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Across the Galaxy · Kurzroman 08

Der Fall nach oben

Kaia Orlovs Geschichte · zu Gravity Runner

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Across the Galaxy · Band 08

Der Fall nach oben

Kaia Orlovs Geschichte

Kapitel 01

Der Lastengleiter

Kaia Orlov lernte früh, dass Maschinen ehrlicher waren als Menschen. Wenn ein Lager ausgeschlagen war, sang es. Wenn eine Kühlleitung verstopfte, wurde sie heiß. Wenn ein Schubregler falsch kalibriert war, zog der Gleiter nach links, ganz gleich, wie überzeugend sein Besitzer behauptete, das sei schon immer so gewesen.

In der Werkstatt ihres Vaters bekam jede Lüge ein Geräusch.

Marek„Hör hin“, sagte Marek Orlov, als Kaia acht Jahre alt war und mit beiden Händen einen Schraubenschlüssel hielt, der fast so lang war wie ihr Unterarm. „Was sagt der Motor?“

Kaia„Dass Lev ihn kaputt gemacht hat“, antwortete Kaia.

Lev„Das sagt er nicht“, erwiderte Lev von der anderen Seite des geöffneten Lastengleiters. „Das erfindest du.“

MarekMarek legte zwei Finger an das Gehäuse. „Er sagt, dass die linke Lagerung schwingt. Wer sie beschädigt hat, verrät er uns nicht.“

Kaia„Also Lev“, sagte Kaia.

Lev war vier Jahre älter und konnte bereits einen Gleiter durch das Werkstatttor setzen, ohne die Seitenmarkierungen zu berühren. Kaia streifte noch regelmäßig den rechten Pfosten. Lev behauptete, das liege nicht am Fahrzeug, sondern an ihrer Ungeduld.

Lev„Du bremst zu spät“, erklärte Lev.

Kaia„Du bremst zu früh“, entgegnete Kaia.

Lev„Ich stoße wenigstens nicht gegen das Tor“, sagte Lev.

Kaia„Weil du nie schnell genug bist“, antwortete Kaia.

Marek ließ sie streiten, solange ihre Hände weiterarbeiteten. Die Werkstatt stand unter dem südlichen Orbitalring von Leda, wo das Licht der Stadt von den breiten Metallbögen gebrochen wurde. Über den Dächern bewegten sich die Monde langsam durch den Himmel. Ihre Anziehung zog an den Ringsegmenten und ließ an manchen Tagen Tassen über die Werkbank wandern.

Marek nannte diese Tage Schwerkraftwetter.

Kaia„Man kann Schwerkraft nicht sehen“, sagte Kaia einmal.

Marek„Man sieht auch den Wind nicht“, antwortete Marek. „Nur was er bewegt.“

Lev nahm sie nach Feierabend zu den Entwässerungstunneln mit. Dort fuhren Jugendliche Rennen mit Liefergleitern, Wartungsschlitten und allem, was einen Reaktor hatte. Die Strecken waren eng, illegal und von den Schwankungen des Rings abhängig. Lev gewann, weil er nicht gegen jede Kurve kämpfte. Er setzte den Gleiter früh, nahm Schub weg und ließ die wechselnde Anziehung den Rest erledigen.

Kaia saß daneben und hasste, wie einfach es aussah.

Kaia„Du steuerst kaum“, sagte Kaia nach seinem dritten Sieg.

Lev„Doch“, widersprach Lev. „Nur nicht immer mit den Händen.“

Kaia„Das klingt nach einer Ausrede für Faulheit“, sagte Kaia.

LevLev tippte ihr gegen die Stirn. „Du willst jede Kurve besiegen. Manche musst du verstehen.“

Mit fünfzehn beschloss Kaia, dass Verstehen nur eine langsamere Form des Gewinnens sei. Marek war zu einer Außenreparatur gerufen worden, Lev trainierte bei einem regionalen Team, und in der Werkstatt stand ein übergewichtiger Lastengleiter, dessen Besitzer seit sechs Monaten nicht bezahlt hatte. Das Fahrzeug war auf einer Seite verbeult und für achtzig Kilometer pro Stunde zugelassen.

Kaia entfernte den Begrenzer, drehte die Schubdüsen nach innen und fuhr zum Tunnel Sieben.

Teren„Das Ding startet heute nicht“, sagte Teren, der die Rennen organisierte.

Kaia„Es ist bereits gestartet“, antwortete Kaia.

Teren„Es hat eine Frachtkabine“, sagte Teren.

Kaia„Dann können die anderen dort einsteigen, wenn sie verlieren“, erwiderte Kaia.

Sie lag am ersten Kontrollpunkt zwei Längen zurück. Der Gleiter war schwer und wollte in jeder Kurve geradeaus. Kaia hörte Mareks Stimme: Eine Maschine sagt dir, was sie kann. Sie hörte Levs Stimme: Manche Kurven musst du verstehen.

Dann tat sie etwas, das keiner von beiden empfohlen hätte. Sie öffnete den hinteren Lademechanismus, verschob während der Fahrt den Schwerpunkt und ließ das Heck über den feuchten Tunnelboden schwingen. Der Gleiter drehte sich quer durch die engste Biegung, fing sich auf der anderen Seite und schoss an den beiden Führenden vorbei.

Am Ende lag Kaia drei Längen vorn und hatte keine Bremsen mehr.

Lev fing den Lastengleiter mit einem Wartungstraktor ab. Metall kreischte, Kupplungen brachen, und beide Fahrzeuge kamen wenige Meter vor einem geschlossenen Fluttor zum Stehen.

Rauch stieg aus dem Motor. Lev riss die Kabinentür auf.

Lev„Du bist wahnsinnig“, sagte Lev.

Kaia„Aber schnell“, antwortete Kaia.

Lev„Das eine ist kein Beweis für das andere“, erwiderte Lev.

Marek stand am Ausgang des Tunnels. Er sagte lange nichts. Kaia wäre mit einem Wutausbruch besser zurechtgekommen.

Marek„Der Gleiter ist nicht mehr zu retten“, stellte Marek schließlich fest.

Kaia„Ich kann ihn reparieren“, sagte Kaia.

Marek„Du wirst ihn reparieren“, antwortete Marek. „Das ist etwas anderes.“

Kaia„Und ich habe gewonnen“, sagte Kaia.

MarekMarek sah zum Fluttor und dann zu Lev. „Dein Bruder hat gewonnen. Du bist angekommen, weil er dich aufgefangen hat.“

Kaia arbeitete sieben Wochen an dem Lastengleiter. Marek zog den Schaden von jedem Lohn ab, den sie in der Werkstatt verdiente. Lev half nachts, obwohl Kaia ihn nicht darum bat.

Kaia„Ich hätte es allein geschafft“, sagte Kaia, als er eine neue Bremsleitung einbaute.

Lev„Sicher“, antwortete Lev. „Nur nicht vor deinem dreißigsten Geburtstag.“

Kaia„Du willst nur wieder der Retter sein“, warf Kaia ihm vor.

LevLev legte den Schlüssel hin. „Ich will, dass du lange genug lebst, um mich irgendwann wirklich zu schlagen.“

Kaia nahm den Schlüssel auf. Zum ersten Mal hörte sie in seiner Stimme kein Spottgeräusch, sondern Angst.

Sie arbeitete weiter, bis der Motor wieder ehrlich klang.

Kapitel 02

Die Linie zwischen den Monden

Zwei Jahre später sah Kaia Lev zum ersten Mal in einem echten Runner. Das Schiff hieß Ardent und war kaum mehr als ein Cockpit zwischen zwei Triebwerken. Die Außenhaut lag eng über dem Rahmen, jede Fläche diente entweder der Kühlung oder der Feldsteuerung. Für Komfort war kein Gramm übrig.

Kaia„Man müsste die Leitungen neu führen“, sagte Kaia, nachdem sie einmal um das Schiff gegangen war.

Lev„Guten Morgen auch“, erwiderte Lev.

Kaia„Die rechte Feldspule bekommt zu wenig Kühlung“, erklärte Kaia.

SavaTeamingenieurin Sava Pell hob eine Augenbraue. „Du hast das Schiff seit neunzig Sekunden gesehen.“

Kaia„Achtundsiebzig“, korrigierte Kaia. „Die Leitung ist verfärbt.“

Sava kniete sich unter die Tragfläche, prüfte die Stelle und fluchte leise. Am selben Abend bot sie Kaia eine Aushilfsstelle an.

Lev„Ich brauche keine Aushilfe“, sagte Lev.

Sava„Dich habe ich nicht gefragt“, antwortete Sava.

Marek wollte, dass Kaia ihre technische Zulassung abschloss. Kaia wollte an der Rennstrecke arbeiten. Sie einigten sich darauf, dass sie beides tun und dafür auf Schlaf verzichten würde.

Die regionale Liga war kleiner als die Bilder, aber lauter. In den Wartungshallen dröhnten Pumpen, Pressen und Musik übereinander. Sponsorenvertreter trugen saubere Schuhe, Piloten trugen farbige Anzüge, und Mechaniker trugen die Folgen aller Entscheidungen.

Kaia liebte es.

Lev war auf der Strecke ein anderer Mensch. In der Werkstatt machte er Witze und ließ Schrauben fallen. Im Cockpit wurde er still. Vor jedem Start legte er die Hand auf die linke Konsole, schloss die Augen und wartete, bis die Feldanzeige zweimal pulsierte.

Kaia„Betest du?“, fragte Kaia.

Lev„Ich höre“, antwortete Lev.

Kaia„Die Sensoren sind digital“, sagte Kaia. „Sie machen kein Geräusch.“

Lev„Nicht mit den Ohren“, erwiderte Lev.

Kaia hielt das für Pilotenmystik, bis sie die Telemetrie seiner ersten Saison auswertete. Lev reagierte auf Änderungen im Feld oft eine Zehntelsekunde, bevor die Warnsysteme anschlugen. Er spürte Druckverschiebungen im Sitz, Vibrationen im Rahmen und die winzige Verzögerung eines Triebwerks. Für Zuschauer sah es aus wie Instinkt. Kaia wusste, dass es Aufmerksamkeit war.

Sie begann, die Ardent auf ihn abzustimmen. Der Steuerknüppel bekam weniger Widerstand, die Feldspulen eine schnellere Rückmeldung, der Sitz eine dünnere Polsterung. Lev beschwerte sich über jeden Umbau und fuhr danach bessere Zeiten.

Lev„Du hast die linke Korrektur verändert“, sagte Lev nach einem Training.

Kaia„Um zwei Prozent“, bestätigte Kaia.

Lev„Ohne mich zu fragen“, sagte Lev.

Kaia„Wenn ich dich frage, sagst du nein“, antwortete Kaia.

Lev„Dann ist Nein meine Antwort“, erwiderte Lev.

Kaia„Deine Runde war eine halbe Sekunde schneller“, sagte Kaia.

LevLev zog den Helm ab. „Das macht es nicht richtig.“

Kaia„Es macht dich schnell“, entgegnete Kaia.

SavaSava stellte sich zwischen sie. „Ihr beide habt recht, und deshalb seid ihr unerträglich. Kaia dokumentiert ab jetzt jede Änderung. Lev liest die Dokumentation, bevor er startet.“

Lev„Ich lese sie“, behauptete Lev.

Sava„Du benutzt sie als Unterlage für deinen Kaffee“, sagte Sava.

Die Ardent gewann sechs regionale Rennen. Beim letzten stand ein Vertreter der offiziellen Orbital League in der Box. Er hieß Cato Rinn, trug das silberne Abzeichen der Liga und sprach, als sei jede Unterhaltung bereits ein Vertrag.

Cato„Lev Orlov“, sagte Cato. „Sie finden Linien, die andere Piloten nicht sehen.“

Lev„Kaia baut mir ein Schiff, das sie aushält“, antwortete Lev.

CatoCato sah zu Kaia. „Mechaniker können wir überall finden.“

Lev„Dann finden Sie eine“, sagte Lev.

Das Angebot kam drei Tage später. Es umfasste ein offizielles Cockpit, ein Gehalt, das Mareks Werkstatt in zwei Jahren schuldenfrei machen würde, und eine Klausel, die das Team über alle technischen Entscheidungen stellte.

Marek„Nimm es“, sagte Marek am Küchentisch.

Lev„Sie wollen Kaia nicht“, antwortete Lev.

Marek„Sie wollen dich“, erklärte Marek.

KaiaKaia schob den Vertrag zurück. „Dann sollen sie mich eben später wollen.“

Lev„Du tust so, als wäre dir das egal“, sagte Lev.

Kaia„Es ist mir nicht egal“, antwortete Kaia. „Aber ich werde nicht der Grund sein, weshalb du bleibst.“

Lev nahm das Angebot an. Zwei Wochen später verließ er Leda mit dem Team. Kaia stand am Startfeld und sah den Shuttlepunkt kleiner werden.

Marek„Du könntest ihm nachreisen“, sagte Marek.

Kaia„Nicht als Gepäck“, erwiderte Kaia.

Sie schloss ihre Zulassung mit der höchsten Prüfungspunktzahl ihres Jahrgangs ab. Danach baute sie drei Monate lang Feldspulen für Frachter, bis Lev sie mitten in der Nacht anrief.

Lev„Die Ardent vibriert bei tiefen Manövern“, sagte Lev ohne Begrüßung.

Kaia„Welche Frequenz?“, fragte Kaia.

Lev„Hundertachtzig bis zweihundert“, antwortete Lev.

Kaia„Sekundärspule“, sagte Kaia. „Die Halterung sitzt zu steif.“

Lev„Das Team sagt, die Werte seien normal“, erklärte Lev.

Kaia„Das Team irrt sich“, antwortete Kaia.

Drei Tage später schickte Sava ihr eine Fahrkarte, eine Zugangskarte und einen Arbeitsvertrag. Unter der Unterschrift stand nur ein Satz: Mechanikerinnen kann man überall finden. Gute nicht.

Kaia packte einen Werkzeugkoffer. Marek fuhr sie zum Hafen.

Marek„Gewinn nicht jeden Streit“, sagte Marek beim Abschied.

Kaia„Nur die wichtigen“, antwortete Kaia.

Marek„Das ist genau die falsche Antwort“, erwiderte Marek.

Kaia umarmte ihn trotzdem. Über Leda standen zwei Monde so nah beieinander, dass ihre Schatten sich berührten. Dazwischen lag eine schmale Linie aus Licht.

Lev fand sie auf der Strecke. Kaia wollte lernen, wie man sie baute.

Kapitel 03

Drei Saisons

Die offizielle Liga verkaufte Geschwindigkeit als Reinheit. Auf den Übertragungen glitten die Runner lautlos über leuchtende Bahnen. Keine Kamera zeigte die Mechaniker, die nach jedem Lauf geschmolzene Isolierung von den Spulen kratzten. Kein Kommentar erwähnte, dass Piloten nach tiefen Feldmanövern Blutergüsse unter den Gurten hatten.

Kaia lernte, welche Wahrheiten in der Werbung Platz fanden.

In der ersten Saison fuhr Lev für das Team Halcyon. Die Ardent wurde durch die Vela ersetzt, ein schnelleres Schiff mit empfindlicheren Feldflächen. Kaia und Sava arbeiteten oft zwanzig Stunden am Stück.

Kaia„Der linke Stabilisator hinkt“, sagte Kaia vor dem Rennen um Leda Zwei.

Cato„Im Protokoll steht grün“, erwiderte Teamchef Cato Rinn.

Kaia„Die Farbe ist kein Messwert“, sagte Kaia.

CatoCato sah auf die Uhr. „Der Start ist in elf Minuten.“

Kaia„Dann haben Sie noch zehn, um ihn zu verschieben“, antwortete Kaia.

LevLev blieb angeschnallt im Cockpit. „Was brauchst du?“

Kaia„Drei Minuten und eine neue Kopplung“, sagte Kaia.

Cato„Du hast zwei“, entschied Cato.

Kaia schaffte es in neunzig Sekunden. Lev gewann mit vier Zehnteln Vorsprung. Im Interview dankte er dem Team und nannte Kaia beim Namen. Der Sender schnitt den Satz aus der Wiederholung.

Cato„Du hättest den Sponsor nennen sollen“, sagte Cato später.

Lev„Der Sponsor hat den Stabilisator nicht repariert“, antwortete Lev.

Cato„Der Sponsor bezahlt ihn“, erwiderte Cato.

Kaia„Dann soll er lernen, wie man ihn einbaut“, sagte Kaia.

Lev gewann drei Saisons. Sein Gesicht hing auf den Ringstationen, an Fährhäfen und über der Tür eines Schnellrestaurants, dessen Essen er nicht vertrug. Zuschauer liebten sein ruhiges Lächeln. Kaia kannte das Zittern seiner Hände, wenn die Kameras ausgeschaltet waren.

Nach einem besonders tiefen Manöver auf Nysa musste sie ihm den Becher halten.

Lev„Das sieht niemand“, sagte Lev und beobachtete, wie Flüssigkeit über den Rand schwappte.

Kaia„Ich sehe es“, antwortete Kaia.

Lev„Du zählst nicht“, erwiderte Lev.

Kaia„Freundlich“, sagte Kaia.

LevLev schüttelte den Kopf. „Ich meine, du bist nicht das Publikum. Du weißt, was es kostet.“

Kaia begann, Belastungsdaten zu sammeln. Tiefe Mondmanöver beschleunigten das Schiff, aber sie zerrten in mehreren Richtungen am Körper. Die Liga begrenzte die Dauer, nicht die wechselnden Spitzen. Lev überschritt keine Regel. Trotzdem wurden seine Hände von Saison zu Saison unruhiger.

Kaia„Steig aus“, sagte Kaia nach seinem dritten Titel.

Lev„Wir haben noch zwei Jahre Vertrag“, antwortete Lev.

Kaia„Verträge sind Papier“, sagte Kaia.

Lev„Die Werkstatt ist Sicherheit für den Kredit“, erinnerte Lev sie. „Wenn ich gehe, holen sie sich alles.“

Marek hatte das Geld aus Levs Vertrag in neue Maschinen gesteckt. Die Aufträge kamen nicht so schnell wie versprochen. Als die Voss-Gruppe die Liga übernahm, kaufte sie zugleich mehrere Kreditgeber. Plötzlich gehörte auch die Hypothek der Werkstatt zu einem Unternehmen, dessen Logo auf Levs Schiff stand.

Voss machte die Rennen größer. Sicherheitsfelder wurden für dramatischere Aufnahmen reduziert. Kommentatoren sprachen von Mut, wenn Piloten näher an instabile Zonen geschickt wurden. In den Verträgen hieß es, das erhöhe die Authentizität.

Sava„Authentisch ist, wenn ein Feldknoten ein Schiff zerreißt“, sagte Sava während einer Besprechung.

DrexVoss-Manager Selan Drex lächelte. „Deshalb haben wir Sicherheitsprotokolle.“

Sava„Sie streichen gerade drei davon“, erwiderte Sava.

Drex„Wir modernisieren sie“, sagte Drex.

Kaia speicherte die Sitzung heimlich. Lev bemerkte es, sagte aber nichts. Später fand er sie in der Wartungsschleuse.

Lev„Du kannst nicht jede falsche Entscheidung archivieren“, sagte Lev.

Kaia„Doch“, antwortete Kaia. „Speicher ist billig.“

Lev„Und wenn sie dich erwischen?“, fragte Lev.

Kaia„Dann wissen sie wenigstens, dass jemand hinsieht“, erwiderte Kaia.

LevLev lehnte sich gegen die Wand. „Ich will nach dieser Saison aufhören.“

Kaia„Diesmal wirklich?“, fragte Kaia.

Lev„Diesmal wirklich“, bestätigte Lev. „Marek verkauft die Hälfte der Werkstatt. Wir zahlen den Rest ab. Ich unterrichte vielleicht.“

Kaia„Du würdest Schüler nach zwei Tagen anschreien“, sagte Kaia.

Lev„Du schreist Maschinen an“, entgegnete Lev.

Kaia„Maschinen hören zu“, antwortete Kaia.

LevLev lächelte. Es war das Lächeln, das nicht den Kameras gehörte. „Kommst du mit zurück?“

KaiaKaia dachte an Leda, an den Geruch der Werkstatt und daran, wie klein ihr Leben dort einmal gewirkt hatte. „Für eine Weile“, sagte sie.

Lev„Das bedeutet Nein“, stellte Lev fest.

Kaia„Es bedeutet, dass ich noch nicht weiß, was danach kommt“, antwortete Kaia.

Lev„Dann finden wir es heraus“, sagte Lev.

Der Grand Orbit sollte sein vorletztes Rennen werden. Voss warb mit dem tiefsten Feldkurs in der Geschichte der Liga. Auf den Plakaten stand: KEINE ANGST VOR DER KURVE.

Kaia riss eines davon von der Wand.

Lev„Das wird langsam teuer“, sagte Lev.

Kaia„Setz es auf die Rechnung der Voss-Gruppe“, antwortete Kaia.

Am Abend vor dem Start saßen sie auf der Tragfläche der Vela. Ring Vier zog als glühender Bogen über ihnen vorbei.

Kaia„Wenn morgen etwas falsch aussieht, fährst du nicht“, sagte Kaia.

Lev„Wenn morgen etwas falsch ist, sagst du es mir“, antwortete Lev.

Kaia„Das habe ich gerade“, erwiderte Kaia.

LevLev zog seinen rechten Handschuh aus und legte ihn zwischen sie. „Wir entscheiden zusammen.“

KaiaKaia schlug mit ihrer behandschuhten Hand darauf. „Zusammen.“

In der Nacht wurden die Felddaten des Grand Orbit aktualisiert. Die Warnung erschien um 03:17 Uhr und verschwand um 03:22 Uhr.

Kaia war die Einzige im Team, die beide Fassungen speicherte.

Kapitel 04

Das Schiff hielt

Der instabile Knoten lag nahe Ring Vier. Vier Sonden meldeten zwölf Prozent Schwankung, genug für einen Streckenabbruch. In der freigegebenen Fassung standen zwei Prozent.

Kaia„Das ist kein Messfehler“, sagte Kaia.

SavaSava zog die Daten auf ihr eigenes Gerät. „Wer hat die Werte geändert?“

Kaia„Die Freigabe trägt Drex’ Signatur“, antwortete Kaia.

Sie fanden Selan Drex im Kontrollraum vor einer Wand aus Kamerabildern.

Kaia„Der Start wird abgebrochen“, sagte Kaia ohne Begrüßung.

Drex„Sie haben hier keinen Zutritt“, antwortete Drex.

SavaSava hielt ihm die beiden Datensätze hin. „Erklären Sie den Unterschied.“

Drex„Der erste Satz enthielt einen Sensorfehler“, sagte Drex.

Kaia„Vier unabhängige Sonden melden dasselbe“, sagte Kaia.

DrexDrex ließ zwei Sicherheitsleute näher treten. „Mechanikerinnen geben keine Rennfreigaben.“

Kaia„Sie geben auch keine Gravitation frei“, antwortete Kaia. „Das Feld interessiert sich nicht für Ihre Zuständigkeiten.“

Lev wartete im offenen Cockpit. Über ihm kreisten Kameradrohnen. Das Publikum im Grand Orbit klang selbst durch die Wände der Box wie ein Sturm.

Kaia schob sich an den Sicherheitsleuten vorbei und kletterte auf die Tragfläche.

Kaia„Der Knoten ist instabil“, sagte Kaia.

LevLev sah an ihr vorbei zu Cato, Sava und Drex. „Abbruch?“

Kaia„Ja. Sofort“, antwortete Kaia.

CatoCato hob sein Gerät. „Die offizielle Freigabe ist gültig.“

Kaia„Sie lügen“, sagte Kaia.

DrexDrex trat an das Cockpit. „Wenn Sie nicht starten, ist das Vertragsbruch. Die ausstehenden Forderungen werden sofort fällig.“

LevLev blickte zu Kaia. „Dann nehmen sie die Werkstatt.“

Kaia„Wenn du startest, nehmen sie vielleicht dich“, antwortete Kaia.

LevEr lächelte, diesmal nur für sie. „Dann sorg dafür, dass das Schiff hält.“

Kaia„Das ist keine Entscheidung zusammen“, sagte Kaia.

Lev„Nein“, gab Lev zu. „Diesmal ist es meine.“

Der Countdown begann. Kaia prüfte Gurte und Feldspulen, obwohl es sich wie Zustimmung anfühlte.

Kaia„Fahr hoch“, verlangte Kaia. „Wenn der Knoten springt, gehst du über den Ring.“

Lev„Dann verliere ich“, sagte Lev.

Kaia„Dann lebst du“, antwortete Kaia.

Lev„Verstanden“, bestätigte Lev.

Die Kanzel schloss sich. Kaia legte ihre Hand auf das Glas. Lev hob seinen alten rechten Handschuh dagegen.

Die Vela startete.

Kaia sah auf die Telemetrie, nicht auf die Strecke. Die Feldwerte stiegen. Lev nahm die erste Kurve sauber, dann die zweite. Vor Ring Vier blinkte die Warnung für zwei Zehntelsekunden auf und wurde vom System unterdrückt.

Kaia„Lev, Knoten steigt“, sagte Kaia in den Teamkanal. „Drei Grad hoch.“

Lev„Bestätigt“, antwortete Lev.

Seine Flugbahn änderte sich nicht.

Kaia„Lev, sofort hoch“, befahl Kaia.

Lev„Steuerung reagiert verzögert“, meldete Lev.

Das Feld sprang.

Auf der Anzeige sah es aus wie eine Welle, die über alle Messlinien zugleich lief. Die Vela wurde seitlich erfasst. Lev zündete die Korrekturtriebwerke, aber die Anziehung drehte das Schiff aus dem Kurs.

Lev„Kaia“, sagte Lev im Funk.

Nur ihren Namen.

Dann schlug die Vela gegen die äußere Struktur von Ring Vier. Das Signal brach ab.

Das Schiff hatte gehalten. Der Rahmen blieb bis zum Aufprall intakt. Das Feld nicht.

Sechs Kameras zeigten den Zusammenstoß. Eine fing ein abgerissenes Triebwerk ein, das noch drei Sekunden blau brannte. Dann spielte die Liga Werbung.

Sava zog Kaia von der Telemetriewand weg, während Sicherheitsleute die Stationen versiegelten.

Kaia„Meine Kopie“, sagte Kaia.

Sava„Hast du sie?“, fragte Sava.

KaiaKaia tastete nach dem Speicher in ihrer Jacke. „Ja.“

Sava„Dann geh“, befahl Sava.

Kaia„Lev ist noch draußen“, sagte Kaia.

SavaSava packte sie an beiden Schultern. „Lev kommt nicht zurück. Die Daten vielleicht schon.“

Die Untersuchung dauerte drei Wochen, ihr Ergebnis stand nach einem Tag fest: riskanter Winkel, ignorierte Warnung, menschliches Versagen. Kaia legte ihre Kopie vor. Voss’ Anwälte nannten sie manipuliert; die Originalspeicher seien beim Feldsprung beschädigt worden. Sava verlor ihre Lizenz.

Kaia„Sag ihnen, dass du dich irrst“, verlangte Kaia.

Sava„Dann bleibt wenigstens eine von uns in der Branche“, antwortete Sava.

Kaia„Ich will in keiner Branche bleiben, die ihn tötet und ihm die Schuld gibt“, sagte Kaia.

Voss stellte Vertragsforderungen gegen die Werkstatt. Marek erhielt den Bescheid während Levs Beisetzung. Zwei Tage später erlitt er einen Schlaganfall.

Kaia fand ihn zwischen der Drehbank und dem geöffneten Lastengleiter, den sie mit fünfzehn zerstört hatte. Marek hatte ihn nie verkauft. Seine linke Hand lag reglos auf dem Boden.

Kaia„Vater, hörst du mich?“, fragte Kaia.

Marek konnte nicht antworten.

Im Krankenhaus zeigte jeder zweite Bildschirm Levs Ligadenkmal: ER FLOG OHNE ANGST.

Kaia schaltete einen Bildschirm nach dem anderen aus.

Pfleger„Lassen Sie das“, sagte ein Pfleger.

Kaia„Er hatte Angst“, antwortete Kaia.

Pfleger„Wer?“, fragte der Pfleger.

Kaia„Mein Bruder“, sagte Kaia. „Er hatte Angst und ist trotzdem gefahren. Sie nehmen ihm sogar das.“

Marek öffnete die Augen. Sein Mund bewegte sich, aber die Worte kamen langsam und beschädigt.

Marek„Kaia“, brachte Marek hervor.

Sie setzte sich neben ihn.

Kaia„Ich bin hier“, sagte Kaia.

Marek hob die rechte Hand und schloss sie um ihre Finger. Seine linke blieb still.

Kaia spürte zum ersten Mal, wie schwer eine Hand sein konnte, wenn sie jemanden festhielt.

Kapitel 05

Die namenlosen Ringe

Die Werkstatt wurde versiegelt, bevor Marek das Krankenhaus verlassen konnte. Voss nahm Maschinen, Konten und das Grundstück. Kaia durfte persönliche Gegenstände aus einem Nebenraum holen. Sie nahm Levs Werkzeug, die gespeicherten Felddaten und den alten Handschuh, den man ihr nach dem Unfall zurückgegeben hatte.

Verwalter„Mehr gehört Ihnen rechtlich nicht“, sagte der Verwalter.

Kaia„Nichts davon gehört Voss rechtlich“, antwortete Kaia.

Verwalter„Das klären Sie vor Gericht“, erwiderte der Verwalter.

Kaia„Das Gericht kostet Geld“, sagte Kaia.

Verwalter„Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich“, antwortete der Mann.

Kaia hätte ihm gern erklärt, wie wenig sich Schwerkraft für Zuständigkeiten interessierte. Stattdessen ging sie.

Marek zog in eine kleine barrierefreie Wohnung nahe der Klinik. Er lernte wieder, kurze Strecken zu gehen, doch seine linke Hand blieb fast unbeweglich. Das Sprechen kostete ihn Kraft. Kaia besuchte ihn jeden Morgen und verschwieg, wohin sie nachts fuhr.

Die namenlosen Ringe lagen unter den offiziellen Korridoren von Leda. Es waren stillgelegte Frachtbahnen, Wartungsbögen und Schwerkraftschächte, die in keinem öffentlichen Plan standen. Dort fuhren Piloten ohne Lizenzen, Teams ohne Versicherungen und Veranstalter ohne Gewissen.

Kaia fand die Szene über Teren, den Organisator aus Tunnel Sieben.

Teren„Du brauchst ein Schiff“, sagte Teren.

Kaia„Ich baue eins“, antwortete Kaia.

Teren„Du brauchst Geld“, erklärte Teren.

Kaia„Dann gewinne ich welches“, sagte Kaia.

Teren„Du brauchst zuerst ein Schiff, um Geld zu gewinnen“, erwiderte Teren.

Kaia„Deshalb rede ich mit dir“, antwortete Kaia.

Teren brachte sie zu Iri Daan. Iri betrieb eine Werkstatt in einem entkernten Frachtmodul und kaufte Teile, deren Seriennummern niemand vermisste. Ihr Haar war an einer Seite abrasiert, an der anderen von Funken versengt.

Iri„Mechanikerinnen fahren nicht“, sagte Iri, nachdem Kaia ihren Plan erklärt hatte.

Kaia„Piloten bauen nicht“, antwortete Kaia.

Iri„Du bist keine Pilotin“, stellte Iri fest.

Kaia„Noch nicht“, sagte Kaia.

IriIri zeigte auf drei verbogene Rahmen an der Wand. „Das waren Leute, die noch nicht Piloten waren.“

KaiaKaia trat näher. „Der mittlere Rahmen ist falsch verstärkt. Die Last läuft in die Kanzel.“

IriIri verschränkte die Arme. „Du bist seit vier Minuten hier und beleidigst meine Toten.“

Kaia„Ich beleidige den, der den Rahmen gebaut hat“, sagte Kaia.

Iri„Das war ich“, antwortete Iri.

KaiaKaia betrachtete sie. „Dann baust du ihn heute anders.“

Iri lachte zum ersten Mal. Sie gab Kaia einen leeren Platz, Zugang zu Schrott und eine Rechnung, die bei jedem Sieg kleiner werden sollte.

Kaia baute Needle aus Teilen, die andere wegwarfen. Der Rahmen stammte von einem Trainingsrunner, die Triebwerke von zwei unterschiedlichen Kurierbooten, die Feldspulen aus einem Bergbauschlepper. Das Schiff wurde schmal, hässlich und so direkt, dass jede Unwucht durch den Sitz in ihre Knochen ging.

Teren„Es wird dich umbringen“, sagte Teren beim ersten Test.

Kaia„Nur wenn ich schlecht gebaut habe“, antwortete Kaia.

Iri„Oder schlecht fährst“, fügte Iri hinzu.

Kaia„Das eine ist ein technisches Problem“, sagte Kaia.

Iri„Das andere auch“, erwiderte Iri. „Nur sitzt es im Cockpit.“

Kaia verlor ihr erstes Rennen. In der dritten Kurve kämpfte sie gegen ein abfallendes Feld, übersteuerte und drehte Needle zweimal um die eigene Achse. Sie fing das Schiff, kam aber als Letzte ins Ziel.

Pilot Jaro Rhyne wartete an der Schleuse. Er hatte gewonnen und genoss es sichtbar.

Jaro„Mechanikerinnen gehören unter Schiffe“, sagte Jaro.

Kaia„Piloten nach diesem Satz auch“, antwortete Kaia.

Jaro„Du lenkst gegen jede Bewegung“, erklärte Jaro. „Als könntest du Gravitation einschüchtern.“

Kaia„Hat bei dir fast funktioniert“, sagte Kaia.

JaroJaro grinste. „Fast ist ein langes Wort für verloren.“

Kaia sah die Aufzeichnung nicht an. Sie zerlegte Needle und suchte drei Tage lang nach einem Fehler, den es im Schiff nicht gab. Schließlich schaltete Iri den Reaktor ab.

Iri„Du reparierst dich nicht, indem du das Schiff auseinanderbaust“, sagte Iri.

Kaia„Die Rückmeldung ist zu träge“, behauptete Kaia.

Iri„Nein“, widersprach Iri. „Du bist zu laut.“

KaiaKaia hob den Kopf. „Ich habe nichts gesagt.“

Iri„Mit den Händen“, erklärte Iri. „Du schreist durch die Steuerung. Lass Needle einmal antworten.“

Beim zweiten Rennen nahm Kaia in der entscheidenden Kurve die Hände lockerer. Das Feld zog. Needle kippte. Ihr Körper wollte korrigieren, doch sie wartete einen Herzschlag länger.

Das Schiff fiel in die Linie.

Kaia wurde Zweite. Beim dritten Rennen gewann sie. Beim fünften schlug sie Jaro um sechs Zehntel.

Kaia„Fast ist ein langes Wort für verloren“, sagte Kaia an der Schleuse.

Jaro„Das wirst du mir jahrelang vorhalten“, antwortete Jaro.

Kaia„Mindestens“, bestätigte Kaia.

Das Publikum begann, ihren Namen zu rufen. Nicht Kaia. Nicht Orlov.

Gravity Runner.

Kapitel 06

Needle

Kaia fuhr nicht wie Lev. Er hatte mit Schwerkraft getanzt. Sie provozierte sie.

Sie ließ Needle fallen, bis Alarme schrien, und riss das Schiff im letzten Augenblick aus dem Sog. Je tiefer die Linie, desto ruhiger wurde sie. In der Werkstatt schlief sie kaum, bei Marek sprach sie wenig, und sobald ein Rennen endete, suchte sie das nächste. Nur im freien Fall war der Zorn in ihr schnell genug, um still zu wirken.

Nach dem achten Sieg bot die Voss-Gruppe ihr einen offiziellen Vertrag an.

Kaia„Sie wissen, wer ich bin“, sagte Kaia zu Iri.

Iri„Jeder weiß, wer du bist“, antwortete Iri. „Du hast letzte Woche eine Werbedrohne gerammt.“

Kaia„Sie war im Kurs“, verteidigte sich Kaia.

Iri„Sie war über dem Kurs“, korrigierte Iri.

Kaia öffnete die Nachricht nicht. Sie schickte sie ungeöffnet zurück. Am nächsten Tag stand Selan Drex persönlich am Rand der illegalen Box.

Drex„Frau Orlov“, sagte Drex. „Sie fahren spektakulär.“

Kaia„Mein Bruder auch“, antwortete Kaia.

DrexDrex ließ sich nichts anmerken. „Die Liga möchte Ihnen einen Weg zurück anbieten.“

Kaia„Zurück wohin?“, fragte Kaia. „Unter Ihr Logo?“

Drex„In den professionellen Rennsport“, erklärte Drex.

Kaia„Sie meinen den Ort, an dem Sie Warnungen löschen“, sagte Kaia.

DrexDrex senkte die Stimme. „Ihre Anschuldigungen wurden geprüft.“

Kaia„Von Ihnen“, antwortete Kaia.

Drex„Sie könnten Ihre Karriere zerstören, bevor sie beginnt“, warnte Drex.

Kaia„Dann haben wir etwas gemeinsam“, sagte Kaia. „Sie haben Levs Karriere zerstört, bevor sie enden konnte.“

Drex ging. Zwei Tage später kontrollierte die Hafenaufsicht Iris Frachtmodul. Eine Woche darauf wurden drei Rennen abgesagt, weil Sicherheitskräfte die Zugänge sperrten.

Jaro„Voss zieht die Schrauben an“, sagte Jaro.

Kaia„Dann drehen wir sie zurück“, antwortete Kaia.

Jaro„Du kannst nicht gegen einen Konzern fahren“, erwiderte Jaro.

Kaia„Ich kann gegen seine Piloten fahren“, sagte Kaia.

Marek sah die Übertragungen. Kaia erfuhr es, als er eines Morgens Levs Handschuh auf seinen Küchentisch legte. Sie hatte ihn in der Werkstatt vermisst und Iri verdächtigt.

Kaia„Du warst dort“, sagte Kaia.

MarekMarek formte jedes Wort langsam. „Teren hat mich gefahren.“

Kaia„Er hatte kein Recht, dich mitzunehmen“, antwortete Kaia.

Marek„Ich habe ihn gebeten“, sagte Marek.

Kaia„Dann hattest du kein Recht“, erwiderte Kaia.

MarekMarek hob seine unbewegliche linke Hand mit der rechten auf den Tisch. „Du fährst wie jemand, der hofft, dass die Kurve entscheidet.“

Kaia„Ich entscheide“, sagte Kaia.

Marek„Nein“, widersprach Marek. „Du stellst eine Frage. Jedes Rennen dieselbe.“

Kaia„Welche?“, fragte Kaia.

Marek„Warum Lev und nicht du?“, antwortete Marek.

KaiaKaia stand so schnell auf, dass der Stuhl gegen die Wand schlug. „Du glaubst, ich will sterben?“

Marek„Ich glaube, du willst nicht leben müssen, bevor die Antwort kommt“, sagte Marek.

Sie verließ die Wohnung, ohne den Handschuh mitzunehmen. Im nächsten Rennen ging sie tiefer als je zuvor. Needle verlor für eine halbe Sekunde die Feldbindung. Kaia fing das Schiff neun Meter vor der Ringstruktur.

Das Publikum brüllte ihren Namen.

Iri nicht.

Iri„Noch so ein Manöver, und ich sperre den Reaktor“, sagte Iri nach der Landung.

Kaia„Du arbeitest für mich“, antwortete Kaia.

Iri„Nein“, widersprach Iri. „Ich arbeite an Needle. Das Schiff hat nichts getan, um mit dir zu sterben.“

KaiaKaia schlug mit der Faust gegen den Rahmen. „Alle wollen plötzlich wissen, wie ich zu leben habe.“

Iri„Weil du es selbst nicht weißt“, sagte Iri.

JaroJaro lehnte am Eingang. „Der Eclipse Run ist in sechs Wochen.“

IriIri fuhr herum. „Das ist keine Lösung.“

Jaro„Ich habe nicht gesagt, dass sie fahren soll“, erwiderte Jaro.

Iri„Du musst es nicht sagen“, antwortete Iri.

Der Eclipse Run fand nur alle sieben Jahre statt, wenn die Felder von Leda Drei und Vier sich überlappten. Für knapp vier Minuten entstand ein Korridor, der Schiffe gleichzeitig beschleunigen, drehen und zerreißen konnte. Die Liga sperrte ihn. Die namenlosen Ringe machten daraus ihr größtes Rennen.

KaiaKaia betrachtete die Feldsimulation. „Wer ist gemeldet?“

Jaro„Sechs Startplätze“, sagte Jaro. „Drei neue Teams. Zu sauber für uns.“

Kaia„Voss“, stellte Kaia fest.

Jaro„Wahrscheinlich“, bestätigte Jaro.

IriIri stellte sich vor die Anzeige. „Du hast deinen Bruder nicht an Ring Vier verloren, um dich zwischen zwei Monde zu werfen.“

Kaia„Ich habe ihn verloren, weil Voss gelogen hat“, sagte Kaia.

Iri„Dann beweise es“, verlangte Iri. „Aber verwechsel einen Rekord nicht mit einem Beweis.“

Kaia hatte einen Beweis. Er lag seit einem Jahr auf drei verschlüsselten Speichern und war juristisch wertlos, weil Voss seine Herkunft bestritt.

In derselben Nacht erschien auf ihrem privaten Kanal ein Mann, der nur Quill genannt wurde.

Quill„Ich kann Ihrem Beweis eine Herkunft geben“, sagte Quill.

KaiaKaia sah sein lächelndes Hologramm an. „Und was kostet die Wahrheit?“

Quill„Kein Geld“, antwortete Quill. „Nur ein Rennen.“

Kapitel 07

Der Preis der Wahrheit

Quill besaß das Gesicht eines Mannes, das für Erinnerungen schlecht geeignet war. Glatte Züge, farblose Augen, kein sichtbares Implantat. Selbst sein Alter ließ sich nur auf zwanzig Jahre genau schätzen. Er saß in einem Raum ohne Fenster und lächelte, als hätte Kaia bereits zugestimmt.

Quill„Der Grand Orbit hatte sieben Originalspeicher“, sagte Quill. „Sechs wurden vernichtet. Einer wurde verkauft.“

Kaia„An dich“, stellte Kaia fest.

Quill„Über Umwege“, antwortete Quill.

Kaia„Zeig ihn mir“, verlangte Kaia.

QuillQuill hob einen schwarzen Datenkern ins Bild. „Gewinnen Sie den Eclipse Run. Beim Zieldurchgang sende ich den vollständigen Inhalt auf jeden Kanal.“

Kaia„Warum erst im Ziel?“, fragte Kaia.

Quill„Weil Beweise allein niemanden interessieren“, erklärte Quill. „Menschen wollen einen Moment, in dem sie nicht wegschauen können.“

Kaia„Du willst eine Geschichte verkaufen“, sagte Kaia.

Quill„Sie wollen dieselbe Geschichte benutzen“, erwiderte Quill. „Tun wir nicht so, als wären nur meine Hände schmutzig.“

Kaia hasste ihn, weil er nicht völlig unrecht hatte. Sie verlangte eine Prüfsumme. Quill übermittelte sie. Die Kennung stimmte mit einem der Grand-Orbit-Speicher überein.

Kaia„Wenn der Kern gefälscht ist, finde ich dich“, sagte Kaia.

Quill„Wenn er echt ist, ebenfalls“, antwortete Quill. „Dann wollen Sie wissen, wer ihn verkauft hat.“

Kaia sagte zu, ohne Iri zu informieren. Drei Stunden später wusste Iri davon.

Iri„Quill verkauft Hungernden Bilder von Essen“, sagte Iri. „Und wenn sie sterben, verkauft er das auch.“

Kaia„Der Kern ist echt“, antwortete Kaia.

Iri„Das macht Quill nicht vertrauenswürdig“, erwiderte Iri.

JaroJaro legte die Teilnehmerliste auf die Werkbank. „Drei Schiffe gehören über Scheinfirmen zu Voss. Lancer, Crown und Vagrant.“

Kaia„Dann wollen sie nicht nur gewinnen“, sagte Kaia.

Jaro„Sie wollen kontrollieren, wer ankommt“, bestätigte Jaro.

IriIri sah zu Needle. „Wir bauen eine zweite Übertragung ein. Unabhängig vom Rennkanal.“

Kaia„Quill verschlüsselt die Daten bis zum Ziel“, erklärte Kaia.

Iri„Dann entschlüsseln wir sie vorher“, antwortete Iri.

Zur Vorbereitung kehrte Kaia in Mareks alte Werkstatt zurück. Ein Gericht hatte die Versiegelung aufgehoben, weil Voss die Halle nicht genutzt hatte und Marek gegen die Räumung klagte. Staub lag auf den Werkzeugen. An einer Wand standen Levs Winkel und Vektoren, die niemand entfernt hatte.

Marek kam im Rollstuhl aus dem Hinterraum. Teren schob ihn, blieb aber an der Tür stehen.

Kaia„Du hättest mir sagen können, dass du wieder hier bist“, sagte Kaia.

Marek„Du hättest mir sagen können, dass du den Eclipse Run fährst“, antwortete Marek langsam.

KaiaKaia zeigte ihm Quills Prüfsumme. „Wenn ich gewinne, erfährt jeder, was Voss getan hat.“

Marek„Und wenn du stirbst, verkauft Quill zwei Tragödien statt einer“, sagte Marek.

Kaia„Ich sterbe nicht“, behauptete Kaia.

Marek„Lev sagte das auch nicht“, antwortete Marek. „Er dachte es nur.“

Sie stritten bis tief in die Nacht. Kaia warf Marek vor, sie aus Angst festhalten zu wollen. Marek warf ihr vor, Zorn mit Richtung zu verwechseln. Schließlich rollte er zu einer flachen Schublade und legte Levs rechten Handschuh auf den Tisch.

Marek„Fahr nicht für einen Toten“, sagte Marek. „Tote brauchen keinen Sieg.“

KaiaKaia nahm den Handschuh nicht. „Für wen dann?“

Marek„Für das, was du danach tun willst“, antwortete Marek.

Zwischen alten Plänen fand Kaia Levs Berechnung des Eclipse-Korridors. Er hatte die überlappenden Felder Jahre vor seinem Ligavertrag untersucht. Am Rand stand in seiner Handschrift: NICHT GEGEN DAS FELD LENKEN. FALLEN LASSEN.

Kaia„Er wollte dort fahren“, sagte Kaia.

Marek„Nein“, widersprach Marek. „Er wollte verstehen, warum andere dort sterben.“

Kaia übertrug die Berechnung in Needles Navigationssystem. Iri verglich sie mit aktuellen Messungen. Die Theorie war noch gültig: Wer im Zentrum gegen den Zug steuerte, erzeugte eine Rückkopplung zwischen den Feldspulen. Wer das Schiff fallen ließ, konnte die gemeinsame Anziehung beider Monde in eine einzige Kurve verwandeln.

Iri„Es gibt keinen Test“, sagte Iri.

Kaia„Dann ist das Rennen der Test“, antwortete Kaia.

Iri„Das ist ein Satz, den Mechaniker hassen“, erwiderte Iri.

Am Vorabend des Runs saßen Kaia und Jaro auf Needles Tragfläche. Zehntausende Schiffe sammelten sich außerhalb der Sperrzone. Ihre Lichter bildeten eine zweite, unruhige Ringbahn.

Jaro„Falls Crown dich abdrängt, nehme ich ihn“, sagte Jaro.

Kaia„Du fährst dein Rennen“, antwortete Kaia.

Jaro„Das sage ich doch“, erwiderte Jaro.

Kaia„Du schuldest mir nichts“, sagte Kaia.

Jaro„Stimmt“, bestätigte Jaro. „Ich mag es nur nicht, wenn Konzerne meine schlechten Entscheidungen kontrollieren.“

Kaia legte Levs Handschuh auf die Konsole. Sie wusste noch immer nicht, was danach kam. Zum ersten Mal hielt sie diese Leere jedoch nicht für einen Grund, schneller zu sterben.

Kapitel 08

Grün

Sechs Runner standen am Mondtor. Needle war der kleinste. Jaro flog die schwere Brim. Die drei Voss-Schiffe glänzten in identischen Farben, obwohl ihre Teams offiziell nichts miteinander zu tun hatten. Der sechste Pilot hieß Miko Senn und war neunzehn Jahre alt.

Kaia„Du solltest nicht hier sein“, sagte Kaia über den offenen Kanal.

Miko„Das sagen alle, bevor ich sie schlage“, antwortete Miko.

Iri„Wer hat dein Feldsystem gebaut?“, fragte Iri aus der Box.

Miko„Mein Cousin“, erwiderte Miko.

IriIri fluchte. „Wenn die violette Warnung kommt, brichst du ab.“

Miko„Welche violette Warnung?“, fragte Miko.

Kaia„Genau deshalb solltest du nicht hier sein“, sagte Kaia.

Quill schickte den Datenkern in Needles Speicher. Eine Sperre sollte ihn bis zum Zieldurchgang verschließen. Iri brauchte elf Sekunden, um sie zu umgehen.

Iri„Kopie ist offen“, meldete Iri.

Kaia„Sende sie“, befahl Kaia.

QuillQuills Stimme schnitt in den Kanal. „Was tun Sie? Der Deal—“

Kaia„Die Wahrheit ist kein Preisgeld“, antwortete Kaia.

Die Daten gingen an ein freies Archiv, dann an tausend weitere. Zuschauer sahen die ursprünglichen Feldmessungen, Levs Warnung und Drex’ Befehl, die Werte zu glätten. Voss versuchte, Kanäle zu blockieren. Jede Sperre erzeugte neue Kopien.

Iri„Du hast, wofür du gekommen bist“, sagte Iri. „Du kannst aussteigen.“

Vor Kaia öffnete sich der Korridor zwischen Leda Drei und Vier. Ein schwarzer Schnitt lag in den leuchtenden Ringen. Die Felder beider Monde zogen bereits an Needle, erst nach links, dann nach unten.

Kaia dachte an Mareks Frage. Was willst du danach?

Kaia„Weiterfahren“, sagte Kaia.

Marek„Dann fahr zurück“, antwortete Marek im privaten Kanal. Teren hatte ihn zur Box gebracht. „Nicht nur hinein.“

Die Startkontrolle zählte herunter.

Automatische Stimme„Mondtor bewaffnet“, meldete die automatische Stimme. „Gravitationsfeld instabil.“

Jaro„Das ist die ehrlichste Ansage des Tages“, sagte Jaro.

Rennkontrolle„Runner bereit“, meldete die Kontrolle.

Kaia legte eine Hand auf Levs Handschuh. Mit der anderen hielt sie die Steuerung.

Die Lichter sprangen auf Grün.

Needle schoss nach vorn. Die erste Welle der Beschleunigung presste Kaia in den Sitz. Lancer setzte sich links neben sie, Crown nahm die obere Linie, Vagrant blieb hinter ihr. Sie bildeten kein Rennfeld, sondern eine Klammer.

Iri„Vagrant hängt an deinem Heck“, meldete Iri.

Kaia„Ich sehe ihn“, antwortete Kaia.

Iri„Nein, du siehst Crown“, korrigierte Iri. „Vagrant fährt ohne Kennsignal.“

Kaia kippte Needle in eine enge Ringkurve. Lancer folgte. Crown blieb oben. Vagrant tauchte aus dem Sensorschirm auf und stieß mit seinem Feldkegel gegen Needles Heck. Die Anzeigen flackerten rot.

Kaia„Kontakt“, sagte Kaia.

Iri„Das war Absicht“, antwortete Iri.

Kaia„Dann war es schlecht gemacht“, erwiderte Kaia.

Sie nahm Schub weg. Vagrant schoss vorbei. Kaia nutzte seinen Feldschatten, zog Needle nach innen und überholte Lancer auf der Unterseite. Für einen Moment lagen Mond, Ring und Strecke senkrecht übereinander.

Iri„Drei Schiffe hinter dir“, meldete Iri.

Kaia„Wo ist Jaro?“, fragte Kaia.

Iri„Er beschäftigt Crown“, antwortete Iri.

JaroJaro lachte im Funk. „Crown fährt jetzt eine sehr lange Außenlinie.“

Miko lag vorn. Sein Cousin hatte vielleicht keine Warnanzeige eingebaut, aber ein starkes Triebwerk. Dann begann sein Feldsystem zu oszillieren.

Iri„Miko, violette Warnung“, rief Iri.

Miko„Ich habe nur rot“, antwortete Miko.

Kaia„Dann nimm Rot“, sagte Kaia. „Sofort raus aus dem Zentrum.“

Miko„Ich liege vorn“, erwiderte Miko.

Kaia„Noch“, sagte Kaia.

Der Eclipse-Korridor zog sich vor ihnen zusammen. Die Anzeigen verloren ihre festen Horizonte. Oben und unten wechselten mit jedem Puls. Kaia hörte die Struktur von Needle knacken.

Iri„Korridor in zwölf Sekunden“, meldete Iri.

Kaia schaltete den Stabilisator ab.

Die roten Lichter gingen an.

Kapitel 09

Fallen lassen

Ohne Stabilisator wurde Needle zu einem Körper im freien Fall. Das Schiff drehte sich nach Leda Drei, wurde von Leda Vier zurückgerissen und verlor für einen Atemzug jede erkennbare Flugrichtung.

Iri„Kaia, Rückkopplung steigt“, warnte Iri.

Kaia„Das weiß ich“, antwortete Kaia.

Iri„Du steuerst nicht“, sagte Iri.

Kaia„Genau“, bestätigte Kaia.

Lev hatte geschrieben: Nicht gegen das Feld lenken. Fallen lassen.

Kaia öffnete die Feldspulen, statt sie gegeneinander arbeiten zu lassen. Die beiden Anziehungen liefen durch Needle wie Ströme durch einen Leiter. Der Rahmen bog sich. Kaia spürte die Kurve nicht vor ihr, sondern unter der Haut: Zug in der Schulter, Druck im rechten Knie, ein feines Zittern an den Fingerspitzen.

Sie wartete.

Für einen halben Sekundenbruchteil verstummte alles. Keine Motoren. Kein Publikum. Keine Rivalen. Unter ihr drehte sich der Planet wie ein stilles Auge.

Dann fiel Needle in die gemeinsame Linie.

Kaia„Jetzt“, sagte Kaia.

Sie zündete beide Triebwerke. Der Fall wurde zur Beschleunigung. Needle schoss zwischen den Feldern nach vorn.

Mikos Schiff erschien quer im Kurs. Sein Stabilisator hatte versucht, jede Feldänderung auszugleichen und sich selbst überlastet. Vagrant drängte ihn weiter ins Zentrum, um Kaia die Linie zu schließen.

Kaia„Miko, aussteigen!“, befahl Kaia.

Miko„Kanzel blockiert“, antwortete Miko. Seine Stimme war plötzlich sehr jung.

Kaia konnte außen vorbeiziehen. Die Rekordlinie lag frei. Sie konnte auch Needle in Mikos Feldkegel setzen und beide Schiffe aus dem Korridor drücken.

Levs Handschuh rutschte über die Konsole.

Fahr für das, was du danach tun willst.

Kaia drehte Needle nach innen.

Iri„Was machst du?“, fragte Iri.

Kaia„Ich fahre zurück“, antwortete Kaia.

Needles linke Feldfläche berührte Mikos Kegel. Die Systeme schrien. Kaia koppelte beide Schiffe für zwei Sekunden und zog. Vagrant traf ihre rechte Außenfläche. Metall riss ab, doch der Stoß gab Needle zusätzliche Drehung.

Kaia„Jaro, Vagrant“, sagte Kaia.

Jaro„Schon unterwegs“, antwortete Jaro.

Die Brim kam von oben und setzte ihren schweren Feldkegel gegen Vagrants Heck. Der Voss-Pilot verlor die Linie und brach nach außen ab.

Jaro„Du schuldest mir jetzt doch etwas“, sagte Jaro.

Kaia„Schreib es auf“, antwortete Kaia.

Mikos Runner kippte aus dem Zentrum. Seine Notautomatik fing wieder Signal.

Miko„Stabilisator startet“, meldete Miko.

Kaia„Dann verschwinde hier“, sagte Kaia.

Miko„Du hast deine Außenfläche verloren“, warnte Miko.

Kaia„Das war keine Einladung zur Diskussion“, antwortete Kaia.

Needle lag nun hinter allen verbliebenen Schiffen. Crown und Lancer waren bereits im letzten Bogen. Jaro zog mit beschädigter Front vorbei. Der Korridor begann sich zu schließen.

Iri„Abbruch“, befahl Iri. „Rechte Fläche tot, Kühlung bei hundertvierzig Prozent.“

Kaia„Wie lange bis zur Abschaltung?“, fragte Kaia.

Iri„Sechs Sekunden“, antwortete Iri.

Kaia„Bis zum Ziel?“, fragte Kaia.

Iri„Acht“, sagte Iri.

Kaia löste die Sicherheitsgrenze des Reaktors.

Marek„Nein“, sagte Marek im privaten Kanal.

Kaia„Vater—“, begann Kaia.

Marek„Nicht nein zum Rennen“, erklärte Marek mühsam. „Nein zum Alleinsein.“

IriIri verstand zuerst. „Ich kann die Kühlung von außen takten. Du hältst den Reaktor unter hundertfünfzig.“

Kaia„Jaro kann mir Windschatten geben“, sagte Kaia.

Jaro„Ich höre leider mit“, antwortete Jaro. „Komm hoch.“

Kaia brachte Needle unter die Brim. Jaro nahm einen weiten Feldbogen und zog sie aus der sinkenden Linie. Iri schaltete die Kühlpumpen in kurzen Stößen. Marek zählte die Sekunden.

Marek„Vier“, sagte Marek.

Crown und Lancer blockierten den Zieldurchgang nebeneinander.

Marek„Drei“, zählte Marek.

Jaro löste seinen Feldkegel. Needle wurde nach vorn geschleudert.

Marek„Zwei“, sagte Marek.

Kaia kippte das Schiff in den letzten Rest des Sogs. Crown versuchte, ihr die Nase abzuschneiden. Kaia lenkte nicht dagegen. Sie ließ Needle fallen, unter Crown hindurch, so nah an der Ziellinie, dass Funken über die Kanzel liefen.

Marek„Eins“, sagte Marek.

Kaia zündete den verbliebenen Schub.

Der Zielsender erfasste Needle.

Kapitel 10

Der Rekord

Die Zeit erschien auf jedem Kanal zugleich. Neuer Orbitalrekord.

Kaia sah die Zahl, verstand sie aber nicht. Needle rotierte. Die Kühlung war ausgefallen, die rechte Feldfläche fehlte, und das Ziel lag bereits hinter ihr.

Iri„Reaktor aus“, befahl Iri.

Kaia„Dann verliere ich die Steuerung“, antwortete Kaia.

Iri„Du hast keine Steuerung“, sagte Iri.

Kaia schaltete ab. Stille füllte die Kanzel. Jaro setzte die Brim neben Needle und fing ihre Rotation mit einem schwachen Feldkegel.

Jaro„Gravity Runner, bestätigen Sie, dass Sie leben“, sagte Jaro.

Kaia„Ich überlege noch“, antwortete Kaia.

Iri„Tu das später“, erwiderte Iri. „Notschlepper kommt.“

MikoMiko meldete sich aus sicherer Entfernung. „Kaia, ich—“

Kaia„Du lässt deinen Cousin eine violette Warnung einbauen“, unterbrach Kaia ihn.

Miko„Das mache ich“, versprach Miko.

Iri„Und du fährst keinen Eclipse Run mehr mit einem Kurierreaktor“, fügte Iri hinzu.

Miko„Das mache ich auch“, sagte Miko.

Kaia„Dann darfst du Danke sagen“, entschied Kaia.

Miko„Danke“, sagte Miko.

Als der Schlepper Needle griff, begann Kaia zu zittern. Nicht an den Händen, sondern im ganzen Körper. Levs Handschuh lag unter ihrem Sitz. Sie hob ihn auf und presste ihn gegen die Brust.

Kaia„Ich bin zurück“, sagte Kaia in den privaten Kanal.

MarekMarek antwortete nach einer langen Pause. „Ja.“

Außerhalb der Sperrzone hatten die Daten bereits Milliarden Abrufe. Ehemalige Ligaingenieure bestätigten die Signaturen. Sava Pell trat zum ersten Mal seit dem Unfall öffentlich auf und erklärte, wann die Werte geändert worden waren.

Reporterin„Warum erst jetzt?“, fragte eine Reporterin.

Sava„Weil ich damals Angst hatte“, antwortete Sava. „Und weil Voss uns beigebracht hat, Angst wie Schuld zu behandeln.“

Selan Drex wurde beim Versuch festgenommen, Leda zu verlassen. Die Voss-Gruppe sprach von Handlungen einzelner Mitarbeiter. Quill verkaufte die exklusiven Bilder des Rennens, obwohl Kaia ihm das untersagt hatte.

Kaia„Du hast versprochen, die Daten zu senden“, sagte Kaia, als er sie im Krankenhaus anrief.

Quill„Sie haben mir die Gelegenheit genommen“, antwortete Quill.

Kaia„Ich habe dir nur den Besitz genommen“, erwiderte Kaia.

Quill„Und trotzdem besitzen Sie jetzt die Geschichte“, sagte Quill.

Kaia„Nein“, widersprach Kaia. „Lev besitzt seinen Teil. Sava ihren. Ich meinen. Genau das verstehst du nicht.“

Sie beendete den Kanal.

Needle war nicht zu retten. Iri stellte den verbogenen Rahmen in ihrer Werkstatt auf.

Kaia„Als Warnung?“, fragte Kaia.

Iri„Als Rechnung“, antwortete Iri. „Du schuldest mir ein Schiff.“

Kaia„Ich habe gewonnen“, sagte Kaia.

Iri„Du hast es zerstört“, erwiderte Iri.

Kaia„Das Preisgeld reicht für zehn“, stellte Kaia fest.

Iri„Dann bauen wir eins richtig“, antwortete Iri.

Marek besuchte Kaia am nächsten Morgen. Er brachte den alten Lastengleiter in einem Transporter mit. Teren hatte ihn aus der Werkstatt geholt, bevor Voss die Halle versiegelte.

Kaia„Der fährt noch?“, fragte Kaia.

Marek„Nicht gut“, antwortete Marek.

Kaia„Also wie früher“, sagte Kaia.

MarekMarek legte die rechte Hand auf Needles Rahmen. „Was kommt danach?“

Kaia sah zu den Bildschirmen, auf denen ihr Rekord lief. Die Liga verwendete bereits den Namen Gravity Runner, als hätte sie ihn erfunden. Am unteren Rand kündigte ein Sender eine Gedenksendung für Lev an.

Kaia„Zuerst sorgen wir dafür, dass sie ihn nicht noch einmal verkaufen“, sagte Kaia.

Marek„Und dann?“, fragte Marek.

Kaia blickte zu Iri, Jaro und Miko. Zum ersten Mal war die Leere hinter dem Sieg nicht leer. Sie war ungebaut.

Kaia„Dann bauen wir etwas“, antwortete Kaia.

Kapitel 11

Was Beweise wiegen

Die Untersuchung dauerte neun Monate. Kaia sagte an sieben Tagen aus. Anwälte fragten wiederholt, ob sie Lev beeinflusst habe und ob ihr Rennstil ihre Wahrnehmung trübe.

Kaia„Die Signatur stammt aus Ihrem Kontrollsystem“, sagte Kaia zuletzt. „Drex ließ vier übereinstimmende Sondenwerte ändern.“

Voss-Anwalt„Sie sind keine unabhängige Zeugin“, erklärte der Voss-Anwalt.

Kaia„Schwerkraft ist unabhängig“, antwortete Kaia. „Fragen Sie sie.“

Sava bestätigte den Ablauf. Cato Rinn gestand die Drohung mit den Werkstattschulden. Quill musste den Originalkern herausgeben.

Quill„Sie haben mich in eine sehr unkomfortable Lage gebracht“, sagte Quill zu Kaia im Gerichtsflur.

Kaia„Du hast aus Levs Tod eine Gelegenheit gemacht“, antwortete Kaia. „Unkomfortabel ist ein Anfang.“

Drex wurde wegen Beweisunterdrückung, Nötigung und fahrlässiger Tötung verurteilt. Voss verlor die Rennlizenz und finanzierte einen Entschädigungsfonds. Geld brachte Lev nicht zurück. Es öffnete aber die Werkstatt.

Marek bestand darauf, das alte Schild wieder anzubringen: ORLOV ANTRIEBSTECHNIK. Darunter montierte Kaia eine zweite Zeile: OFFENE FELDDATEN.

Teren„Das klingt nicht nach einer Werkstatt“, sagte Teren.

Kaia„Es klingt nach dem Grund, weshalb wir eine brauchen“, antwortete Kaia.

Jedes neue Schiff übertrug Belastungs- und Felddaten öffentlich. Keine Liga durfte sie verändern. Iri leitete die Konstruktion, Kaia testete, Jaro unterrichtete, und Miko absolvierte eine technische Ausbildung.

Miko„Ich kann bereits fliegen“, beschwerte sich Miko.

Kaia„Das war nie dein Problem“, sagte Kaia.

Miko„Was dann?“, fragte Miko.

Kaia„Zu wissen, wann du nicht fliegst“, antwortete Kaia.

Der Rekord blieb bestehen. Kaia verteidigte ihn nicht. Angebote kamen von drei neuen Ligen, zwei Filmstudios und einem Getränkehersteller, der ihren Namen auf Dosen drucken wollte.

Iri„Wir könnten damit die Werkstatt zehn Jahre finanzieren“, sagte Iri.

Kaia„Dann nennen sie Mut wieder ein Produkt“, antwortete Kaia.

Iri„Ich wollte nur hören, ob du inzwischen vernünftig geworden bist“, sagte Iri.

Kaia„Bist du enttäuscht?“, fragte Kaia.

Iri„Beruhigt“, antwortete Iri.

Kaia ließ Levs Denkmal verändern. Unter seinem Bild stand nun: ER SAH DIE GEFAHR. ER WURDE ZUM START GEZWUNGEN. ER WARNTE UNS.

Marek betrachtete die neue Inschrift lange.

Marek„Zu viele Worte“, sagte Marek.

Kaia„Die alte Lüge war kürzer“, antwortete Kaia.

Marek„Lügen sind oft leichter zu tragen“, sagte Marek.

Kaia„Dann sollen sie schwer sein“, erwiderte Kaia.

Am Jahrestag des Grand Orbit reparierte Kaia mit Marek den alten Lastengleiter. Levs linke Bremsleitung war noch immer zu kurz.

Kaia„Soll ich sie ersetzen?“, fragte Kaia.

Marek„Funktioniert sie?“, fragte Marek.

Kaia„Sie funktioniert“, antwortete Kaia.

Marek„Dann lass sie“, sagte Marek.

Kapitel 12

Nach der Kurve

Drei Jahre nach dem Eclipse Run wurde zwischen Leda Drei und Vier ein neuer Testkorridor eröffnet. Keine Werbung, keine Wetten, keine verdeckten Felder. Alle Messwerte lagen öffentlich vor. Piloten durften abbrechen, ohne Verträge, Gehälter oder Werkstätten zu verlieren.

Kaia stand mit einem neuen Runner am Mondtor. Das Schiff hieß Axiom. Es war nicht so schmal wie Needle und nicht so schnell wie die alten Voss-Maschinen. Es besaß doppelte Kühlung, mechanische Nottrennung und eine violette Warnanzeige, die Miko persönlich eingebaut hatte.

Miko„Sie funktioniert“, sagte Miko zum fünften Mal.

Kaia„Das behauptete dein Cousin auch“, antwortete Kaia.

Miko„Mein Cousin wusste nicht, dass es sie geben sollte“, erwiderte Miko.

Iri„Das ist kein Argument für deine Familie“, sagte Iri.

JaroJaro saß im zweiten Testschiff. „Ich möchte festhalten, dass mein Fahrzeug schöner ist.“

Kaia„Dein Fahrzeug ist orange“, antwortete Kaia.

Jaro„Eben“, sagte Jaro.

Marek verfolgte den Start aus der neuen Orlov-Box. Er konnte wieder ohne Hilfe gehen, langsam und mit einer Schiene. Seine linke Hand bewegte zwei Finger. Für Kaia war das mehr als jeder Rekord.

Marek„Was sagt der Motor?“, fragte Marek über den Kanal.

Kaia schloss die Augen. Die Pumpen liefen ruhig. Die Feldspulen pulsierten zweimal. Der Rahmen gab jede Bewegung weiter, ohne zu zittern.

Kaia„Dass Miko die Halterung zu fest angezogen hat“, antwortete Kaia.

Miko„Habe ich nicht“, protestierte Miko.

IriIri prüfte die Anzeige. „Doch.“

Miko„Nur um zwei Prozent“, sagte Miko.

KaiaKaia lachte. „Dann lösen wir sie nach dem Flug.“

Das Mondtor schaltete auf Grün. Kaia startete nicht sofort. Früher hätte sie jede Verzögerung als Niederlage empfunden. Nun wartete sie, bis Jaros Signal bereit war und die Messstationen bestätigten, dass alle Kanäle offen standen.

Kaia„Axiom bereit“, sagte Kaia.

Jaro„Brim Zwei bereit“, meldete Jaro.

Iri„Orlov-Box bestätigt“, sagte Iri.

MarekMarek sprach zuletzt. „Fahrt zurück.“

Die Runner gingen gemeinsam in den Korridor.

Kaia spürte die erste Anziehung in der Schulter und den Gegenzug im Knie. Die Kurve war noch immer unter ihrer Haut. Aber sie war kein Urteil mehr. Sie war eine Sprache, die sie mit Lev begonnen hatte und nun anderen beibrachte.

Kaia„Stabilisator aus“, meldete Kaia.

Iri„Feld offen“, bestätigte Iri.

Kaia ließ Axiom fallen.

Für einen halben Herzschlag drehten sich beide Monde um sie. Dann fing das Schiff die gemeinsame Linie. Kaia gab Schub, nicht bis zur Grenze, sondern genau so weit, wie der Rahmen tragen konnte.

Jaro blieb neben ihr.

Jaro„Du könntest schneller“, sagte Jaro.

Kaia„Ich weiß“, antwortete Kaia.

Jaro„Das muss wehtun“, erwiderte Jaro.

Kaia„Ein wenig“, gab Kaia zu.

Sie kamen ohne Rekord ins Ziel. Miko jubelte trotzdem. Iri meldete perfekte Felddaten. Marek sagte nichts, bis Kaia gelandet war und die Kanzel öffnete.

Kaia„Und?“, fragte Kaia.

Marek legte die rechte Hand an den Rahmen. Mit zwei Fingern der linken berührte er die Außenhaut.

Marek„Ehrlich“, sagte Marek.

Am Abend öffnete die Werkstatt ihre Tore für die erste Ausbildungsklasse. Zwölf junge Piloten standen zwischen Maschinen, Karten und dem verbogenen Rahmen von Needle. Kaia zeigte ihnen Levs Berechnung.

Kaia„Wer gegen jedes Feld kämpft, verliert“, erklärte Kaia. „Wer sich ihm blind überlässt, auch. Ihr müsst wissen, wann ihr lenkt und wann ihr fallen lasst.“

SchülerinEine Schülerin hob die Hand. „Und wenn man Angst hat?“

Kaia sah zu Levs Handschuh, der unter der Zeichnung hing.

Kaia„Dann hört ihr hin“, antwortete Kaia. „Angst ist eine Warnung, keine Schuld. Ihr prüft das Schiff, die Daten und euch selbst. Und wenn ihr startet, tut ihr es nicht, um niemandem etwas zu beweisen.“

Schülerin„Wofür dann?“, fragte die Schülerin.

Kaia blickte durch das offene Tor. Über Leda standen zwei Monde, und zwischen ihnen lag eine schmale Linie aus Licht.

Kaia„Für das, was nach der Kurve kommt“, sagte Kaia.