus Klimaforschern, Juristen und Datenforensikern. Sie konnten zeigen, dass die Messreihen physikalisch plausibel waren. Sie konnten die Vertragsnummern mit öffentlichen Zahlungen verknüpfen. Was fehlte, war eine lückenlose Herkunftskette aus dem Zentralarchiv. Yunas interne Zugriffe bewiesen nur, dass sie Dateien geöffnet hatte. Die Behörde behauptete, sie habe sie dabei verändert.

Yuna„Dann reiche ich meine Speicherplatte ein“, sagte Yuna.

Senka„Die stammt von Ihrer Mutter und wurde jahrelang privat aufbewahrt“, erklärte Senka. „Moralisch stark, juristisch angreifbar.“

Oren konnte nicht helfen. Sein Zugang war gesperrt, seine Geräte beschlagnahmt. Er hielt sich bei Freunden versteckt und schickte Nachrichten über Kanäle, die Yuna nach jedem Gespräch verbrannte.

Am Abend des siebten Tages kam eine Meldung aus dem neutralen Beweisarchiv. Ein Systemingenieur namens Elias Ren hatte Übertragungsprotokolle und eine berufliche Signatur hinterlegt. Die Zeitstempel lagen vor der ersten öffentlichen Veröffentlichung. Jede der zwölf Dateien trug dieselbe Prüfsumme wie Yunas Originale.

SenkaSenka las den Namen. „Kennen Sie ihn?“

Yuna„Eine Nacht“, sagte Yuna.

Senka„Das ist keine besonders präzise Antwort.“

Yuna„Präziser wird sie nicht.“

Senka hob eine Augenbraue, fragte aber nicht weiter.

Auf Kepler begann Elias jeden Morgen damit, drei Dinge zu prüfen: ob Jian gegessen hatte, ob das Gartentor geschlossen war und ob ein offizielles Zeugenbegehren eingetroffen war.

Jian hatte gute und schlechte Stunden. An manchen Tagen erklärte er Elias genau, wie die Bewässerung unter dem Nordbeet verlief. An anderen suchte er Lian im Geräteschuppen. Elias lernte, ihn nicht mit Tatsachen zu schlagen.

Elias„Sie ist nicht hier“, sagte Elias dann.

Jian„Wann kommt sie?“, fragte Jian.

Elias„Ich weiß es nicht.“

Das war sanfter als tot und wahrer als bald.

Gemeinsam lasen sie den Gartenkalender. Jian sprach einen Satz vor, Elias wiederholte ihn. Die Wörter kamen langsam zurück, nicht wie Eigentum, sondern wie Gäste, denen man ein Zimmer herrichtete.

Elias„Warum hast du mir das Buch geschickt?“, fragte Elias.

JianJian runzelte die Stirn. „Habe ich?“

MaraMara, die Bohnen am Fenster sortierte, antwortete für ihn. „Er hat es jedes Jahr eingepackt. Jedes Jahr nahm er es wieder heraus, weil er fand, es klinge wie ein Vorwurf. Beim letzten Mal habe ich das Paket geschlossen, bevor er es sich anders überlegen konnte.“

JianJian sah verärgert aus. „Du mischst dich ein.“

Mara„Seit dreißig Jahren“, sagte Mara. „Du hast es nur nicht immer bemerkt.“

Das Zeugenbegehren traf an diesem Nachmittag ein. Elias sollte bestätigen, dass die Dateien während des Flugs unverändert übertragen worden waren. Die Anhörung würde öffentlich sein. Sein Arbeitgeber wies darauf hin, dass eine Aussage Geschäftsbeziehungen mit Neris gefährden könne.

Jian„Dann kündige“, sagte Jian.

EliasElias blickte überrascht auf. „Du weißt, worum es geht?“

JianJian deutete auf den Bildschirm. Dort war Yunas Bild zu sehen, aufgenommen im Archiv von Ambar. „Die Frau will Regen.“

Elias„Ja.“

Jian„Und du hast ihr geholfen.“

Elias„Ein wenig.“

JianJian legte die Hand auf den Gartenkalender. „Ein Pfropfreis ist klein. Trotzdem trägt später der ganze Ast andere Früchte.“

Am Abend nahm Elias die Aussage an. Danach öffnete er Yunas öffentliches Archivprofil. Es gab eine Kontaktfläche. Er schrieb: Die Protokolle sind gesichert. Ich werde aussagen. Mein Vater hat den Birnbaum noch.

Er las die drei Sätze mehrmals. Dann löschte er sie.

Die Aussage genügte. Alles andere hätte nach einem Versprechen geklungen, das keiner von ihnen gegeben hatte.

Kapitel 09

Der Zeuge von Kepler

Die Anhörung wurde auf zwölf Welten übertragen. Yuna saß in einem Saal auf Ambar, vor sich die Vertreter der Wasserbehörde als bläuliche Projektionen. Direktor Cevan hatte echte Pflanzen durch eine neutrale graue Wand ersetzt. Selbst seine Umgebung sollte nun beweiskräftig wirken.

Cevan„Frau Arkell hat geschützte Daten entwendet“, sagte Cevan. „Ihre persönliche Trauer über den Tod der Mutter hat ihre fachliche Urteilskraft beeinträchtigt.“

Yuna spürte, wie sich ihre Hände schlossen.

Senka legte zwei Finger auf den Tisch. Nicht beruhigend. Erinnernd.

Yuna„Meine Mutter starb an einer Krankheit, die durch trockengelegte Förderbecken verschärft wurde“, sagte Yuna. „Das macht die Messwerte nicht falsch.“

Die Gegenseite zeigte Bearbeitungsprotokolle, in denen Yunas Kennung neben mehreren Dateien stand.

Vorsitzender„Sie hatten Gelegenheit zur Manipulation“, erklärte der Vorsitzende.

Yuna„Ich hatte Gelegenheit, Manipulation zu entdecken“, antwortete Yuna.

Dann wurde Elias zugeschaltet.

Er saß in Jians Küche. Hinter ihm stand der alte Birnbaum im Fenster. Yuna erkannte das grüne Buch auf dem Tisch.

Vorsitzender„Nennen Sie Ihren Namen und Ihre Qualifikation“, forderte der Vorsitzende.

Elias„Elias Ren. Systemingenieur für redundante Sprungkommunikation.“

Vorsitzender„In welcher Beziehung stehen Sie zu Frau Arkell?“

EliasElias sah direkt in die Kamera. „Wir saßen auf einem Flug von Talos nach Ambar nebeneinander.“

Vorsitzender„Geschäftlich?“

Elias„Nein.“

Vorsitzender„Privat?“

Eine kurze Pause entstand.

Elias„Menschlich“, sagte Elias.

Yuna senkte den Blick, weil sie sonst gelächelt hätte.

Elias erklärte die Übertragung. Er zeigte, wie die Dateien vor dem Versand mit unabhängigen Zeitquellen versiegelt worden waren. Die Prüfsummen stimmten an zwölf Zielorten überein. Eine nachträgliche Änderung hätte zwölf getrennte Archive und mehrere öffentliche Knoten gleichzeitig kompromittieren müssen.

Der Anwalt der Behörde versuchte, ihn als Beteiligten darzustellen.

Anwalt„Sie kannten Frau Arkell weniger als einen Tag“, sagte der Anwalt. „Warum riskierten Sie für eine Fremde Ihre berufliche Stellung?“

Elias„Ich habe keine Daten erfunden“, antwortete Elias. „Ich habe nur verhindert, dass ihr Weg unsichtbar wird.“

Anwalt„Sie vertrauten ihr?“

Elias„Nein“, sagte Elias. „Ich prüfte die Dateien. Vertrauen wäre einfacher gewesen.“

Die Anhörung dauerte fünf Stunden. Am Ende ordnete der Vorsitzende eine unabhängige Untersuchung der Wasserbehörde an und setzte die Geheimhaltung der Klimadaten aus. Es war kein Urteil, aber zum ersten Mal musste Neris beweisen, dass der Regen nicht gestohlen worden war.

Vor dem Archiv warteten Reporter. Yuna beantwortete Fragen, bis jedes Wort wie Sand im Mund lag.

Journalistin„Wer ist Elias Ren für Sie?“, fragte eine Journalistin.

Yuna„Der Zeuge für die Übertragung“, sagte Yuna.

Journalistin„Mehr nicht?“

Yuna dachte an die Dunkelheit zwischen 14A und 14B, an eine Hand auf einem grünen Buch.

Yuna„Das ist bereits viel“, antwortete sie.

Auf Kepler schaltete Elias die Übertragung aus. Jian saß im Garten und hielt eine unreife Birne in der Hand.

Jian„Du hast gut gesprochen“, sagte Jian in der alten Sprache.

EliasElias antwortete in derselben Sprache, langsam und mit falscher Betonung. „Ich hatte eine gute Lehrerin.“

JianJian schüttelte den Kopf. „Du hattest immer zu viele Lehrer und zu wenig Zeit.“

Elias„Jetzt habe ich Zeit.“

Jian„Nein“, widersprach Jian. „Jetzt gibst du sie.“

In der Nacht bekam Jian Fieber. Elias brachte ihn ins kleine Krankenhaus von Kepler. Die Ärzte behandelten eine Lungenentzündung und erklärten, sein Körper werde schwächer. Elias blieb am Bett. Als Damir wegen eines neuen Auftrags anrief, schaltete er das Terminal aus.

Am dritten Morgen öffnete Jian die Augen.

Jian„Der Birnbaum muss im Winter geschnitten werden“, sagte er.

Elias„Du zeigst es mir“, antwortete Elias.

Jian„Habe ich schon.“

Elias verstand, dass sein Vater nicht über den kommenden Winter sprach.

Elias„Dann zeigst du es mir noch einmal“, sagte er.

JianJian seufzte. „Du warst immer langsam.“

Elias lachte und legte den Gartenkalender zwischen sie. Er begann vorzulesen. Nicht flüssig. Nicht richtig. Aber laut.

Kapitel 10

Rückkehr nach Neris

Die unabhängigen Ermittler fanden in den Servern der Wasserbehörde gelöschte Vertragsfassungen, doppelte Messreihen und Anweisungen, Niederschlagsdaten rückwirkend zu senken. Direktor Cevan erklärte, von technischen Einzelheiten nichts gewusst zu haben. Zwei Fördergesellschaften kündigten an, Neris wegen Vertragsbruchs zu verklagen.

Auf den Plätzen der trockenen Städte stellten Menschen leere Schüsseln auf. In jeder lag ein Zettel mit dem Namen eines Regentages, an den sich jemand erinnerte.

Yuna erhielt eine Vorladung. Die neue Untersuchungskommission wollte sie auf Neris befragen. Senka riet zu einer Fernverbindung.

Senka„Die Behörde kontrolliert noch immer den Raumhafen“, sagte Senka. „Sie können Sie festhalten.“

Yuna„Wenn ich nicht zurückkehre, bleibt ihre Geschichte bestehen“, antwortete Yuna. „Dann bin ich die Archivarin, die Daten gestohlen und den Planeten verlassen hat.“

Senka„Sie schulden Neris nicht Ihr Leben.“

Yuna„Nein“, sagte Yuna. „Aber ich schulde meiner Aussage einen Ort.“

Am Abend vor dem Abflug lag eine persönliche Nachricht in ihrem Postfach. Kein Text, nur eine Tonaufnahme. Elias las darin eine Zeile aus dem Gartenkalender vor. Seine Aussprache war vorsichtig.

Der erste Ast trägt. Der Junge ist fort. Beides kann wahr sein.

Darunter stand: Jian Ren, Gartenjahr 41.

Yuna antwortete zum ersten Mal direkt.

Bleiben Sie bei ihm. Ich finde den Weg nach Neris allein.

Elias’ Antwort kam eine Stunde später.

Ich weiß.

Mehr schrieben sie nicht.

Bei der Landung wurde Yuna festgenommen. Die Anklage lautete auf Datendiebstahl, Geheimnisverrat und Sabotage wirtschaftlicher Infrastruktur. Vor dem Raumhafen standen Tausende Menschen. Als Sicherheitskräfte Yuna durch den Verbindungsgang führten, hoben sie ihre leeren Schüsseln.

Oren wartete im Untersuchungsgebäude. Er war dünner geworden und trug dieselbe Jacke wie an ihrem letzten Arbeitstag.

Yuna„Du siehst schrecklich aus“, sagte Yuna.

Oren„Du wurdest gerade verhaftet“, antwortete Oren. „Lass mir wenigstens diesen kleinen Sieg.“

Er hatte Kopie zwölf nicht nur geöffnet. Er hatte die internen Löschbefehle protokolliert und mehrere Mitarbeitende überzeugt, ihre eigenen Aufzeichnungen vorzulegen. Aus einem Datensatz war eine Kette von Zeugenaussagen geworden.

Die Kommission tagte elf Tage. Sena Arkells Speicherplatte wurde als frühe Originalkopie anerkannt, weil ihre Werte mit physischen Messgeräten übereinstimmten, die man in einem stillgelegten Atmosphärenwerk fand. Der Sicherungsdraht aus Yunas Tasche trug noch die Seriennummer des alten Dachreservoirs. Ein lächerlich kleines Beweisstück zeigte, dass selbst private Regenfänger systematisch versiegelt worden waren.

Am zwölften Tag wurden die Anklagen gegen Yuna ausgesetzt. Direktor Cevan verlor sein Amt. Die Förderverträge wurden für nichtig erklärt, weil die garantierten Abnahmemengen auf manipulierten Klimaprognosen beruhten. Neris gründete eine öffentliche Wasserkommission, deren Sitzungen übertragen werden mussten.

Oren„Das bedeutet noch keinen Regen“, sagte Oren, als sie das Gebäude verließen.

Yuna„Nein“, antwortete Yuna. „Nur, dass wir wieder darüber entscheiden dürfen.“

Sie ging zuerst zum Friedhof. Unter den Solarplatten hatte jemand kleine blaue Bänder an die Steine geknüpft. Auf Senas Grab stand eine Schale mit wenigen Tropfen Wasser.

Yuna setzte sich in den Staub.

Yuna„Sie haben behauptet, du hättest es erfunden“, sagte sie. „Du hattest recht.“

Über ihr war der Himmel noch immer klar.

Auf Kepler saß Elias zur selben Stunde am Bett seines Vaters. Jian hörte die Nachricht von Neris und nickte, als sei ein erwarteter Zug angekommen.

Jian„Die Frau bekommt ihren Regen“, sagte Jian.

Elias„Noch nicht“, antwortete Elias.

Jian„Noch nicht ist besser als nie“, sagte Jian.

Kapitel 11

Wetter

Jian Ren erlebte den nächsten Winter. Elias schnitt den Birnbaum unter seiner Aufsicht und entfernte zu wenig Holz.

Jian„Du hast Angst, ihm weh zu tun“, sagte Jian.

Elias„Er lebt“, antwortete Elias.

Jian„Deshalb schneidet man ihn.“

Im Frühjahr trieb der alte Stamm an drei Stellen neu aus. Jian saß in einer Decke am Rand des Beetes und diktierte den letzten Eintrag in den Gartenkalender.

Der Junge schneidet noch immer zu vorsichtig. Er ist zurück. Baum trägt trotzdem.

Elias„Schreib nicht Junge“, sagte Elias.

Jian„Zu lang für Mann“, antwortete Jian.

Eine Woche später starb er in der Nacht. Kein dramatischer Abschied, keine letzte Erklärung. Elias fand ihn am Morgen im Sessel am Fenster, die Hände auf der Decke, den Blick zum Garten gerichtet.

Bei der Beisetzung sprach Elias in der alten Sprache. Er machte Fehler. Mara korrigierte ihn nicht.

Danach kündigte er seine Stelle auf Talos endgültig. Er übernahm die Wartung der regionalen Netze von Kepler und eröffnete in Jians Werkstatt einen Raum, in dem alte Bücher digitalisiert wurden. Den Gartenkalender behielt er nicht für sich. Er stellte eine Übersetzung ins freie Netz, zusammen mit Bildern des Baumes und einer Anleitung zum Pfropfen.

Ein junges Reis wurde nach Neris geschickt.

Yuna arbeitete inzwischen für die neue Wasserkommission. Sie hätte Vorsitzende werden können, lehnte aber ab.

Oren„Warum?“, fragte Oren, der das öffentliche Archiv leitete.

Yuna„Weil ich weiß, wie gefährlich es ist, wenn dieselben Menschen die Daten besitzen und die Entscheidungen treffen“, antwortete Yuna.

Sie übernahm stattdessen den Aufbau eines unabhängigen Klimaarchivs. Jede Messreihe bekam öffentliche Prüfsummen. Jede Änderung blieb sichtbar. Alte Wetteraufnahmen wurden gesammelt, nicht als Nostalgie, sondern als Vergleich.

Der erste Versuch, Wolken über der Hauptstadt auszubringen, scheiterte. Die Luft war zu trocken. Beim zweiten entstand ein grauer Streifen, der sich auflöste, bevor er die Stadt erreichte. Beim dritten fielen vierundzwanzig Tropfen auf das Dach des Atmosphärenwerks. Die Sensoren zählten sie einzeln.

Oren„Sollen wir die Aufzeichnung veröffentlichen?“, fragte Oren.

Yuna„Natürlich.“

Oren„Vierundzwanzig Tropfen sehen nach einem Misserfolg aus.“

YunaYuna öffnete die Übertragung. „Dann sollen alle sehen, wie ein Anfang aussieht.“

Monate später kam das Birnenreis von Kepler an. Die Zollstelle stufte es zunächst als fremdes Pflanzenmaterial ein. Yuna legte Einspruch ein und fügte eine Seite aus Jians Gartenkalender bei, auf der das Pfropfen beschrieben war.

Im öffentlichen Gewächshaus verband eine Gärtnerin das Reis mit einem Wurzelstock, der an Neris’ Salzluft angepasst war.

Gärtnerin„Ob es anwächst, wissen wir erst in einigen Wochen“, sagte die Gärtnerin.

Yuna„Bäume beantworten andere Fragen“, sagte Yuna.

Sie wusste nicht, woher der Satz kam, bis sie ihn später in der vollständigen Übersetzung des Kalenders las.

Am Ende des Jahres zogen über dem Westbecken natürliche Wolken auf. Nicht von Generatoren erzeugt, sondern durch die veränderte Verdunstung der geöffneten Speicher. Die Kommission wollte eine Warnung ausgeben. Manche fürchteten Überschwemmungen, andere Verunreinigungen. Yuna bestand auf Vorsicht, aber nicht auf Verhinderung.

Der Regen begann kurz nach Sonnenuntergang.

Zuerst standen die Menschen nur da. Dann stellten sie Schüsseln auf die Straßen, obwohl niemand das Wasser trinken sollte. Kinder liefen barfuß über die Plätze. Alte Menschen weinten. Überall öffneten sich Fenster.

Yuna ging auf das Dach des Archivs. Oren folgte mit zwei Tassen.

Oren„Nicht genehmigte Flüssigkeit“, sagte er und hielt eine in den Regen.

Yuna„Nur eine Erinnerung“, antwortete Yuna.

Das Wasser war kälter als in ihrer Kindheit. Es roch nach Staub, Metall und etwas Grünem, das noch gar nicht wachsen konnte.

Ihr Terminal meldete eine Nachricht von Elias. Kein Bild, nur fünf Wörter.

Mein Vater hätte das geglaubt.

Yuna hielt das Gerät unter die Jacke, damit es trocken blieb. Dann schrieb sie:

Meine Mutter auch.

Sie sahen einander nicht wieder.

Das machte die Nacht nicht kleiner.

Kapitel 12

Geborgtes Licht

Zwölf Jahre später war Regen auf Neris noch immer selten, aber nicht mehr verboten. Die Kinder lernten in der Schule, wie Wolken entstanden und warum Verträge kein Naturgesetz waren. Auf den Dächern standen wieder Rinnen. Jede Familie durfte eine bestimmte Menge speichern, ohne dafür eine Förderlizenz zu benötigen.

Yuna leitete das Freie Klimaarchiv. Ihr Haar war an den Schläfen grau geworden, und junge Archivarinnen hielten ihre Ruhe für angeboren. Sie wussten nicht, wie oft Yuna früher eine Tür zu schnell geöffnet, eine Antwort zu scharf gegeben oder nachts auf einem Dach gestanden hatte, weil Warten sich wie Feigheit anfühlte.

Im Eingangsbereich des Archivs wuchs der Birnbaum von Kepler. Der Wurzelstock war niedrig und kräftig, der aufgepfropfte Ast bog sich jedes Jahr unter kleinen hellen Früchten. Neben dem Baum lag eine Kopie von Jian Rens Gartenkalender in drei Sprachen.

Der letzte Eintrag war von Elias ergänzt worden.

Der alte Baum ist gefallen. Sein Ast wächst unter einem anderen Himmel weiter.

Yuna hatte den Satz archiviert, ohne ihn zu kommentieren.

Elias lebte weiterhin auf Kepler. Aus dem kleinen Digitalisierungsraum war ein Haus der Sprachen geworden. Kinder brachten Briefe ihrer Großeltern, Arbeitsbücher, Lieder und Rezepte. Elias zeigte ihnen, wie man Papier glättete, Aufnahmen beschriftete und eine Übersetzung als Einladung verstand, nicht als Ersatz.

Im Garten stand der Stamm des alten Birnbaums noch als Bank. Ein Sturm hatte ihn drei Jahre nach Jians Tod gebrochen. Elias hatte das gesunde Holz verteilt. Reiser wuchsen auf Kepler, Neris und vier weiteren Welten.

Manchmal fragte er sich, was geschehen wäre, wenn er an der Kreuzung auf Ambar nach rechts gegangen wäre. Die Frage schmerzte nicht mehr. Sie war eine Tür, die geschlossen blieb, damit andere offenstanden.

Yuna stellte sich dieselbe Frage, wenn ein Nachtflug auf der Anzeige erschien. Auch sie hatte ein Leben geführt, das nicht aus Warten bestand. Freundschaften, Arbeit, eine kurze Beziehung, die ehrlich endete, und tausend Morgen, an denen der Himmel wichtiger war als Erinnerung. Elias war darin kein fehlendes Stück. Er war eine Richtung, die sie einmal erkannt hatte.

Zum Jahrestag der ersten Veröffentlichung eröffnete das Archiv eine Ausstellung über verlorene Wetterdaten. Yuna legte Senas Speicherplatte, den Sicherungsdraht vom Dach und den siebten Fahrschein in eine gemeinsame Vitrine. Elias hatte ihn nach Jians Beisetzung geschickt. Auf der Rückseite stand in der alten Sprache ein Satz, den Yuna ohne Übersetzung lesen konnte.

Zeit kehrt nicht zurück. Menschen können es.

Eine Schülerin blieb vor der Vitrine stehen.

Schülerin„Waren Sie und dieser Elias zusammen?“, fragte sie.

YunaYuna lächelte. „Eine Nacht lang saßen wir nebeneinander.“

Schülerin„Das ist keine Antwort.“

Yuna„Doch“, sagte Yuna. „Nur nicht auf die Frage, die du gestellt hast.“

Am Abend flog sie nach Ambar, um eine neue Sammlung zu übernehmen. Der Zubringer war moderner als damals, aber die Reihenfolge der Sitze hatte sich nicht geändert. Yunas Platz lag in Reihe vierzehn am Fenster.

Vierzehn B blieb bis kurz vor dem Start leer. Für einen Moment erlaubte Yuna sich eine unmögliche Erwartung. Dann setzte sich dort ein junger Mann mit einem schlafenden Kind auf dem Arm. Er entschuldigte sich für die Tasche unter dem Sitz.

Yuna„Kein Problem“, sagte Yuna.

Als die Triebwerke starteten, griff der Mann nach der Armlehne. Seine Finger wurden weiß.

Yuna„Erster Flug?“, fragte Yuna.

Junger Mann„Zwanzigster“, antwortete er.

Yuna„Dann mögen Sie Abflüge einfach nicht.“

Er lachte nervös. Das Kind schlief weiter.

Unter ihnen wurde Neris kleiner. Zwischen den Wolken glänzten offene Wasserbecken. Auf mehreren Dächern standen Menschen, vielleicht weil am Horizont Regen angekündigt war.

Yuna öffnete den Gartenkalender auf ihrem Terminal. In der Datei lag eine letzte Tonaufnahme, die Elias Jahre zuvor zusammen mit der Übersetzung hochgeladen hatte. Seine Stimme las den ersten Eintrag flüssig in der Sprache seines Vaters.

Der Junge gräbt zu flach. Heute haben wir einen Birnbaum gepflanzt.

Yuna schloss die Datei, bevor die Sterne sich im Sprungkorridor zu Linien zogen.

Manche Begegnungen waren keine Wege, die man gemeinsam zu Ende ging. Sie waren Licht, das für eine Weile von einem fremden Fenster in das eigene fiel. Man konnte es nicht festhalten. Aber man konnte damit sehen, wohin man als Nächstes musste.

Die Kabinenbeleuchtung wurde gedimmt.

Automatische Stimme„Verbindung hergestellt“, sagte die automatische Stimme.

Yuna lehnte den Kopf ans Fenster.

Diesmal mochte sie die Ankunft.