← Zur Kurzgeschichte

Across the Galaxy · Kurzroman 07

Der Name im Rauschen

Aren Voss' Geschichte · zu Radio Silence

Lesen

Across the Galaxy · Band 07

Der Name im Rauschen

Aren Voss' Geschichte

Kapitel 01

Die Melodie über dem Herd

Bevor Aren Voss lernte, Sterne an ihren Spektrallinien zu erkennen, kannte er das Universum als Geräusch. Es knackte in den Wänden der alten Wohnstation Sorell, summte in den Kühlschleifen und pfiff durch einen Spalt über der Hintertür der Familienküche. Nachts vibrierte der Boden, wenn Frachter an den äußeren Ringen andockten. Dann lagen die Brüder wach und errieten am Ton der Triebwerke, welche Schiffe gekommen waren.

Aren„Das ist eine Paros-Fähre“, flüsterte Aren mit zehn Jahren.

Lenn„Ein Erzschlepper“, widersprach Lenn, der drei Jahre älter war. „Die Fähren heulen beim Abbremsen.“

Aren„Nur die alten“, sagte Aren.

Lenn„Auf Sorell ist alles alt“, erwiderte Lenn.

Am Morgen stritten sie weiter, bis ihre Mutter Jara einen Topfdeckel zwischen ihnen auf die Arbeitsplatte schlug. Die Küche versorgte Arbeiter aus den Docks, Mechaniker aus dem Ring und gelegentlich Reisende, die ihren Anschluss verpasst hatten. Über der Tür stand nur VOSS, weil für einen längeren Namen kein Platz gewesen war.

Jara„Wenn ihr Triebwerke so gut hört, könnt ihr sicher auch hören, dass zwölf Leute auf ihr Frühstück warten“, sagte Jara.

Aren„Lenn hat angefangen“, behauptete Aren.

Lenn„Aren hat falsch geraten“, sagte Lenn.

Jara„Dann arbeitet ihr heute beide“, entschied Jara.

Ihr Vater Oren kam meist erst nach der zweiten Schicht nach Hause. Er wartete die Relais entlang des Sorell-Korridors, jener Reihe grüner Lichter, an denen Schiffe ihre Position, Nachrichten und manchmal ihr Leben festmachten. Oren roch nach kaltem Metall und Isolierpaste. Selbst beim Essen trug er ein tragbares Funkgerät am Gürtel.

Aren„Warum müssen die Relais grün sein?“, fragte Aren eines Abends.

Oren„Weil Grün bedeutet, dass jemand zuhört“, antwortete Oren.

Lenn„Ein Gerät hört nicht zu“, sagte Lenn.

Oren„Ein gutes schon“, entgegnete der Vater. „Es nimmt etwas an, bewahrt es und gibt es weiter. Manche Menschen können weniger.“

Oren hatte die Angewohnheit, beim Prüfen seiner Werkzeuge fünf Töne zu summen. Die ersten drei stiegen an, der vierte fiel ab, der fünfte blieb so lange stehen, bis er keine Luft mehr hatte. Er behauptete, die Melodie stamme aus einem Lied, das auf einem Frachter gesungen worden sei, lange bevor Sorell gebaut wurde.

Aren„Wie heißt das Lied?“, fragte Aren.

Oren„Wenn ich das wüsste, müsste ich es nicht falsch summen“, sagte Oren.

Lenn übernahm die Melodie. Beim Schneiden, Rühren oder Abwaschen summte er sie, manchmal unbewusst, manchmal nur, um Aren zu ärgern. Aren pfiff absichtlich einen falschen sechsten Ton dahinter.

Lenn„Der gehört nicht dazu“, sagte Lenn jedes Mal.

Aren„Jetzt schon“, erwiderte Aren.

An freien Tagen nahm Oren seine Söhne in die Relaiswerkstatt mit. Sie stand am äußeren Ring, wo die künstliche Schwerkraft schwächer war. Schrauben fielen dort langsam, und jeder Schritt fühlte sich wie der Beginn eines Sprungs an. An der Wand hing eine Karte des Korridors: Neris, Soth, Belisar, Orpheon und Valea, verbunden durch eine dünne grüne Linie.

Oren„Das sind keine Orte“, erklärte Oren. „Das sind Versprechen. Wer Neris passiert, soll Soth erreichen können. Wer Soth verlässt, soll in Belisar nicht verschwinden.“

Aren„Und wenn ein Relais ausfällt?“, fragte Aren.

Oren„Dann fliegt jemand hin und bringt es zurück“, sagte Oren.

Lenn„Du“, stellte Lenn fest.

Oren„Heute ich“, antwortete der Vater. „Später vielleicht ihr.“

Lenn verzog das Gesicht. Er wollte die Küche übernehmen und träumte von einem größeren Speiseraum am Zentralring. Aren legte die Hand auf die Karte. Zwischen Orpheon und Valea war der Abstand breiter als zwischen allen anderen Punkten.

Aren„Was ist dort?“, fragte Aren.

Lenn„Schwarz“, sagte Lenn, bevor Oren antworten konnte.

Der Vater schob Lenn sanft beiseite. „Dort ist Entfernung. Schwarz ist nur das, was dein Auge daraus macht.“

Aren behielt den Satz. Doch als er später im Bett lag und den Frachtern zuhörte, stellte er sich den breiten Abstand auf der Karte vor. Kein grünes Auge, kein Rufzeichen, kein Beweis, dass jemand jenseits der Scheibe wartete. Er zog die Decke bis ans Kinn.

Aus der Küche drang Lenns leises Summen durch den Lüftungsschacht. Fünf Töne. Ansteigen, fallen, bleiben.

Aren„Du bist zu laut“, rief Aren.

Lenn„Du hörst zu genau hin“, rief Lenn zurück.

Aren schloss die Augen. Solange sein Bruder summte, war das Schwarz nur Entfernung.

Kapitel 02

Neunzehn Stunden

Der erste vollständige Ausfall begann, als Aren vierzehn war. Um 03:17 Uhr Stationszeit erlosch das Netz. Nicht nur die öffentlichen Kanäle, sondern auch die Dockbaken, die privaten Leitungen und sämtliche grünen Punkte auf Orens Korridorkarte. Sorell wurde nicht dunkel. Es wurde still.

Jara stand bereits in der Küche, als die Notbeleuchtung ansprang. „Lenn, schließ die Gasventile. Aren, hol die Batterieradios.“

Aren„Vater ist draußen“, sagte Aren.

Jara„Deshalb brauchen wir die Radios“, antwortete Jara.

Oren war zwei Stunden zuvor mit einem Wartungsboot zum Relais Neris Vier aufgebrochen. Sein letzter Eintrag hatte einen schwankenden Energiekern gemeldet. Danach war nichts mehr gekommen.

Lenn„Die Station hat eigene Sender“, sagte Lenn, während er das Ventilrad zudrehte.

Aren„Ohne die Relais reichen sie nicht bis Neris“, erklärte Aren.

Lenn„Das weiß ich“, erwiderte Lenn.

Aren„Dann sag nicht, als wäre alles in Ordnung“, fuhr Aren ihn an.

Jara stellte drei Geräte auf den Tisch. „Niemand hier hat gesagt, dass alles in Ordnung ist.“

Sie suchten Frequenz um Frequenz ab. Aus den Lautsprechern kam weißes Rauschen, gelegentlich ein Impuls oder der halbe Ruf eines Frachters, der an der falschen Stelle wieder verschwand. Aren schrieb jeden verständlichen Laut mit Uhrzeit auf. Um 05:41 Uhr hörte er eine Silbe, die wie der Anfang seines Nachnamens klang.

Aren„Das war er“, sagte Aren.

Lenn„Das war ein Ladekran“, sagte Lenn.

Aren„Du weißt es nicht“, widersprach Aren.

Lenn„Du auch nicht“, erwiderte Lenn.

Jara legte Aren die Hand auf die Schulter. „Noch einmal von unten.“

Sie scannten wieder. Um 07:12 Uhr öffnete die Stationsleitung die Notunterkünfte. Jara verteilte Suppe, obwohl niemand Hunger hatte. Lenn trug Töpfe. Aren blieb bei den Radios und begann, in festen Abständen Orens Kennung zu rufen.

Aren„Techniker Oren Voss, hier Sorell-Ring Drei. Bestätigen Sie Empfang“, sagte Aren.

Das Rauschen antwortete nicht.

Aren„Techniker Oren Voss, hier ist Aren. Vater, bestätige Empfang“, wiederholte Aren.

Lenn stellte eine Schüssel neben ihn. „Iss.“

Aren„Ich verpasse ihn“, sagte Aren.

Lenn„Du rufst seit vier Stunden“, entgegnete Lenn.

Aren„Dann rufe ich die fünfte“, sagte Aren.

Um 11:26 Uhr kehrte ein Versorgungsschiff manuell zurück. Seine Pilotin meldete Trümmer nahe Neris Vier und eine Störfront, die sämtliche Langwellen verschluckte. Von Orens Wartungsboot hatte sie nur eine abgerissene Antenne gefunden.

Aren„Eine Antenne ist kein Schiff“, sagte Aren.

Jara„Nein“, bestätigte Jara.

Aren„Dann ist er nicht tot“, sagte Aren.

Jara„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete seine Mutter.

Lenn ging in den Vorratsraum. Aren hörte dort Metall klappern und folgte ihm. Sein Bruder saß zwischen Säcken und leeren Behältern, beide Hände vor dem Gesicht.

Aren„Du darfst nicht weinen“, sagte Aren.

Lenn hob den Kopf. „Wer hat dir das erzählt?“

Aren„Wenn du weinst, ist es wahr“, antwortete Aren.

Lenn„Es ist auch wahr, wenn ich nicht weine“, sagte Lenn.

Aren schlug gegen das Regal. Ein Behälter fiel herunter und zerbrach. Lenn zog ihn an sich, obwohl Aren sich wehrte.

Aren„Lass mich los“, verlangte Aren.

Lenn„Nein“, sagte Lenn.

Aren„Er hört uns vielleicht“, keuchte Aren.

Lenn„Dann soll er hören, dass wir noch da sind“, erwiderte Lenn.

Nach neunzehn Stunden kehrte das Netz zurück. Erst leuchtete Neris, dann Soth, dann der Rest des Korridors. Die Suchboote fanden Orens Schiff am folgenden Tag in einer langsamen Rotation. Der Energiekern war versiegelt, die Kabine unbeschädigt. Ein Splitter hatte den Druckanzug getroffen, als Oren außen an der Antenne gearbeitet hatte.

Die offizielle Untersuchung lobte seine Entscheidung, das Relais vor dem Abschalten zu stabilisieren. Ohne ihn, hieß es, wären drei Frachter in der Störfront ohne Navigation gewesen. Jara legte den Bericht in eine Schublade und öffnete sie nie wieder.

Aren„Sie nennen ihn einen Helden“, sagte Aren nach der Gedenkfeier.

Lenn„Er war unser Vater“, antwortete Lenn.

Aren„Er hat Menschen gerettet“, sagte Aren.

Lenn„Und ist nicht nach Hause gekommen“, erwiderte Lenn.

Von da an hasste Aren Funkstille. Er ließ nachts ein Radio neben dem Bett laufen, auch wenn nur Wartungsmeldungen kamen. Er lernte sämtliche Notprotokolle auswendig und führte Listen mit den Kennungen der Schiffe, die Sorell passierten.

Lenn kehrte an den Herd zurück. Er summte die fünf Töne des Vaters nicht mehr.

Erst Monate später, als eine Pfanne überkochte und Jara lachte, entwich Lenn die Melodie unbewusst. Aren stand im Türrahmen und sagte nichts. Der fünfte Ton hielt lange genug, dass beide Brüder ihn erkannten.

Kapitel 03

Die alte Küchentür

Mit neunzehn erhielt Aren die Aufnahmebestätigung der Akademie für Fernnavigation. Der Kurs begann auf Valea, fünf Sprünge von Sorell entfernt. Jara las die Nachricht zweimal, küsste Aren auf die Stirn und begann sofort, Vorräte für die Reise zu packen. Lenn sagte nichts.

Aren„Du könntest dich wenigstens freuen“, sagte Aren am Abend.

Lenn„Ich schneide Zwiebeln“, antwortete Lenn.

Aren„Das sehe ich“, erwiderte Aren.

Lenn„Dann frag nichts, was ich mit einem Messer in der Hand beantworten soll“, sagte Lenn.

Seit Orens Tod war die Küche größer geworden. Lenn hatte den benachbarten Lagerraum gemietet, neue Tische eingebaut und drei Angestellte eingestellt. Über der Tür stand immer noch VOSS. Jara arbeitete weniger, weil ihre Gelenke in der niedrigen Schwerkraft schmerzten.

Aren„Ich komme zurück“, sagte Aren.

Lenn„Das sagt jeder, der gehen will“, antwortete Lenn.

Aren„Die Akademie dauert zwei Jahre“, erklärte Aren.

Lenn„Und danach?“, fragte Lenn.

Aren„Danach fliege ich“, sagte Aren.

Lenn legte das Messer ab. „Dann sag nicht, dass du zurückkommst. Sag, dass du uns besuchen wirst.“

Aren wollte widersprechen, doch der Unterschied war zu genau. „Du wolltest nie etwas anderes als diese Küche.“

Lenn„Jemand musste wollen, was übrig war“, sagte Lenn.

Aren„Vater hätte gewollt, dass einer von uns fliegt“, behauptete Aren.

Lenn„Vater hätte gewollt, dass sein Boot eine bessere Außenhaut hat“, erwiderte Lenn. „Mach keinen Befehl aus einem Toten.“

Jara trat zwischen sie. „Euer Vater hat viele Dinge gewollt. Vor allem, dass ihr zwei nicht bei jeder wichtigen Entscheidung gegeneinander kämpft.“

Aren„Ich kämpfe nicht“, sagte Aren.

Lenn„Du stehst mit gepackter Tasche in der Küche“, entgegnete Lenn. „Natürlich kämpfst du.“

Aren reiste in derselben Nacht, obwohl sein Shuttle erst am Morgen ablegte. Er erzählte sich, dass er im Hafen schlafen konnte. Tatsächlich ertrug er die Vorstellung nicht, noch einmal am Frühstückstisch zu sitzen.

Jara umarmte ihn an der Hintertür. „Ruf an, bevor du glaubst, du hättest nichts zu sagen.“

Aren„Ich werde jede Woche rufen“, versprach Aren.

Jara„Versprich weniger und halte es“, sagte Jara.

Lenn stand am Herd. Auf dem Tisch lag ein eingewickeltes Brot für die Reise. Aren wartete darauf, dass sein Bruder sich umdrehte.

Aren„Ich gehe jetzt“, sagte Aren.

Lenn„Das hast du gründlich erklärt“, antwortete Lenn.

Aren„Willst du mir gar nichts sagen?“, fragte Aren.

Lenn rührte in einem Topf. „Flieg nicht durch eine Störung, nur weil jemand am anderen Ende behauptet, der Zeitplan wäre wichtiger.“

Aren„Das ist dein Abschied?“, fragte Aren.

Lenn„Es ist ein guter Rat“, sagte Lenn.

Aren öffnete die alte Küchentür. Das Scharnier pfiff wie in seiner Kindheit. Hinter ihm begann Lenn zu summen: drei steigende Töne, einer hinab, einer gehalten. Die Melodie ihres Vaters.

Aren blieb auf der Schwelle stehen. „Du könntest auch einfach sagen, dass ich dir fehlen werde.“

Lenns Summen brach ab. „Du könntest auch einfach bleiben.“

Aren„Das kann ich nicht“, sagte Aren.

Lenn„Dann geh“, antwortete Lenn.

Aren ging. Die Tür schloss sich um Mitternacht hinter ihm. Er sah nicht zurück, weil er sicher war, dass Lenn noch am Herd stand. Im Shuttle aß er das Brot und fand zwischen zwei Scheiben einen Zettel.

Neris. Soth. Belisar. Orpheon. Valea. Und wieder zurück.

Darunter hatte Lenn fünf Noten gezeichnet. Aren faltete den Zettel klein und steckte ihn in die Hülle seiner Pilotenpapiere.

In der ersten Woche rief er dreimal an. Im zweiten Monat nur noch einmal. Die Ausbildung fraß Tage und Nächte. Jara fragte nach seinen Prüfungen. Lenn erschien im Hintergrund, hob die Hand und verschwand wieder in der Küche.

Aren„Will er nicht mit mir reden?“, fragte Aren.

Jara„Frag ihn selbst“, sagte Jara.

Aren„Ich frage dich gerade“, erwiderte Aren.

Jara„Genau das ist euer Problem“, sagte seine Mutter.

Als Aren seine Lizenz erhielt, schickte Lenn eine Aufnahme. Darauf war nur das Klappern der Küche und am Ende die Melodie. Aren hörte sie zweimal und antwortete mit einem Bild seiner Uniform. Keiner von beiden sagte, was er eigentlich meinte.

Kapitel 04

Name, Rang und Position

Die Akademie lehrte Aren, dass Panik ein unpräzises Wort für mehrere körperliche Vorgänge war. Er lernte, Atemfrequenz, Muskelspannung und eingeschränkte Wahrnehmung getrennt zu behandeln. Wer wusste, was geschah, konnte handeln. Wer handelte, blieb ein Pilot.

Ausbilderin Sima Kord stellte ihn in einen dunklen Simulator und kappte alle Anzeigen. „Was ist Ihr erster Schritt, Anwärter Voss?“

Aren„Reserveversorgung prüfen“, antwortete Aren.

Kord„Falsch“, sagte Kord.

Aren„Kabinenintegrität prüfen“, korrigierte Aren.

Kord„Auch falsch“, erwiderte Kord.

Aren tastete nach dem Notschalter. „Was erwarten Sie?“

Kord„Dass Sie sich selbst bestätigen“, sagte Kord. „Name, Rang, Position. Ein Systemausfall darf Ihnen nicht erklären, wer Sie sind.“

Aren„Das System kennt meinen Namen nicht mehr“, wandte Aren ein.

Kord„Sie kennen ihn“, antwortete Kord. „Beginnen Sie damit.“

Er hielt die Übung für Theater, bis der Simulator Geräusche erzeugte, die wie ein berstender Rumpf klangen. Sein Atem wurde flach. Die Dunkelheit roch plötzlich wie der Vorratsraum auf Sorell, in dem Lenn ihn während des Ausfalls festgehalten hatte.

Aren„Aren Voss“, sagte er. „Navigationsanwärter. Simulator Valea Sieben. Keine bestätigte Rumpfverletzung.“

Kord„Weiter“, befahl Kord aus der Dunkelheit.

Aren„Reserveversorgung manuell“, sagte Aren. „Zeit seit Ausfall: achtunddreißig Sekunden.“

Seine Stimme ordnete den Raum. Als das Licht zurückkehrte, waren seine Hände ruhig.

Kord„Sie haben Angst vor Stille“, stellte Kord fest.

Aren„Ich habe Respekt vor Kommunikationsausfällen“, sagte Aren.

Kord„Das ist die Uniformversion desselben Satzes“, erwiderte Kord.

Aren spezialisierte sich auf Vermessungsflüge und Relaisdiagnostik. Andere Anwärter wollten große Passagierschiffe oder schnelle Frachter steuern. Er wählte kleine Maschinen, die allein zwischen den grünen Punkten flogen und kontrollierten, ob die Linie noch hielt.

Seine erste feste Partnerin war die Systemtechnikerin Nela Ort. Sie sprach genug für zwei Menschen und beklebte jede freie Fläche im Cockpit mit farbigen Markierungen.

Nela„Rot bedeutet Gefahr, Gelb bedeutet prüfen und Blau bedeutet Kaffee“, erklärte Nela.

Aren„Blau ist kein technischer Zustand“, sagte Aren.

Nela„Du hast mich noch nie ohne Kaffee erlebt“, erwiderte Nela.

Mit Nela lernte Aren, dass ein zweiter Mensch nicht nur Gewicht und Sauerstoff verbrauchte. Sie bemerkte, wenn er denselben Messwert dreimal kontrollierte. Sie zwang ihn, Pausen zu machen, und beantwortete seine nächtlichen Funktests mit übertriebener Förmlichkeit.

Aren„Vermessung Eins an Technik“, sagte Aren einmal. „Bestätigen Sie Empfang.“

Nela„Technik bestätigt den Empfang Ihrer erschütternd originellen Anfrage“, antwortete Nela. „Die Technik bittet außerdem um Schlaf.“

Aren„Die Technik schnarcht“, sagte Aren.

Nela„Das ist ein Kalibrierungston“, erwiderte Nela.

Sie flogen vier Jahre zusammen. Dann nahm Nela eine Stelle auf einem Forschungsschiff an, weil sie Kinder wollte und keine Monate mehr in Einmannkabinen verbringen mochte.

Nela„Du könntest ebenfalls auf ein größeres Schiff wechseln“, schlug Nela bei ihrem Abschied vor.

Aren„Ich arbeite besser allein“, sagte Aren.

Nela„Du arbeitest kontrollierter allein“, korrigierte Nela. „Das ist nicht dasselbe.“

Aren„Ich brauche keine Beobachtung“, antwortete Aren.

Nela„Jeder braucht jemanden, der merkt, wenn er verschwindet“, sagte Nela.

Aren lachte den Satz weg. Wenige Wochen später beantragte er die Zulassung für Soloflüge.

Die Jahre wurden zu Routen. Neris, Soth, Belisar, Orpheon, Valea. Später kamen Randsterne hinzu, deren Namen nur in Navigationsregistern standen. Aren stieg zum Vermessungspiloten erster Klasse auf. Er konnte eine instabile Bake am Zittern ihrer Trägerwelle erkennen und einen Kurs mit zwei defekten Sternsensoren halten.

Mit jedem Erfolg wurde es leichter, nicht nach Sorell zurückzukehren. Jara starb zwölf Jahre nach seinem Abschied an einer Embolie. Aren erreichte die Station einen Tag nach der Beisetzung.

Lenn wartete in der leeren Küche. „Du bist zu spät.“

Aren„Der Korridor war gesperrt“, sagte Aren.

Lenn„Natürlich war er das“, antwortete Lenn.

Aren„Ich habe versucht, früher freizukommen“, erklärte Aren.

Lenn„Natürlich hast du das“, erwiderte Lenn.

Aren legte die Hand auf den Zettel in seiner Dokumentenhülle. „Sie hat mir am Abend vorher eine Nachricht geschickt.“

Lenn„Mir hat sie am Abend vorher die Hand gehalten“, sagte Lenn.

Zwischen ihnen stand der Herd. Aren dachte an hundert passende Sätze und sprach keinen aus.

Lenn„Bleib bis morgen“, bat Lenn schließlich.

Aren„Mein Schiff startet um sechs“, antwortete Aren.

Lenn nickte. „Dann bist du wenigstens darin zuverlässig.“

Aren verließ die Küche erneut. Diesmal summte niemand hinter ihm.

Kapitel 05

Lumen Drei

Lumen Drei war kein schönes Schiff. Ihr Rumpf bestand aus unterschiedlich dunklen Reparaturplatten, die rechte Steuerdüse stammte von einem älteren Modell, und die Klimaanlage roch nach warmem Staub. Aren mochte sie vom ersten Flug an. Schönheit verlangte Bewunderung. Lumen Drei verlangte Aufmerksamkeit.

Nela„Sie ist für zwei Personen zugelassen“, sagte Stationsingenieurin Nela Ort, als Aren das Schiff übernahm. Sie arbeitete inzwischen auf Belisar und hatte darauf bestanden, die Abnahme selbst zu begleiten.

Aren„Ich fliege allein“, antwortete Aren.

Nela„Das habe ich gehört“, sagte Nela. „Die zweite Koje bleibt trotzdem eine Koje und wird kein Lagerraum.“

Aren„Sie wird ein Lagerraum“, erwiderte Aren.

Nela„Dann hoffe ich, dass deine Ersatzfilter gut zuhören können“, sagte Nela.

Sie führte ihn durch jedes System. Der Sender besaß neben dem digitalen Hauptmodul eine analoge Notstufe, altmodisch und fast lächerlich schwer. Aren wollte sie ausbauen lassen, bis Nela ihm den Frequenzregler in die Hand drückte.

Nela„Digitale Netze sind klüger“, erklärte Nela. „Analog ist dümmer, aber hartnäckiger.“

Aren„Das klingt nicht wie ein technischer Vergleich“, sagte Aren.

Nela„Es ist einer der wichtigsten“, erwiderte Nela. „Wenn alles zusammenbricht, brauchst du manchmal ein Gerät, das zu dumm ist, um zu wissen, dass es nicht funktionieren dürfte.“

Aren ließ die Notstufe eingebaut. In den folgenden sechs Jahren brachte Lumen Drei ihn durch Magnetstürme, Staubfelder und zwei fehlerhaft berechnete Sprungkorridore. Sie trug Messsonden aus, ersetzte Relaiskerne und kartierte Routen, die später von Frachtern benutzt wurden. Wenn Aren ihren Rumpf berührte, wusste er, welche Platte im Vakuum anders klang.

Er sprach mit dem Schiff, wenn niemand zuhörte. „Lumen Drei, Druck stabil. Kurs bestätigt.“

Die Bordstimme antwortete: „Kurs bestätigt.“

Aren„Das war keine Frage“, sagte Aren.

Lumen Drei„Bitte formulieren Sie Ihre Anfrage neu“, erwiderte das System.

Aren„Vergiss es“, sagte Aren.

Lumen Drei„Anfrage verworfen“, bestätigte das Schiff.

Seine nächste Mission führte in die Valea-Weite, jenseits des regulären Verkehrs. Dort drifteten die äußeren Relais seit Monaten um Bruchteile aus ihrer Position. Für große Schiffe war die Abweichung noch ungefährlich. Für Sprungberechnungen konnte sie irgendwann tödlich werden.

Einsatzleiter Harun Pell schob die Route über den Tisch. „Von Belisar nach Orpheon, dann an Valea vorbei bis Relais K-Null. Sie ersetzen drei Zeitkerne und vermessen die Zwischenräume.“

Nela„Warum allein?“, fragte Nela, die ohne Einladung an der Besprechung teilnahm.

Pell„Weil Pilot Voss die Solofreigabe besitzt“, sagte Pell.

Nela„Das beantwortet die Vorschrift“, entgegnete Nela. „Nicht die Frage.“

Pell sah zu Aren. „Wollen Sie einen Techniker mitnehmen?“

Aren„Ich fliege allein“, sagte Aren.

Nela verschränkte die Arme. „Natürlich nicht.“

Aren„Die Arbeit dauert achtzehn Tage“, erklärte Aren. „Die Systeme sind modular. Eine zweite Person ist nicht erforderlich.“

Nela„Menschen sind selten erforderlich, bis sie es plötzlich sind“, sagte Nela.

Pell beendete die Diskussion. „Es gibt erhöhte Ionendichte hinter Orpheon. Kein bestätigter Sturm. Sollten zwei Relais gleichzeitig ausfallen, drehen Sie um.“

Aren„Den Befehl habe ich verstanden“, sagte Aren.

Am Abend vor dem Start erhielt er eine Nachricht von Sorell. Lenn hatte seit Jaras Beisetzung nur zu Geburtstagen geschrieben, meist einen Satz. Diesmal war die Aufnahme länger.

Lenn„Aren, hier ist Lenn“, begann sein Bruder unnötig förmlich. „Die Stationsverwaltung baut Ring Drei um. Die Küche zieht für drei Monate an den Hafen. Ich habe deine alte Kiste gefunden.“

Lenn hielt den Zettel mit den Sternnamen in die Kamera. „Wenn du ihn noch willst, sag etwas. Wenn nicht, werfe ich ihn nicht weg, weil ich weiß, dass du dann in zehn Jahren behauptest, er wäre wichtig gewesen.“

Im Hintergrund rief jemand nach zwei Suppen. Lenn drehte den Kopf und summte für einen Moment die fünf Töne.

Lenn„Ich muss arbeiten“, sagte Lenn. „Melde dich.“

Aren nahm eine Antwort auf. „Behalte die Kiste. Ich starte morgen. Achtzehn Tage.“

Er löschte die Aufnahme. Sie klang wie ein Einsatzbericht. Beim zweiten Versuch sagte er: „Ich habe den Zettel noch.“

Auch diese Aufnahme löschte er. Schließlich schloss er das Nachrichtenfenster, ohne etwas zu senden.

Lumen Drei„Anfrage verworfen“, sagte Lumen Drei, weil sein Handgelenk das Bedienfeld berührt hatte.

Aren„Ich weiß“, antwortete Aren.

Kapitel 06

Das letzte grüne Auge

Bis Orpheon verlief der Flug ohne Abweichung. Aren ersetzte zwei Zeitkerne, trank schlechten Kaffee und schrieb Messprotokolle, die niemand außer Pell vollständig lesen würde. Die Weite war kein leeres Gebiet. Sie war nur dünn bewohnt: ein Frachter alle paar Tage, ein Forschungsschiff am Rand der Sensorreichweite, dazwischen die grünen Impulse der Relais.

Am siebten Flugtag meldete Orpheon Sechs eine Störung. Der Träger schwankte, fing sich jedoch nach drei Sekunden wieder.

Aren„Lumen Drei an Orpheon Sechs“, sagte Aren. „Diagnosepaket übertragen.“

Das Relais antwortete mit seiner automatischen Kennung. „Orpheon Sechs betriebsbereit. Abweichung innerhalb der Toleranz.“

Aren„Das war nicht innerhalb der Toleranz“, sagte Aren.

Relais K-Null„Abweichung innerhalb der Toleranz“, wiederholte das Relais.

Aren meldete den Fehler an Pell. Die Antwort kam mit neun Minuten Verzögerung. „Die Ionendichte steigt schneller als berechnet. Führen Sie die Diagnose an K-Null durch und kehren Sie danach um. Keine weiteren Außenpunkte.“

Aren„Bestätigt“, sagte Aren.

K-Null lag vierzehn Stunden voraus. Das Relais markierte das Ende des überwachten Korridors. Dahinter führte die Route noch nach Valea, doch zwischen den Systemen lagen nur alte Navigationsbojen mit geringer Reichweite. Aren hätte an Orpheon Sechs wenden können. Der Auftrag verlangte K-Null, und die Störung war noch keine Störfront.

Nelas Stimme lebte in seiner Erinnerung. Menschen sind selten erforderlich, bis sie es plötzlich sind.

Aren„Die Systeme sind stabil“, sagte Aren in das leere Cockpit.

Lumen Drei antwortete: „Alle Primärsysteme innerhalb der Sollwerte.“

Aren„Siehst du“, sagte Aren.

Lumen Drei„Bitte formulieren Sie Ihre Anfrage neu“, erwiderte das Schiff.

Um 23:48 Uhr erreichte er K-Null. Das Relais stand vor dem Sternenfeld wie eine Nadel aus schwarzem Metall. Sein grünes Positionslicht pulsierte regelmäßig. Aren koppelte das Diagnosesignal an und sah, dass der Zeitkern bereits dreiundvierzig Millisekunden nachging.

Aren„K-Null, Wartungsmodus autorisieren“, sagte Aren.

Relais K-Null„Autorisierung bestätigt, Vermessungspilot erster Klasse Aren Voss“, antwortete das Relais.

Er aktivierte den Ersatzkern aus der Ferne. Während des Neustarts verschwand das grüne Licht. Für sieben Sekunden sah Aren nur die Sterne dahinter. Dann kehrte der Impuls zurück.

Relais K-Null„K-Null betriebsbereit“, meldete das Relais.

Aren„Lumen Drei bestätigt“, sagte Aren.

Die Uhr sprang auf Mitternacht. Aren löste die Verbindung und setzte Kurs auf Orpheon. Hinter ihm wurde das grüne Auge kleiner. Er beobachtete es länger, als notwendig war.

Um 00:06 Uhr traf die Störfront ein.

Sie erschien nicht auf den optischen Sensoren. Zuerst flackerte nur die Sternkarte. Dann liefen blaue Entladungen über den Cockpitrahmen, und sämtliche Funkkanäle füllten sich gleichzeitig mit einem scharfen, weißen Ton.

Aren„Lumen Drei, Feldstärke“, befahl Aren.

Lumen Drei„Messbereich überschritten“, antwortete das Schiff.

Aren„K-Null, bestätigen Sie Empfang“, rief Aren.

Das Relais gab keine Antwort.

Die Steuerdüsen zündeten ohne Befehl. Lumen Drei drehte sich neun Grad aus dem Kurs. Aren schaltete auf manuell und fing die Bewegung ab. Warnfelder legten sich übereinander: Sternsensorfehler, Kommunikation unterbrochen, Navigationslösung unsicher.

Aren„Bordzeit markieren“, sagte Aren. „00:07 Uhr. Eintritt in ionische Störfront.“

Lumen Drei„Markierung gespeichert“, antwortete die Bordstimme verzerrt.

Er sendete einen Notruf auf der Hauptfrequenz. „Lumen Drei an K-Null und Orpheon-Kontrolle. Störfront überschreitet Prognose. Navigation beeinträchtigt. Ich kehre nach Orpheon zurück.“

Der Satz kam aus den Lautsprechern zu ihm zurück, in Stücke geschnitten. „Lu— Drei an— Null— beein— zurück.“

Aren„Das ist mein eigenes Signal“, sagte Aren.

Das Schiff antwortete nicht. Die Bordstimme war ausgefallen.

Aren rief K-Null erneut. Das letzte grüne Relais lag hinter ihm, doch sein Licht war verschwunden. Er vergrößerte die optische Ansicht. Kein Impuls. Kein Auge. Nur Sterne.

Die Störfront dauerte achtzehn Minuten. Als die Entladungen endeten, hatte Lumen Drei wieder Kabinendruck und Schub. Doch die Langstreckenantenne war überlastet, beide Sternsensoren lieferten widersprüchliche Daten, und der Sprungantrieb verweigerte die Initialisierung. Aren befand sich zwischen Orpheon und Valea, außerhalb jedes bestätigten Korridors.

Relais K-Null„Aren Voss“, sagte er. „Vermessungspilot erster Klasse. Schiff Lumen Drei. Letzte bestätigte Position: Relais K-Null. Kurs zurück nach Orpheon.“

Er wartete auf eine Antwort des Systems. Nichts kam.

Aren„Kabine dicht“, fuhr Aren fort. „Unterlichtantrieb verfügbar. Sauerstoff für achtundzwanzig Tage.“

Das Sprechen half. Seine Hände hörten auf zu zittern.

Er richtete die analoge Notstufe aus und drehte den Frequenzregler. Weißes Rauschen füllte das Cockpit. Tief darin glaubte er, den Anfang einer Silbe zu hören.

Aren„Hier Lumen Drei“, sagte Aren. „Bestätigen Sie Empfang.“

Das Rauschen faltete seine Worte und gab sie beschädigt zurück.

Kapitel 07

Zahlen gegen die Dunkelheit

Am ersten Tag behandelte Aren den Ausfall wie eine Aufgabe. Er verglich die beiden Sternsensoren mit optischen Aufnahmen, berechnete die Drift des Schiffes und legte einen Korrekturvektor nach Orpheon fest. Ohne Sprungantrieb würde er den überwachten Bereich nicht in Tagen, sondern in Wochen erreichen. Doch Suchschiffe mussten nur nahe genug kommen, um sein Notsignal zu hören.

Aren„Notprotokoll Lumen Drei, Eintrag eins“, sagte Aren. „Pilot Aren Voss. Keine Verletzungen. Hauptantenne ausgefallen. Analoger Notruf aktiv.“

Er übertrug seinen Namen, seinen Rang, die letzte Position und die Sterne seiner Route. Neris. Soth. Belisar. Orpheon. Valea. Die Wörter gaben dem Raum eine Reihenfolge.

Alle drei Stunden wiederholte er den Ruf. Dazwischen reparierte er Leitungen, testete den Sprungantrieb und schlief in Abschnitten von vierzig Minuten. Am zweiten Tag fand er eine verschmorte Baugruppe unter der Antennensteuerung.

Aren„Da bist du“, sagte Aren.

Das Bauteil antwortete mit einem Funken.

Aren„Du bist nicht die Gesprächspartnerin, die ich gesucht habe“, sagte Aren.

Er überbrückte zwei Leiterbahnen und gewann elf Prozent Sendeleistung zurück. Der erste Test klang klarer.

Aren„Lumen Drei an jeden Empfänger“, sagte Aren. „Vermessungspilot erster Klasse Aren Voss. Kennung LV-317. Letzte bestätigte Position K-Null.“

Aus dem Lautsprecher kam: „—men Drei— jeden— Aren— letzte— Null.“

Aren„Besser“, sagte Aren.

Am dritten Tag begann er, auf Antworten zu warten. Vorher hatte er sofort nach dem Senden weitergearbeitet. Nun blieb er jeweils eine Minute vor dem Gerät sitzen. Weißes Rauschen schwoll an und ab, als atmete etwas hinter einer Wand.

Aren„Wenn Sie mich empfangen, senden Sie einen einzelnen Ton“, sagte Aren.

Ein Impuls knackte.

Aren„Wiederholen Sie“, forderte Aren.

Das Rauschen blieb gleich.

Er markierte den Zeitpunkt trotzdem. 14:22 Uhr, möglicher Trägerimpuls. Später löschte er den Eintrag, weil ein Kühlrelais im selben Moment geschaltet hatte.

Am vierten Tag meldete der Lebenserhaltungskern einen Fehler im Kohlendioxidfilter. Aren wechselte die Kassette. Als er die verbrauchte Einheit in die zweite Koje legte, erinnerte er sich an Nela.

Aren„Die Ersatzfilter hören tatsächlich besser zu als du“, sagte Aren laut.

In seiner Vorstellung hob Nela eine Augenbraue. Ich höre. Du antwortest nur nie.

Er öffnete den privaten Nachrichtenspeicher und sah Lenns Aufnahme. Die Datei war vor dem Ausfall geladen worden. Aren spielte sie nicht ab. Er kannte jedes Wort.

Stattdessen nahm er eine neue Nachricht auf. „Lenn, ich befinde mich hinter K-Null. Das Netz ist ausgefallen.“

Er brach ab. Der Satz klang zu klein.

Aren„Lenn, falls das hier übertragen wird, hatte Nela recht mit der analogen Notstufe“, begann Aren erneut. „Sag ihr das nicht zu oft.“

Auch diese Aufnahme löschte er.

Beim dritten Versuch sah Aren direkt in die Kamera. „Ich habe den Zettel noch. Seit damals. Ich hätte dir das sagen sollen.“

Er speicherte die Nachricht, sendete sie jedoch nicht. Die geringe Energie musste für Notsignale reichen.

In der Nacht fiel die Temperatur im Cockpit. Aren wickelte sich in eine Rettungsdecke und hörte dem Rauschen zu. Er dachte an die neunzehn Stunden auf Sorell, an Orens Namen, den er immer wieder gerufen hatte. Damals hatte niemand geantwortet, weil sein Vater bereits nicht mehr antworten konnte.

Aren„Ich kann antworten“, sagte Aren.

Das Rauschen blieb ohne Form.

Aren„Mein Name ist Aren Voss“, sagte er. „Vermessungspilot erster Klasse. Lumen Drei.“

Er nannte die Sterne seiner Route, bis er einschlief.

Kapitel 08

Beschädigte Spiegel

Am fünften Tag versagte die automatische Zeitmessung. Der Bordkern sprang um sechs Minuten zurück, dann um achtzehn vor. Aren trennte ihn vom Navigationssystem und begann, Stunden mit einem mechanischen Timer zu zählen. Er schrieb jede Mahlzeit, jeden Funkruf und jede Schlafphase auf die Wand neben dem Cockpit.

Aren„Tag fünf“, sagte Aren in das Protokoll. „Oder Beginn Tag sechs, abhängig von der Drift. Ich verwende ab jetzt subjektive Bordzeit.“

Seine Stimme klang heiser. Er trank Wasser und wiederholte den Eintrag.

Das Rauschen veränderte sich. Manchmal hörte Aren darin Stimmen, doch keine hielt länger als eine Silbe. Einmal sagte etwas deutlich seinen Namen.

Aren„Hier Aren Voss“, antwortete er sofort. „Identifizieren Sie sich.“

Die Stimme kam erneut. „—ren— Oss—“

Aren erkannte das Echo seines eigenen Notsignals. Die Störfront warf Übertragungen an ionisierten Schichten zurück. Seine Worte reisten hinaus und kehrten beschädigt zu ihm zurück, als wären Teile von ihm unterwegs verloren gegangen.

Aren„Das bin ich“, sagte Aren.

Das Echo antwortete: „—ich.“

Am sechsten Tag zeigte der optische Sensor einen Stern dort, wo keiner sein durfte. Aren beobachtete ihn zwei Stunden, bis er erkannte, dass es sich um einen beschädigten Pixel handelte. Er markierte ihn auf der Scheibe und nannte ihn Oren.

Aren„Du bleibst wenigstens an deiner Position“, sagte Aren.

Der falsche Stern leuchtete schweigend.

Er versuchte, den Sprungantrieb ein letztes Mal zu starten. Die Spulen luden bis zweiundvierzig Prozent, dann brach das Feld zusammen. Der Rückschlag warf Aren gegen die Konsole. Blut lief aus seiner Nase auf das Bedienfeld.

Aren„Keine Bewusstlosigkeit“, sagte Aren in das medizinische Protokoll. „Prellung an der linken Schulter. Motorischer Test folgt.“

Er bewegte Finger, Arme und Beine. Alles gehorchte.

Aren„Ich bin noch hier“, fügte Aren hinzu.

Am siebten Tag begann er mit einer Stimme zu sprechen, die Nela gehörte. Er wusste, dass sie nicht real war. Dieses Wissen machte die Gespräche nicht weniger nützlich.

Nela„Du hast die Spule gegen die Diagnose gestartet“, sagte die gedachte Nela.

Aren„Ich brauchte eine Navigationslösung“, antwortete Aren.

Nela„Du brauchtest einen Erfolg“, korrigierte die gedachte Nela.

Aren„Das ist dasselbe“, sagte Aren.

Nela„Nein“, erwiderte die gedachte Nela. „Ein Erfolg bringt dich weiter. Ein Versuch beschäftigt dich nur.“

Aren schaltete den Sprungantrieb endgültig ab. Die eingesparte Energie verlängerte die Funkleistung um vier Tage.

Am achten Tag fand er den Zettel von Lenn nicht. Er leerte die Dokumentenhülle, durchsuchte das Schließfach und riss schließlich die Polsterung der Koje auf.

Aren„Er war hier“, sagte Aren.

Die gedachte Nela antwortete nicht.

Aren„Ich habe ihn nicht verloren“, sagte Aren lauter.

Er durchsuchte die Kabine erneut. Der Zettel steckte in der Tasche seines Fluganzugs, wo er ihn nach dem ersten Ausfall hingeschoben hatte. Aren setzte sich auf den Boden und lachte. Das Lachen kippte in einen Laut, den er nicht benennen wollte.

Auf dem Papier waren Lenns Sternnamen fast abgerieben. Darunter standen die fünf Noten.

Aren„Neris“, las Aren. „Soth. Belisar. Orpheon. Valea. Und wieder zurück.“

Er legte den Zettel vor das Funkgerät. Bei jedem Notsignal berührte er mit dem Finger einen Namen.

Aren„Lumen Drei an jeden Empfänger“, sagte Aren. „Mein Name ist Aren Voss. Mein Rang ist Vermessungspilot erster Klasse. Meine Route führt über Neris, Soth, Belisar und Orpheon nach Valea.“

Das Echo kehrte zurück. „—Name— Voss— Rang— Route—“

Aren„Ganz genau“, antwortete Aren. „Versuch es weiter.“

In dieser Nacht träumte er von der alten Küchentür. Sie stand offen, doch dahinter lag kein Flur. Dahinter war das Schwarz zwischen Orpheon und Valea. Lenn stand am Herd und bewegte die Lippen, ohne dass ein Ton kam.

Aren wachte auf und rief: „Ich höre dich nicht.“

Das Funkgerät rauschte. An der Cockpitwand begann der neunte Strich.

Kapitel 09

Tag elf

Am neunten Tag hörte Aren auf, das Cockpit zu verlassen. Die Temperatur in der hinteren Kabine war zu tief, und jeder Weg kostete Kraft. Er zog Nahrung, Wasser und eine Notdecke zum Pilotensitz. Die zweite Koje verschwand im Dunkeln.

Aren„Protokoll“, sagte Aren. „Tag neun. Kurs nach optischer Lösung unverändert. Geschwindigkeit vier Komma eins. Keine bestätigten Signale.“

Er hörte den Eintrag ab. Das Wort bestätigten war kaum verständlich. Seine Lippen waren aufgesprungen, und die Kehle schmerzte bei jedem Satz.

Aren„Keine Signale“, wiederholte Aren deutlicher.

Die gedachte Nela saß nicht mehr auf dem zweiten Platz. Aren vermisste sogar ihre eingebildeten Vorwürfe. Er versuchte, sie zurückzurufen.

Aren„Du würdest sagen, ich soll trinken“, sagte Aren.

Niemand antwortete.

Aren„Ich trinke bereits“, ergänzte Aren.

Das Rauschen wurde zum einzigen Wetter des Schiffes. Es stieg, fiel und schlug in körnigen Wellen gegen den Lautsprecher. Aren stellte es leiser. Sofort hörte er seinen eigenen Atem zu deutlich und stellte es wieder lauter.

Am zehnten Tag brach die Sendeleistung unter fünf Prozent. Aren öffnete die Konsole und leitete Energie aus der Kabinenheizung in die Notstufe. Ein falscher Handgriff hätte den Sender endgültig zerstört. Seine Finger zitterten so stark, dass er beide Hände um den Frequenzregler legen musste.

Aren„Langsam“, sagte Aren zu sich selbst. „Du weißt, was du tust.“

Eine Schraube löste sich und fiel unter den Sitz.

Aren„Das war nicht langsam“, sagte Aren.

Er fand die Schraube nach zwanzig Minuten. Als der Sender wieder anlief, war die Kabinentemperatur bereits um drei Grad gefallen.

Aren„Lumen Drei an jeden Empfänger“, rief Aren. „Aren Voss. Vermessungspilot erster Klasse. Kennung LV-317. Letzte Position K-Null. Kurs Orpheon.“

Seine Stimme kehrte in Bruchstücken zurück. „—ren— erster— Null—“

Aren„Ich brauche keine Wiederholung“, sagte Aren. „Ich brauche eine Antwort.“

In der Nacht zum elften Tag verlor er für eine unbekannte Zeit das Bewusstsein. Als er erwachte, zeigte der mechanische Timer null. Aren wusste nicht, ob er ihn im Schlaf berührt hatte oder ob die Batterie leer war. An der Wand standen zehn Striche. Er zeichnete den elften daneben.

Aren„Tag elf“, sagte Aren.

Das Datum wusste er nicht mehr. Er versuchte, Jaras Geburtstag zu berechnen, verlor jedoch mitten in der Addition den Ausgangspunkt.

Aren„Name, Rang, Position“, erinnerte er sich an Kords Stimme.

Aren„Aren Voss“, sagte er. „Vermessungspilot erster Klasse. Lumen Drei.“

Die Position war schwieriger. K-Null, dann Kurs Orpheon, Drift nach Steuerdüsenausfall, Geschwindigkeit vier Komma eins. Die Sterne Neris, Soth, Belisar, Orpheon und Valea. Er nannte sie einzeln.

Aren„Ich bin nicht verschwunden“, sagte Aren.

Im Rauschen lag ein Ton.

Aren hob den Kopf. Der Ton war zu schmal für Sprache und zu gleichmäßig für einen Träger. Er stieg drei Schritte an, fiel zurück und blieb stehen.

Aren„Das bildest du dir ein“, sagte Aren.

Die Melodie kam erneut, kaum lauter als sein Puls. Drei steigende Töne. Einer hinab. Einer gehalten.

Aren„Lenn?“, fragte Aren.

Das Rauschen verschluckte den letzten Ton.

Aren schloss die Augen. Er sah die Küche auf Sorell, das Licht über dem Herd und Lenns Rücken in der Nacht seines Abschieds. Halluzinationen, wusste er, benutzten Erinnerungen. Das Gehirn füllte Leere mit Dingen, die es nicht verlieren wollte.

Aren„Du bist nicht hier“, sagte Aren.

Die Melodie begann ein drittes Mal.

Aren beugte sich über die Konsole. „Unbekannte Station, identifizieren Sie sich.“

Zwischen den Tönen knackte eine Silbe. Dann eine zweite.

Aren„Wiederholen Sie“, bat Aren.

Das Signal verschwand. Aren hielt die Hand auf dem Regler, wagte jedoch nicht, die Frequenz zu verändern.

Aren„Bitte“, sagte Aren.

Ein Träger schob sich unter das Rauschen. Zuerst dünn, dann stabiler. Eine Stimme entstand darin, weiblich und so weit entfernt, dass jedes Wort gegen die Störung ankämpfte.

Sera„Un— Pilot— Kurs“, formte die ferne Stimme aus dem Rauschen.

Aren„Hier Aren Voss“, rief Aren. „Ich empfange Sie. Wiederholen Sie.“

Die Stimme brach ab. Aren sendete seinen Namen, Rang und die Sterne seiner Route. Er sprach langsam, obwohl jeder Instinkt ihn drängte zu schreien.

Aren„Aren Voss“, sagte er. „Vermessungspilot erster Klasse. Lumen Drei. Neris, Soth, Belisar, Orpheon, Valea.“

Der Träger kehrte zurück. Diesmal waren die Worte klar.

Sera„Unbekannter Pilot, halten Sie den Kurs“, sagte die Frau. „Wir haben Ihr Signal.“

Aren legte die Stirn an das Funkgerät.

Aren„Bestätigen Sie meinen Namen“, bat Aren.

Sera„Ihr Name ist noch nicht lesbar“, antwortete die Frau. „Aber wir hören Sie. Sie sind nicht allein.“

Aren lachte einmal, heiser und ungläubig. „Ich empfange.“

Sera„Bleiben Sie bei mir“, sagte die Frau.

Aren„Ich empfange“, wiederholte Aren.

Zum ersten Mal seit elf Tagen antwortete die Dunkelheit.

Kapitel 10

Halten Sie den Kurs

Die Stimme gehörte Funkoffizierin Sera Dain vom Suchschiff Aurel. Das erfuhr Aren erst nach vier weiteren Übertragungen, weil die Störung Namen schlechter trug als Zahlen. Sera gab ihm einen Richtimpuls und ließ ihn die Steuerdüsen in kurzen Stößen zünden.

Sera„Lumen Drei, korrigieren Sie zwei Grad steuerbord“, sagte Sera.

Aren„Zwei Grad steuerbord bestätigt“, antwortete Aren.

Sera„Nicht mehr als vier Sekunden Schub“, warnte Sera.

Aren„Meine rechte Düse hält ohnehin nicht länger“, sagte Aren.

Nach einer Pause fragte Sera: „War das ein Scherz?“

Aren„Ich hoffe es“, antwortete Aren.

Die Aurel war neun Stunden entfernt. Ihr Signal erreichte Aren nur, wenn beide Schiffe ihre Antennen genau aufeinander richteten. Jede Kurskorrektur konnte die Verbindung abbrechen. Aren hielt den Regler mit einer Hand und die Steuerung mit der anderen.

Aren„Warum nennen Sie mich unbekannter Pilot?“, fragte Aren.

Sera„Ihre Kennung kommt nur als Fragment an“, erklärte Sera. „LV, dann eine Sieben. Der Rest ist statisches Rauschen.“

Aren„LV-317“, sagte Aren.

Sera„Wiederholen Sie die Ziffern nicht“, bat Sera. „Die Störung spiegelt sie. Ich bekomme sieben, eins, sieben, drei und manchmal elf.“

Aren„Dann nennen Sie mich Aren“, sagte Aren.

Sera„Das Signal macht daraus Ar, Ren oder gar nichts“, antwortete Sera. „Ich bleibe vorerst bei Pilot.“

Aren„Dann bleiben Sie wenigstens“, sagte Aren.

Sera schwieg zwei Atemzüge. „Ich bleibe.“

Die Melodie ertönte erneut, diesmal unter ihrer Stimme. Aren fragte, ob die Aurel sie sendete.

Sera„Ein privater Suchimpuls“, erklärte Sera. „Fünf Töne auf analoger Trägerwelle.“

Aren„Von wem?“, fragte Aren.

Sera„Das klären wir nach dem Andocken“, sagte Sera.

Aren„Sagen Sie es jetzt“, verlangte Aren.

Sera„Ich brauche Sie auf dem Kurs, Pilot“, antwortete Sera. „Nicht in einer Erinnerung.“

Aren wusste, dass sie recht hatte. Er richtete Lumen Drei nach dem Träger aus. Auf dem optischen Sensor erschien ein Punkt, zu schwach, um von einem beschädigten Pixel unterschieden zu werden.

Aren„Ich sehe Sie vielleicht“, sagte Aren.

Sera„Wir sehen Sie noch nicht“, erwiderte Sera.

Aren„Dann bin ich Ihnen voraus“, sagte Aren.

Sera„Behalten Sie diesen Vorsprung“, antwortete Sera.

Zwei Stunden später begann die rechte Steuerdüse unkontrolliert zu pulsen. Lumen Drei drehte sich aus der Funkachse. Sera wurde zu einzelnen Lauten.

Aren„Aurel, ich verliere den Kurs“, rief Aren.

Sera„—drei— manuell— absch—“, zerfiel Seras Antwort im Funkgerät.

Aren zog die Sicherung der Düse. Sie klemmte. Er löste den Gurt, stieß sich zur Bodenklappe und riss die Wartungsabdeckung auf. Ohne künstliche Schwerkraft schwebten Werkzeug, Zettel und Blutstropfen aus seiner aufgerissenen Hand durch die Kabine.

Aren„Sera, sprechen Sie weiter“, sagte Aren.

Sera„—Sie— hören?“, fragte Seras beschädigte Stimme.

Aren„Teilweise“, antwortete Aren.

Sera„—Kurs— zwei— backbord“, befahl Sera durch die Störung.

Er schlug den mechanischen Trenner mit dem Griff eines Schraubenschlüssels. Beim dritten Schlag brach die Verbindung zur Düse. Lumen Drei rotierte weiter, aber gleichmäßig. Aren zog sich zum Sitz zurück und zündete die linke Düse gegen die Drehung.

Aren„Aurel, hier Aren“, sagte er. „Kurs stabilisiert.“

Lange kam nichts. Dann füllte Seras Atem den Kanal.

Sera„Pilot, bestätigen Sie Verletzungen“, verlangte Sera.

Aren„Schnitt an der Hand“, antwortete Aren. „Kein Druckverlust.“

Sera„Sie sind elf Tage verschollen und reparieren frei schwebend eine Steuerdüse“, sagte Sera. „Tun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie jetzt angeschnallt.“

Aren„Befehl bestätigt“, sagte Aren.

Der Punkt vor ihm wurde heller. Drei Stunden vor dem Rendezvous identifizierte Lumen Drei zum ersten Mal das Suchschiff. Aurel erschien auf dem Display, schlicht und grün.

Aren„Ich habe Sie“, sagte Aren.

Sera„Wir haben Sie ebenfalls“, antwortete Sera.

Aren„Sagen Sie meinen Namen“, bat Aren.

Im Hintergrund sprach jemand mit Sera. Dann öffnete sie den Kanal erneut.

Sera„Vermessungspilot erster Klasse Aren Voss, Kennung LV-317“, sagte Sera. „Identität bestätigt.“

Aren schloss die Augen. Die Worte waren nur Protokoll, doch sie trafen ihn stärker als die Rettungsmeldung.

Aren„Bestätigt“, antwortete Aren.

Sera„Und Aren“, fügte Sera hinzu, „Ihr Bruder wartet seit drei Tagen auf unserer Familienleitung.“

Der fünfte Ton der Melodie lag noch im Kanal, als Aren zu weinen begann.

Kapitel 11

Der Mann am anderen Ende

Die Aurel koppelte nicht direkt an Lumen Drei an. Ein Rettungsteam sicherte den beschädigten Rumpf und zog Aren durch eine Druckschleuse. Sobald seine Stiefel den Boden berührten, gaben seine Knie nach. Zwei Sanitäter fingen ihn auf.

Aren„Ich kann gehen“, sagte Aren.

Jo„Das glauben alle Piloten“, antwortete Sanitäterin Jo Veck. „Deshalb haben wir Tragen.“

Aren„Lumen Drei muss druckstabil bleiben“, sagte Aren.

Jo„Ihr Schiff ist gesichert“, versicherte Jo.

Aren„Die analoge Notstufe darf nicht ausgeschaltet werden“, verlangte Aren.

Sera trat hinter den Sanitätern hervor. Ihre Stimme klang ohne Rauschen jünger, als Aren erwartet hatte. „Die Notstufe bleibt an, bis Sie selbst den Schalter umlegen.“

Aren„Sie sind Sera“, stellte Aren fest.

Sera„Und Sie sind endlich nicht mehr unbekannt“, antwortete Sera.

Im Behandlungsraum erhielt Aren Flüssigkeit, Wärme und eine Reihe von Fragen, die er nur widerwillig beantwortete. Jo wollte wissen, welcher Tag war.

Aren„Für mich ist noch immer Tag elf“, sagte Aren.

Jo„Stationsdatum?“, fragte Jo.

Aren„Tag elf reicht“, antwortete Aren.

Jo„Für Sie vielleicht“, erwiderte Jo.

Sera brachte ein tragbares Kommunikationsgerät. Auf dem Bildschirm wartete Lenn in der provisorischen Küche am Hafen von Sorell. Er wirkte älter, als Aren ihn in Erinnerung hatte. Graue Strähnen lagen über seinen Schläfen. Hinter ihm kochte ein Topf über.

Aren„Dein Herd“, sagte Aren.

Lenn drehte sich um, schaltete die Platte aus und sah wieder in die Kamera. „Du bist elf Tage verschwunden und dein erster Satz gilt meinem Herd?“

Aren„Er kocht über“, sagte Aren.

Lenn„Du siehst schrecklich aus“, antwortete Lenn.

Aren„Du auch“, sagte Aren.

Lenn presste die Lippen zusammen. Dann lachte er, und Aren hörte, wie das Lachen in ein Schluchzen brach.

Lenn„Ich dachte, du wärst tot“, sagte Lenn.

Aren„Ich auch“, antwortete Aren.

Lenn„Das solltest du nicht so ruhig sagen“, fuhr Lenn ihn an.

Aren„Wie soll ich es sagen?“, fragte Aren.

Lenn„Gar nicht“, sagte Lenn. „Oder später. Wenn du hier bist und ich dich dafür schlagen kann.“

Aren hob seine bandagierte Hand. „Du musst warten.“

Lenn„Ich habe Übung darin“, erwiderte Lenn.

Sera wollte den Raum verlassen, doch Aren bat sie zu bleiben. Er brauchte eine Zeugin, vielleicht auch jemanden, der das Gespräch beenden konnte, falls die Brüder wieder hinter präzisen Sätzen verschwanden.

Aren„Die Melodie kam von dir“, sagte Aren.

Lenn„Nela hat mich angerufen, als du überfällig warst“, erklärte Lenn. „Die Suchleitung sagte, die normalen Kennungen würden an der Störung zerbrechen. Nela erinnerte sich an deine analoge Anlage.“

Aren„Und du dachtest an das Lied“, sagte Aren.

Lenn„Ich dachte an den letzten Ton“, antwortete Lenn. „Du hast als Kind immer einen falschen sechsten dahinter gepfiffen. Ich wusste, wenn du die fünf hörst, würdest du auf den sechsten warten.“

Aren„Ich habe nicht gepfiffen“, sagte Aren.

Lenn„Du hattest anderes zu tun“, erwiderte Lenn.

Aren„Woher wusstest du, welche Frequenz?“, fragte Aren.

Lenn„Aus deiner alten Kiste“, sagte Lenn. „Darin lagen die Ausbildungsunterlagen und jede Notfrequenz, die du je auswendig gelernt hast. Du hast nie etwas weggeworfen, das dir beweisen konnte, wer du bist.“

Aren sah auf seine Hände. „Ich habe deine Nachricht vor dem Start nicht beantwortet.“

Lenn„Das ist mir aufgefallen“, sagte Lenn.

Aren„Ich habe Antworten aufgenommen“, erklärte Aren. „Ich habe sie gelöscht.“

Lenn„Das klingt nach dir“, antwortete Lenn.

Aren„Ich wollte nicht, dass es wie ein Bericht klingt“, sagte Aren.

Lenn„Dann sag jetzt etwas, das nicht wie ein Bericht klingt“, verlangte Lenn.

Aren dachte an die Küchentür, an Jaras Beisetzung und an die zwölf Jahre, in denen er Entfernung mit Zeit verwechselt hatte.

Aren„Du hast mir gefehlt“, sagte Aren.

Lenn schloss die Augen. „Du mir auch.“

Aren„Ich hätte bleiben sollen, als Mutter starb“, sagte Aren.

Lenn„Ja“, antwortete Lenn.

Aren„Ich kann das nicht ändern“, sagte Aren.

Lenn„Nein“, bestätigte Lenn.

Aren„Aber ich kann nach Hause kommen“, sagte Aren.

Lenn wischte sich über das Gesicht. „Neris, Soth, Belisar, Orpheon, Valea.“

Aren„Und wieder zurück“, ergänzte Aren.

Zum ersten Mal war die Route kein Versprechen auf Entfernung, sondern auf Heimkehr.

Kapitel 12

Offener Kanal

Aren brauchte sieben Wochen, um wieder fliegen zu dürfen. Die Untersuchung stellte fest, dass K-Null nach dem Neustart korrekt gearbeitet hatte. Die Störfront war durch eine seltene Wechselwirkung zweier Ionenschichten entstanden und hatte das Relais drei Minuten nach Arens Abflug zerstört. Kein Protokollfehler, keine missachtete Warnung und kein einzelner Mensch trug die Schuld.

Einsatzleiter Pell legte den Bericht auf den Tisch. „Sie hätten an Orpheon Sechs wenden können.“

Aren„Ja“, sagte Aren.

Pell„Sie haben aber keinen Befehl verletzt“, fuhr Pell fort.

Aren„Nein“, antwortete Aren.

Pell„Wollen Sie, dass ich Ihnen sage, Sie hätten alles richtig gemacht?“, fragte Pell.

Aren„Nein“, sagte Aren. „Ich will, dass die nächste Mission nicht allein fliegt.“

Pell sah ihn lange an. „Sie geben Ihre Solofreigabe ab?“

Aren„Ich ändere ihren Zweck“, antwortete Aren. „Solo bleibt für Notfälle. Nicht für Planungen, die nur billiger sind.“

Nela wartete nach der Anhörung im Flur. „Ich habe recht behalten.“

Aren„Bei der analogen Notstufe“, sagte Aren.

Nela„Und bei der zweiten Koje“, ergänzte Nela.

Aren„Das wird unerträglich, wenn ich dir beides zugestehe“, erwiderte Aren.

Nela„Deshalb solltest du sofort damit anfangen“, sagte Nela.

Aren kehrte nach Sorell zurück. Lenn holte ihn nicht am Hafen ab. Stattdessen lag auf dem Boden vor der alten Küchentür ein Schild: EINGANG HIER. NICHT WIEDER DAVONLAUFEN.

Aren öffnete die Tür. Das Scharnier pfiff noch immer. Lenn stand am Herd und summte die fünf Töne.

Aren pfiff den falschen sechsten dahinter.

Lenn„Der gehört nicht dazu“, sagte Lenn, ohne sich umzudrehen.

Aren„Jetzt schon“, antwortete Aren.

Lenn stellte zwei Schalen auf den Tisch. „Du bleibst bis morgen.“

Aren„Drei Wochen“, sagte Aren.

Lenn„Das war keine Verhandlung“, erwiderte Lenn.

Aren„Drei Wochen sind länger als morgen“, erklärte Aren.

Lenn„Dann üben wir noch“, sagte Lenn.

Sie redeten nicht in einer Nacht alles aus. Manche Sätze brauchten Tage. Andere blieben ungesagt, verloren aber ihre Schärfe. Aren erzählte von der Stille. Lenn erzählte von Jaras letzten Stunden und davon, wie lange er Aren dafür gehasst hatte, nicht da gewesen zu sein.

Aren„Ich habe dich auch gehasst“, sagte Aren.

Lenn„Wofür?“, fragte Lenn.

Aren„Dafür, dass du da warst“, antwortete Aren.

Lenn nickte. „Das ist wenigstens ehrlich.“

Nach drei Wochen ging Aren wieder. Diesmal trug er keine Tasche durch die Hintertür, sondern verabschiedete sich im Gastraum. Lenn gab ihm Brot und den Inhalt der alten Kiste. Aren ließ die meisten Unterlagen auf Sorell. Den Zettel mit den Sternnamen nahm er mit.

Lumen Drei wurde repariert, erhielt neue Sternsensoren und eine zweite, unabhängige Analogantenne. In die zweite Koje zog die junge Relaistechnikerin Meia Kest ein. Sie sprach wenig, hörte jedoch genau hin.

Meia„Ich dachte, Sie arbeiten lieber allein“, sagte Meia beim ersten Start.

Aren„Das dachte ich auch“, antwortete Aren.

Meia„Und wenn ich schnarche?“, fragte Meia.

Aren„Dann erkläre ich es zum Kalibrierungston“, sagte Aren.

Nela hatte Aren außerdem für den Aufbau eines offenen Notkanals vorgeschlagen. Suchschiffe, Frachter und private Stationen sollten analoge Rufzeichen weitertragen, wenn digitale Relais ausfielen. Aren nannte das Programm Sechster Ton.

Pell„Der Name ist technisch unpräzise“, kritisierte Pell.

Aren„Deshalb merken Menschen ihn sich“, antwortete Aren.

Ein Jahr später stand K-Null wieder an seiner Position. Das neue Relais besaß zwei grüne Lichter und eine analoge Bake. Aren und Meia nahmen es in Betrieb. Auf dem Rückweg öffnete Aren wie jeden Abend den privaten Kanal nach Sorell.

Aren„Lumen Drei an Küche Voss“, sagte Aren. „Bestätigen Sie Empfang.“

Lenn„Küche Voss bestätigt“, antwortete Lenn. „Die Suppe ist trotzdem kalt, bis du hier bist.“

Aren„Drei Tage“, sagte Aren.

Lenn„Du hast zwei gesagt“, erwiderte Lenn.

Aren„Orpheon Sechs braucht eine Diagnose“, erklärte Aren.

Lenn„Natürlich braucht es die“, sagte Lenn.

Aren„Ich komme zurück“, versprach Aren.

Lenn schwieg kurz. Früher hätte Aren die Pause mit Erklärungen gefüllt. Nun wartete er.

Lenn„Ich weiß“, antwortete Lenn.

Später in derselben Schicht fing der offene Kanal ein schwaches Signal auf. Eine Frachtpilotin meldete Navigationsfehler am Rand der Valea-Weite. Ihre Kennung brach zwischen den Störungen auseinander.

Meia stellte den Kurs ein. „Wir sind das nächste Schiff.“

Aren„Entfernung?“, fragte Aren.

Meia„Vier Stunden“, antwortete Meia.

Aren aktivierte die analoge Bake. Fünf Töne liefen hinaus in das Schwarz. Danach öffnete er den Sender.

Aren„Unbekannte Pilotin, halten Sie den Kurs“, sagte Aren. „Wir haben Ihr Signal.“

Das Rauschen zitterte. Dann kam eine Stimme zurück.

Unbekannte Pilotin„Bestätigen Sie Empfang“, bat die Pilotin.

Aren sah auf den Zettel neben der Konsole. Neris. Soth. Belisar. Orpheon. Valea. Und wieder zurück.

Aren„Empfang bestätigt“, antwortete Aren Voss. „Sie sind nicht allein.“