Across the Galaxy · Band 06
Empfangsbestätigung
Iven Rooks GeschichteKapitel 01
Im Schatten von Thess
Arken besaß keinen Himmel, wie andere Welten ihn kannten. Über dem kleinen Mond hing Thess, ein Gasriese aus grauen, violetten und rostfarbenen Bändern. Er nahm fast die Hälfte der Kuppelfenster ein und machte selbst den Tag zu einer Art Dämmerung. Iven Rook lernte früh, dass Größe und Nähe nicht dasselbe waren. Thess wirkte zum Greifen nah und war doch unerreichbar.
Der Reparaturladen seiner Familie lag unter der roten Kuppel des alten Marktes. Über der Tür stand ROOK – DRUCK, FUNK, ANTRIEB, obwohl sein Vater Darian fast alles annahm, was sich durch die Schleuse tragen ließ. Bergleute brachten defekte Atemregler. Händler schoben störrische Lastdrohnen herein. Kinder kamen mit Spielzeugen und einer Münze, die kaum das Lötmaterial bezahlte.
Darian„Eine Reparatur ist erst beendet, wenn jemand die Maschine wieder benutzen kann“, sagte Darian jedes Mal, wenn Iven glaubte, ein leuchtendes Prüfgerät sei bereits ein Erfolg.
Iven„Wenn die Anzeige grün ist, funktioniert sie“, widersprach Iven mit neun Jahren.
Darian„Dann kann die Anzeige sie ja mit nach Hause nehmen“, erwiderte sein Vater.
Cael, zwei Jahre älter, lachte und reichte dem Kunden den Atemregler. Er erklärte, welche Dichtung gerissen war und warum das Gerät nun wieder zwei Schichten halten würde. Schon damals sprach Cael mit Fremden, als wären sie Nachbarn. Iven sprach mit Maschinen. Maschinen erwarteten keine Freundlichkeit. Sie verlangten nur den richtigen Handgriff.
Ihre Mutter Lysa führte die Bücher des Ladens und arbeitete an drei Tagen pro Woche im Bezirksarchiv. Sie schrieb Namen auf Papier, obwohl jedes Register längst digital war. Wenn ein Kind geboren wurde, wenn jemand starb oder wenn eine Familie in einen anderen Tunnel zog, trug Lysa es in ein dickes, graues Buch ein.
Iven„Wozu braucht ihr das?“, fragte Iven einmal und blätterte durch Seiten voller sauberer Buchstaben. „Die Daten stehen doch im Netz.“
Lysa„Netze fallen aus“, erklärte Lysa. „Firmen werden verkauft. Regierungen löschen, was ihnen nicht gefällt. Papier ist langsam, aber es weiß nicht, wem es gehorchen soll.“
Cael„Und wenn das Archiv brennt?“, fragte Cael.
Lysa„Dann muss jemand die Namen vorher hinaustragen“, antwortete ihre Mutter.
Iven verstand nicht, weshalb ein Name getragen werden musste. Namen hatten keine Masse. Wenn man einen vergaß, wurde der Raum nicht leichter. Trotzdem half er Lysa manchmal, die Bücher in säurefreie Hüllen zu schieben. Er mochte das Geräusch, mit dem die Verschlüsse einrasteten. Es klang eindeutig.
Eindeutigkeit war auf Arken selten. Der Mond lebte vom Abbau seltener Metalle, doch niemand wusste genau, wie lange die Vorkommen noch reichten. Die Minengesellschaft veröffentlichte optimistische Karten. In den unteren Tunneln wurden Decken abgestützt, die auf diesen Karten noch aus massivem Gestein bestanden. Manchmal bebte der Boden, und Erwachsene hielten mitten im Satz inne.
Bei einem dieser Beben fiel im Laden ein Regal um. Cael sprang zur Tür, um nach den Menschen auf dem Markt zu sehen. Iven kroch unter die Werkbank und zog den Hauptschalter, bevor ein gerissener Kondensator die Lösungsmittel entzünden konnte. Darian fand beide Entscheidungen richtig.
Darian„Cael sieht, wer Hilfe braucht“, sagte der Vater später. „Du siehst, wo es zuerst brennt. Der Laden braucht beides.“
Iven„Vielleicht will ich den Laden gar nicht“, sagte Iven.
Der Satz überraschte alle, auch ihn selbst. Darian legte den Schraubenschlüssel ab. Lysa hob nur kurz den Blick aus ihren Büchern. Cael betrachtete Iven, als hätte sein Bruder eine fremde Sprache gesprochen.
Darian„Dann musst du etwas finden, das dich braucht“, sagte Darian schließlich. „Aber lauf nicht nur fort, weil Fortlaufen schneller ist.“
Nach Feierabend stiegen die Brüder oft auf den Wartungssteg über der Kuppel. Durch drei Schichten transparenten Verbundstoffs sahen sie Thess und die Lichter der Erzfrachter. Cael kannte fast jedes Schiff am Takt seiner Positionsleuchten. Iven kannte die Abflugzeiten.
Cael„Was würdest du da draußen machen?“, fragte Cael.
Iven„Weiterfliegen“, antwortete Iven.
Cael„Wohin?“
Iven„Dorthin, wo Arken nicht mehr den ganzen Himmel ausfüllt.“
Cael verstand die Antwort nicht. Jahre später würde Iven erkennen, dass er selbst sie damals ebenfalls nicht verstanden hatte. Er wusste nur, dass jede Straße auf Arken irgendwann an einer Schleuse endete und dass hinter jeder Schleuse ein Schiff warten konnte.
Kapitel 02
Was einen Namen trägt
Als Iven zwölf war, riss ein Förderstollen unter Bezirk Nord auf. Das Beben dauerte nur elf Sekunden. Es genügte, um zwei Wohnblöcke aus ihren Verankerungen zu schieben und die Magnetschiene zum Markt zu verbiegen. In den offiziellen Meldungen hieß es, die Lage sei kontrolliert. Im Reparaturladen lagen dreißig beschädigte Atemgeräte auf dem Boden.
Darian schlief vier Nächte nicht. Cael reinigte Ventile, bis seine Finger aufplatzten. Iven prüfte Batterien und sortierte alles aus, was unter Last zusammenbrechen würde. Lysa blieb im Archiv, weil die Verbindung zu den Nordtunneln ausgefallen war und Angehörige nach Namen fragten.
Am fünften Tag kam sie nach Hause. Ihr Mantel war grau vor Staub, und ihre Stimme klang rau.
Lysa„Zweiundachtzig Vermisste“, sagte Lysa. „Die Gesellschaft führt einundvierzig davon als nicht registrierte Zeitarbeiter.“
Darian„Sie haben an derselben Wand gearbeitet wie alle anderen“, sagte Darian.
Lysa„Aber nicht im selben Register.“
Sie stellte eine Speicherplatte auf den Tisch. Darauf befanden sich Dienstpläne, private Nachrichten und Aufnahmen aus den Unterkünften. Das Bezirksarchiv legte für jeden fehlenden Arbeiter einen Eintrag an, auch für jene, deren Arbeitgeber behauptete, sie seien nie auf Arken gewesen.
Iven half seiner Mutter, Tondateien zu ordnen. Eine Frau nannte den Namen ihres Mannes und erzählte, dass er vor jedem Essen den Teller drehte, bis der kleine Sprung im Rand von ihm wegzeigte. Ein Kind beschrieb, wie seine Tante beim Singen immer zu früh einsetzte. Kein Bericht half den Rettungstrupps. Trotzdem hörte Lysa jede Aufnahme bis zum Ende.
Iven„Sie sind vielleicht tot“, sagte Iven. „Warum sammeln wir Dinge, die nichts ändern?“
Lysa„Weil Tod und Bedeutungslosigkeit nicht dasselbe sind“, antwortete Lysa.
Cael begann in dieser Zeit, nach der Schule im Archiv zu helfen. Er trug Kisten, reparierte Mikrofone und begleitete Lysa in die Notunterkünfte. Iven blieb lieber bei seinem Vater. In der Werkstatt ließen sich Fehler finden: ein verbrannter Kontakt, ein Riss, ein falscher Druckwert. Menschen brachten Widersprüche mit, für die es keinen Ersatzteilkatalog gab.
Die Minengesellschaft ersetzte die Magnetschiene. Sie zahlte Entschädigungen an registrierte Familien und veröffentlichte einen Bericht, in dem das Beben als ungewöhnliche natürliche Verschiebung bezeichnet wurde. Darian las den Bericht, legte ihn neben ein Geologiemodul und zeigte seinen Söhnen zwei Kurven.
Darian„Die Sprengungen lagen vier Minuten vorher“, sagte Darian. „Ungewöhnlich war nur, dass die Stützwand so lange gehalten hat.“
Cael„Dann müssen sie aufhören“, sagte Cael.
Darian„Sie werden kleinere Ladungen verwenden und sie anders nennen“, erwiderte Darian.
Iven„Warum bleiben wir dann hier?“, fragte Iven.
Darian„Weil Weggehen eine Möglichkeit ist“, sagte sein Vater. „Keine Pflicht und keine Sünde. Aber wer bleibt, ist nicht automatisch dumm. Und wer geht, ist nicht automatisch frei.“
Iven nahm ihm diese Antwort übel. Er wollte eine Tür, keine Abwägung. In den folgenden Jahren suchte er jede freie Minute den Raumhafen auf. Er trug Ersatzteile zu den Docks, wusch Kühlstaub von Frachterrümpfen und lernte von Piloten, welche Häfen Arbeit boten. Einige erzählten von Ozeanen unter offenem Himmel. Andere beschrieben Stationen, in denen man zwei Jahre leben konnte, ohne denselben Korridor zweimal zu betreten.
Cael dagegen übernahm immer mehr Kunden im Laden. Er kannte die Familien hinter den Geräten und gewährte Zahlungsaufschub, obwohl Lysa ihn dafür schalt. Wenn er im Archiv arbeitete, zeichnete er Leitungen neu und baute aus Restteilen mobile Aufnahmeplätze.
Cael„Du könntest die Navigationsmodule machen“, schlug Cael eines Abends vor. „Wenn Vater uns den Laden übergibt, nehmen wir die Schiffselektronik dazu.“
Iven„Damit ich Schiffe repariere, die andere Leute fortbringen?“
Cael„Damit wir von etwas leben, das du kannst.“
Iven„Du meinst, damit ich hierbleibe.“
Cael„Ich meine, damit du nicht jeden Menschen behandelst, als wäre er die Wand zwischen dir und einem Startdeck.“
Sie stritten nicht weiter. Damals noch nicht. Iven ging zum Hafen und sah zu, wie ein Postschiff die Klammern löste. Unter seinem Bug stand in verblassten Buchstaben ORISON. Ein Besatzungsmitglied fluchte über einen ausgefallenen Lagesensor. Iven meldete sich ungefragt, fand einen losen Stecker und verlangte als Bezahlung eine Besichtigung des Cockpits.
Die Pilotin ließ ihn hinein. Vor den Scheiben lag Thess, dahinter ein schmaler Streifen schwarzer Raum. Zum ersten Mal sah Iven Arken auf einer Navigationskarte nur als Punkt.
In diesem Augenblick begann er zu glauben, ein Punkt könne nichts festhalten.
Kapitel 03
Der Satz an der Schleuse
Lysa starb drei Jahre später an einem Aneurysma. Es gab keine Warnung und niemanden, dem man die Schuld geben konnte. Am Morgen hatte sie noch einen Streit zwischen zwei Archivaren geschlichtet. Am Nachmittag brach sie zwischen den grauen Namensbüchern zusammen. Als Darian und seine Söhne eintrafen, war ihr Eintrag im Sterberegister bereits angelegt.
Cael nahm die Nachricht in sich auf, als hätte er eine undichte Leitung mit bloßen Händen geschlossen. Er organisierte die Trauerfeier, beantwortete Nachrichten und stellte im Laden eine Schale mit Lysas bevorzugten Pfefferminzbonbons auf. Iven verbrachte die Nacht am Hafen. Er beobachtete Schiffe, ohne eines zu betreten.
Bei der Feier erzählten Menschen Dinge über seine Mutter, die Iven nicht gewusst hatte. Lysa hatte einer Bergarbeiterfamilie falsche Ausreisegebühren erspart. Sie hatte Liebesbriefe aus einem beschädigten Speicher rekonstruiert. Sie hatte zweiundvierzig nicht registrierte Opfer des Nordbebens in das öffentliche Gedenkbuch gebracht.
Iven dachte an ihre Antwort: Tod und Bedeutungslosigkeit waren nicht dasselbe. Er wollte ihr glauben, aber der Platz neben Darian blieb leer, ganz gleich, wie viele Geschichten die Menschen erzählten.
Nach Lysas Tod wurde Darian langsamer. Seine Hände zitterten, wenn er feine Kontakte lötete. Ein Arzt nannte es eine degenerative Nervenstörung. Darian weigerte sich, den Laden zu schließen, und Cael übernahm die Arbeiten, die Präzision verlangten. Iven war inzwischen siebzehn und wartete auf eine Gelegenheit, die er nicht als Flucht bezeichnen musste.
Die Gelegenheit kam mit der Orison. Das Postschiff suchte einen technischen Helfer für eine sechsmonatige Route. Unterkunft, Essen, niedrige Bezahlung. Iven unterschrieb die Bewerbung, bevor er mit seiner Familie sprach.
Darian las den Vertrag zweimal. Dann legte er ihn auf die Werkbank.
Darian„Sechs Monate sind lang genug, um herauszufinden, ob du den Raum liebst oder nur die Vorstellung davon“, sagte Darian.
Cael„Und wer macht hier seine Arbeit?“, fragte Cael.
Iven„Welche Arbeit? Vater lässt mich kaum noch an einen Kunden.“
Cael„Weil du jedes Gerät behandelst, als müsse es nur bis zu deinem Abflug halten.“
Darian„Cael“, warnte der Vater.
Cael„Nein. Wir reden seit Jahren um ihn herum. Er will den Laden nicht, Arken nicht und uns wahrscheinlich auch nicht.“
Iven spürte, wie Scham in Wut umschlug. Wut war leichter. Sie brauchte keine Erklärung.
Iven„Du kannst alles haben“, sagte Iven. „Den Laden, die Kunden, die Bücher von Mutter. Du wolltest doch immer der gute Sohn sein.“
Cael„Ich wollte nicht allein der Sohn sein, der übrig bleibt.“
Iven„Dann komm mit.“
Cael„Vater kann nicht allein arbeiten.“
Iven„Das ist deine Entscheidung.“
Cael„Und du tust so, als hättest du keine getroffen.“
Der Streit wanderte vom Laden durch den Hinterraum bis zur Schleuse. Darian folgte ihnen nicht. Vielleicht hoffte er, seine Söhne würden ohne ihn vernünftiger sprechen. Das Gegenteil geschah.
Cael„Wenn du jetzt gehst, komm wenigstens nicht in einem Jahr zurück und erwarte, dass alles auf dich gewartet hat“, sagte Cael.
Iven„Keine Sorge“, antwortete Iven. „Dann erstick doch hier mit all den anderen.“
Der Satz blieb zwischen ihnen stehen. Iven wusste sofort, dass er nicht zurückzunehmen war. Er hätte schweigen, sich entschuldigen oder wenigstens Caels Blick aushalten können. Stattdessen öffnete er die Schleuse.
Am nächsten Morgen brachte Darian ihn zum Hafen. Cael kam nicht. Der Vater trug seine alte Arbeitsjacke und hielt sich an der Reling fest, als die Magnetschiene bremste.
Darian„Dein Bruder wird Zeit brauchen“, sagte Darian.
Iven„Er hatte die ganze Nacht.“
Darian„Zeit ist nicht dasselbe wie eine Frist.“
Vor der Orison reichte Darian ihm eine Messingmarke. Auf der Vorderseite stand die Wartungskennung des Ladens, auf der Rückseite ROOK. Solche Marken wurden früher in reparierte Geräte gelegt, damit Kunden wussten, wer verantwortlich war.
Darian„Du musst nicht zurückkommen, um mir zu beweisen, dass du gehen kannst“, sagte Darian. „Aber sorge dafür, dass man weiß, was du getan hast.“
Iven„Ist das ein Abschied?“
Darian„Nein. Ein Abschied braucht zwei Menschen, die zugeben, dass einer geht.“
Iven steckte die Marke ein und stieg an Bord. Als die Orison abhob, sah er Darian hinter der Scheibe kleiner werden. Cael erschien nicht. Iven sagte sich, das sei die Antwort, die er verdient hatte.
Er schickte seine erste Nachricht drei Wochen später. Darin beschrieb er einen Planeten mit grünem Himmel und fragte, ob der Laden noch stand. Die zweite Nachricht folgte nach Darians Tod, von dem Iven durch eine automatische Registermeldung erfuhr. Er schrieb nur, dass es ihm leidtat und dass er nicht rechtzeitig zurückkehren könne.
Auf keine der beiden Nachrichten erhielt er eine Antwort.
Kapitel 04
Die Regel des Kuriers
Die Orison war älter als Iven und roch nach heißem Staub, Metall und den Mahlzeiten von zwölf Besatzungsmitgliedern. Ihr Auftrag bestand darin, Datenkapseln und versiegelte Fracht zwischen Welten zu transportieren, deren Relais zu schwach, zu teuer oder zu unsicher waren. Sie war nicht schnell. Sie war zuverlässig.
Kapitänin Selen Vey stellte Iven am ersten Tag vor einen offenen Kühlverteiler.
Selen„Der dritte Kreis verliert Druck“, sagte Selen. „Finden Sie heraus, warum.“
Iven„Gibt es einen Plan?“, fragte Iven.
Selen„Ja. Der behauptet, wir hätten nur zwei Kreise.“
Iven fand eine nachträglich eingebaute Leitung, deren Halterung sich durch Vibration gelöst hatte. Er reparierte sie mit einer Klemme aus dem Ersatzteillager und einer Unterlegscheibe, auf der noch das Siegel eines anderen Schiffs stand.
Selen„Wer hat Ihnen beigebracht, so etwas anzusehen?“, fragte Selen.
Iven„Mein Vater.“
Selen„Dann danken Sie ihm, solange das noch geht.“
Iven sagte nicht, dass es dafür zu spät war. Selen fragte nicht weiter. Das war einer der Gründe, aus denen er gern für sie arbeitete.
Auf der Orison lernte er, dass eine Route aus mehr bestand als Koordinaten. Zölle veränderten Sprungfenster. Streiks schlossen Häfen. Ein lokaler Feiertag konnte eine Landung genauso verhindern wie ein Magnetsturm. Selen führte ein Papierbuch mit Ersatzwegen und den Namen von Menschen, die gegen eine Flasche, eine Reparatur oder einen Gefallen eine Schleuse öffneten.
Iven„Warum steht das nicht im Bordnetz?“, fragte Iven.
Selen„Netze fallen aus“, antwortete Selen.
Der Satz seiner Mutter traf ihn unvorbereitet. Er ging in den Maschinenraum und arbeitete, bis die Erinnerung wieder still war.
Nach sechs Monaten verlängerte er seinen Vertrag. Nach einem Jahr durfte er Kapseln selbst zustellen. Jede Übergabe endete mit demselben Ton: einem hellen Signal und den Worten Empfang bestätigt. Iven mochte diese zwei Wörter. Sie enthielten weder Hoffnung noch Entschuldigung. Eine Aufgabe war erfüllt oder nicht.
Seine erste gefährliche Zustellung führte auf den Mond Varda. Zwei Bergbauhäuser stritten um Schürfrechte, und beide Seiten wollten eine richterliche Verfügung zuerst besitzen. Selen gab Iven eine versiegelte Kapsel und wies ihn an, sie im Gerichtsarchiv abzugeben.
Selen„Was steht darin?“, fragte Selen, bevor sie die Schleuse öffnete.
Iven„Das weiß ich nicht.“
Selen„Gut. Behalten Sie diese Antwort.“
Auf Varda versuchte ein Sicherheitschef, Iven das Behältnis abzunehmen. Ein Gewerkschafter bot ihm Geld für zehn Minuten Verzögerung. Vor dem Archiv warteten Familien, deren Wohnungen über den umstrittenen Stollen lagen. Iven stellte keine Fragen. Er benutzte einen Versorgungsgang, übergab die Kapsel und verließ den Mond, bevor die Verfügung veröffentlicht wurde.
Später erfuhr die Besatzung, dass das Gericht den Abbau erlaubt hatte. Zwei Monate danach brach ein Wohnsegment ein. Vierundzwanzig Menschen starben. Iven hatte die Entscheidung nicht getroffen, doch er hatte sie schneller gemacht.
Iven„Wenn ich den Inhalt gekannt hätte, hätte ich sie verzögern können“, sagte Iven zu Selen.
Selen„Oder die Gegenseite hätte gewonnen und vierundzwanzig andere wären gestorben“, erwiderte Selen. „Kuriere sind keine Richter.“
Iven„Das macht die Toten nicht weniger tot.“
Selen„Nein. Es macht nur Ihre Zuständigkeit kleiner.“
In dieser Nacht formulierte Iven seine Regel: Er transportierte keine Botschaften, an die er glaubte. Glaube machte langsam. Wer den Inhalt bewertete, begann, sich selbst für wichtiger als die Zustellung zu halten. Eine Kapsel, eine Route, eine Bestätigung. Mehr nicht.
Die Regel funktionierte. Sie half ihm bei Lösegeldbriefen, Friedensangeboten, Kündigungen, Geburtsnachrichten und Datenpaketen, die ganze Börsen bewegten. Iven behandelte alles gleich. Auftraggeber hielten ihn für kalt. Selen nannte ihn präzise.
Nach vier Jahren verließ er die Orison. Selen schenkte ihm ihr Papierbuch, nachdem sie alle Namen herausgerissen hatte.
Selen„Schreiben Sie nur Wege hinein“, sagte Selen. „Menschen ändern sich schneller.“
Iven„Und wenn ich mich irre?“
Selen„Dann hoffen Sie, dass jemand Ihre Maschine wieder benutzen kann.“
Er erkannte den Satz seines Vaters und sah Selen scharf an. Sie kannte Darian nicht. Manche Wahrheiten, begriff Iven, brauchten keine gemeinsame Herkunft.
Kapitel 05
Courier Seven
Courier Seven war bei ihrem ersten Treffen nicht schnell. Sie lag auf einem Seitenfeld von Port Kadesh, halb zerlegt und von gelbem Löschschaum bedeckt. Der Vorbesitzer hatte einen Sprung mit gerissenem Kühlmantel beendet. Danach erklärte die Versicherung das Schiff zum wirtschaftlichen Totalschaden.
Iven sah keine Ruine. Er sah einen schmalen Rumpf, einen überdimensionierten Sprungkern und Leitungen, die sich mit den Werkzeugen seines Vaters erreichen ließen. Er kaufte das Wrack mit sieben Jahren Ersparnissen und zwei Jahren Schulden.
Der Hafenmeister schüttelte den Kopf, als Iven die Besitzmarke unterschrieb.
Hafenmeister„Die Kiste hat nicht einmal ein Bett“, sagte der Hafenmeister.
Iven„Dann kann dort auch niemand schlafen, während ich arbeite“, antwortete Iven.
Sechs Wochen lang ersetzte er Kühlkreise, zog neue Steuerleitungen und entfernte jedes Bauteil, das nicht der Geschwindigkeit oder dem Überleben diente. Hinter dem Cockpit blieb nur Platz für den Sprungkern, zwei Kühlkreisläufe und eine gepanzerte Röhre für Datenkapseln. Iven konnte beide Wände berühren, ohne die Arme auszustrecken.
Die Messingmarke des Familienladens schraubte er hinter das Wartungspaneel. Damit registrierte er Seven unter Darians alter Kennung. Der Code war gültig, weil niemand die Werkstatt offiziell geschlossen hatte. Cael hatte sie nach dem Tod des Vaters an ein Nachbarschaftskollektiv übergeben, wie Iven aus dem Register wusste.
Er schrieb keine dritte Nachricht.
Sein Ruf entstand auf Routen, die größere Schiffe ablehnten. Seven glitt durch instabile Sprungfenster, setzte in Häfen ohne Schleppdienste auf und konnte mit abgeschaltetem Reaktor stundenlang zwischen Trümmern treiben. Iven verlangte hohe Preise und keine Erklärungen. Wer eine Empfangsbestätigung wollte, bekam sie.
Auf Port Meridian arbeitete die Disponentin Kera Jin. Sie trug kupferfarbene Datenlinsen und sortierte Aufträge danach, wie wahrscheinlich ein Pilot bei der Rückkehr noch zahlen konnte.
Kera„Du hast wieder eine medizinische Lieferung angenommen“, sagte Kera bei ihrer ersten Begegnung. „Die Auftraggeber besitzen keinen bestätigten Kredit.“
Iven„Die Zielklinik besitzt einen bestätigten Landeplatz.“
Kera„Davon kann ich keine Hafengebühr begleichen.“
Iven„Dann gib mir einen Auftrag, der zu viel zahlt.“
Kera tat es. Von da an verband sie lukrative Transporte mit solchen, die Iven angeblich nicht interessierten. Er bemerkte das Muster und ließ es bestehen. Seine Regel verbot Glauben, nicht schlechte Buchführung.
Zwischen zwei Flügen versuchte Iven einmal, auf Meridian ein Zimmer zu behalten. Die Vermieterin hieß Mara Ell und arbeitete in einer Teeküche nahe Dock Siebzehn. Sie stellte eine Pflanze auf seine Fensterbank und markierte im Kalender die Tage, an denen er zurückkehren wollte.
Mara„Du könntest wenigstens eine Nachricht schicken, wenn du später kommst“, sagte Mara nach seinem dritten verpassten Abend.
Iven„Ich komme nicht später. Die Route kommt später.“
Mara„Die Route wohnt nicht hier.“
Iven verstand, was sie von ihm verlangte. Gerade deshalb konnte er es nicht geben. Einen Monat später gab er den Schlüssel zurück. Die Pflanze blieb bei Mara. Iven schlief wieder in Häfen und aß, was durch die Cockpitschleuse passte.
Mit jedem Jahr nahm er weniger mit. Zwei Hemden. Werkzeug. Ein Papierbuch mit Routen. Keine Fotos. Dinge, die keinen Raum einnahmen, konnten nicht verloren gehen. Er wiederholte den Satz so lange, bis er wie eine Erfahrung klang und nicht wie Angst.
Seine Aufträge führten ihn weit genug fort, dass Thess aus den Kartenrändern verschwand. Trotzdem begegnete ihm Arken. Ein Händler verkaufte Gewürzpaste vom alten Markt. Ein Mechaniker erkannte die Wartungskennung und fragte nach Darian. Eine Nachrichtensprecherin berichtete von sinkenden Erträgen und neuen Förderrechten unter der Nordhalbkugel.
Iven schaltete jedes Mal weg.
Im vierzehnten Jahr nach seinem Abschied erreichte er Meridian mit einer beschädigten Steuerdüse. Kera legte ihm während der Reparatur eine Meldung auf das Paneel: Blockade im Thess-System. Die Zentralregierung beschuldigte Arkens Rat, Rebellen mit Treibstoff und Sensordaten zu versorgen. Der Rat bestritt es. Vier Millionen Bewohner erhielten Rationen. Sämtliche privaten Relais wurden eingeschränkt.
Kera„Du kommst von dort“, sagte Kera.
Iven„Ich bin dort geboren“, korrigierte Iven.
Kera„Das ist normalerweise, was von dort kommen bedeutet.“
Iven„Nicht nach vierzehn Jahren.“
Kera ließ die Meldung geöffnet. Auf dem Bild lag der alte Markt unter Notbeleuchtung. Die rote Kuppel war von einem dunklen Riss durchzogen. Iven erkannte die Straße zum Laden und ein Stück des Archivturms.
Er schloss das Fenster. Seine Hände arbeiteten an der Düse weiter. Nur die Messingmarke hinter dem Paneel wusste, dass sie zitterten.
Kapitel 06
Priorität: Letzte Zustellung
Die Anfrage erschien am nächsten Morgen. Absender: Archiv Arken. Ziel: Leuchtturm Hestia, außerhalb des blockierten Systems. Priorität: Letzte Zustellung. Das Feld für die Vergütung war leer.
Iven löschte sie.
Eine Minute später erschien sie erneut. Diesmal war eine persönliche Datei angehängt. Kera sah über seine Schulter, sagte aber nichts. Iven öffnete die Aufnahme erst, als er allein im Cockpit saß.
Cael erschien vor einer grauen Wand. Sein Haar war kurz, die linke Augenbraue von einer Narbe geteilt. Er wirkte älter, als Iven ihn in Erinnerung hatte, und vertrauter, als vierzehn Jahre erlauben sollten.
Cael„Wenn du das siehst, hat unser Archiv keine Verbindung mehr“, sagte Cael. „Ich weiß nicht, ob du noch Kurier bist. Ich weiß nicht einmal, ob du noch lebst. Aber du warst immer gut darin, wegzukommen. Diesmal wäre das nützlich.“
Iven stoppte die Aufnahme. Er verließ Seven, ging in die nächste Bar und bestellte einen arkenischen Branntwein, obwohl er den Geschmack immer gehasst hatte. Das Glas blieb eine Stunde unberührt vor ihm stehen. Danach kehrte er zurück und spielte den Rest.
Cael erklärte, dass die Blockade nicht in erster Linie den Rebellen galt. Jahrzehntelanger Abbau hatte den Kern unter Arkens Nordhalbkugel destabilisiert. Die Regierung kannte die Messungen. Sie plante eine begrenzte Evakuierung der Verwaltung und der Minengesellschaft. Die Nachrichtensperre sollte verhindern, dass Millionen Menschen die Häfen stürmten und Panik in benachbarte Systeme trugen.
Das Archiv sammelte Beweise: Messdaten, Regierungsbefehle, Listen reservierter Plätze. Vor allem sammelte es Stimmen. Jeder Bewohner konnte einen Namen, eine Erinnerung oder eine Nachricht hinterlassen. Wenn Arken verloren ging, sollte niemand später behaupten, dort hätten nur Zahlen gelebt.
Cael„Die Kapsel ist zu groß für unsere Drohnen“, sagte Cael. „Jedes registrierte Schiff wird abgefangen. Seven führt noch Vaters alte Wartungskennung. Vielleicht erkennen die Bodenscanner sie.“
Cael blickte zur Seite. Hinter der Wand war ein dumpfer Schlag zu hören.
Cael„Iven, ich bitte dich nicht, nach Hause zu kommen“, fuhr Cael fort. „Ich bitte dich nur, uns herauszubringen.“
Die Datei endete ohne Abschied.
Iven öffnete die technischen Anlagen. Die geologischen Kurven zeigten eine Beschleunigung, die selbst er verstand. Stollen hatten tragende Schichten durchtrennt. Unter dem Nordbecken sammelten sich Spannungen. Die offiziellen Prognosen nannten sechs Monate. Die Rohdaten gaben Arken vielleicht zwölf Tage.
Kera kam zurück und lehnte sich an die Schleuse.
Kera„Ein vernünftiger Mensch würde jetzt fragen, ob die Datei echt ist“, sagte Kera.
Iven„Sie ist echt.“
Kera„Ein vernünftiger Mensch würde als Nächstes die Blockade erwähnen.“
Iven„Deshalb brauche ich keinen vernünftigen Menschen. Ich brauche einen Schrottfrachter mit Genehmigung für das Thess-System.“
Kera schwieg lange. Dann zog sie eine Liste heran.
Kera„Die Morrow bringt leere Reaktorhüllen zur Entsorgung“, sagte Kera. „Sie wird dreimal gescannt. Der Kapitän schuldet mir Geld, aber nicht genug für Hochverrat.“
Iven„Sag ihm, dass die Schuld danach verschwindet.“
Kera„Und wenn er dich verkauft?“
Iven„Dann hat er eine kurze Reise bis zu meinem Cockpit.“
Kera legte die Route frei. Iven nahm den Auftrag an. Zum ersten Mal seit Jahren erschien keine kalkulierte Vergütung auf seiner Anzeige. Nur ein rotes Feld bestätigte: Auftrag gebunden.
Er bereitete Seven vor, als wäre sie eine Waffe, obwohl sie keine trug. Zusatztanks nahmen den Platz der Nahrungsbox ein. Er baute die seitliche Verkleidung aus, damit die Archivkapsel in die gepanzerte Röhre passte. Den Notsitz prüfte er zweimal. Er wusste noch nicht, für wen.
Kera brachte ihm einen Störsender und drei falsche Transponder.
Kera„Keiner davon hält länger als vier Minuten“, sagte Kera.
Iven„Vier Minuten sind eine Route.“
Kera„Für dich vielleicht.“
Bevor Iven die Schleuse schloss, reichte sie ihm einen kleinen Sender.
Kera„Persönlicher Kanal“, erklärte Kera. „Falls du irgendwann entdeckst, dass eine Nachricht auch vor der Zustellung existiert.“
Iven„Ich komme zurück.“
Kera„Das war keine Empfangsbestätigung.“
Er steckte den Sender ein. Dann koppelte Seven an die Morrow. Drei Stunden lag er ohne Energie zwischen leeren Reaktorhüllen, während Patrouillen den Frachter scannten. Das Cockpit wurde kalt. Iven hörte seinen Atem und erinnerte sich an Cael, der Werkzeuge nach Größe sortierte.
Zum ersten Mal fragte er sich nicht, was in der Kapsel lag. Er fragte sich, ob er rechtzeitig kam.
Kapitel 07
Die alte Kennung
Die Morrow setzte ihre Ladung im äußeren Orbit von Arken aus. Zwischen den Reaktorhüllen befanden sich Peilsender, damit die Entsorgungsdrohnen jedes Stück fanden. Iven ersetzte für acht Sekunden das Signal einer Hülle durch Sevens Transponder, trennte die Magnetklammern und ließ sein Schiff mit dem Schrott rotieren.
Oberhalb des Mondes standen drei Blockadeschiffe. Ihre Sensorstrahlen glitten über die Trümmer. Iven zählte die Intervalle, wartete auf Thess’ Strahlungsschatten und zündete zwei Korrekturdüsen. Seven fiel mit ausgeschaltetem Hauptantrieb auf Arken zu.
Die Nordhalbkugel war von roten Sperrzonen bedeckt. Selbst aus dem Orbit sah Iven Staubwolken über den Minenfeldern. Die Kuppelstadt unter ihm wirkte kleiner als in seiner Erinnerung. Vierzehn Jahre hatten nicht Arken verändert, sondern den Maßstab in seinem Kopf.
Eine automatische Kontrolle erfasste die alte Wartungskennung.
Kontrollsystem„Rook Reparaturservice. Zulassung abgelaufen“, meldete das Kontrollsystem. „Versorgungskanal sieben freigegeben. Erneuerung innerhalb von dreißig Tagen erforderlich.“
Iven lachte einmal, kurz und ohne Freude. Sein Vater hätte die Gebührenbescheide gesammelt und behauptet, ein funktionierendes System erkenne einen ehrlichen Schuldner.
Der Versorgungskanal führte unter den öffentlichen Hafen. Automatische Leuchten sprangen nacheinander an, als Seven eine Landebucht erreichte, die seit Jahren nicht benutzt worden war. Der Boden bebte schwach. Staub löste sich aus den Fugen.
Cael wartete allein.
Iven erkannte seinen Bruder sofort. Dasselbe galt offenbar für Cael. Trotzdem blieben beide einige Schritte voneinander entfernt, als müssten vierzehn Jahre erst durch die Luftschleuse passen.
Cael„Du siehst aus wie Vater, wenn du wütend bist“, sagte Cael.
Iven„Du siehst aus wie Mutter, wenn du lügst“, antwortete Iven.
Cael„Dann sind wir quitt.“
Sie umarmten sich nicht. Cael nahm eine Transportstange und führte Iven durch einen Wartungsgang. Seine linke Hand zitterte leicht, wenn ein Beben durch die Wand lief.
Iven„Die Prognose in deiner Datei ist veraltet“, sagte Iven. „Ihr habt keine zwölf Tage.“
Cael„Wir wissen es.“
Iven„Warum nehmen die Archive noch auf?“
Cael„Weil die Menschen noch sprechen.“
Iven„Das war keine technische Antwort.“
Cael„Du warst lange genug fort, um zu vergessen, dass es andere gibt.“
Der alte Vorwurf hätte den Streit von damals wieder öffnen können. Iven spürte ihn, doch er ging weiter. Sie passierten den Markt. Viele Stände waren geschlossen. Vor einer Ausgabestelle warteten Hunderte Menschen mit Rationsbehältern. Die rote Kuppel über ihnen trug einen reparierten Riss. Genau dort hatte Iven als Kind die Frachter beobachtet.
Iven„Warum hast du nie geantwortet?“, fragte Iven.
Cael blieb nicht stehen.
Cael„Deine erste Nachricht kam am Tag, an dem Vater im Laden zusammenbrach“, sagte Cael. „Du hast von grünem Himmel geschrieben und gefragt, ob hier noch alles steht.“
Iven„Ich wusste es nicht.“
Cael„Ich weiß. Damals wollte ich, dass du es hättest wissen müssen.“
Iven„Und die zweite?“
Cael„Die kam nach seiner Beerdigung. Ich habe sie achtundzwanzigmal abgespielt.“
Iven„Aber nicht beantwortet.“
Cael„Nein.“
Iven wartete auf eine Erklärung. Cael gab ihm keine. Erst vor dem Eingang des Archivs drehte er sich um.
Cael„Ich schrieb dir, dass Vater bis zuletzt behauptet hat, du würdest deinen Weg finden“, sagte Cael. „Dann löschte ich es. Ich wollte nicht derjenige sein, der dir Absolution schickt, während ich seinen Laden auflöse.“
Iven„Ich habe nie um Absolution gebeten.“
Cael„Du hast um gar nichts gebeten. Das war immer deine Stärke.“
Die Tür des Archivs öffnete sich. Dahinter lagen Kabel auf dem Boden. Menschen sprachen in Mikrofone, Kinder hielten Zettel, Techniker trugen Speicherblöcke zwischen den Räumen. Der Lärm war nicht chaotisch. Er bestand aus Hunderten geordneten Abschieden.
Cael„Dafür habe ich dich gebeten“, sagte Cael.
Iven trat ein.
Kapitel 08
Drei Millionen Stimmen
Das Archiv hatte seine Ausstellungsräume in Aufnahmehallen verwandelt. Wo früher Karten der ersten Minen hingen, saßen nun Familien vor Mikrofonen. Eine alte Frau diktierte Rezepte und bestand darauf, die genaue Temperatur für geröstete Wurzelknollen zu wiederholen. Ein Bergmann nannte die Namen seiner gesamten Schicht. Ein Mädchen beschrieb den Geruch nach Regen in den Tunneln, obwohl es auf Arken nie geregnet hatte.
Die Dateien flossen in eine schwarze Kapsel, kaum größer als ein Sarg. Jede Minute blinkten neue Speichersegmente auf. Iven prüfte die Masse, die Anschlüsse und den Verschlüsselungsrahmen. Technisch war sie Fracht. Sein Blick glitt über die Menschen, und das Wort verlor seine Bedeutung.
Iven„Wie viele Einträge?“, fragte Iven.
Cael„Drei Millionen“, antwortete Cael. „Die Außenstationen senden noch.“
Iven„Vier Millionen leben hier.“
Cael„Nicht jeder will sprechen. Manche glauben noch an die Evakuierung. Andere haben niemanden, dem sie etwas hinterlassen wollen.“
Iven„Und die Schiffe?“
Cael lachte ohne Freude.
Cael„Es gibt Plätze für die Verwaltung und die Minengesellschaft“, sagte Cael. „Für den Rest gibt es Durchhalteparolen.“
Ein schmächtiges Mädchen kniete unter einem Verteiler und verband Glasfasern mit einem mobilen Rechner. Es trug eine orange Technikerweste, deren Schultern weit über ihre Arme ragten. Als ein Übertragungsblock ausfiel, schlug sie nicht auf das Gehäuse. Sie lauschte, zog zwei Leitungen um und startete den Knoten neu.
Cael„Das ist Nemi Saar“, sagte Cael. „Zwölf Jahre. Ihre Mutter betreut das Nordrelais. Nemi hat die Verschlüsselung auf die dezentralen Speicher verteilt.“
Nemi„Meine Mutter hat den Schlüssel entworfen“, korrigierte Nemi, ohne aufzusehen. „Ich habe verhindert, dass die Zentralverwaltung ihn austauscht.“
Iven„Kann Hestia die Kapsel öffnen?“
Nemi„Nur mit dem physischen Schlüssel und meiner Stimmfolge“, antwortete Nemi. „Falls Sie mich erschießen, brauchen Sie vier Monate für einen Brute-Force-Angriff.“
Iven„Ich erschieße keine Netztechnikerinnen.“
Nemi„Gut. Ich fliege nämlich mit.“
Iven sah Cael an. Cael wich seinem Blick aus.
Iven„Seven hat zwei Sitze“, sagte Iven.
Cael„Einen Pilotensitz und einen Notsitz.“
Iven„Die Kapsel liegt oberhalb der Startmasse.“
Nemi„Ich wiege zweiundvierzig Kilo“, sagte Nemi. „Meine Tasche drei.“
Iven„Das ist keine Bewerbung.“
Nemi„Nein. Eine Massenangabe.“
Iven kannte Erwachsene, die weniger begriffen. Er prüfte den Schlüssel. Nemi ließ ihn nur durch eine transparente Hülle sehen. In der Mitte lagen vier versetzte Kristallzungen, die bei falscher Spannung schmolzen.
Während Techniker die Kapsel vorbereiteten, führte Cael Iven in Lysas alten Leseraum. Die grauen Namensbücher standen noch in den Regalen. Auf dem Tisch lagen zwei ausgedruckte Nachrichten.
Cael„Deine“, sagte Cael. „Mutter hätte verlangt, dass ich sie aufbewahre.“
Iven las seine eigenen Sätze. Sie wirkten kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Der grüne Himmel. Die Frage nach dem Laden. Die verspätete Entschuldigung. Cael legte ein drittes Blatt daneben. Es war eine nie gesendete Antwort.
Cael„Ich habe sie am Abend vor Vaters Beerdigung geschrieben“, erklärte Cael.
Iven las: Der Laden steht. Vater nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich dich zurückhaben will oder nur jemanden, dem ich die Schuld geben kann.
Iven„Warum zeigst du mir das jetzt?“
Cael„Weil Schweigen keine klare Sprache ist“, sagte Cael. „Es lässt den anderen nur den Satz einsetzen, vor dem er am meisten Angst hat.“
Iven setzte sich. Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr sahen die Brüder einander an, ohne gleichzeitig eine Aufgabe zu suchen.
Iven„Es tut mir leid“, sagte Iven. „Nicht nur wegen des Satzes. Ich habe mich vierzehn Jahre dahinter versteckt.“
Cael„Ich habe vierzehn Jahre so getan, als wäre Nichtantworten eine Strafe, die nur dich trifft“, erwiderte Cael.
Iven„Komm mit nach Hestia.“
Cael„Wenn die Außenarchive eintreffen.“
Iven„Das ist keine Zusage.“
Cael„Mehr habe ich gerade nicht.“
Ein Alarm unterbrach sie. Die Nordstation meldete einen neuen Riss. Das Signal brach mitten im Satz ab. Nemi stand in der Tür, blass, aber aufrecht.
Nemi„Meine Mutter hat den letzten Block geschickt“, sagte Nemi. „Danach ist das Relais ausgefallen.“
Cael„War eine persönliche Datei dabei?“
Nemi schüttelte den Kopf. Sie hielt den Verschlüsselungsschlüssel mit beiden Händen. Iven wusste nicht, wie man ein Kind tröstete, dessen Mutter vielleicht gerade gestorben war. Er dachte an Empfangsbestätigungen und daran, wie wenig zwei Wörter manchmal reichten.
Iven„Der Block ist angekommen“, sagte Iven.
Nemi„Das ist nicht dasselbe.“
Iven„Nein“, gab Iven zu. „Aber ich werde ihn hinausbringen.“
In der Halle begann die Kapsel, sich zu versiegeln. Einer nach dem anderen wechselten die Speicherpunkte von Gelb auf Grün. Drei Millionen Stimmen waren bereit für eine Route, die es offiziell nicht gab.
Kapitel 09
Die letzte freie Schleuse
Das erste schwere Beben traf das Archiv um 03:17 Uhr. Der Boden hob sich unter Ivens Füßen, sank wieder ab und schob die Kapsel trotz verriegelter Bremsen einen halben Meter zur Wand. Aus der Decke fiel Staub. In den Anzeigen zog sich ein roter Riss über die Nordhalbkugel.
Cael„Kernschicht vier ist gebrochen“, sagte Cael. „Wir haben keine Stunden mehr.“
Iven„Dann laden wir jetzt.“
Cael ordnete die endgültige Versiegelung an. Techniker trennten die Aufnahmeplätze vom Hauptnetz. Menschen, die noch auf ihren Einsatz gewartet hatten, drängten nicht vor. Einige legten beschriebene Zettel auf die Kapsel, als könnte Papier durch die Hülle dringen.
Ein Mann stellte sich Iven in den Weg. Auf seiner Jacke stand die Nummer eines Minenbezirks.
Bergmann„Nehmen Sie meine Tochter mit“, bat der Bergmann. „Sie ist sechs. Sie braucht keinen ganzen Sitz.“
Iven„Das Schiff trägt die Kapsel und die Person mit dem Schlüssel“, sagte Iven. „Mehr Masse hebt nicht ab.“
Bergmann„Dann lassen Sie eine Stimme hier.“
Iven hatte keine Antwort, die nicht grausam klang. Cael legte dem Mann eine Hand auf den Arm und führte ihn zu einem letzten offenen Mikrofon. Iven wandte sich ab. Seine Regel war endgültig zerbrochen. Er glaubte an die Nachricht, und Glaube machte jeden zurückgelassenen Menschen sichtbar.
Der Lastenaufzug blieb zwischen zwei Ebenen stehen. Ein zweites Beben hatte die Führungsschiene verzogen. Die Kapsel musste über eine Wartungsrampe zur alten Landebucht gebracht werden. Archivare, Techniker und Besucher spannten Gurte um das Gehäuse. Gemeinsam zogen sie die Millionen Stimmen durch einen Gang, dessen Decke bei jedem Schritt knackte.
Nemi lief neben der Kapsel und prüfte den Schlüssel. Ihr Gesicht war starr. Auf dem Display blinkte der letzte Datenblock des Nordrelais. Status: vollständig. Von ihrer Mutter kam keine weitere Nachricht.
Iven„Du kannst hierbleiben“, sagte Iven. „Niemand zwingt dich in Seven.“
Nemi„Wenn ich hierbleibe, kann niemand die Kapsel öffnen“, antwortete Nemi.
Iven„Das ist keine Antwort auf das, was ich gesagt habe.“
Nemi„Doch. Nur nicht die, die Sie gern hätten.“
An der Rampe brach eine Stütze. Cael schob Nemi zur Seite, bevor das Metall aufschlug. Die Kante streifte seine Schulter. Blut färbte den Ärmel dunkel. Cael wollte weiterziehen, doch Iven packte ihn.
Iven„Du kommst mit“, sagte Iven.
Cael„Ich muss die Außenarchive einsammeln.“
Iven„Der letzte Block ist da.“
Cael„Aus Nord. Die Krankenstation und Bezirk West übertragen noch.“
Iven„Dafür ist keine Zeit.“
Cael„Dann bleiben ihre Stimmen hier.“
Iven zog ihn am Mantel näher. Vierzehn Jahre Wut standen zwischen ihnen und wirkten plötzlich klein gegen die bebende Wand.
Iven„Ich bin nicht zurückgekommen, um dich wieder zu verlieren.“
Cael sah auf Ivens Hand.
Cael„Du bist für die Kapsel gekommen.“
Iven„Ich kann für zwei Dinge gekommen sein.“
Cael„Heute nicht.“
Sie erreichten die Landebucht. Iven verriegelte die Kapsel in der gepanzerten Röhre. Seven sank sichtbar in ihre Dämpfer. Die Startberechnung blieb rot, bis er zwei Verkleidungen, den Reservefilter und fast alle Wasservorräte abwarf. Danach zeigte sie einen schmalen gelben Bereich.
Nemi kletterte in den Notsitz. Cael blieb vor der Schleuse stehen.
Iven„Dann sitzt sie auf meinem Schoß“, sagte Iven. „Du nimmst den Notsitz.“
Cael„Seven hebt mit drei Personen und der Kapsel nicht ab“, antwortete Cael.
Iven kannte die Zahlen. Er suchte trotzdem nach einer Lücke. Cael nahm die Messingmarke aus Ivens offener Werkzeugtasche. Einen Augenblick hielt er sie zwischen Daumen und Zeigefinger, dann drückte er sie seinem Bruder in die Hand.
Cael„Vater sagte immer, eine Reparatur sei erst beendet, wenn jemand die Maschine wieder benutzen kann“, sagte Cael. „Bring sie dazu, uns zu hören.“
Iven„Cael—“
Cael„Du schuldest mir keine Entschuldigung“, unterbrach Cael. „Nur eine Empfangsbestätigung.“
Die Schleuse schloss zwischen ihnen. Cael trat zu den Archivmitarbeitern zurück. Niemand winkte. Dafür war der Augenblick zu endgültig.
Iven zündete die Triebwerke. Seven schoss aus der Bucht, Sekunden bevor ein Riss die Landefläche teilte. In der unteren Stadt fielen die Lichter ringweise aus. Über dem Mond erfassten Patrouillen Sevens Signatur.
Warnungen füllten das Cockpit. Hinter Iven warteten Millionen Stimmen. Neben ihm hielt Nemi den Verschlüsselungsschlüssel mit beiden Händen. Vor ihnen lagen geschlossene Sprungtore und der ferne Leuchtturm Hestia.
Iven öffnete den Schub bis zum Anschlag.
Kapitel 10
Wo keine Route mehr ist
Das erste Blockadeschiff forderte Seven zur Umkehr auf. Iven antwortete mit dem Transponder eines medizinischen Versorgers. Der Code hielt elf Sekunden. Dann wechselte die Warnung von Gelb zu Rot, und zwei Abfangjäger lösten sich aus dem Schatten des Kreuzers.
Nemi„Sie laden Impulswaffen“, sagte Nemi.
Iven„Sie wollen die Kapsel unbeschädigt“, antwortete Iven. „Sonst wären wir bereits Staub.“
Nemi„Das klingt nicht beruhigend.“
Iven„Es war eine technische Einschätzung.“
Iven steuerte Seven dicht über Arkens Oberfläche. Navigationssysteme mieden die roten Bruchfelder, aber Iven schaltete die automatische Korrektur ab. Gesteinsfontänen stiegen kilometerhoch auf. Zwischen ihnen verloren die Jäger ihre klare Zielerfassung.
Die erste Salve traf Sevens hintere Verkleidung. Ein Kühlkreis sprang aus der Synchronisation. Iven verringerte nicht den Schub. Er öffnete ein Ventil, das nur manuell gesichert war, und schob Darians Messingmarke unter den Hebel. Das Metall hielt ihn in der richtigen Stellung.
Nemi„Ist das ein zugelassenes Ersatzteil?“, fragte Nemi.
Iven„Seit heute.“
Unter ihnen brach die Nordhalbkugel auf. Eine rote Linie zog sich über den Horizont, zu hell für Magma und zu breit für einen einzelnen Riss. Iven sah die Kuppeln der Stadt nur einen Augenblick. Dann fraß eine Staubwand die Lichter.
Nemi machte ein Geräusch, als hätte sie den Atem verschluckt. Ihr Display empfing noch automatische Datenfragmente: Druckverlust, Netzausfall, Evakuierung nicht möglich. Der letzte Block trug die Kennung des Archivs. Danach verstummte Arken.
Iven wollte Caels Namen sagen. Er brachte keinen Ton heraus. Seine Hände blieben auf der Steuerung. Alles in ihm, was noch funktionieren konnte, wurde zur Route.
Das Hauptsprungtor schloss vor ihnen. Verriegelungsfelder legten sich wie helle Speichen über den Ring. Die Blockade hatte sämtliche zivilen Fenster gestrichen. Hestia lag jenseits einer Strecke, die Seven mit normalem Antrieb nicht überbrücken konnte.
Nemi„Es gibt kein offenes Tor“, sagte Nemi.
Iven zog Selens Papierbuch unter dem Sitz hervor. Zwischen handgezeichneten Wegen stand ein Vermerk zum alten Wartungsring von Thess: Vor dem Bau des Haupttors hatten Bergbauschiffe einen instabilen Mikrosprung genutzt. Der Eingang lag dicht an der oberen Atmosphäre des Gasriesen. Er war seit neun Jahren gesperrt.
Nemi„Gesperrt bedeutet, dass er nicht funktioniert“, sagte Nemi.
Iven„Manchmal bedeutet es nur, dass niemand verantwortlich sein will.“
Nemi„Und wer ist diesmal verantwortlich?“
Iven berührte die Messingmarke am Kühlventil.
Iven„Rook Reparaturservice.“
Er setzte Kurs auf Thess. Die Jäger folgten. In der Atmosphäre des Gasriesen rissen elektrische Stürme über den Rumpf. Seven war nicht für diesen Druck gebaut. Die Hüllenanzeige fiel von Grün über Gelb auf Rot. Nemi begann, die Kapsel in kleine Sendeblöcke zu teilen.
Iven„Was machst du?“, fragte Iven.
Nemi„Falls wir sterben, sollen wenigstens Teile ankommen“, antwortete Nemi. „Jeder Block trägt eine eigene Prüfsumme. Hestia kann sie über Relais zusammensetzen.“
Iven„Die Patrouille kann sie abfangen.“
Nemi„Nicht alle.“
Sie schickte den ersten Block über eine alte Wetterboje. Eine Frauenstimme füllte für zwei Sekunden das Cockpit. Sie nannte sieben Namen aus Bezirk Nord, darunter Nemi Saar. Dann riss die Verbindung ab.
Nemi„Das war meine Mutter“, sagte Nemi.
Iven„Sie hat dich eingetragen.“
Nemi„Sie hat mich hinausgeschickt.“
Iven wusste nicht, ob das Trost war. Nemi sendete den nächsten Block.
Am Mikrosprung hing noch ein Wartungsfeuer. Seine Kennung antwortete auf Darians alten Code. Die Öffnung war schmal und wanderte mit Thess’ Magnetfeld. Iven berechnete kein sicheres Fenster. Es gab keines. Er wartete, bis die Verfolger ihre Waffen erneut luden, und zündete den Sprungkern.
Seven traf den Korridor schräg. Für einen Augenblick bestand das Universum aus weißem Lärm. Der zweite Kühlkreis riss auf. Etwas schlug Iven gegen die Brust. Nemi schrie. Die Kapsel blieb verriegelt.
Als die Sterne zurückkehrten, war nur einer der Jäger hinter ihnen. Der andere hatte den Korridor verfehlt oder war darin zerbrochen. Hestias Leuchtfeuer stand als blasser Punkt auf der Anzeige. Der Treibstoff reichte nicht bis dorthin.
Iven„Öffne den Sender“, sagte Iven.
Nemi„Für einen Notruf?“
Iven„Für die Zustellung.“
Kapitel 11
Die Farbe des Morgens
Nemi koppelte den Schlüssel an die Kapsel. Vier Kristallzungen leuchteten nacheinander auf. Der Speicher öffnete sich nicht wie eine Datei, sondern wie eine Stadt: Millionen kleine Kanäle, jeder mit einer Stimme, einem Namen oder einem Bild.
Sevens Sender war für kurze Kuriercodes gebaut. Die vollständige Übertragung würde siebenundfünfzig Minuten dauern. Ihr Treibstoff reichte für elf. Der verbliebene Abfangjäger lag sechs Minuten hinter ihnen.
Iven„Komprimieren“, sagte Iven.
Nemi„Dann verlieren wir die unvollständigen Aufnahmen“, widersprach Nemi.
Iven„Nicht die Stimmen. Die technischen Anlagen zuerst.“
Nemi„Ohne die Beweise nennen sie alles Propaganda.“
Iven sah die Anzeigen. Hülle rot. Treibstoff leer. Senderleistung begrenzt. Jede Zahl verlangte ein Opfer.
Iven„Dann senden wir beides“, entschied Iven. „Über alles, was antwortet.“
Nemi öffnete Wetterbojen, Frachtnetze und private Notfallkanäle. Iven stellte Seven quer zum Magnetstrom und ließ den Sprungkern als Verstärker arbeiten. Das Schiff begann, seine verbleibende Energie in die Übertragung zu verbrennen.
Stimmen füllten das Cockpit. Ein Kind erzählte von einem erfundenen Meer. Ein Koch verriet, weshalb seine Suppe jeden dritten Tag zu salzig war. Arbeiter nannten verschwundene Kollegen. Ärzte lasen Krankenlisten. Dazwischen lagen Messwerte, geheime Befehle und Reservierungen für Evakuierungsschiffe.
Der Abfangjäger erreichte Waffenreichweite.
Patrouillenpilot„Courier Seven, brechen Sie die Übertragung ab und werfen Sie die Kapsel aus“, befahl der Patrouillenpilot. „Ihre Besatzung erhält freies Geleit.“
Iven„Zielstation Hestia, hier Courier Seven“, sagte Iven in den offenen Kanal. „Priorität: Letzte Zustellung. Fordern Empfangsbestätigung.“
Nur Rauschen antwortete.
Der Jäger feuerte. Iven drehte Seven, sodass der gepanzerte Bereich um die Kapsel den Treffer nahm. Die Steuerdüse brach weg. Das Schiff taumelte. Nemi schlug mit der Schulter gegen den Notsitz, hielt den Schlüssel aber in der Buchse.
Nemi„Noch vierunddreißig Prozent“, sagte Nemi.
Iven„Hestia muss den Kanal sehen.“
Nemi„Vielleicht sieht Hestia ihn und will nicht antworten.“
Iven kannte diese Art Schweigen. Vierzehn Jahre lang hatte er sie für eine eindeutige Sprache gehalten. Nun wusste er, dass Schweigen nur Raum für die schlimmste Erklärung ließ.
Er schaltete die Kühlung des Cockpits ab und leitete die Energie zum Sender. Die Temperatur fiel zunächst, weil Außenkälte durch die beschädigte Hülle drang. Dann stieg sie, als der Sprungkern überhitzte. Eis bildete sich an Nemis Haaren. Schweiß lief Iven in die Augen.
Das Leuchtfeuer voraus war die Farbe des Morgens: blassgolden, klein und unerreichbar. Der Treibstoffzähler sprang auf null. Seven glitt weiter.
Nemi„Zweiundsechzig Prozent.“
Der Jäger setzte zur letzten Salve an. Gleichzeitig öffnete Hestia seinen Leuchtturmstrahl. Ein enges Energiefeld erfasste Seven und zog sie aus der Feuerlinie. Die Salve streifte den Bug. Das Cockpit wurde dunkel.
Eine fremde Stimme kam über den Notsender.
Hestia„Courier Seven, hier Leuchtturm Hestia“, sagte die Hestia-Funkerin. „Wir empfangen Ihre Übertragung. Halten Sie den Schlüssel aktiv.“
Nemi lachte einmal, dann begann sie zu weinen. Iven legte beide Hände um die tote Steuerung, als könne er dem Schiff noch eine Richtung geben.
Hestia schleppte Seven in den Schutzbereich. Der Patrouillenjäger drehte ab, weil inzwischen Dutzende zivile Relais die Daten weiterreichten. Jede abgefangene Kopie erzeugte zwei neue. Die Regierung konnte eine Kapsel beschlagnahmen, aber keine Millionen Stimmen aus Millionen Empfängern zurückholen.
Bei neunundneunzig Prozent brach der Sprungkern zusammen. Der Sender erlosch. Nemi starrte auf den fehlenden Block.
Nemi„Der Abschlussindex fehlt“, sagte Nemi. „Ohne ihn kann das Archiv nicht beweisen, dass alles vollständig ist.“
Iven sah die Kapselröhre. Eine mechanische Notfreigabe verband sie mit der Außenhaut. Wenn er sie öffnete, konnte Hestia das Speichermodul direkt bergen. Wenn die Röhre klemmte, würde die Dekompression das Cockpit treffen.
Nemi„Was tun Sie?“, fragte Nemi.
Iven„Die Maschine benutzbar machen.“
Er schlug die Abdeckung ab und zog den Hebel. Luft schoss aus einer gerissenen Dichtung. Die Kapsel glitt aus Seven und wurde vom Leuchtturmfeld eingefangen. Iven hörte noch, wie Nemi seinen Namen rief. Dann verlor er das Bewusstsein.
Als er wieder erwachte, lag er in Hestias Krankenstation. Seine linke Hand war bandagiert, drei Rippen waren gebrochen. Nemi saß neben dem Bett, die Schulter in einer Schlinge. Auf ihrem Schoß lag der Verschlüsselungsschlüssel.
Nemi„Sie haben acht Stunden geschlafen“, sagte Nemi.
Iven„Die Kapsel?“
Nemi„Vollständig. Drei Millionen zweihundertvierundsechzigtausend Einträge. Dazu die geologischen Daten und Evakuierungsbefehle.“
Iven„Arken?“
Nemi schwieg. Ihr Blick genügte.
Auf einem Wandbildschirm liefen Übertragungen aus hundert Systemen. Parlamente forderten Untersuchungen. Angehörige suchten Namen. Sender spielten Stimmen aus dem Archiv. Die Zentralregierung nannte die Dateien manipuliert, bis Hestia die Signaturen der eigenen Minister veröffentlichte.
Nemi reichte Iven einen kleinen Empfänger.
Nemi„Der letzte private Eintrag ist an Sie adressiert“, sagte Nemi.
Caels Gesicht erschien. Hinter ihm bebte das Archiv. Er musste die Aufnahme nach Sevens Start gemacht haben.
Cael„Iven, falls du das hörst, hast du die Zustellung geschafft“, sagte Cael. „Ich weiß nicht, ob eine Entschuldigung vierzehn Jahre repariert. Wahrscheinlich nicht. Vater würde sagen, sie muss nur wieder benutzbar sein. Also benutze sie. Leb weiter. Und antworte diesmal.“
Die Aufnahme endete. Darunter leuchteten zwei Worte.
Transmission empfangen.
Kapitel 12
Keine Nachricht bleibt allein
Die Untersuchung dauerte elf Monate. In den ersten Wochen bewachten Hestias Sicherheitskräfte Ivens Krankenzimmer. Offiziell sollte niemand den letzten Kurier zum Schweigen bringen. Inoffiziell wollte jede Regierung wissen, ob er weitere Kopien besaß.
Iven beantwortete Fragen mit derselben Präzision, mit der er früher Kapseln zugestellt hatte. Er nannte Routen, Kennungen und Uhrzeiten. Wenn Ermittler nach seiner politischen Haltung fragten, legte er Caels Datei auf den Tisch.
Iven„Meine Haltung ist eine Empfangsbestätigung“, sagte Iven. „Sie haben die Beweise. Benutzen Sie sie.“
Die Regierung des Zentralsystems stürzte nicht an einem einzigen Tag. Zwei Minister traten zurück. Drei erklärten, von den Evakuierungsplänen nichts gewusst zu haben. Die Minengesellschaft verlor ihre Lizenzen und gründete unter neuem Namen eine Tochterfirma. Manche Verantwortliche kamen vor Gericht, andere verschwanden hinter Zuständigkeitsgrenzen.
Gerechtigkeit, lernte Iven, war keine Zustellung. Sie besaß keine eindeutige Ankunftszeit.
Aus den äußeren Depots von Arken wurden einige tausend Überlebende geborgen. Darunter waren Arbeiter, die vor dem Kernbruch zu Wartungsplattformen geschickt worden waren, und Menschen auf den wenigen Schiffen, die ohne Genehmigung gestartet waren. Nemis Mutter befand sich nicht unter ihnen. Cael ebenfalls nicht.
Nemi hörte den letzten Datenblock ihrer Mutter erst Monate später vollständig. Darin erklärte Yara Saar den Verschlüsselungsplan und nannte am Ende nur einen privaten Satz.
Yara„Nemi, du musst nicht unsere Erinnerung bewachen“, sagte Yara in der Aufnahme. „Du darfst ein eigenes Leben haben.“
Nemi stoppte die Datei und sah Iven an.
Nemi„Erwachsene sagen so etwas immer, wenn sie einem gleichzeitig eine Aufgabe hinterlassen“, sagte Nemi.
Iven„Dann hör auf den ersten Teil.“
Nemi„Sie haben vierzehn Jahre gebraucht, um einen Satz Ihres Vaters zu verstehen.“
Iven„Deshalb erkenne ich den Fehler.“
Nemi zog zu einer Tante auf Hestia und ging wieder zur Schule. Nachmittags arbeitete sie im neu gegründeten Arken-Archiv. Die Stimmen wurden nicht als Denkmal versiegelt. Angehörige konnten Ergänzungen senden, Forscher die Messdaten prüfen und Überlebende falsche Einträge berichtigen. Das Archiv blieb eine lebende Sache.
Courier Seven galt als Totalschaden. Iven kaufte das Wrack zum zweiten Mal, diesmal für den symbolischen Preis einer Empfangsmarke. Hestias Mechaniker wollten den Rumpf ersetzen. Iven bestand darauf, die tragenden Teile zu behalten, die noch sicher waren.
Kera kam von Meridian und stand schweigend vor dem aufgerissenen Cockpit.
Kera„Du hast aus meinem Störsender einen interstellaren Zwischenfall gemacht“, sagte Kera.
Iven„Er hielt länger als vier Minuten.“
Kera„Und du hast den persönlichen Sender nie benutzt.“
Iven zog das zerdrückte Gerät aus einer Tasche. Es hatte die Flucht nicht überstanden.
Iven„Ich bin zurückgekommen“, sagte Iven.
Kera„Wieder keine Empfangsbestätigung.“
Iven nahm Selens Papierbuch und schrieb zum ersten Mal einen Namen zwischen die Routen: Kera Jin, Port Meridian, antwortet auch ohne Bezahlung. Danach fügte er Selen Vey, Nemi Saar, Yara Saar, Lysa Rook, Darian Rook und Cael Rook hinzu.
Seven erhielt einen neuen Sender, einen stabileren Kühlkreis und einen zweiten richtigen Sitz. Hinter dem Cockpit blieb sogar Platz für eine schmale Schlafkoje. Iven beschwerte sich, dass sie Masse kostete. Nemi antwortete, Erinnerungen benötigten offenbar doch Raum.
Ein Jahr nach Arkens Untergang startete Seven wieder. Auf ihrem Rumpf stand noch immer COURIER SEVEN. Darunter hatte Nemi ein kleines Symbol angebracht: die rote Kuppel über einer offenen Linie.
Iven nahm weiterhin Kurieraufträge an, doch seine Regel hatte sich verändert. Er prüfte keine politischen Wahrheiten und spielte sich nicht zum Richter auf. Aber er fragte, wem eine Zustellung nützte, wer durch sie zum Schweigen gebracht wurde und ob seine Geschwindigkeit nur die Macht des Auftraggebers vergrößerte. Manche Aufträge lehnte er ab. Andere flog er ohne Vergütung.
Seine erste neue Route führte zum Gedenkfeuer im ehemaligen Arken-Orbit. Dort schwebten Trümmer in der Dunkelheit, beleuchtet vom riesigen Thess. Überlebende und Angehörige hatten einen kleinen Empfangssatelliten aufgebaut. Er speicherte Nachrichten, die niemand auf Arken mehr beantworten konnte.
Nemi begleitete ihn. Sie trug keine zu große Technikerweste mehr, sondern eine Jacke mit ihrem eigenen Namen.
Nemi„Was liefern wir?“, fragte Nemi.
Iven öffnete die Hand. Darin lag Darians Messingmarke, an einer Kante geschmolzen, aber lesbar.
Iven„Einen Herkunftsnachweis“, sagte Iven.
Er setzte die Marke in den Satelliten und nahm eine kurze Nachricht auf. Keine Erklärung seiner vierzehn Jahre, keine Verteidigung und kein Versuch, einen Toten zu versöhnen.
Iven„Cael, ich habe dich gehört“, sagte Iven. „Die Zustellung ist erfolgt. Ich lebe weiter. Und ich antworte.“
Nemi übertrug die Datei in das offene Archiv. Der Satellit prüfte Kennung, Inhalt und Ziel. Einen Augenblick lang hörte Iven nur das Summen von Seven und den fernen Magnetsturm des Gasriesen.
Dann erklang der helle Ton, der sein ganzes Berufsleben begleitet hatte.
Empfang bestätigt.