Across the Galaxy · Band 11
Der Nachtmensch
Arlen Wards GeschichteKapitel 01
Der falsche Himmel
Arlen Ward wusste, dass ein Flug verloren war, bevor die Instrumente es zugaben.
Die Kestrel hing sechsunddreißig Kilometer über der Erde, dort, wo der Himmel nicht mehr braun, aber noch nicht schwarz war. Unter dem Rumpf glühte die Küste wie eine dünne Wunde. Auf dem Display vor Arlen stand die Versuchsdüse bei achtundneunzig Prozent. Der Wert war grün. Das Zittern in seinem Steuerknüppel war es nicht.
Tomas„Sekundärpumpe verliert Druck“, meldete Tomas Rell vom rechten Sitz. „Wir brechen ab.“
Arlen sah auf die Telemetrie. Der Druck lag nur vier Prozent unter dem Soll. Für einen Abbruch mussten es sechs sein. Das Testprogramm war seit drei Wochen im Verzug, und jede Flugstunde kostete mehr, als Arlen in einem Jahr verdiente.
Arlen„Noch zwölf Sekunden bis zum Messfenster“, antwortete Arlen. „Wir nehmen den Datensatz mit.“
Tomas legte die Hand auf den Trennschalter. „Arlen, das ist kein verhandelbarer Wert.“
Arlen„Ich habe die Führung“, erwiderte Arlen.
Sieben Sekunden später fiel die Pumpe aus. Die Düse schwenkte hart nach links. Der Horizont drehte sich, bis Küste, Wolken und Sterne auf demselben Kreis lagen. Arlen trennte den Versuchsantrieb, aber eine Leitung hatte bereits Feuer gefangen. Tomas rief den Ausstieg. Arlen versuchte noch, die Kestrel auf den Gleitpfad zu zwingen.
Die Kapsel löste sich zu spät.
Arlen kam mit drei gebrochenen Rippen und einer verbrannten Hand davon. Tomas verlor das rechte Bein unterhalb des Knies. Die Kestrel schlug in ein unbewohntes Salzbecken ein und verteilte zwölf Jahre Entwicklungsarbeit über sechs Quadratkilometer.
Im Untersuchungsraum liefen die letzten zwanzig Sekunden immer wieder über eine weiße Wand. Arlen sah seine Hand am Steuerknüppel, hörte Tomas’ Abbruchforderung und danach seine eigene Antwort. Die Kommission fragte, ob die Kosten des Testprogramms seine Entscheidung beeinflusst hätten.
Arlen„Ja“, sagte Arlen.
Der Vertreter des Herstellers hob den Kopf. „Captain Ward, Ihnen ist bewusst, welche rechtlichen Folgen diese Aussage haben kann?“
Arlen„Sie haben gefragt, was meine Entscheidung beeinflusst hat“, antwortete Arlen. „Nicht, welche Antwort für den Vertrag besser wäre.“
Das Urteil nannte fehlerhafte Risikobewertung, verzögerte Reaktion und Missachtung eines berechtigten Abbruchsignals. Seine Lizenz wurde auf unbestimmte Zeit entzogen. Der Hersteller entließ ihn, bevor der Bericht veröffentlicht war. Kollegen, mit denen er zwanzig Jahre lang geflogen war, schickten anfangs Nachrichten. Nach der dritten Woche wurden es weniger. Nach der Verhandlung blieb nur Dana.
Sie saß jeden Abend am Küchentisch, schenkte Tee aus einer alten weißen Kanne ein und ließ Arlen reden, bis er nichts mehr zu sagen hatte. Dana verteidigte seine Entscheidung nicht. Gerade deshalb konnte er ihre Nähe ertragen.
Arlen„Tomas wird wieder gehen“, sagte Arlen eines Nachts.
Dana„Das haben die Ärzte gesagt“, bestätigte Dana.
Arlen„Aber nicht, weil ich es verdient habe.“
Dana stellte die Kanne ab. „Seine Genesung ist keine Abstimmung über deinen Wert.“
Arlen„Ich hätte abbrechen müssen.“
Dana„Ja.“
Arlen wartete auf den Satz danach. Dana gab ihm keinen.
Ihre Tochter Mira war damals fünfzehn. Sie hörte den Streit der Erwachsenen durch die Wand und lernte, dass Wahrheit nicht immer erleichterte. In der Schule wurde sie gefragt, ob ihr Vater der Pilot aus den Nachrichten sei. Sie sagte nein. Zu Hause sah sie seine verbrannte Hand und schämte sich dafür.
Tomas besuchte sie neun Monate nach dem Unfall. Seine Prothese war noch provisorisch, und er lehnte den angebotenen Stuhl ab.
Tomas„Du willst, dass ich dir vergebe“, sagte Tomas zu Arlen.
Arlen„Ich weiß nicht, was ich will.“
Tomas„Dann sage ich dir, was du nicht bekommst.“ Tomas tippte gegen das künstliche Knie. „Du bekommst mein Bein nicht als lebenslange Ausrede. Du hast eine falsche Entscheidung getroffen. Wenn du daraus nur einen Grund machst, nie wieder für jemanden verantwortlich zu sein, war sie noch falscher.“
Arlen antwortete nicht. Tomas verabschiedete sich von Dana und Mira, aber nicht von ihm.
In den folgenden Jahren reparierte Arlen Navigationsgeräte für Luftfrachter, die er selbst nicht mehr führen durfte. Er prüfte jede Leitung zweimal und jede Freigabe dreimal. Wenn ein Kunde ihn drängte, legte er das Werkzeug weg. Die Leute nannten ihn gründlich. Nur Dana wusste, dass seine Gründlichkeit eine Form von Angst war.
Arlen blickte weiterhin zum Himmel. Er tat es nicht, weil er fliegen wollte. Er wollte sehen, ob etwas fiel.
Kapitel 02
Die Erde aus Verträgen
Der Klimakollaps kam nicht als einzelner Tag. Er kam als neue Zeile auf Rechnungen.
Zuerst kostete Trinkwasser am Nachmittag mehr als am Morgen. Dann erhielten die kühleren Wohnzonen eigene Zugangskarten. Später wurden Schulen nach Luftqualität eingestuft, und Familien zogen in Viertel, deren Fenster sie sich nicht leisten konnten. Der Himmel über Manchester blieb an den meisten Sommertagen braun. Wenn Regen fiel, roch er nach Metall.
Dana unterrichtete Geschichte in einem öffentlichen Lernzentrum. Sie sagte, Kinder müssten wissen, dass jede Ordnung irgendwann unvermeidlich aussehe, obwohl Menschen sie gemacht hatten. Arlen reparierte Systeme für private Frachtlinien und verdiente genug, um die Wohnung zu halten, aber nicht genug für den Kühlvertrag der höchsten Stufe.
Mira studierte Biologie. Während andere Studierende über ausgestorbene Wälder schrieben, beschäftigte sie sich mit Böden, die noch keiner betreten hatte. Sie legte Algenmatten in versiegelte Kästen, veränderte Mineralmischungen und wartete, ob Leben daraus eine Oberfläche machte.
Arlen„Du willst Pflanzen beibringen, auf Staub zu wachsen“, sagte Arlen, als er ihr Labor besuchte.
Mira„Nein“, korrigierte Mira. „Ich will verstehen, wann Staub aufhört, nur Staub zu sein.“
Dana lächelte. „Das ist dieselbe Frage, die Historiker über Städte stellen.“
Zwei Jahre nach dem Unfall bekam Dana Fieber. Eine neue Pilzart hatte sich in den feuchten Kühlschächten des Lernzentrums ausgebreitet. Die Infektion war behandelbar, doch das wirksame Mittel wurde zuerst an Vertragskliniken geliefert. Arlen bezahlte eine private Aufnahme, verkaufte dafür seine Werkstattausrüstung und nahm Kredite auf. Als das Medikament eintraf, hatte der Pilz Danas Lunge erreicht.
Sie starb an einem Dienstagmorgen, während draußen die städtische Warnung vor schlechter Luftqualität lief.
Mira war siebzehn. Sie stand am Krankenhausbett und hielt die weiße Teekanne, weil Dana am Vortag verlangt hatte, Arlen solle sie nicht in der Wohnung vergessen. Nach dem Tod stellte Mira die Kanne in einen Schrank und öffnete ihn monatelang nicht.
Arlen verwandelte Trauer in Vorschriften. Er prüfte Miras Atemfilter, ihre Wege, ihre Lebensmittelkarten und jede Nachricht ihrer Freunde. Wenn sie spät nach Hause kam, wartete er im Flur.
Mira„Ich brauche keinen Wachposten“, sagte Mira.
Arlen„Das ist kein Wachen. Ich will nur wissen, wo du bist.“
Mira„Genau das ist Wachen.“
Arlen„Deine Mutter wusste auch, wo du bist.“
Mira schlug die Tür so fest zu, dass die Teekanne im Schrank klirrte. Arlen hörte den Ton und öffnete den Schrank. Auf dem weißen Porzellan verlief ein blauer Riss, den Dana vor Jahren mit Harz gefüllt hatte. Sie hatte beschädigte Dinge nie weggeworfen, wenn sie ihren Zweck noch erfüllten.
Als Mira ein Forschungsstipendium auf dem orbitalen Campus annahm, nannte Arlen die Luftschleusen unsicher. Als sie einen Außeneinsatz in den schottischen Salzgärten plante, schickte er ihr eine Liste möglicher Infektionen. Sie antwortete mit einem einzigen Satz: Du kannst nicht jeden Fehler verhindern, indem du mein Leben kleiner machst.
Danach sprachen sie drei Wochen nicht.
In dieser Zeit erhielt Mira die Ausschreibung des Viridia-Programms. Der Planet lag siebzehn Reisejahre entfernt und kreiste um zwei gelbe Sonnen. Sonden hatten flache Meere, atembare Luft und eine Biosphäre aus niedrigen, faserigen Pflanzen gemessen. Die Eos sollte viertausend Kolonisten, Saatgut und die technischen Archive der Erde dorthin bringen.
Das Programm versprach kein Paradies. In den Verträgen stand, dass Rückkehr technisch nicht vorgesehen sei. Die Kolonisten verzichteten auf ihre irdische Staatszugehörigkeit und erhielten Anteile an einer Siedlung, die noch nicht existierte. Wer nützliche Fähigkeiten besaß, durfte sich bewerben. Wer Geld besaß, brauchte keine nützlichen Fähigkeiten nachzuweisen.
Mira bestand die Fachprüfung, den psychologischen Test und die medizinische Auswahl. Sie unterschrieb, bevor sie Arlen davon erzählte.
Sie trafen sich in Danas früherem Lernzentrum. Das Gebäude war inzwischen eine Ausgabestelle für Kühlmasken. Mira legte den Vertrag auf einen Tisch, an dem früher Kinder gemalt hatten.
Mira„Ich fliege nach Viridia“, sagte sie.
Arlen las die erste Seite, dann die letzte. „Du hast bereits unterschrieben.“
Mira„Ja.“
Arlen„Warum sagst du es mir dann?“
Mira sah aus dem Fenster auf die braune Luft. „Weil du mein Vater bist. Nicht weil du mein Kommandant bist.“
Arlen suchte nach einem Argument, das sie noch nicht geprüft hatte. Strahlung, Kryoschäden, Systemausfall, falsche Sondendaten. Jede Gefahr stand im Vertrag. Mira hatte neben jeder Zeile ihr Kürzel gesetzt.
Arlen„Die Erde braucht ebenfalls Biologen“, sagte er schließlich.
Mira zeigte nach draußen. „Welche Erde meinst du?“
Arlen schwieg. In ihrer Stimme hörte er Dana, aber auch etwas, das nur Mira gehörte: den festen Entschluss, eine Zukunft nicht länger mit einem Ort zu verwechseln.
Kapitel 03
Perfekte Einsamkeit
Das Viridia-Programm suchte nicht nur Kolonisten. Für die siebzehnjährige Reise benötigte die Eos sechsunddreißig Wächterinnen und Wächter. Jeweils eine Person sollte sechs Monate wach bleiben, Systeme kontrollieren und bei Notfällen Fachleute aus dem Kryoschlaf holen. Die übrige Zeit verbrachten auch die Wächter in Kapseln.
Arlen las die Ausschreibung dreimal. Dann bewarb er sich, ohne Mira davon zu erzählen.
In der ersten Auswahlrunde musste er eine simulierte Kühlstörung beheben. Die Prüfung war absichtlich widersprüchlich: Ein Sensor meldete einen Druckverlust, während die mechanische Anzeige stabil blieb. Zwei Bewerber tauschten sofort das Ventil. Arlen schaltete zuerst die automatische Regelung aus und prüfte die Stromversorgung des Sensors.
Prüferin„Sie verlieren Zeit“, sagte die Prüferin.
Arlen„Nein“, antwortete Arlen. „Ich verhindere, dass ich einen intakten Kreislauf öffne.“
Der Fehler lag im Sensor.
In der zweiten Runde saß er vor einer Kommission aus fünf Personen. Der Vorsitzende, Dr. Bako, hatte den Bericht über die Kestrel offen vor sich.
Bako„Warum sollten wir viertausend Leben einem Piloten anvertrauen, der ein berechtigtes Abbruchsignal ignoriert hat?“, fragte Bako.
Arlen„Weil ich weiß, was es kostet, eine Warnung in ein Hindernis umzudeuten“, antwortete Arlen.
Eine Psychologin beugte sich vor. „Das klingt wie eine einstudierte Lehre.“
Arlen„Dann stellen Sie mir eine Frage, auf die ich keine vorbereitete Antwort habe.“
Psychologin„Warum bewerben Sie sich?“
Arlen dachte an Mira in Kapselglas. „Weil meine Tochter auf der Passagierliste steht.“
Bako„Dann wollen Sie sie begleiten“, stellte Bako fest.
Arlen„Nein. Ich will wissen, dass jemand hinsieht, während sie schläft.“
Die Psychologin ließ die Stille länger stehen, als nötig gewesen wäre. „Und wenn Sie sie retten müssten, indem Sie zehn andere Menschen gefährden?“
Arlen„Dann darf ich nicht so tun, als wäre sie nur eine Nummer“, sagte Arlen. „Aber ich darf auch nicht so tun, als wären die zehn anderen welche.“
Nach fünf Prüfungsmonaten erhielt er die Annahme. In der Begründung lobte die Kommission seine Systemerfahrung, seine Belastbarkeit und seine geringe soziale Bindung. Den letzten Ausdruck las Arlen zweimal. Dana war tot, seine früheren Freunde waren fort, und Mira würde schlafen. Perfekte Einsamkeit war zur Qualifikation geworden.
Mira reagierte nicht mit Dankbarkeit.
Mira„Du bist mir gefolgt“, sagte sie, als Arlen ihr die Nachricht zeigte.
Arlen„Ich habe mich auf eine Stelle beworben.“
Mira„Auf meinem Schiff.“
Arlen„Es ist nicht dein Schiff.“
Mira„Genau. Und ich brauche meinen Vater dort genauso wenig als Aufpasser wie alle anderen.“
Arlen wollte sagen, dass es nicht um Kontrolle ging. Doch sein gesamtes Leben der letzten sechs Jahre widersprach ihm.
Arlen„Ich kann die Bewerbung zurückziehen“, sagte er.
Mira musterte ihn. „Würdest du das tun?“
Arlen„Wenn du es verlangst.“
Mira„Dann wäre ich wieder für deine Entscheidung verantwortlich.“ Sie schob das Datapad zurück. „Flieg mit, wenn du selbst fliegen willst. Aber mach aus mir nicht den Grund, falls du es bereust.“
Die Wächterausbildung dauerte elf Monate. Arlen lernte Kryomedizin, Saatgutpflege, Reaktorwartung und das Leben in Räumen, in denen jede Stimme aufgezeichnet wurde. Er trainierte mit Mei Chen, einer Ärztin aus Shanghai, die ihre Familie nicht auf die Eos mitnahm. Chen konnte eine Infusionsleitung im Dunkeln legen und verlor bei Kartenspielen mit bemerkenswerter Würde.
Arlen„Warum bleibst du wach?“, fragte Arlen nach einer Nachtschichtsimulation.
Chen„Weil jemand es tun muss“, antwortete Chen.
Arlen„Das ist keine Antwort.“
Chen„Doch. Nur keine interessante.“ Sie nahm ihm die Karten aus der Hand. „Deine Antwort ist interessanter und vermutlich gefährlicher.“
Arlen„Meine Tochter.“
Chen„Nein“, widersprach Chen. „Deine Schuld.“
Arlen sah sie an.
Chen„Du überprüfst jede Entscheidung, als könnte dahinter das Bein deines Copiloten liegen“, erklärte Chen. „Das macht dich sorgfältig. Es kann dich aber auch langsam machen.“
Arlen„Die Kestrel ist abgestürzt, weil ich nicht langsam genug war.“
Chen„Sie ist abgestürzt, weil du eine Warnung nicht akzeptiert hast“, sagte Chen. „Angst ist ebenfalls eine Warnung. Aber auch sie hat nicht immer recht.“
Am Ende der Ausbildung musste jeder Wächter eine Verfügung für den eigenen Tod unterzeichnen. Starb eine Wachperson während ihrer Schicht, sollte das System die nächste geeignete Person wecken. Arlen setzte seine Unterschrift unter den Satz, als ginge es um jemand anderen.
Kapitel 04
Zwölf Kilogramm Zukunft
Die Eos lag im Orbitaldock wie eine Stadt, die vergessen hatte, Boden zu brauchen.
Ihr Wohnring war im Flug unbelebt. Dahinter zogen sich die Kryodecks durch den Rumpf: viertausend Kapseln in blauem Licht, geordnet nach medizinischer Stabilität und benötigter Weckreihenfolge. Das Schiff trug Werkstätten, Saatgutbanken, Landemodule und Drucker für Maschinen, Häuser und einfache Werkzeuge. Alles, was die Kolonie nicht mitnahm, musste sie später selbst erfinden.
Jede Person durfte zwölf Kilogramm persönliche Dinge einlagern. Mira legte zunächst Arbeitskleidung, Datenspeicher und drei versiegelte Saatgutkassetten bereit. Dann holte sie Danas weiße Teekanne aus einer gepolsterten Tasche.
Arlen„Porzellan“, sagte Arlen. „Auf einem Kolonieschiff.“
Mira„Mama hätte die Ironie gemocht.“
Mira packte außerdem einen roten Wollpullover ein.
Arlen„Der wiegt zu viel“, warnte Arlen.
Mira„Dann nehme ich weniger Schuhe.“
Arlen„Du brauchst Arbeitsstiefel.“
Mira„Papa, wir bauen eine Welt. Wir werden irgendwo einen zweiten Schuh herstellen.“
Arlen nahm den Pullover in die Hand. Dana hatte ihn an kalten Abenden getragen, lange bevor kalte Abende selten geworden waren. Im Saum steckte noch ein verbogener Faden. Er legte ihn zurück in die Tasche.
Miras Kapsel trug die Nummer 2-118. Am Tag der Einlagerung standen sie davor, beide in grauen Bordanzügen. Hunderte Familien verabschiedeten sich gleichzeitig. Manche weinten, manche filmten, manche stritten über Dinge, die sie nicht mitnehmen durften. Über den Lautsprechern bat eine ruhige Stimme darum, die Wege freizuhalten.
Mira„Du wachst nach mir auf“, sagte Mira.
Arlen„Meine erste Schicht beginnt im dritten Monat.“
Mira„Für mich ist siebzehn Jahre später.“
Arlen„Wenn alles funktioniert.“
Mira verdrehte die Augen. „Das war beinahe ein schöner Satz.“
Die Medizinerin befestigte die Leitungen. Mira versuchte tapfer zu wirken, bis die Haube herunterfuhr.
Mira„Wenn du wach bist, erzähl mir später etwas Schönes“, bat sie.
Arlen„Du wirst schlafen.“
Mira„Dann erzähl es mir trotzdem.“
Arlen versprach es. Mira legte die Hand gegen die Scheibe. Nachdem das Kryomittel wirkte, sank sie langsam herab.
Arlen blieb, bis die Anzeige einen stabilen Schlaf meldete. Danach ging er durch drei Decks zu seiner eigenen Kapsel. Mei Chen wartete dort mit verschränkten Armen.
Chen„Du hast vier Kontrollpunkte verpasst“, stellte sie fest.
Arlen„Ich war bei Mira.“
Chen„Das weiß ich. Das Schiff weiß es ebenfalls. Es zählt jede Tür.“
Arlen„Willst du mich melden?“
Chen reichte ihm die Schlafmaske. „Ich will, dass du bei deiner ersten Schicht verstehst, dass Wachen nicht bedeutet, an derselben Kapsel stehen zu bleiben.“
Der Start war kein einzelner Stoß. Die Eos löste nacheinander zwölf Haltearme, drehte den Wohnring aus dem Dock und zündete ihre Triebwerke weit außerhalb der bewohnten Umlaufbahn. Arlen lag bereits im künstlichen Schlaf. Er hörte weder die Durchsage noch das Dröhnen im Rumpf.
Drei Monate später öffnete sich seine Kapsel.
Kälte lag in seinen Knochen. Eine automatische Stimme nannte seinen Namen, seine Funktion und das Datum. Arlen brauchte mehrere Minuten, bis er verstand, dass die Erde nur noch ein heller Punkt in einer Kameraansicht war.
Wächterin Sanaa Malik übergab ihm die Eos. Sie hatte abgenommen, aber ihre Augen leuchteten vor Müdigkeit und Stolz.
Sanaa„Reaktor stabil, Kryodecks stabil, zwei defekte Feuchtigkeitssensoren in der Saatgutbank“, berichtete Sanaa. „Und Pumpe sieben klingt wie ein schnarchender Hund.“
Arlen hörte hin. Die Pumpe gab tatsächlich ein tiefes, unregelmäßiges Brummen von sich.
Arlen„Ich tausche das Lager“, sagte er.
Sanaa„Nein. Du prüfst erst, ob es das Lager ist“, korrigierte Sanaa.
Arlen lächelte zum ersten Mal seit dem Start.
Bevor Sanaa schlafen ging, legte sie ihm einen kleinen Messingschlüssel in die Hand. Er öffnete keinen Raum und keine Maschine.
Sanaa„Symbolische Übergabe“, erklärte sie. „Damit man spürt, dass jemand vor einem da war.“
Arlen schloss die Finger darum. Um ihn herum schliefen viertausend Menschen. Zum ersten Mal seit der Kestrel war ihm wieder etwas anvertraut worden, das sich nicht zurücknehmen ließ.
Kapitel 05
Die schlafende Stadt
Arlens erste Schicht dauerte einhundertzweiundachtzig Tage.
Er begann jeden Morgen mit dem gleichen Weg: Reaktorkern, Wasserkreislauf, Saatgutbank, Kryodeck Eins bis Vier. Der Wohnring drehte sich langsam genug, dass sein Körper Gewicht spürte. Hinter den Sichtfenstern stand kein Himmel. Sterne bewegten sich nur, wenn die Eos den Kurs korrigierte.
Die Kapseln wurden zu Häusern. Arlen lernte ihre Nummern, dann die Namen. Kian Solberg, Zimmermann, allergisch gegen drei Narkosemittel. Laleh Okonkwo, Wasserbauingenieurin, zwei Kinder auf Deck Vier. Pjotr Lenz, Bäcker, durfte wegen einer Herzrhythmusstörung nicht vor Phase Drei geweckt werden. Auf Kapsel 3-044 klebte ein gelber Papierstern. Darin schlief Aila Nwosu, neun Jahre alt, unterwegs mit ihrer Mutter Amaka.
Vor dem Start hatte Aila einen Brief an „die Person, die nachts auf uns aufpasst“ geschrieben. Der Umschlag lag im Ankunftsfach des Wächterraums. Zwei gelbe Sonnen waren darauf gemalt. Eine Anweisung verbot, den Brief vor dem Eintritt in Viridias System zu öffnen.
Arlen„Du wartest also“, sagte Arlen dem schlafenden Kind.
Aila antwortete nicht. Der Monitor über ihr zeichnete einen gleichmäßigen Herzschlag.
Arlen führte zwei Tagebücher. Das erste war für Mira. Darin beschrieb er den Ringnebel hinter dem Schiff, Algen, die in der Hydrokultur eine perfekte Spirale bildeten, und sein erstes Brot aus Bordhefe. Es war zu flach und schmeckte nach Metall, doch er nannte es einen Anfang.
Das zweite Log verschlüsselte er. Dort schrieb er über die Stille nach dem Schlaf, das Ziehen in seinen Gelenken und die Angst, dass jeder unauffällige Messwert nur ein Fehler sein könnte, den er noch nicht erkannt hatte. Er notierte, wie oft er Miras Kapsel kontrollierte. In der ersten Woche waren es elf zusätzliche Besuche. In der zweiten sieben. Am Ende der Schicht schaffte er drei Tage ohne Umweg.
Die Erde funkte regelmäßig. Nachrichten trafen mit wachsender Verzögerung ein: technische Updates, Wahlergebnisse, Grüße von Familien. Ein Schulchor sang für die Kolonisten ein Lied. Tomas Rell schickte Arlen eine kurze Aufnahme.
Tomas„Ward“, begann Tomas. Er saß in einem Wartungshangar und trug eine neue, glänzende Prothese. „Ich fliege wieder. Nur Fracht, keine Tests. Falls du erwartest, dass mich das beruhigt: tut es nicht. Falls du wissen willst, ob ich froh bin: ja. Sieh zu, dass du das Schiff heil hinbringst.“
Arlen spielte die Nachricht dreimal ab. Dann setzte er eine Antwort auf.
Arlen„Tomas, ich habe keine Entschuldigung, die etwas ersetzt. Aber ich habe dich verstanden. Nicht damals. Jetzt vielleicht.“
Er löschte die Aufnahme und begann neu.
Arlen„Ich passe auf“, sagte er schließlich. „Diesmal höre ich hin.“
Ob Tomas die Antwort je erhielt, würde Arlen erst Jahre später wissen.
In der achtundneunzigsten Nacht meldete Kryodeck Zwei einen Temperaturabfall. Arlen rannte zu Mira. Die Anzeige ihrer Kapsel war stabil; der Fehler lag in einer Sammelleitung drei Reihen weiter. Achtundvierzig Menschen kühlten zu schnell aus.
Das System schlug vor, die betroffene Reihe vorübergehend vom Kreislauf zu trennen. Arlen las den Vorschlag und spürte, wie seine Hand über der Bestätigung stehen blieb. Die Simulationen sagten, dass die Zellschäden innerhalb der Toleranz lagen. In seinem Kopf drehte sich die Kestrel.
Arlen„Eos, zeige alternative Versorgung über Leitung B“, verlangte Arlen.
Eos„Leitung B versorgt Deck Drei“, antwortete das Schiff.
Arlen„Drosselung dort um vier Prozent, Umleitung zu Deck Zwei.“
Eos„Manuelle Änderung außerhalb der Standardtoleranz.“
Arlen„Risiko berechnen.“
Die neue Variante belastete zwei Pumpen stärker, hielt aber alle Kapseln im sicheren Bereich. Arlen führte sie aus und blieb sechzehn Stunden bei den Anzeigen. Niemand wachte auf. Niemand starb.
Am nächsten Tag fand er Mehl unter den Fingernägeln, weil er während der Überwachung erneut Brot gebacken hatte. Er schrieb Mira: Heute habe ich gelernt, dass Angst nicht nur eine Bremse sein muss. Manchmal zwingt sie einen, nach einem zweiten Weg zu suchen.
Zum Ende seiner Schicht weckte er Wächter Kaito Brenn. Arlen übergab technische Protokolle, medizinische Auffälligkeiten und den Messingschlüssel.
Kaito„Gibt es etwas, das nicht im Log steht?“, fragte Kaito.
Arlen blickte zur Tür, hinter der die Kryodecks lagen. „Ja. Man beginnt, sie zu kennen.“
Kaito„Sie schlafen.“
Arlen„Trotzdem.“
Kaito drehte den Schlüssel zwischen den Fingern. „Ist das gut?“
Arlen„Frag mich in siebzehn Jahren.“
Arlen legte sich wieder in die Kapsel. Das letzte Geräusch vor dem Schlaf war Pumpe sieben. Sie schnarchte noch immer.
Kapitel 06
Stimmen mit Verspätung
Die Reise zerfiel für Arlen in Inseln aus Wachsein.
Er schlief sechs Monate, manchmal ein Jahr, und öffnete die Augen in einer Zukunft, die nur an den Wartungslisten zu erkennen war. Ein Kratzer an der Schleuse war größer geworden. Ein Algenbecken hatte die Farbe gewechselt. Wächter, die er gestern verabschiedet hatte, waren biologisch um Monate gealtert und sprachen von Ereignissen, die für ihn nie stattgefunden hatten.
Im dritten Jahr übergab Mei Chen ihm die Schicht. Sie hatte Pumpe sieben tatsächlich zerlegt.
Chen„Das Lager war es nicht“, sagte Chen.
Arlen„Was dann?“
Chen„Eine harmlose Resonanz im Gehäuse. Der Hund bleibt.“
Chen erzählte, dass sie in einem beschädigten Familienarchiv die Stimme ihrer Schwester gefunden hatte. Die Nachricht war schon acht Monate alt. Während Chen sie hörte, hatte ihre Schwester auf der Erde längst eine weitere Antwort aufgenommen.
Chen„Man trauert auf diesem Schiff über Möglichkeiten“, sagte Chen. „Nie über Gegenwart.“
Arlen legte den Messingschlüssel in ihre Hand, obwohl sie ihn gerade ihm übergeben hatte. „Du gibst ihn mir.“
Chen„Ich weiß.“ Chen nahm ihn zurück und reichte ihn erneut. „Ich wollte nur prüfen, ob du aufpasst.“
Im fünften Jahr traf Tomas’ Antwort ein.
Tomas„Hinsehen reicht nicht“, sagte Tomas in der Aufnahme. „Man muss auch entscheiden. Aber gut, dass du hörst.“
Mehr hatte er nicht aufgenommen. Für Arlen war es genug.
Miras Nachrichtenarchiv wuchs, obwohl sie schlief. Frühere Kolleginnen schickten ihr Forschungsdaten, Bilder von Böden, die sie gemeinsam angelegt hatten, und Abschiede. Einige Stimmen wurden schwächer. Manche hörten auf, ohne zu erklären, warum. Arlen legte jede Datei in ihr persönliches Archiv und widerstand dem Wunsch, sie anzusehen. Es waren Miras Nachrichten, nicht seine.
Im siebten Jahr erreichte die Eos ein letzter ausführlicher Bericht aus Manchester. Die Temperaturzonen waren erweitert worden. Das Lernzentrum, in dem Dana gearbeitet hatte, stand noch. Auf seinem Dach wuchs eine dünne Schicht Moos, gezüchtet aus einer von Miras frühen Kulturen. Ein unbekanntes Kind hielt ein Schild in die Kamera: Für die, die gegangen sind, und die, die bleiben.
Arlen nahm das Bild in Miras schönes Tagebuch auf.
Danach wurden die Signale unregelmäßig. Im achten Jahr kamen nur noch staatliche Sammelübertragungen. Im neunten Jahr wiederholte ein Relais drei Monate lang denselben Wetterbericht. Die Temperaturen darin änderten sich nicht. Dann verstummte die Erde.
Arlen saß während seiner Schicht im Kommunikationsraum und drehte die Empfänger über jede bekannte Frequenz. Das Rauschen war so gleichmäßig, dass es künstlich klang.
Arlen„Eos, Wahrscheinlichkeit eines Empfängerfehlers?“
Eos„Unter null Komma null drei Prozent.“
Arlen„Relaisausfall?“
Eos„Nicht bestimmbar.“
Arlen„Globaler Netzausfall?“
Eos„Nicht bestimmbar.“
Arlen„Auslöschung der irdischen Bevölkerung?“
Das Schiff schwieg eine Sekunde länger als sonst. „Nicht bestimmbar.“
Arlen öffnete eine neue Aufnahme für Mira. Er wollte etwas Schönes erzählen. Stattdessen sah er den braunen Himmel über Manchester, das leere Krankenzimmer und das Moos auf dem Schuldach.
Arlen„Heute hat die Erde aufgehört zu antworten“, begann er. Dann löschte er den Satz.
In das schöne Tagebuch schrieb er: Das Licht der Erde braucht inzwischen Jahre bis zu uns. Selbst wenn niemand mehr sendet, ist ihr alter Schein noch unterwegs.
In das verschlüsselte Log schrieb er: Ich weiß nicht, ob wir Auswanderer oder Überlebende sind.
Chen wurde zwei Schichten später geweckt. Arlen erzählte ihr vom Schweigen.
Chen„Vielleicht ist nur das Relais fort“, sagte Chen.
Arlen„Vielleicht.“
Chen„Du glaubst es nicht.“
Arlen„Ich weiß es nicht.“
Chen setzte sich an die Konsole. „Dann lass aus Nichtwissen keine Gewissheit werden. Das gilt für Hoffnung genauso wie für Angst.“
Gemeinsam richteten sie eine automatische Antwortschleife ein. Alle sechs Stunden sendete die Eos ihre Position, den Zustand der Kolonisten und einen einzigen zusätzlichen Satz: Wir sind unterwegs.
Arlen legte sich am Ende der Schicht schlafen, während die Nachricht hinauslief. Hinter ihm wurden die Wörter schwächer, durchquerten leeren Raum und suchten einen Empfänger, der vielleicht längst nicht mehr existierte.
Kapitel 07
Chens letzte Schicht
Im elften Jahr weckte die Eos Arlen außerhalb des Plans.
Die Kapsel öffnete sich ohne Übergabestimme. Rotes Licht pulsierte an der Decke. Seine Muskeln reagierten langsamer als sein Verstand. Noch bevor er sitzen konnte, meldete das Schiff einen medizinischen Notfall im Wächterraum.
Mei Chen lag neben der Kommunikationskonsole. Ihre linke Hand war zur Faust gekrümmt, der Mund schief. Arlen prüfte Atmung und Puls, legte eine Infusion und aktivierte den medizinischen Roboter. Die Diagnose erschien nach vierzig Sekunden: rupturiertes Aneurysma, massive Hirnblutung, keine operative Behandlung mit Bordmitteln möglich.
Arlen„Weck Dr. Okafor“, befahl Arlen.
Eos„Eine Wiederbelebung von Dr. Okafor benötigt vier Stunden und siebenunddreißig Minuten“, antwortete die Eos. „Prognostizierter Tod von Wächterin Chen innerhalb von neunzehn Minuten.“
Arlen„Trotzdem vorbereiten.“
Chen öffnete die Augen. Nur das rechte fokussierte Arlen.
Chen„Zu spät“, brachte sie hervor.
Arlen„Okafor kommt.“
Chen„Zu spät“, wiederholte Chen. „Hör zu.“
Arlen hielt ihre Hand. Sie war warm, nicht wie die Hände der Schlafenden.
Chen„Deck Drei“, flüsterte Chen. „Zellwerte. Achtundzwanzig Kapseln.“
Arlen„Ich kümmere mich darum.“
Chen„Nicht allein.“
Arlen„Okafor wird gleich wach.“
Chen schüttelte kaum sichtbar den Kopf. „Nicht alles allein.“
Arlen wusste nicht, ob sie von den Kapseln sprach, von der Reise oder von seinem ganzen Leben. Er sagte ihren Namen. Chen drückte seine Finger, einmal, dann nicht mehr.
Dr. Amara Okafor erwachte zu spät, um Chen zu retten. Sie bestätigte den Tod, schloss Chens Augen und setzte sich schweigend neben Arlen auf den Boden.
Okafor„Ich hätte früher geweckt werden müssen“, sagte Okafor.
Arlen„Die Eos hat mich als nächste Wachperson gewählt.“
Okafor„Das war keine Antwort auf meinen Satz.“
Arlen sah zur medizinischen Anzeige. „Sie hatte keine Chance.“
Okafor„Dann ist das die Antwort.“ Okafor nahm einen langen Atemzug. „Nicht du.“
Sie bestatteten Chen nicht im All. Ihr Körper wurde in einer Reservekapsel konserviert. Auf Viridia sollte sie einen Ort bekommen, an dem Menschen ihren Namen aussprechen konnten. Arlen legte den Messingschlüssel zu ihr, holte ihn aber wieder heraus, bevor die Haube schloss.
Arlen„Er gehört zur Schicht“, erklärte er Okafor.
Okafor„Dann behalte ihn nicht zu lange“, sagte sie.
Chens Tod verschob den Rotationsplan. Mehrere Wächter zeigten leichte Kryoschäden und durften nicht erneut schlafen. Andere mussten länger wach bleiben. Arlen war medizinisch stabil und erhielt eine Schicht von achtzehn Monaten.
Zugleich verschlechterten sich die Zellwerte auf Deck Drei. Achtundzwanzig ältere Kolonisten entwickelten Ablagerungen in den Kapillaren. Das System schlug einen Ressourcenausgleich vor: zwanzig Personen dauerhaft in Tiefkühlung halten, um die verbleibenden Kreisläufe zu entlasten. Dauerhaft bedeutete, dass sie Viridia nicht lebend erreichen würden.
Auf dem Display standen Namen, Alter und Nutzenklassen: eine einundsechzigjährige Hebamme, ein siebenundsechzigjähriger Werkstoffprüfer, eine zweiundsechzigjährige Köchin. Arlen las die Liste bis zum Ende.
Arlen„Eos, entferne Nutzenklassen aus der Anzeige.“
Eos„Die Klassifikation unterstützt die Priorisierung.“
Arlen„Sie unterstützt eine Entscheidung, die ich nicht treffe. Entfernen.“
Das Schiff gehorchte.
Okafor prüfte die Daten. „Wenn wir nichts ändern, gefährden wir alle achtundzwanzig.“
Arlen„Dann ändern wir etwas anderes.“
Okafor„Was?“
Arlen dachte an Chens letzten Satz. Nicht allein.
Arlen„Wir wecken eine Kryoingenieurin“, entschied er. „Jo Kader. Sie hat den Kreislauf entworfen.“
Okafor„Für sie gibt es keine Rückkehr in den Schlaf, wenn wir die Zellwerte nicht stabilisieren“, warnte Okafor.
Arlen„Dann fragen wir sie, sobald sie antworten kann.“
Zum ersten Mal behandelte Arlen das Erwachen nicht nur als technische Maßnahme, sondern als Entscheidung eines Menschen, der die Folgen selbst tragen durfte.
Kapitel 08
Keine Frachtoptimierung
Jo Kader kam fluchend aus der Kapsel.
Noch bevor sie ihren Namen richtig aussprechen konnte, riss sie den Sensorstreifen vom Hals. „Wer hat Deck Drei mit dem Reservekreislauf gekoppelt?“
Arlen„Wächter Brenn im achten Jahr“, antwortete Arlen.
Jo„Dann war Brenn entweder verzweifelt oder ein Idiot.“
Arlen„Er hat einen Druckverlust verhindert.“
Jo setzte sich auf. „Dann war er nur verzweifelt.“
Nachdem Okafor sie untersucht hatte, legte Arlen die Lage offen. Er verschwieg weder Chens Tod noch die Prognose für die achtundzwanzig Kolonisten. Jo las den Systemvorschlag und stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus.
Jo„Das ist keine medizinische Empfehlung“, sagte sie. „Das ist Frachtoptimierung.“
Okafor„Die Eos schützt die Gesamtmission“, erklärte Okafor.
Jo„Indem sie Menschen wie Wärmelast berechnet“, erwiderte Jo.
Arlen schaltete die Liste aus. „Ich habe den Vorschlag abgelehnt.“
Jo sah ihn prüfend an. „Weil jemand, den Sie kennen, daraufsteht?“
Arlen„Nein.“
Jo„Das wäre wenigstens ehrlich.“
Arlen„Weil niemand nur daraufsteht“, sagte Arlen. „Alle haben einen Namen.“
Jo verlangte sechs Stunden, zwei Wartungsdrohnen und Zugriff auf die ursprünglichen Baupläne. Danach zeigte sie Arlen eine Leitung, die in keiner aktuellen Übersicht erschien. Der Prototyp der Eos hatte eine zusätzliche Kühlbrücke für Bodentests besessen. Vor dem Start war sie stillgelegt, aber nicht ausgebaut worden.
Jo„Wenn wir sie wieder öffnen, teilen wir den Rücklauf“, erklärte Jo. „Dann sinkt die Belastung auf Deck Drei.“
Arlen„Warum empfiehlt das System sie nicht?“
Jo„Weil die Brücke nie für siebzehn Jahre Vibration zertifiziert wurde.“
Arlen„Risiko?“
Jo„Sie kann halten. Sie kann reißen. Wenn sie reißt, verlieren wir den gesamten Abschnitt.“
Arlen spürte den Steuerknüppel der Kestrel in seiner Hand. Wieder gab es einen Grenzwert, einen Zeitdruck und Menschen, die die Folgen seiner Entscheidung tragen würden.
Arlen„Welche Alternative haben wir außer den zwanzig Toten?“, fragte er.
Okafor„Wir wecken alle achtundzwanzig“, sagte Okafor. „Dafür reichen Nahrung und Wohnraum nicht bis Viridia.“
Jo zeichnete drei Änderungen in den Plan: neue Stützen, geringerer Druck, zwei unabhängige Absperrungen. „Damit reduzieren wir das Bruchrisiko. Es bleibt höher als null.“
Arlen„Nichts auf diesem Schiff hat ein Risiko von null“, sagte Arlen.
Jo„Das klingt vernünftig“, erwiderte Jo. „Ist es das auch, wenn die Brücke reißt?“
Arlen antwortete erst nach einer langen Pause. „Dann werde ich nicht behaupten, es sei unvorhersehbar gewesen.“
Sie arbeiteten vierunddreißig Stunden. Jo kroch mit einer Drohne in den engen Versorgungsschacht. Arlen steuerte die zweite Maschine und las ihr die Materialwerte vor. Okafor überwachte die Kapseln. Als sie die alte Brücke unter Druck setzten, begann Metall tief im Rumpf zu knacken.
Arlen„Druck fällt“, meldete Arlen.
Jo„Um wie viel?“
Arlen„Zwei Prozent.“
Jo„Toleranz ist vier“, sagte Jo. „Weiter.“
Arlen sah die Zahl sinken. Drei Prozent. Drei Komma sechs. Vor seinem inneren Auge lag Tomas’ Hand auf dem Trennschalter.
Arlen„Stopp“, entschied Arlen.
Jo„Wir sind fast offen“, protestierte Jo.
Arlen„Der Trend beschleunigt.“
Jo fluchte, schloss das Ventil und zog die Drohne zurück. Sekunden später brach eine der alten Halterungen. Wären sie weitergegangen, hätte die Leitung den Schacht aufgerissen.
Jo„Gut gehört“, sagte Jo leise.
Sie ersetzten die Halterung durch eine Strebe aus dem Reservegestänge eines Landemoduls. Beim zweiten Versuch stabilisierte sich der Druck. Deck Drei erreichte nach sieben Stunden den Sollwert. Die Zellwerte der achtundzwanzig Kolonisten verbesserten sich langsam.
Niemand wurde geopfert.
Jo konnte wegen der langen Wachphase nicht wieder in Kryoschlaf. Sie nahm Chens freie Position im Rotationsplan ein. An ihrem ersten offiziellen Schichttag reichte Arlen ihr den Messingschlüssel.
Jo„Wozu ist der?“, fragte Jo.
Arlen„Damit man spürt, dass jemand vor einem da war.“
Jo betrachtete den nutzlosen Gegenstand. „Technisch fragwürdig.“
Arlen„Ja.“
Jo„Dann behalte ich ihn.“
Arlen ging zu Chens Kapsel und erzählte ihr, dass Deck Drei stabil war. Er wusste, dass sie ihn nicht hörte. Zum ersten Mal empfand er das Sprechen mit den Schlafenden trotzdem nicht als Einsamkeit.
Kapitel 09
Die Samen im Metall
Im vierzehnten Jahr traf ein Mikrometeorit die Eos.
Er war kleiner als Arlens Faust und schnell genug, um drei Schichten Außenhaut zu durchschlagen. Die automatische Abdichtung schloss das Loch, doch Splitter rissen den Saatgutspeicher auf. Als Arlen aus seiner regulären Schlafphase geweckt wurde, schwebten gefrorene Blätter, Verpackungen und silberne Isolierfolie durch den Raum.
Jo Kader hatte den Druck bereits stabilisiert. Ein Schnitt zog sich über ihre Stirn.
Jo„Siebzehn Prozent der Proben sind beschädigt“, berichtete sie. „Vielleicht mehr. Die Bestandskennung fällt ständig aus.“
Mira lag weiterhin sicher auf Deck Zwei. Trotzdem fühlte sich der zerstörte Speicher für Arlen an, als hätte der Einschlag ihre Kapsel getroffen. Die Samen waren keine Beilage zur Mission. Sie waren die erste Ernte, die Bäume, die Schatten künftiger Häuser und die Nahrung von Kindern, deren Eltern noch schliefen.
Sie arbeiteten in Kälteschutzanzügen. Jede Kassette wurde gescannt, getrocknet und neu versiegelt. Reis, Gerste, Bohnen, Moose, Pilzkulturen. Einige Bestände existierten in mehreren Varianten. Andere waren unwiederbringlich.
In einer verbogenen Schublade fand Arlen ein kleines Päckchen aus gewachstem Papier. Die Kennung war teilweise verbrannt. Auf der Innenseite stand in Miras Handschrift: Ward-Birne, vierunddreißig Samen, private historische Linie.
Jo sah über seine Schulter. „Private Pflanzenbestände waren nicht vorgesehen.“
Arlen„Mira hat sie eingetragen.“
Jo„Dann hat jemand bei der Kontrolle weggesehen.“
Arlen öffnete das Päckchen nicht. Er kannte die Samen. Danas Großmutter hatte in ihrem Garten einen Birnbaum gepflegt, der selbst nach den ersten Dürrejahren Früchte trug. Dana zog aus einem Kern einen neuen Baum, hielt ihn jahrelang in einem Kübel und spendete ihn später an das Lernzentrum. Als das Zentrum zur Kühlmaskenausgabe wurde, hatte Mira die letzten Kerne gesammelt.
Arlen„Sind sie noch lebensfähig?“, fragte Arlen.
Jo scannte das Papier. „Dreißig vermutlich. Vier haben zu viel Strahlung abbekommen.“
Arlen setzte sich zwischen den beschädigten Schubladen auf den Boden. Er hielt das Päckchen in beiden Händen und weinte. Nicht still und würdevoll, wie er es sich bei Dana oft vorgestellt hatte. Sein Atem stockte, die Schutzmaske beschlug, und Jo tat so, als prüfe sie eine Dichtung.
Jo„Wir haben sie“, sagte sie nach einer Weile.
Arlen nickte.
Jo„Wir haben nicht alles“, fügte Jo hinzu. „Aber die haben wir.“
Sie retteten mehr als achtzig Prozent des Speichers. Für die übrigen Pflanzen würden die Biologen auf Viridia Alternativen finden müssen. Arlen legte die Birnensamen in einen neuen Behälter und trug sie selbst zur Reservebank. Danach ging er zu Mira.
Arlen„Etwas Schönes“, begann er vor Kapsel 2-118. „Deine Mutter hat es bis zu einem anderen Stern geschafft. Jedenfalls dreißig kleine Teile von ihr.“
Er erzählte ihr vom Einschlag, von Jos Schnitt und von den verlorenen Kulturen. Zum ersten Mal trennte er die Schönheit nicht von dem, was sie gekostet hatte.
Auf dem Rückweg blieb er bei Aila Nwosu stehen. Der gelbe Papierstern auf ihrer Kapsel war an einer Ecke lose. Arlen drückte ihn vorsichtig fest. Ailas Herzschlag leuchtete ruhig. Im Wächterraum lag noch immer ihr Brief mit den zwei Sonnen.
Am Ende der Schicht erhielt die Eos ein Signal.
Es kam nicht von der Erde. Eine automatische Sonde im Viridia-System bestätigte ihre Position und übermittelte aktualisierte Atmosphärendaten. Sauerstoff, Temperatur und mikrobielle Belastung lagen im erwarteten Bereich. Zum ersten Mal war das Ziel kein mathematischer Punkt mehr, sondern eine Welt, die ihnen eine Antwort gab.
Jo stellte die Sonde auf die Lautsprecher. Zwischen den Datenpaketen lag ein leises Rauschen, das beinahe wie Wind klang.
Arlen„Vielleicht ist es nur Übertragungsfehler“, sagte Arlen.
Jo„Vielleicht“, erwiderte Jo. „Aber wir können es trotzdem Wind nennen.“
In Miras Tagebuch speicherte Arlen den Ton unter der Überschrift: Das erste Wetter von Viridia.
Kapitel 10
Drei Monate vor Morgen
Viridia erschien im siebzehnten Jahr als grüner Punkt auf dem Radar.
Arlen befand sich in seiner letzten geplanten Wachphase. Jo schlief nach fast vier Jahren ununterbrochener Arbeit in einer medizinischen Langzeitkapsel. Dr. Okafor bereitete mit ihm die stufenweise Wiederbelebung der Kolonisten vor. Zuerst sollten medizinische Teams erwachen, dann Bau- und Landemannschaften, zuletzt Kinder und Menschen mit empfindlichen Zellwerten.
Jeden Tag wurde der Planet größer. Seine beiden Sonnen standen zunächst wie ein einzelner heller Fleck zusammen. Die Sonden meldeten flache Meere, stabile Luft und eine Vegetation, die mehr Grün trug, als die alten Bilder versprochen hatten.
Arlen„Zu schön“, murmelte Arlen vor der Konsole.
Okafor sah von ihrem Plan auf. „Du misstraust sogar einem bewohnbaren Planeten.“
Arlen„Sonden messen Gase. Nicht, wie es sich anfühlt, dort zu stehen.“
Okafor„Dann stehen wir bald dort und prüfen nach.“
Arlen kontrollierte die Daten immer wieder. Hoffnung, hatte Chen gesagt, durfte nicht zu Gewissheit werden. Aber auch Angst nicht.
Drei Monate vor der Ankunft ertönte um 03:17 Uhr ein Alarm auf Deck Drei. Kapsel 3-044 hatte die automatische Wiederbelebung eingeleitet. Ailas Temperatur stieg, die Kryoflüssigkeit wurde bereits abgeleitet. Ein fehlerhaftes Ventil hatte einen chemischen Schutzmechanismus ausgelöst. Der Prozess ließ sich nicht stoppen, ohne ihr Herz zu gefährden.
Arlen und Okafor rannten durch die blauen Reihen. Hinter der Scheibe bewegten sich Ailas Augen.
Arlen„Wir wecken ihre Mutter“, entschied Arlen.
Okafor prüfte Amaka Nwosus Kapsel auf Deck Vier. „Noch nicht. Ihre Zellwände reagieren instabil. Wenn wir sie jetzt holen, riskieren wir neurologische Schäden.“
Arlen„Das Kind kann nicht drei Monate ohne sie bleiben.“
Okafor„Nein“, sagte Okafor. „Aber sie kann drei Monate mit uns bleiben.“
Die Eos berechnete Nahrung, Wohnraum und medizinische Belastung. Eine zusätzliche wache Person gefährdete die Mission nicht. Trotzdem stand Arlen vor der Kapsel und spürte dieselbe Furcht wie damals bei Mira: Ein menschliches Leben hing hinter Glas, während eine Maschine Zahlen nannte.
Im Wächterraum nahm er Ailas Brief aus dem Ankunftsfach. Es war noch nicht die Ankunft. Er brach das Siegel trotzdem.
Die Schrift war unregelmäßig. Einige Buchstaben standen spiegelverkehrt.
Lieber Nachtmensch, wenn du Angst hast, kannst du zu mir kommen. Ich schlafe zwar, aber dann bist du nicht allein.
Unter dem Satz hatte Aila sich selbst in einer Kapsel gemalt. Daneben stand eine winzige Figur mit viel zu langen Armen. Über beiden leuchteten zwei gelbe Sonnen.
Arlen brachte den Brief zu Deck Drei. Die Haube hob sich. Kalte Luft strömte heraus. Aila schlug die Augen auf und rang nach Atem. Okafor stabilisierte ihre Atmung, während Arlen die kleine Hand nahm.
Aila„Sind wir da?“, flüsterte Aila.
Auf dem nächstgelegenen Monitor leuchtete Viridia, noch klein, aber grün.
Arlen„Noch nicht“, antwortete Arlen. „Aber der Himmel wartet schon.“
Aila schlief in den ersten Stunden immer wieder ein. Wenn sie erwachte, fragte sie nach ihrer Mutter. Arlen erklärte jedes Mal, dass Amaka sicher war und später aufwachen würde. Beim vierten Mal begann Aila zu weinen.
Aila„Du sagst immer später“, schluchzte sie. „Erwachsene sagen später, wenn sie nein meinen.“
Okafor kniete neben dem Bett. „Ich meine dreiundneunzig Tage. Wahrscheinlich weniger. Ich zeige dir ihre Werte, wenn du möchtest.“
Aila wollte. Sie lernte, die Linien auf Amakas Monitor zu lesen. Morgens stand sie davor und wartete auf drei regelmäßige Ausschläge. Dann frühstückte sie mit Arlen im Wächterraum.
Aila„Bist du der Nachtmensch?“, fragte sie am zweiten Tag.
Arlen„Einer von vielen.“
Aila„Hast du den Brief zu früh geöffnet?“
Arlen„Ja.“
Aila„Dann warst du wirklich ängstlich.“
Arlen legte das Besteck hin. „Ja.“
Aila dachte darüber nach und nickte. „Dafür war er da.“
Kapitel 11
Viertausend Herzen
Aila kannte das Schiff nach zwei Wochen besser als manche Wächter nach einer ganzen Schicht.
Sie durfte nicht allein auf die Kryodecks, fand aber jeden erlaubten Weg durch den Wohnring. Sie gab Pumpe sieben einen Namen, obwohl Arlen erklärte, dass die Resonanz kein Tier sei. Der schnarchende Hund hieß von da an Boro. Aila zeichnete Augen auf ein Stück abwaschbare Folie und klebte es neben das Gehäuse.
Arlen„Jo wird das entfernen“, warnte Arlen.
Aila„Dann klebt Jo es falsch“, antwortete Aila.
Okafor richtete für sie einen Schlafplatz im Bereitschaftsraum ein. Aila träumte schlecht. Der Kryoschlaf hatte keine erinnerbaren Bilder hinterlassen, doch ihr Körper fürchtete die Kälte. Wenn die Klimaanlage nachts ansprang, setzte sie sich auf und rief nach Amaka.
Arlen blieb dann bei ihr. Er erzählte von Dana, Miras Bodenproben und einem Birnbaum, der auf einer Welt mit nur einer Sonne gewachsen war. Aila hielt seine Hand, bis sie wieder einschlief.
Aila„War Dana deine Frau?“, fragte sie einmal im Dunkeln.
Arlen„Ja.“
Aila„Ist sie auf der Erde?“
Arlen„Sie ist gestorben, bevor wir gestartet sind.“
Aila„Dann hast du jemanden zurückgelassen, der gar nicht mehr da war.“
Arlen suchte nach einer kindgerechten Korrektur und fand keine. „So fühlt es sich manchmal an.“
Aila malte zwei Sonnen auf die Cockpitscheibe. Die Farbe war für Markierungen gedacht und ließ sich später abwischen. Eine Sonne war groß und orange, die andere klein und gelb. Darunter zeichnete sie viertausend Striche.
Arlen„Das sind zu wenige“, stellte Arlen fest.
Aila„Ich bin noch nicht fertig.“
Sie zeichnete jeden Tag weiter.
Die Eos trat in das Viridia-System ein. Sondenbilder zeigten grüne Ebenen, silberne Flüsse und dunkle Wälder aus faserigen Gewächsen, die sich im Wind wie Gras bewegten. Die Kolonisten sollten zunächst auf einer Hochebene nahe dem westlichen Meer landen. Dort gab es Süßwasser und wenig einheimische Biomasse. Mira hatte die Standortanalyse vor dem Start mitentworfen.
Arlen begann, die ersten Teams zu wecken. Okafor erhielt Unterstützung von sechs Medizinerinnen. Jo kam benommen aus ihrer Kapsel und fragte als Erstes nach Deck Drei.
Arlen„Stabil“, sagte Arlen.
Jo„Und meine Kühlbrücke?“
Arlen„Immer noch dicht.“
Jo bemerkte Aila hinter ihm. „Wer hat das Kind ausgepackt?“
Aila„Die Eos“, erklärte Aila. „Aus Versehen.“
Jo„Typisch“, sagte Jo.
Am neunundzwanzigsten Tag der Weckphase war Mira an der Reihe. Arlen stand nicht direkt an der Kapsel. Er wartete neben der Tür, während Okafor die Leitungen löste. Miras Augen öffneten sich. Sie war dreiundzwanzig, genau wie beim Abschied. Arlen hatte durch seine Wachphasen fast sieben biologische Jahre erlebt. In seinem Haar lag Grau, das sie nicht kannte.
Mira„Papa?“, fragte Mira.
Arlen„Ich bin hier.“
Sie streckte die Hand aus. Arlen ging zu ihr und nahm sie.
Mira„Sind wir da?“
Er musste lachen, weil sie dieselben Worte wie Aila benutzte. „Fast.“
Mira sah sein Gesicht an. „Du bist alt geworden.“
Arlen„Unhöflich schnell erkannt.“
Mira„Du siehst müde aus.“
Arlen„Das ist genauer.“
Später spielte Arlen ihr das schöne Tagebuch vor. Miras Gesicht veränderte sich bei jeder verlorenen Stimme. Sie hörte vom Brot, von der verstummten Erde, von Chen, der Kühlbrücke und den Birnensamen. Als Arlen fertig war, legte Mira die weiße Teekanne auf den Tisch. Sie war unbeschädigt aus ihrem Gepäck gekommen.
Mira„Du hast mir nicht nur Schönes erzählt“, bemerkte sie.
Arlen„Nein.“
Mira„Gut.“ Mira strich über den blauen Riss im Porzellan. „Mama hat schöne Lügen gehasst.“
Amaka Nwosu erwachte zwölf Tage vor dem Landeanflug. Aila stand vor ihrer Kapsel und konnte plötzlich nicht mehr sprechen. Als die Haube sich öffnete, kletterte sie halb hinein. Amaka hielt sie fest, noch bevor sie den eigenen Namen vollständig wusste.
Aila„Ich war wach“, sagte Aila in die Schulter ihrer Mutter. „Aber der Nachtmensch auch.“
Am Tag der Ankunft drängten sich die erwachten Kolonisten im Wohnring und vor den Sichtfenstern. Die übrigen Menschen blieben bis nach der Landung in ihren Kapseln. Arlen saß im Cockpit, aber nicht am Steuer. Pilotin Sanaa Malik führte die Eos in die Umlaufbahn. Arlen überwachte die viertausend Herzsignale auf der Konsole.
Aila legte ihre Hand in seine. Vor ihnen füllte Viridia das Fenster. Zwei Sonnen standen über einem grünen Horizont.
Eos„Atmosphäre bestätigt“, meldete die Eos.
Im Kommunikationskanal war Vogelgesang zu hören, aufgenommen von der Bodensonde. Erst drei klare Töne, dann ein ganzer Chor fremder Kehlen.
Arlen sah zu Mira, Amaka, Aila und den Menschen, die nach siebzehn Jahren wieder einen Himmel besaßen.
Mira„Erzähl mir etwas Schönes“, bat Mira.
Arlen drückte Ailas Hand. „Wir sind angekommen.“
Kapitel 12
Unter zwei Sonnen
Die ersten Häuser auf Viridia waren gedruckte Kuppeln ohne Fenster. In den Werbebildern des Kolonieprogramms hatten Menschen vor offenen Türen gestanden. In Wirklichkeit trugen sie Atemfilter, bis tausend Bodenproben bewiesen hatten, dass die Luft nicht nur messbar, sondern dauerhaft sicher war.
Mira leitete das Team für Bodenkulturen. Sie mischte irdische Mikroorganismen nur in versiegelten Beeten mit Viridias Mineralien. Jede Freisetzung musste von Biologen und Kolonierat genehmigt werden. Die neue Welt sollte kein Ersatzteil der alten werden.
Arlen übernahm die Sicherheitskoordination der Eos. Er hätte sich Kommandant nennen können. Stattdessen ließ er auf sein Schild Wächter schreiben. Seine erste Regel lautete, dass jeder Abbruchbefehl eines Teammitglieds den Betrieb stoppte, bis die Ursache geklärt war. Die zweite Regel verbot Nutzenklassen in medizinischen Entscheidungen.
Jo„Die zweite ist politisch“, sagte Jo Kader im Rat.
Arlen„Jede technische Grenze wird politisch, sobald Menschen auf verschiedenen Seiten davon stehen“, erwiderte Arlen.
Jo stimmte zu und tat anschließend so, als hätte sie es nur aus Materialgründen getan.
Mei Chen bekam ein Grab auf einer Anhöhe über dem westlichen Meer. Die Kolonisten stellten dort keinen Stein auf, sondern eine schmale Metallsäule, die Wind in vier helle Töne verwandelte. Arlen legte den Messingschlüssel in eine Vertiefung der Säule. Beim nächsten Schichtwechsel fertigte Aila einen neuen aus Kunststoff an.
Aila„Damit man spürt, dass jemand vor einem da war“, erklärte sie.
Arlen nahm ihn an.
Die Birnensamen keimten im zweiten Koloniejahr. Dreiundzwanzig trieben aus. Mira pflanzte den stärksten Setzling in ein geschlossenes Gartenhaus. Danas Teekanne stand auf einem Regal daneben. Einmal pro Woche tranken Mira und Arlen daraus Tee, der nicht nach Tee schmeckte. Die ersten Blätter der einheimischen Pflanze waren bitter und färbten das Wasser blau.
Mira„Mama hätte Zucker verlangt“, sagte Mira.
Arlen„Deine Mutter hat behauptet, Zucker ruiniere Tee.“
Mira„Und dann heimlich zwei Löffel genommen.“
Sie stritten noch immer. Arlen fragte zu oft nach Miras Rückkehrzeit. Mira hielt ihm dann wortlos ihr Armband hin, auf dem sein eigener Sicherheitsplan stand. Aber sie sprach mit ihm, statt Türen zu schlagen. Er lernte, eine Frage nur einmal zu stellen.
Im fünften Jahr erreichte ein schwaches Signal die Kolonie. Es war siebzehn Jahre zuvor von der Erde gesendet worden, kurz nach dem Verstummen der Relais. Große Teile waren beschädigt. Die Nachricht enthielt keine Erklärung für das Schweigen, nur Stimmen aus mehreren Städten und die Bestätigung, dass Menschen noch lebten.
Tomas Rell war für vier Sekunden zu sehen. Älter, mit Öl an den Händen.
Tomas„Eos“, sagte er, „falls das durchkommt: Wir sind noch hier. Fliegt weiter.“
Arlen setzte sich im Kommunikationsraum auf den Boden. Aila, inzwischen vierzehn, fand ihn dort.
Aila„Ist das etwas Schönes?“, fragte sie.
Arlen„Ja“, sagte Arlen. „Und etwas Trauriges.“
Aila„Das darf gleichzeitig sein.“
Sie schickten eine Antwort. Wegen der Entfernung würde sie die Erde erst viele Jahre später erreichen: Viridia lebt. Viertausend angekommen. Wir haben euch nicht vergessen.
Aila wurde Systemtechnikerin. Mit neunzehn übernahm sie ihre erste Nachtschicht in der planetaren Wetterstation. Arlen brachte ihr den Kunststoffschlüssel.
Arlen„Du musst nicht bleiben, nur weil du einmal zu früh aufgewacht bist“, sagte er.
Aila„Ich bleibe nicht“, antwortete Aila. „Ich passe sechs Monate auf. Danach ist jemand anderes dran.“
Arlen lächelte. Sie hatte verstanden, was er erst auf der Reise gelernt hatte: Wachen war keine Herrschaft und kein lebenslanges Opfer. Es war eine Aufgabe, die man weitergab.
Im neunzehnten Jahr nach der Landung trug der Birnbaum zum ersten Mal Früchte. Sie waren klein, hart und schief. Die Kolonie versammelte sich trotzdem im Gartenhaus. Mira schnitt die erste Birne in so viele dünne Stücke, dass jeder nur einen feuchten Splitter bekam.
Arlen war vierundsiebzig. Seine Lunge vertrug Viridias Pollen schlecht, und seine Hände zitterten. Er lebte längst nicht mehr auf der Eos, sondern in einem Haus am Rand der Gärten. Über seinem Bett hing Ailas alter Brief.
Mira„Wie schmeckt sie?“, fragte Mira.
Arlen ließ das Stück auf der Zunge liegen. Die Frucht war sauer und erinnerte kaum an die Birnen der Erde.
Arlen„Neu“, antwortete er.
Aila lachte. Amaka schenkte blauen Tee aus Danas Kanne ein. Draußen gingen die beiden Sonnen nacheinander unter. Für einige Minuten lag eine doppelte Dämmerung über der Siedlung.
Arlen starb im folgenden Winter im Schlaf. Nicht in einer Kapsel, nicht während eines Alarms und nicht allein. Mira saß neben ihm, Aila hielt seine Hand, und aus dem offenen Fenster kam der vierstimmige Klang von Chens Windsäule.
Die Kolonie bestattete ihn unter dem Birnbaum. Auf dem schmalen Schild stand nicht Pilot, Kommandant oder Gründer. Mira wählte den Namen, den ein neunjähriges Mädchen ihm gegeben hatte.
Der Nachtmensch.
Darunter setzte Aila einen zweiten Satz:
Er blieb wach, bis wir den Morgen selbst tragen konnten.