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Across the Galaxy · Kurzroman 02

Kilometer aus Licht

Joren Hales Geschichte · zu Space Trucker

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Across the Galaxy · Band 02

Kilometer aus Licht

Joren Hales Geschichte

Kapitel 01

Rote Erde

Joren Hale lernte schon als Kind, dass auf Merrow alles einen Preis hatte, sogar der Regen.

Die Farm seiner Eltern lag am Rand des Sagan-Beckens, wo die rote Erde im Sommer so fein wurde, dass sie durch geschlossene Fenster drang. Morgens lag Staub auf dem Frühstückstisch, auf den Wasserfiltern und in den Falten der Kleidung. Seine Mutter Martha wischte ihn mit einem feuchten Tuch fort. Sein Vater Edan prüfte währenddessen die Feuchtesensoren, als könnten die Zahlen durch bloßes Ansehen günstiger werden.

Wenn die Bewässerung lief, roch das Land nach Eisen und jungen Halmen. Dann standen die Reihen des roten Wintergetreides bis zum Horizont, und Joren glaubte, Merrow sei reich. Erst später verstand er, dass die Farbe der Felder nichts über den Kontostand einer Familie sagte.

Die Helix-Korporation besaß die Orbitalbrunnen, die Saatgutlizenzen und die einzigen Frachter, die Merrows Ernte zu den äußeren Kolonien brachten. Jeder Liter Wasser wurde gezählt. Jede Aussaat musste registriert werden. Jeder Container verließ den Planeten zu einem Preis, den Helix bestimmte. Edan nannte das System eine Schlinge, die so langsam zugezogen werde, dass die meisten Menschen sie für einen Gürtel hielten.

Joren„Warum verkaufen wir nicht an jemand anderen?“, fragte Joren, als er zehn war.

Edan legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Weil jemand anderes erst hier landen müsste“, sagte sein Vater. „Und der Raumhafen gehört Helix.“

Joren sah zum Himmel. Ein Frachter zog eine weiße Spur durch das fahle Blau. Er mochte die Schiffe damals noch. Sie waren größer als Häuser und verschwanden an Orte, deren Namen auf den Etiketten der Maschinen standen: Caldera, Ilyon, Oris, Vesta. Wenn ihr Grollen über die Felder rollte, stellte er sich vor, in einem Cockpit zu sitzen und eine Straße zu sehen, die niemand pflügen musste.

Martha bemerkte seine Blicke. „Du kannst fortgehen, wenn du alt genug bist“, sagte seine Mutter eines Abends. „Aber geh nicht nur, weil du glaubst, dass hinter dem Himmel alles leichter wird.“

Joren„Was ist denn dort?“, fragte Joren.

Martha„Andere Leute mit anderen Rechnungen“, antwortete Martha.

Trotz der Rechnungen war die Farm ein Zuhause. Im Winter reparierten sie Maschinen in der langen Werkhalle. Im Frühjahr legte Edan die ersten Körner in Jorens Hand und ließ ihn die Aussaat freigeben. Im Sommer schlief die Familie bei offenem Fenster und hörte die Pumpen unter den Feldern. Im Herbst kamen die Erntefahrzeuge, und Martha kochte süßes Getreidebrot, obwohl Zucker von der Erde importiert werden musste.

Dann blieben drei Regenzeiten hintereinander aus.

Helix erhöhte den Wasserpreis und bot gleichzeitig Kredite an. Die Bedingungen standen in einer Schrift, die auf dem Display kleiner wirkte als Jorens Fingernagel. Edan unterschrieb, weil die Alternative darin bestanden hätte, das Saatgut im Lager verfaulen zu lassen. Im ersten Jahr reichte die Ernte für die Zinsen. Im zweiten starb ein Drittel der Halme an einer Pilzkrankheit, gegen die nur ein neues, patentiertes Mittel half. Im dritten Jahr fiel einer der Orbitalbrunnen aus. Helix leitete das verbliebene Wasser zu den eigenen Großfarmen im Norden.

Die Familien im Sagan-Becken protestierten. Sie stellten ihre Traktoren auf die Zufahrt zum Raumhafen und hielten Schilder hoch, auf denen WASSER IST KEIN VERTRAG stand. Joren war siebzehn und fuhr mit. Er erwartete Soldaten. Stattdessen kamen Verwaltungsbeamte mit höflichen Stimmen. Sie verteilten Mahnungen, dokumentierten Kennzeichen und warteten. Nach zwei Tagen mussten die ersten Bauern zurück, um Tiere zu versorgen. Nach vier Tagen war die Zufahrt wieder frei.

Joren„Sie mussten uns nicht vertreiben“, sagte Joren bitter.

Martha„Nein“, antwortete Martha. „Sie besitzen unsere Zeit gleich mit.“

In dem Sommer begann Joren in der Reparaturhalle des Dorfes zu arbeiten. Er lernte, Pumpen aus Teilen am Leben zu halten, die für andere Modelle gedacht waren. Er konnte einen verschlissenen Rotor am Klang erkennen und einen gebrochenen Rahmen schweißen, ohne ihn noch weiter zu verziehen. Edan sagte, Joren habe Hände für Maschinen. Martha sagte, er habe vor allem keine Geduld für Menschen.

Beide hatten recht.

Kurz vor Jorens neunzehntem Geburtstag kam der letzte Erntebescheid. Die Zahlen waren endgültig. Helix übernahm Land, Silos und Wohnhaus zum Ausgleich der offenen Kredite. Die Familie durfte persönliche Gegenstände behalten, solange alles in vier Standardkisten passte.

Am Morgen der Übergabe stand Joren auf dem staubigen Hof und sah zu, wie ein Frachter die letzte Ernte von Merrow abhob. Die Triebwerke warfen rote Erde gegen die leeren Silos. Edan unterschrieb auf dem Display eines Helix-Beamten. Martha weinte im Haus, leise genug, dass niemand so tun musste, als hörte er es.

In diesem Augenblick schwor Joren, nie wieder einen Frachter zu betreten.

Er hielt den Schwur dreizehn Tage.

Kapitel 02

Fünf Jahre

Helix bot ehemaligen Farmarbeitern eine kostenlose Passage von Merrow an. Kostenlos bedeutete, dass man sich für fünf Jahre verpflichtete und die Kosten von Lohn, Unterkunft und Verpflegung abgezogen wurden. Wer den Vertrag las, erkannte, dass die Reise sehr wohl etwas kostete. Wer auf Merrow blieb, erkannte, dass die Alternative noch teurer war.

Edan wollte in einer Maschinenfabrik im Norden anfangen. Martha hatte eine Schwester auf Pelagos, die ihr ein Zimmer anbot. Für Joren gab es dort keinen Platz, und er wollte auch keinen. Er unterschrieb den Vertrag mit derselben Wut, mit der sein Vater die Farm überschrieben hatte.

Martha„Du musst niemandem beweisen, dass du allein zurechtkommst“, sagte Martha am Abflugtag.

Joren hob seine einzige Tasche auf. „Ich beweise es mir“, antwortete er.

Seine Mutter umarmte ihn. „Das ist meistens der strengere Mensch.“

Der Frachter hieß Covenant und war im Inneren kleiner, als Joren erwartet hatte. Die Mannschaft schlief in übereinanderliegenden Kojen. Die Luft roch nach Kunststoff, Schweiß und dem öligen Dampf der Kombüse. Es gab keine Fenster in den Mannschaftsdecks. Joren erlebte seinen ersten Start zwischen fremden Körpern, während irgendwo hinter einer Wand die Maschinen erwachten.

Merrow verschwand, ohne dass er es sah.

Seine erste Arbeit bestand darin, Containerverriegelungen zu prüfen. Vierhundertachtundzwanzig Stück pro Schicht. Ein grünes Licht bedeutete geschlossen. Ein rotes Licht bedeutete, dass er mit einem schweren Schlüssel nachziehen musste. Nach drei Tagen träumte er von Lichtern. Nach zwei Wochen konnte er an der Vibration des Decks spüren, wann die Covenant einen Kurswechsel flog.

Die Vorarbeiterin hieß Sela Orr. Sie war klein, grauhaarig und sprach so ruhig, dass man ihr auch bei einem Hüllenbruch zugehört hätte.

Sela„Du prüfst zu schnell“, sagte Sela bei seiner ersten Kontrolle.

Joren„Alle Anzeigen sind grün“, erwiderte Joren.

Sela schlug mit dem Handrücken gegen eine Verriegelung. Das Licht sprang auf Rot. „Die Anzeige reist nicht im Containerraum“, sagte sie. „Wir schon.“

Von da an prüfte Joren mit den Händen. Sela zeigte ihm, wie Metall sich unter Last anhörte, wie man an der Temperatur einer Leitung einen verstopften Filter erkannte und warum ein Schiff niemals plötzlich versagte. Vor jedem großen Schaden gebe es kleine Warnungen, erklärte sie. Menschen seien nur sehr gut darin, sie als Unannehmlichkeit zu behandeln.

Die Covenant brachte ihn nach Helix Gate, eine Station aus rotierenden Ringen und kilometerlangen Frachthöfen. Dort sah Joren zum ersten Mal Menschen, die ihr ganzes Leben im All verbrachten. Sie kannten keine Jahreszeiten, sondern Schichtpläne. Kinder spielten zwischen markierten Fluchtwegen. In den Bars hingen Sternkarten an den Wänden, auf denen Fahrer mit Filzstift sichere Relais, korrupte Zollposten und gute Suppenküchen markiert hatten.

Joren wurde einem Verladeteam zugeteilt. Er schleppte Kabel, stapelte Versorgungskisten und lernte, dass ein falsch eingetragener Container tagelang verschwinden konnte, obwohl er sichtbar auf dem Dock stand. Nachts rief er seine Eltern an. Die Übertragung nach Pelagos dauerte elf Minuten. Gespräche wurden dadurch zu abwechselnden Monologen.

Edan berichtete von der Fabrik. Martha zeigte in die Kamera, wie dicht das Meer vor dem Fenster ihrer Schwester lag. Niemand sprach über Merrow.

Im zweiten Vertragsjahr wechselte Joren zu den Dockschleppern. Die kleinen Fahrzeuge drückten Frachtsegmente zwischen den Ringen hin und her. Der Pilot saß fast direkt über den Manövrierdüsen. Jede Bewegung war unmittelbar, jeder Fehler sichtbar. Zum ersten Mal seit dem Verlust der Farm gab es etwas, das auf seine Hände gehorchte.

Sela beobachtete seinen ersten Alleinflug vom Kontrollstand. „Du kämpfst gegen den Schlepper“, sagte sie über Funk.

Joren„Er zieht nach Backbord“, antwortete Joren.

Sela„Dann hör auf, so zu tun, als wäre Backbord eine Beleidigung. Arbeite damit“, sagte Sela.

Joren lockerte den Griff. Das Fahrzeug beruhigte sich. Der Frachtblock glitt sauber in die Führung.

Nach der Schicht fand er Sela in der Kantine. „Woher wussten Sie, was ich mache?“, fragte Joren.

Sela„Weil jeder junge Fahrer glaubt, eine Maschine müsse besiegt werden“, sagte Sela. „Gute Fahrer begreifen irgendwann, dass sie ein Gespräch führen.“

Joren sammelte Lizenzen. Dockschlepper. Mondfähre. Atmosphärischer Lastentransport. Schließlich interstellare Frachtsegmente. Aus den versprochenen fünf Jahren wurden sieben, weil eine Lizenzschulung seine Verpflichtung verlängerte. Danach blieb er freiwillig. Das Gehalt war besser geworden, und jede Strecke führte weiter von dem Hof weg, auf dem sein Vater unterschrieben hatte.

Als Martha krank wurde, befand Joren sich am Rand des Ilyon-Systems. Die Nachricht erreichte ihn vier Tage zu spät. Er beantragte Heimreise. Helix lehnte ab, weil die Ladung medizinische Kühlaggregate enthielt und kein Ersatzfahrer verfügbar war. Joren brachte die Fracht ans Ziel. Als er Pelagos erreichte, war seine Mutter seit sechs Wochen tot.

Edan gab ihm eine kleine Stofftasche mit Erde aus dem Sagan-Becken. „Sie hat gesagt, du sollst sie nicht auf einem Schiff verstreuen“, erklärte sein Vater.

Joren„Was soll ich damit?“, fragte Joren.

Edan„Etwas behalten, das dir nichts schuldet“, antwortete Edan.

Joren stellte die Tasche in sein Spindfach. Viele Jahre später würde er sie noch besitzen. Er öffnete sie nie.

Kapitel 03

Die Martha

Joren war dreißig, als er glaubte, endlich frei zu sein.

Er hatte genug gespart, um die Anzahlung für einen gebrauchten Langstreckenfrachter zu leisten. Das Schiff war langsam, aber verlässlich, mit einem breiten Cockpit und einem Frachtkern, der für Kühlcontainer umgerüstet werden konnte. Auf dem Register stand HXR-441. Joren ließ den Namen entfernen und schrieb MARTHA auf die Außenhaut.

Sela betrachtete die Buchstaben, als er ihr das Schiff zeigte. „Du hast gesagt, du gibst Maschinen keine Namen“, erinnerte sie ihn.

Joren„Das habe ich nie gesagt“, erwiderte Joren.

Sela„Noch nicht. Aber du wirst es später behaupten“, erwiderte Sela.

Sela schenkte ihm einen alten Drehmomentschlüssel. Edan schickte eine Nachricht, in der er drei Minuten lang über Kreditzinsen sprach und am Ende sagte, Martha hätte den Namen gemocht. Joren startete seine erste eigene Tour mit Ersatzpumpen für die Minen von Khepri und blieb die ganze erste Stunde allein im Cockpit sitzen.

Zum ersten Mal gab es keinen Vorarbeiter, keine Helix-Uniform und keinen Schichtplan. Es gab nur die Fracht, die Route und die Raten. Joren empfand selbst die Schulden als Beweis, dass ihm etwas gehörte.

Auf Caldera lernte er Iva Sen kennen. Sie arbeitete in der Verkehrsmedizin des Raumhafens und untersuchte Fahrer, die behaupteten, mit drei Stunden Schlaf vollkommen einsatzfähig zu sein. Joren bestand die Reaktionsprüfung, fiel aber durch den Blutdrucktest.

Iva„Zu viel Kaffee“, sagte Iva.

Joren„Zu viel Zoll“, antwortete Joren.

Iva„Zoll kann ich nicht behandeln“, sagte Iva.

Joren„Dann behandeln Sie den Kaffee auch nicht“, erwiderte Joren.

Iva lächelte nicht. Sie entzog ihm die Startfreigabe für zwölf Stunden. Joren verbrachte die Hälfte davon damit, sich über sie zu ärgern, und die andere Hälfte in der Hafenkantine, weil sie dort nach ihrer Schicht Suppe aß. Am Ende hörte Iva sich seine Beschwerde an und erklärte ihm, dass Sturheit kein medizinisch anerkannter Treibstoff sei.

Er blieb zwei zusätzliche Tage auf Caldera.

Iva mochte an Joren, dass er Dinge reparieren konnte, ohne darüber zu reden. Joren mochte an Iva, dass sie ihn reden ließ, bis er selbst bemerkte, wo er Unsinn erzählte. Ihre Beziehung bestand zunächst aus Zeitfenstern zwischen Touren. Dann blieb eine Zahnbürste in Ivas Wohnung, später eine Jacke und schließlich eine Kiste mit Dingen, die auf einem Schiff keinen Nutzen hatten.

Als Iva schwanger wurde, stand die Martha am Tor von Vesta. Joren sah das Ultraschallbild mit neun Stunden Verzögerung. Er legte die Hand auf den Bildschirm, obwohl das Bild dadurch nicht näher kam.

Joren„Ich kann die Vesta-Ladung abgeben und leer zurückfliegen“, sagte Joren beim nächsten Funkfenster.

Iva„Du hast den Rücktransport schon unterschrieben“, antwortete Iva.

Joren„Den kann ich kündigen“, sagte Joren.

Iva sah ihn lange an. „Komm nicht aus Panik“, sagte sie. „Komm, weil du bleiben willst.“

Joren kündigte den Rücktransport. Die Vertragsstrafe entsprach drei Monatsraten. Er erreichte Caldera vor der Geburt und blieb sieben Wochen. Seine Tochter bekam den Namen Nia. Sie hatte dunkles Haar, lange Finger und einen wütenden Schrei, der selbst durch zwei geschlossene Türen drang.

Joren liebte sie sofort. Das war das Einfachste.

Das Bleiben war schwerer.

In der Nacht trug er Nia durch die Wohnung und lauschte auf Geräusche, die nicht da waren. Er vermisste das tiefe Summen des Frachtkerns, den Wechsel der Navigationssignale, die Einsamkeit, in der jede Aufgabe eine klare Reihenfolge hatte. Zu Hause konnte ein Kind schreien, obwohl es satt, sauber und sicher war. Iva konnte traurig sein, ohne dass ein Filter gewechselt werden musste. Joren fühlte sich nutzlos und schämte sich dafür.

Nach zwei Monaten nahm er eine kurze Route an. Nach vier eine längere. Er versprach, nie mehr als zwölf Tage fort zu sein. Dann wurden aus zwölf Tagen achtzehn, weil ein Tor geschlossen war. Aus achtzehn wurden vierundzwanzig, weil die Frachtversicherung einen Umweg verlangte.

Iva führte keinen Streit über jede Verspätung. Das Schweigen, mit dem sie ihn empfing, war schlimmer. Nia erkannte seine Stimme aus den Aufnahmen, aber manchmal weinte sie, wenn er sie hochhob.

Die Martha verdiente gut, bis zwei Kühlaggregate innerhalb desselben Quartals ausfielen. Joren nahm einen Kredit für die Reparatur auf. Dann kürzte eine Spedition rückwirkend seine Vergütung, weil drei Container angeblich zu warm angekommen waren. Die Daten bewiesen das Gegenteil. Der Einspruch wurde sieben Monate lang geprüft. Die Bank wartete nicht.

Joren fehlten drei Raten, als ein Vollstreckungsteam die Martha auf Helix Gate versiegelte. Er stand daneben und durfte persönliche Gegenstände aus dem Cockpit holen. Den Drehmomentschlüssel. Die Tasche mit Merrows Erde. Ein Foto von Iva und Nia.

Der Beamte fragte, ob er den Schiffsnamen aus dem Register löschen solle.

Joren„Löschen Sie alles“, sagte Joren.

Von da an gab er keinem Schiff mehr einen menschlichen Namen.

Kapitel 04

Ein Vater auf Durchreise

Nach dem Verlust der Martha hätte Joren auf Caldera bleiben können. Iva fand ihm eine Stelle in der Wartung des Regionalhafens. Feste Schichten, feste Bezahlung, jeden Abend dieselbe Wohnung. Joren hielt elf Monate durch.

Er war gut in der Werkstatt. Er entdeckte Fehler, die jüngere Mechaniker übersahen, und konnte aus drei defekten Pumpen eine funktionierende bauen. Trotzdem sah er bei jedem startenden Frachter nach oben. Das Grollen lief durch die Hallenwände und setzte sich hinter seinem Brustbein fest.

Nia war damals fünf. Sie wartete nach der Vorschule oft am Werkstatttor und rannte ihm entgegen, sobald er die Handschuhe auszog. Joren brachte ihr bei, Schrauben nach Größe zu sortieren. Sie baute aus entsorgten Gehäusen kleine Städte und stellte die Figuren in Wartungsschächte, weil dort ihrer Meinung nach die interessantesten Menschen wohnten.

Nia„Du bist doch jetzt immer da“, sagte Nia eines Abends.

Joren„Das bin ich“, antwortete Joren.

Er sagte es mit der Überzeugung eines Mannes, der hoffte, ein Satz könne wahr werden, wenn man ihn oft genug wiederholte.

Im zwölften Monat bot ihm eine alte Bekannte drei Frachtläufe nach Pelagos an. Der Lohn entsprach einem halben Jahr Werkstattarbeit. Joren rechnete mit Iva am Küchentisch. Sie konnten die Schulden der Martha schneller tilgen, ein größeres Zimmer für Nia bezahlen und endlich die defekte Klimamembran ersetzen.

Iva„Du hast schon entschieden“, stellte Iva fest.

Joren„Ich versuche, vernünftig zu sein“, sagte Joren.

Iva„Nein“, widersprach Iva. „Du versuchst, deinen Wunsch als Rechnung zu verkleiden.“

Joren wurde laut. Iva wurde nicht laut. Am nächsten Morgen entschuldigte er sich und sagte die Tour ab. Drei Tage später nahm er sie doch an.

Damit begann das Ende ihrer Ehe. Nicht mit einem Verrat, einer fremden Person oder einem einzigen großen Streit. Es waren Abfahrten. Verpasste Mahlzeiten. Nachrichten, die erst ankamen, wenn der Anlass vorbei war. Joren brachte Geschenke von fernen Stationen, als ließe sich Anwesenheit in Gegenstände umrechnen. Iva stellte irgendwann keine Fragen mehr nach genauen Rückkehrzeiten.

Als Nia acht war, saßen sie zu dritt beim Abendessen. Joren war nach sieben Wochen heimgekommen und erzählte von einem Eisring, durch den sein Schiff geflogen war. Nia schob das Gemüse auf ihrem Teller hin und her.

Nia„Warum kommen die anderen Väter abends nach Hause?“, fragte Nia.

Joren erklärte Sprungfenster, Lieferketten und die Preise für Hydrokulturen. Er zeichnete mit dem Finger eine Route auf den Tisch und sagte, dass jemand die Dinge bringen müsse, die Caldera nicht selbst herstellen könne.

Nia wartete, bis er fertig war. „Also kommst du nicht, weil Dinge wichtiger sind“, sagte seine Tochter.

Joren bewahrte den Satz jahrelang auf, obwohl er ihn lieber verloren hätte.

Iva bat ihn wenige Wochen später zu gehen. Sie tat es nicht im Zorn. Sie stellte eine Kiste mit seiner Kleidung in den Flur und setzte sich ihm gegenüber.

Iva„Du liebst Nia“, sagte Iva. „Daran zweifle ich nicht.“

Joren„Dann wirf mich nicht raus“, erwiderte Joren.

Iva„Liebe ist nicht dasselbe wie ein gemeinsames Leben“, sagte Iva. „Du bist hier und wartest auf die nächste Abfahrt. Unterwegs wartest du auf die Rückkehr. Du bist an keinem Ort ganz.“

Joren wollte versprechen, sich zu ändern. Iva hob die Hand.

Iva„Sag es nur, wenn du weißt, wie“, bat sie.

Joren wusste es nicht.

Nach der Scheidung mietete er eine Kabine in der Nähe des Hafens. Nia wohnte bei Iva. Joren nahm bevorzugt Routen durch das Caldera-System. Anfangs verbrachte er jeden zweiten Umlauf mit seiner Tochter. Später wurden es Nachmittage zwischen zwei Ladungen. Er brachte eine Schneekugel von Vesta, einen Stoffwal von Pelagos und einen echten Apfel aus einem diplomatischen Gewächshaus mit. Nia bedankte sich, stellte die Geschenke in ein Regal und fragte, wie lange er diesmal bleiben könne.

Joren nannte immer die größte Zahl, die er irgendwie rechtfertigen konnte.

Meistens fuhr er früher.

Sein Vater Edan starb in dieser Zeit auf Pelagos. Joren erreichte die Beerdigung. Es war das erste Mal, dass er bei einem wichtigen Termin pünktlich ankam, und niemand gratulierte ihm dazu. Nach der Zeremonie gab ihm Marthas Schwester einen Umschlag. Darin lag das alte Übergabeformular der Farm.

Auf der Rückseite hatte Edan einen Satz geschrieben: Ein Ort geht nicht verloren, weil du ihn verlässt. Er geht verloren, wenn du so tust, als hätte er dir nie etwas bedeutet.

Joren faltete das Papier und legte es zu der Erde aus Merrow. Danach nahm er die nächste Tour an.

Kapitel 05

Haul Nine-Seven

Haul Nine-Seven stand auf einem Abstellfeld von Ilyon und sah aus, als hätte jemand zwei verschiedene Schiffe in der Mitte zusammengeschweißt.

Aus Jorens ursprünglichem Fünfjahresvertrag waren inzwischen dreiundzwanzig Jahre auf Frachthöfen und Routen geworden.

Der vordere Rumpf gehörte zu einem Erztransporter der Kord-Klasse. Das Heck war nach einem Triebwerksbrand ersetzt worden. Backbord arbeitete ein alter Helix-Pulsator, Steuerbord ein neueres Modell aus den Vesta-Werken. Die Klimaanlage kannte nur zwei Zustände: Frost oder Fieber. Im hinteren Rahmen verlief ein Riss über drei tragende Streben.

Der Händler klopfte gegen das Metall. „Kosmetisch“, sagte er.

Joren legte zwei Finger an die Kante des Risses. „Dann fliegen Sie ihn vom Hof“, erwiderte er.

Der Händler lächelte. „Ich verkaufe Schiffe. Ich fliege sie nicht.“

Joren war zweiundvierzig. Er besaß wenig mehr als seine Lizenzen, Werkzeug, die Erde von Merrow und Schulden aus einem Schiff, das längst jemand anderem gehörte. Kein vernünftiger Mensch hätte Nine-Seven gekauft.

Joren unterschrieb noch am selben Nachmittag.

Sechs Monate lebte er unter dem Schiff. Er mietete keinen Raum, sondern legte eine Matratze zwischen Ersatzteile. Morgens schweißte er Verstärkungen in den Rahmen. Mittags arbeitete er als Aushilfsfahrer, um Material zu bezahlen. Nachts zerlegte er Leitungen, ersetzte Kabel und beschimpfte die Klimaanlage. An manchen Tagen war er sicher, dass der Händler gewonnen hatte. An anderen hörte er beim Einschalten ein gleichmäßiges Summen und wusste, warum er weitermachte.

Nia war acht, als sie Nine-Seven zum ersten Mal sah. Iva hatte sie für eine Ferienwoche nach Ilyon gebracht. Nia stand unter dem Frachter, legte den Kopf in den Nacken und schwieg.

Joren„Er ist noch nicht fertig“, sagte Joren.

Nia„Das sehe ich“, antwortete Nia.

Joren„Er sieht schlimmer aus, als er ist“, sagte Joren.

Nia zeigte auf die offene Seitenverkleidung. „Da fehlen Teile.“

Joren„Die kommen wieder rein“, versicherte Joren.

Nia„Sind es dieselben Teile?“, fragte Nia.

Joren überlegte. „Teile, die besser passen.“

Nia nickte ernst. „Dann ist er vielleicht nicht kaputt. Vielleicht wird er nur jemand anderes.“

In dieser Woche reichte sie Joren Werkzeuge, malte Warnsymbole auf Kabelbündel und schlief in einer Hängematte im Cockpit. Joren erklärte ihr, warum die beiden Triebwerke nie genau denselben Ton erzeugen würden. Nia erklärte ihm, dass das gut sei, weil eine Stimme allein langweilig klinge.

Als die Inspektorin zur Zulassung kam, fand sie siebenundzwanzig Mängel. Joren behob sechsundzwanzig. Beim letzten stritt er drei Stunden lang über eine veraltete Halterung, bis die Inspektorin ihm zeigte, dass das Bauteil unter Sprunglast tatsächlich wanderte. Joren schweißte eine neue Aufnahme ein und sagte niemandem, dass sie recht gehabt hatte.

Nine-Seven erhielt seine Freigabe an einem kalten Morgen. Joren stand im Cockpit, während die Registrierkennung auf der Konsole grün wurde. Freiheit, dachte er, war nun ein Schiff, zwei ungleiche Triebwerke und eine Rate, die jeden Monat pünktlich fällig wurde.

Die ersten Touren waren klein. Baumaterial nach Khepri. Gefrorene Algen nach Helix Gate. Leere Drucktanks zurück nach Ilyon. Joren nahm jede Fracht, die genug zahlte und nicht offensichtlich illegal war. Er lernte, Nine-Seven an den Geräuschen zu lesen. Das Steuerbordtriebwerk pfiff bei niedriger Leistung. Der Frachtkern brummte in tiefem C, wenn die Last sauber verteilt war. Vor einem Ausfall klickte der Konverter sechsmal, machte eine Pause und klickte noch einmal.

Trotz aller Mängel liebte Joren die erste Stunde nach dem Start. Dann lagen Gebühren, Listen und Versprechen hinter ihm. Die Sterne bewegten sich kaum. Das Schiff vibrierte gleichmäßig. Niemand verlangte etwas, das nicht im Frachtplan stand. Joren kochte Kaffee, zu stark und zu lange, und legte die Füße an die Konsole.

In dieser Stunde gehörte Nine-Seven weder der Bank noch der Spedition.

Er gehörte ihm.

Nia wurde älter und kam seltener mit. Ihre Schulzeiten passten nicht zu seinen Routen, ihre Freundinnen nicht zu einem ölverschmierten Frachter und ihre Fragen nicht mehr zu den einfachen Antworten ihrer Kindheit. Joren schickte Positionsmeldungen. Nia antwortete mit Fotos: ein neues Fahrrad, ein gewonnenes Schulspiel, eine misslungene Frisur, die sie trotzdem mochte.

Einmal fragte Joren, ob sie später selbst fliegen wolle.

Nia„Nein“, sagte Nia. „Vielleicht baue ich Systeme. Dann muss ich nicht so tun, als wäre Bewegung ein Beruf.“

Joren hörte den Vorwurf und zugleich die Neugier. „Systeme sind gut“, sagte er. „Schiffe brauchen Menschen, die verstehen, warum etwas funktioniert.“

Nia„Und Menschen?“, fragte Nia.

Joren blickte auf die Navigationsdaten. „Bei denen bin ich nicht sicher.“

Nia lachte. Es war ein kurzes, helles Geräusch. Joren speicherte die Aufnahme, ohne ihr davon zu erzählen.

Kapitel 06

Der dreizehnte Geburtstag

An Nias dreizehntem Geburtstag sollte Joren um sechzehn Uhr auf Caldera landen.

Er hatte die Route bewusst gewählt. Die Ladung bestand aus Bohrköpfen für Ilyon, nichts Verderblichem und nichts Lebendigem. Danach lagen vier freie Tage im Vertrag. Joren hatte Iva die Ankunftsnummer geschickt und Nia versprochen, die Torte selbst aus der Konditorei am Hafen abzuholen.

Am Tor von Ilyon begann zwei Tage vor dem Geburtstag ein Navigationsstreik.

Die Lotsen verlangten sichere Schichtgrenzen und eine unabhängige Prüfung der Sprungalgorithmen. Die Betreibergesellschaft sperrte das Tor. Innerhalb von Stunden warteten hundert Schiffe in gestaffelten Bahnen. Die Frachter bildeten eine künstliche Konstellation aus Positionslichtern und schlechter Laune.

Joren rief die Toraufsicht an. „Ich habe eine zivile Anschlussfrist“, sagte er.

Beamter„Alle hier haben Fristen“, antwortete der Beamte.

Joren bot an, eine manuelle Passage zu fliegen. Der Beamte lachte nicht einmal. Joren drohte mit Vertragsansprüchen, rief die Spedition an und versuchte, einen Platz auf einem schnellen Personenkutter zu kaufen. Kein Schiff passierte das Tor.

Iva„Sag ihr nicht wieder, dass du es vielleicht schaffst“, warnte Iva im Funkgespräch.

Joren„Das Tor kann jede Stunde öffnen“, sagte Joren.

Iva„Dann sag ihr, dass du wartest“, erwiderte Iva. „Sag nicht, dass du kommst.“

Joren verstand den Unterschied und hasste ihn.

Um sechzehn Uhr am Geburtstag saß er im Cockpit von Nine-Seven. Vor der Scheibe blinkten die Positionslichter der wartenden Schiffe. Auf Caldera stellten vermutlich gerade dreizehn Kerzen eine schiefe Torte in Brand.

Nia schickte ihm am nächsten Morgen eine Aufnahme. Sie saß zwischen Freundinnen, trug eine silberne Papierkrone und lachte, während Iva außerhalb des Bildes versuchte, die Torte gerade zu halten. Am Ende beugte Nia sich zur Kamera.

Nia„Keine Sorge, Dad“, sagte sie freundlich. „Ich habe sowieso nicht geglaubt, dass du kommst.“

Der Satz war nicht wütend gemeint. Das machte ihn schlimmer.

Als das Tor endlich öffnete, flog Joren ohne vorgeschriebene Ruhepause. Nine-Seven warnte ihn zweimal vor sinkender Aufmerksamkeit. Beim dritten Alarm schlug Joren gegen die Konsole. Danach stellte er den Autopiloten ein und schlief zwei Stunden, weil ein toter Vater keinen Geburtstag mehr nachholen konnte.

Er erreichte Caldera fünf Tage zu spät. Nia öffnete die Wohnungstür. Auf dem Tisch standen keine Reste der Feier mehr. Die Papierkrone lag allerdings auf einem Regal.

Joren„Es tut mir leid“, sagte Joren.

Nia„Das weiß ich“, antwortete Nia.

Joren hatte einen fein gearbeiteten Sternenprojektor mitgebracht. Er ließ die Tasche geschlossen. „Ich bleibe eine Weile“, sagte er.

Nia sah ihn an. „Wie lange ist eine Weile?“

Joren„Sechs Wochen“, antwortete Joren.

Nia„Wirklich sechs?“, fragte Nia.

Joren„Im Vertrag steht keine nächste Tour“, erklärte Joren.

Nia„Das war nicht meine Frage“, sagte Nia.

Joren blieb sechs Wochen.

Er reparierte eine kaputte Bewässerung in Ivas Wohnung, obwohl sie sagte, ein Hausdienst sei bereits bestellt. Er lernte Nias Schulweg, traf ihre Freundinnen und kochte jeden Morgen Frühstück. Am dritten Tag wusste er nicht, was er mit sich anfangen sollte. Am achten begann er, vom Balkon aus Frachter zu zählen. In der vierten Woche wachte er nachts auf, weil kein Triebwerk unter seinem Bett summte.

Er hasste sich dafür. Ein Mann sollte seine Tochter mehr vermissen als eine Maschine. Aber Sehnsucht gehorchte keiner Rangordnung.

Nia bemerkte es natürlich. Am letzten Abend der fünften Woche saßen sie auf dem Balkon. Frachtschiffe zogen als orange Punkte durch Calderas grünen Himmel. Nia war dreizehn, doch seit der Feier wirkte sie auf Joren älter. Vielleicht lag es nur daran, dass sie aufgehört hatte, seine Antworten für bare Münze zu nehmen.

Nia„Du willst wieder los“, sagte Nia.

Joren„Nein“, antwortete Joren zu schnell.

Nia schnaubte. „Du bist ein schlechter Lügner, wenn du nicht im Funk bist.“

Joren schwieg. Nia hatte das gleiche schmale Gesicht wie Martha auf den alten Fotos. Das machte jede Ausrede noch kleiner.

Nia„Ich will nicht, dass du bleibst und mich dafür hasst“, sagte Nia. „Ich will nur, dass du nicht so tust, als wäre jede Fahrt die letzte.“

Joren„Ich dachte, das macht es leichter“, gestand Joren.

Nia„Für wen?“, fragte Nia.

Joren blickte den Lichtern nach. „Für mich, wahrscheinlich.“

Nia zog die Knie an. „Dann versprich nichts Großes mehr.“

Sie handelten eine andere Art von Versprechen aus. Keine dramatischen Abschiede. Keine Rückkehrdaten, die nur unter perfekten Bedingungen galten. Stattdessen ein fester Anruf an jedem siebten Bordtag, egal auf welcher Route Joren war. Wenn kein Relais verfügbar war, sollte Nine-Seven wenigstens eine automatische Positionsmeldung senden.

Nia programmierte das Signal selbst in seine Konsole. „Damit ich weiß, dass du noch irgendwo bist“, erklärte sie.

Joren„Siebter Bordtag“, bestätigte Joren.

Nia„Nicht irgendwann am siebten Bordtag“, präzisierte Nia. „Neunzehn Uhr Caldera-Zeit.“

Joren„Du wirst eine hervorragende Vertragsanwältin“, sagte Joren.

Nia„Systemingenieurin“, korrigierte Nia. „Verträge reparieren nichts.“

Am nächsten Morgen nahm Joren eine kurze Route nach Pelagos an. Zum Abschied sagte er nicht, es sei die letzte.

Zum ersten Mal war Ehrlichkeit weniger tröstlich als ein Versprechen und trotzdem wertvoller.

Kapitel 07

Der siebte Bordtag

Zwei Jahre lang funktionierte die Abmachung.

An jedem siebten Bordtag saß Joren um neunzehn Uhr Caldera-Zeit vor dem Funkgerät. Manchmal trieb Nine-Seven in einem Wartefeld. Manchmal vibrierte das Cockpit im Sprungvorlauf. Einmal kauerte Joren in einem Versorgungsschacht, weil nur dort das Relais genug Signal fand. Nia nahm jeden Anruf entgegen.

Sie erzählte von Prüfungen, Freundinnen und einem Jungen namens Ren, der gleichzeitig interessant und unerträglich war. Joren erzählte von Zollbeamten, defekten Kühlungen und Monden, deren Warnfarben er inzwischen am bloßen Leuchten erkannte. Er gewöhnte sich daran, nicht sofort Lösungen anzubieten. Nia gewöhnte sich daran, Pausen nicht als bevorstehenden Abschied zu verstehen.

Joren fuhr kürzere Strecken, verdiente weniger und bezahlte die Bank häufig erst nach der zweiten Mahnung. Nine-Seven brauchte neue Hitzeschilde. Der Steuerbordpulsator verlor Leistung. Die Klimaanlage blieb ihrem Charakter treu und fror in warmen Systemen, während sie in Eisnähe heizte.

Sela Orr, inzwischen im Ruhestand, traf ihn auf Helix Gate. Sie saß in derselben Kantine, in der sie ihm Jahrzehnte zuvor erklärt hatte, dass Maschinen Gespräche führten.

Sela„Du siehst müde aus“, sagte Sela.

Joren„Ich sehe erfahren aus“, widersprach Joren.

Sela„Erfahrung ist Müdigkeit mit besseren Geschichten“, antwortete Sela.

Joren erzählte ihr von Nine-Seven, den Raten und Nia. Sela hörte zu. Danach fragte sie: „Was willst du retten?“

Joren„Mein Schiff“, sagte Joren.

Sela„Das ist ein Gegenstand“, entgegnete Sela.

Joren„Meine Arbeit“, versuchte Joren es erneut.

Sela„Das ist eine Tätigkeit“, sagte Sela.

Joren wurde ungeduldig. „Was soll die Frage?“

Sela trank ihren Tee. „Menschen ruinieren sich gern für Dinge, deren Namen sie nicht kennen. Ich frage, ob du den Namen kennst.“

Joren antwortete nicht. Vielleicht wollte er Unabhängigkeit retten. Vielleicht den Jungen, der auf Merrow zugesehen hatte, wie ein Frachter die letzte Ernte davontrug. Vielleicht die Möglichkeit, jederzeit nach Caldera zurückzukehren, ohne zu ertragen, dort jeden Morgen aufzuwachen.

Im selben Jahr starben auf den Oris-Kolonien die ersten Felder.

Die Fäule begann in den Wurzelbecken. Ein Pilz verstopfte die feinen Membranen der Hydrokulturen und setzte ein Gift frei, das sich in geschlossenen Wasserkreisläufen vermehrte. Innerhalb eines Monats fielen drei Ernten aus. Getreidepreise stiegen. Medikamente wurden rationiert. Kliniken benötigten Dialysefilter, weil das Gift bei Kindern und älteren Menschen die Nieren angriff.

Jede Spedition suchte Fahrer für die Ostlinie. Die Strecke führte durch drei Systeme, ein instabiles Tor und einen Korridor, in dem Piraten Transponder kopierten. Der Lohn war so hoch, dass Joren Nine-Seven vollständig hätte auslösen können.

Er lehnte ab.

Am selben Abend kehrte das Geräusch zurück, das Joren von früheren Ausfällen kannte: sechs Klicks, eine Pause, ein letzter Klick.

Joren schaltete ab. Der Mechaniker auf Helix Gate nannte ihm einen Preis, der höher war als seine Rücklagen. Die Bank schickte zeitgleich eine letzte Frist. Wenn Joren die ausstehende Rate und den Versicherungsnachweis nicht innerhalb von zwölf Tagen vorlegte, würde Nine-Seven versiegelt.

Auf dem Cockpittisch lagen zwei Dokumente. Der Vollstreckungsbescheid. Der Vertrag der Ostlinie.

Die Frachtliste umfasste Maschinenteile, Saatgut, Dialysefilter und Medikamente gegen das Oris-Fieber. Wenn Joren nicht fuhr, würde jemand anderes fahren. Das sagte er sich. Wenn jemand anderes fuhr, konnte er bleiben. Auch das sagte er sich.

Keine der beiden Aussagen entschied etwas.

Um neunzehn Uhr Caldera-Zeit öffnete sich die Verbindung. Nia erschien im Bild. Hinter ihr stand das Modell eines alten Farmhauses, das sie für den Geschichtsunterricht gebaut hatte. Das Dach war schief, die Felder waren rot.

Nia„Mama sagt, die Ostlinie ist gefährlich“, sagte Nia.

Joren„Deine Mutter findet schon die Nachbarstadt gefährlich“, erwiderte Joren.

Nia„Das sagt sie über dich auch“, sagte Nia. „Fährst du?“

Joren erzählte von der Bank und dem Konverter. Er erwähnte auch die Medikamente. Nia ließ ihn ausreden.

Nia„Wenn du nicht fährst, verlierst du Nine-Seven“, stellte Nia fest.

Joren„Wahrscheinlich“, bestätigte Joren.

Nia„Und wenn du ihn verlierst, wirst du hier glücklich?“, fragte Nia.

Joren sah das Foto an seiner Konsole an. Nia war darauf zehn und hatte eine Zahnlücke. „Ich weiß es nicht“, sagte er.

Nia blickte kurz zur Seite. Als sie wieder in die Kamera sah, wirkte sie älter als fünfzehn. „Dann fahr“, sagte sie. „Aber nenn es nicht Opfer für mich. Fahr, weil du fahren willst. Und komm zurück, weil du zurückkommen willst.“

Joren dachte an Sela und ihre Frage. Jetzt kannte er zumindest einen Teil der Antwort.

Er unterschrieb den Vertrag.

Kapitel 08

Volle Masse

Die Reparatur des Konverters fraß fast ein Drittel der Vorschusszahlung. Joren blieb während der Arbeiten im Dock und beobachtete jeden Handgriff, bis der Mechaniker drohte, für seine Anwesenheit eine zusätzliche Gebühr zu berechnen.

Danach kontrollierte Joren die Fracht.

Achtundvierzig Container füllten Nine-Sevens Rahmen bis an die Toleranzgrenze. Die Maschinenteile kamen nach außen, wo Temperaturschwankungen wenig Schaden anrichten konnten. Die Medikamente erhielten ein eigenes Kühlmodul. Dialysefilter und sterile Membranen lagen im geschützten Innenkern. Das Saatgut wurde zwischen Stoßdämpfern befestigt, obwohl die Spedition dafür nur die niedrigste Sicherheitsklasse bezahlt hatte.

Zwischen zwei Paletten entdeckte Joren eine Kiste mit dem Siegel von Merrow. Darin lag rotes Wintergetreide, gezüchtet aus einer Sorte, die früher im Sagan-Becken gewachsen war. Helix hatte die Rechte an den verbliebenen Samenbanken gekauft und verkaufte nun als Rettung, was Generationen von Farmern entwickelt hatten.

Joren strich mit dem Handschuh über das Zeichen. Vor seinem inneren Auge hob der Frachter mit der letzten Ernte seiner Eltern ab. Damals hatte er geglaubt, jedes Transportschiff sei ein Räuber.

Vielleicht waren Schiffe keine Räuber, dachte er jetzt. Vielleicht waren sie Hände. Entscheidend war, was Menschen ihnen anvertrauten und wohin sie es brachten.

Vor dem Start erschien Nia unangekündigt im Dock. Sie trug eine abgewetzte Pilotenjacke, die ihr viel zu groß war. Joren erkannte sie als seine alte Jacke, die seit Jahren in Ivas Abstellraum gelegen hatte.

Joren„Deine Mutter hat dich nicht allein herkommen lassen“, sagte Joren.

Nia„Nein“, antwortete Nia. „Sie wartet draußen und ist sehr beschäftigt damit, nicht hereinzukommen.“

Nia kletterte in das Cockpit. Sie brachte ein neues Mikrofon mit, öffnete ohne zu fragen die Verkleidung der Funkkonsole und ersetzte Jorens defektes Gerät. Ihre Hände arbeiteten sicher. Joren gab sich Mühe, nicht jeden Schritt zu kommentieren.

Joren„Die Abschirmung sitzt zu nah am Datenbus“, sagte er schließlich.

Nia schob sie um zwei Zentimeter weiter. „Dann hättest du die Halterung nicht dort anschweißen sollen“, erwiderte sie.

Joren„Die Halterung war vor dir da“, sagte Joren.

Nia„Dann hat sie mehr Berufserfahrung als ich“, erwiderte Nia.

Nachdem das Mikrofon funktionierte, klebte Nia ein Foto an die Konsole. Darauf standen sie beide vor Nine-Seven. Joren hatte ölige Hände, Nia war zehn und ohne einen Schneidezahn.

Nia„Siebter Bordtag“, sagte Nia.

Joren„Siebter Bordtag“, bestätigte Joren.

Nia„Keine Aufnahme statt eines echten Gesprächs, wenn du ein Relais hast“, verlangte Nia.

Joren„Abgemacht“, sagte Joren.

Nia sah auf die Frachtanzeigen. „Wie lange?“

Joren hätte drei Monate sagen können. Das war die ideale Zeit bis Oris. Er hätte vier Monate sagen können. Das war wahrscheinlicher. Beides wäre nur die Hälfte der Wahrheit gewesen.

Joren„Drei Monate hinaus“, sagte Joren. „Vielleicht vier zurück. Wenn das Ilyon-Tor schließt, länger.“

Nia nickte. „Gut.“

Joren„Gut?“, fragte Joren.

Nia„Nicht die Dauer“, erklärte Nia. „Die Antwort.“

Iva wartete tatsächlich vor dem Dock. Joren ging zu ihr, nachdem Nia die Schleuse verlassen hatte. Zwischen ihnen lagen Jahre, in denen Entschuldigungen zu oft wie neue Versprechen geklungen hatten.

Iva„Sie wird dir glauben, solange du ihr die Wahrheit gibst“, sagte Iva.

Joren„Und wenn die Wahrheit nicht reicht?“, fragte Joren.

Iva„Dann reicht sie nicht“, antwortete Iva. „Aber eine Lüge reicht nie.“

Joren wollte sich für vieles entschuldigen. Stattdessen sagte er: „Danke, dass du sie gebracht hast.“

Iva„Komm lebend zurück“, erwiderte Iva. „Den Rest klärt ihr selbst.“

Als Joren wieder allein war, blieb Nias Geruch nach Zitrusseife im Cockpit. Er startete die Systeme einzeln. Der neue Konverter summte heller als der alte. Auf dem Frachtmonitor leuchteten achtundvierzig grüne Felder. Die Route zog sich als dünne Linie über drei Systeme.

Die Hafenaufsicht öffnete den Kanal. „Haul Nine-Seven, Freigabe für Helix Gate. Volle Masse bestätigt.“

Joren nahm den kalten Kaffee vom Vortag, probierte ihn und verzog das Gesicht. Dann nannte er Kennung, Ziel und Ladung. Die Halteklammern lösten sich. Unter seinem Sitz begann das vertraute Summen.

Zu Hause, dachte er, war kein Ort, an dem er für immer bleiben musste. Es war ein Mensch, dem er ehrlich sagte, warum er ging – und zu dem er den Weg zurück kannte.

Nine-Seven stieg aus dem Dock. Hinter Jorens Schulter verschwanden die Hafenlichter. Vor ihm lag die Ostlinie, drei Systeme lang, ohne Schlaf und mit voller Masse.

Kapitel 09

Alte Konstellationen

Die ersten Tage der Ostlinie verliefen ruhig.

Joren kannte jeden Mond an seiner Warnfarbe. Der gelbe Saum von Khepri bedeutete elektrostatische Stürme. Das violette Flackern über Demea gehörte zu militärischen Sensorfeldern, in deren Nähe ein ziviler Transponder besser besonders höflich sendete. Ein blasser grüner Punkt markierte Calderas System, lange nachdem der Mond selbst nicht mehr zu sehen war.

Nine-Seven schleppte seinen künstlichen Morgen in Containern durch die Nacht: Maschinenteile, Medikamente und Merrows rotes Getreide. Der Kaffee kühlte neben dem Radar aus. Die Frachtuhr schnitt jede Stunde in Abschnitte aus Verbrauch, Reststrecke und zulässiger Verzögerung.

Am siebten Bordtag rief Joren Nia an. Sie saß in einem Labor der Schule und trug Schutzbrille. Hinter ihr schwebte ein zerlegtes Navigationsmodul in einer Halterung.

Nia„Du bist früh“, sagte Nia.

Joren„Sieben Minuten“, antwortete Joren.

Nia„Ich dokumentiere das als historischen Vorfall“, sagte Nia.

Joren drehte die Kamera zur Frontscheibe. Ein alter Sternhaufen lag wie verstreutes Salz vor ihnen. „Die Fahrer nennen ihn die Gebrochene Krone“, erklärte er.

Nia„Im Atlas heißt er RS-44“, sagte Nia.

Joren„Deshalb lesen Fahrer keine Atlanten“, erwiderte Joren.

Sie sprachen vierzig Minuten. Nia erzählte, dass sie sich für ein Praktikum bei einem Systemlabor beworben hatte. Joren wollte sofort erklären, welche Firmen schlecht zahlten und welche Stationen unsichere Quartiere hatten. Er hielt sich zurück.

Joren„Was brauchst du von mir?“, fragte er stattdessen.

Nia blinzelte überrascht. „Vielleicht liest du meine Bewerbung?“

Joren„Schick sie“, antwortete Joren.

Nach dem Gespräch blieb Joren vor dem dunklen Bildschirm sitzen. Die Kabine war vier Metallwände groß. Das Foto an der Konsole machte daraus keinen Planeten, aber es erinnerte ihn daran, dass irgendwo ein Mensch dieselbe Uhrzeit kannte.

Am zwölften Bordtag meldete der Frachtkern eine Gewichtsverschiebung. Eine äußere Halterung hatte sich unter den ungleichen Triebwerksimpulsen gelockert. Joren musste die Leistung reduzieren und den Containerarm manuell entlasten. Die Reparatur kostete neun Stunden. Die Spedition sendete drei automatische Warnungen wegen Zeitverlust.

Joren antwortete mit den Sensordaten und flog erst weiter, als jede Verriegelung sauber arbeitete. Früher hätte er versucht, die verlorene Zeit durch kürzere Ruhephasen zurückzugewinnen. Nun stellte er den Wecker, legte sich hin und hörte Nine-Seven im Schlaf weiterbrummen.

Vor dem Ilyon-Tor traf er auf eine Schlange aus Frachtern. Der Streik war beendet, aber der Betreiber prüfte jedes Schiff auf geschmuggelte Biostoffe. Joren wartete sechsunddreißig Stunden. Er rechnete aus, dass Nias Geburtstag in die letzte Etappe der Route fallen würde. Wenn das Tor von Cobalt offen blieb, konnte er zur richtigen Zeit ein Relais erreichen.

Er sagte ihr nichts davon. Ein mögliches Gespräch war noch kein Gespräch.

Als Nine-Seven endlich an der Reihe war, verlangte der Zollbeamte Zugriff auf die Saatgutcontainer. Joren öffnete die Daten, nicht die Container. Das rote Wintergetreide durfte laut Biosicherheitsvertrag nur in versiegelter Atmosphäre geprüft werden.

Beamter„Wir können Sie zurückstellen“, drohte der Beamte.

Joren„Dann stellen Sie mich zurück“, sagte Joren. „Aber wenn Sie die Kiste hier öffnen, unterschreiben Sie, dass Sie die Oris-Ladung kontaminiert haben.“

Der Beamte sah auf die anwachsende Warteschlange und gab Nine-Seven frei.

Hinter dem Tor begann der Cobalt-Korridor. Die offiziellen Relais standen weit auseinander. Zwischen ihnen lagen tote Zonen, in denen jedes Signal ein Versprechen oder eine Falle sein konnte.

Joren schaltete die Kabinenbeleuchtung herunter. Auf dem Radar erschienen drei Transponder mit identischer Kennung.

Alle behaupteten, ein Rettungsschiff zu sein.

Kapitel 10

Stimmen mit fremden Namen

Das erste falsche Rettungsschiff sendete eine automatische Notmeldung. Das zweite forderte Nine-Seven auf, die Triebwerke zu drosseln. Das dritte bewegte sich schweigend auf seine Hecksektion zu.

Joren kannte die Methode. Piraten kopierten einen gültigen Transponder und überlagerten mehrere Signale. Wer anhielt, wusste nicht, welches Schiff tatsächlich Hilfe brauchte. Wer weiterflog, riskierte, einen echten Notruf zu ignorieren.

Joren„Haul Nine-Seven an Rettungskennung Cobalt Drei“, funkte Joren. „Nennen Sie die Prüfsumme Ihres letzten Relaiskontakts.“

Zwei Signale antworteten gleichzeitig mit unterschiedlichen Zahlen. Das dritte schwieg.

Joren änderte den Kurs um drei Grad und erhöhte den Schub. Mit voller Masse war Nine-Seven kein schnelles Schiff. Aber die beiden ungleichen Triebwerke erzeugten beim Beschleunigen ein schwer berechenbares Driftmuster. Joren kannte jede Abweichung.

Das schweigende Signal kam näher. Eine kleine Korvette löste sich aus der Dunkelheit. Sie besaß keine Rettungsmarkierungen. An ihrer Nase öffnete sich eine Klammer für Frachtcontainer.

Unbekannte Stimme„Nine-Seven, Maschinen aus“, sagte eine verzerrte Stimme. „Wir nehmen zwei Außencontainer. Danach können Sie weiter.“

Joren„In den Außencontainern sind Pumpenteile“, antwortete Joren. „Ihr könnt euch bessere Beute suchen.“

Unbekannte Stimme„Dann nehmen wir vier“, antwortete die verzerrte Stimme.

Joren schaltete den Steuerbordpulsator für zwei Sekunden ab. Nine-Seven kippte hart aus der berechneten Bahn. Die Korvette schoss an der Hecksektion vorbei. Gleichzeitig löste Joren eine Ladung Kühlmittel aus dem Wartungssystem. Die Wolke gefror im Vakuum zu einem glitzernden Feld. Die Sensoren der Korvette verloren Nine-Sevens Kontur.

Das Manöver belastete den reparierten Rahmen. Warnungen füllten die Konsole. Joren gab nicht mehr Schub, sondern weniger. Die Korvette erwartete Fluchtgeschwindigkeit und zog vor ihm vorbei. Nine-Seven glitt unter ihrem Erfassungswinkel durch und steuerte auf die Gravitation eines kleinen Mondes zu.

Nach siebzehn Minuten brach die Verfolgung ab. Die Piraten suchten leichtere Beute.

Joren atmete erst wieder normal, als alle drei falschen Signale hinter dem Mond verschwanden. Der Rahmen hatte gehalten. Eine Kühlleitung war beschädigt, doch das medizinische Modul blieb stabil.

Dann empfing Nine-Seven einen vierten Notruf.

Die Kennung gehörte zu einem kleinen Siedlerfrachter namens Lark. Seine Prüfsumme stimmte. Ein Piratenschuss hatte den Antrieb getroffen. An Bord befanden sich neun Menschen, darunter zwei Kinder. Ihre Sauerstoffreserve reichte für acht Stunden.

Joren sah auf die Frachtuhr. Eine Bergung würde mindestens einen Tag kosten. Die Medikamente auf Nine-Seven waren für Tausende Menschen bestimmt. Jede Verzögerung verringerte den Sicherheitspuffer des Kühlmoduls.

Sela hatte ihn einst gefragt, was er retten wolle. Nun standen Menschen und Fracht nicht auf verschiedenen Seiten einer einfachen Rechnung. Beides waren Leben, nur in unterschiedlicher Entfernung.

Joren koppelte Nine-Sevens Reservetank an die Lark und übertrug genug Sauerstoff für zwei Tage. Danach programmierte er eine Relaisboje mit den echten Piratensignaturen und der Position des Schiffes. Er konnte die Lark nicht schleppen, ohne die Saatgutcontainer zu gefährden.

Kapitänin der Lark„Sie lassen uns hier?“, fragte die Kapitänin der Lark über Funk.

Joren„Ich gebe Ihnen Zeit und mache Sie sichtbar“, antwortete Joren. „Der nächste Konvoi ist neun Stunden entfernt.“

Kapitänin der Lark„Und wenn er nicht antwortet?“, fragte die Kapitänin.

Joren„Dann komme ich zurück“, sagte Joren.

Es war ein Versprechen, das von einer überprüfbaren Bedingung abhing. Mehr konnte er ehrlich nicht geben.

Der Konvoi bestätigte den Rettungskurs nach drei Stunden. Joren speicherte die Nachricht und setzte die Reise fort. Die Spedition buchte ihm eine Vertragsstrafe wegen unzulässiger Routenabweichung ab.

Joren„Natürlich“, murmelte Joren.

Am nächsten Relais wartete Nias Bewerbung. Joren las sie zweimal. Sie schrieb über redundante Systeme, die nicht deshalb sicher seien, weil nie etwas ausfalle, sondern weil ein Ausfall nicht das Ende bedeute. Als Beispiel nannte sie einen alten Frachter mit zwei verschiedenen Triebwerken.

Joren schickte Korrekturen an drei Kommas. Den Rest ließ er stehen.

Kapitel 11

Das Lachen im Rauschen

Der Sonnensturm erreichte den Cobalt-Korridor einen Tag vor Nias Geburtstag.

Nine-Sevens Außenantennen zogen sich automatisch ein. Das Relaisnetz verschwand im Rauschen. Joren hatte noch nie so viele Warnfarben gleichzeitig gesehen. Er drehte den Bug in das Magnetfeld und reduzierte die Systeme auf das Notwendige: Triebwerke, Lebenserhaltung, Frachtkühlung.

Nias Anrufzeit rückte näher. Joren versuchte, ein enges Signal durch die Störung zu senden. Die Konsole bestätigte nicht einmal den Ausgang. Er nahm eine Nachricht auf, löschte sie und nahm eine zweite auf.

Joren„Nia, ich bin im Cobalt-Korridor“, sagte Joren. „Der Sturm blockiert das Relais. Nine-Seven ist stabil. Die Ladung ist stabil. Ich rufe an, sobald ich ein Signal habe. Alles Gute zum Geburtstag.“

Er fügte nicht hinzu, dass er es fast geschafft hätte. Er sagte nicht, der Sturm sei schuld. Die Nachricht blieb im Speicher.

Für neunundzwanzig Stunden wurde die Kabine zu einem ganzen Planeten. Vier Metallwände, eine Fotografie und das tiefe Arbeiten der Triebwerke. Joren trank schwarzen Kaffee und überwachte die Temperatur der Medikamente. Als der Steuerbordkonverter zu heiß wurde, schaltete er ihn ab und ließ Nine-Seven mit einem Triebwerk treiben.

In der Stille hörte er Marthas Stimme aus einer Erinnerung: Geh nicht nur, weil du glaubst, hinter dem Himmel werde alles leichter.

Nichts war leichter geworden. Die Straße hatte ihm Arbeit, Freiheit und eine Sprache gegeben, die er verstand. Sie hatte ihm zugleich Jahre genommen, die sich nicht zurücktransportieren ließen.

Nach dem Sturm kehrte das Relais stückweise zurück. Zuerst kamen Wetterdaten. Dann die Strafe der Spedition. Schließlich erschien eine Aufnahme von Nia.

Sie saß vor einer kleinen Torte. Iva stand diesmal mit im Bild. Nia trug keine Papierkrone mehr. Sechzehn Kerzen leuchteten vor ihr.

Nia„Ich habe deine Positionsmeldung bekommen“, sagte Nia. „Keine Verbindung, aber immerhin bist du irgendwo.“

Dann spielte sie eine zweite Datei ab: Jorens verspätete Nachricht war doch durch den Sturm gelangt, zerhackt und kaum verständlich. Seine Stimme sagte zwischen langen Pausen immer wieder ihren Namen. Nia lachte darüber, nicht spöttisch, sondern erleichtert.

Joren hörte das Lachen dreimal. Danach öffnete er den Kanal.

Nia„Diesmal habe ich nicht geglaubt, dass du anrufst“, sagte Nia, als die Verbindung stand.

Joren schluckte. „Ich habe angerufen. Das Universum hat nur schlecht zugestellt.“

Nia„Das Universum ist nicht dein Subunternehmer“, erwiderte Nia.

Joren„Dann schuldet es mir trotzdem eine Erstattung“, sagte Joren.

Nia wurde ernst. „Bist du in Ordnung?“

Joren„Ja“, sagte Joren. „Müde. Ein paar Reparaturen. Aber ich komme an.“

Nia„Und zurück?“, fragte Nia.

Joren betrachtete die Reststrecke. „Das will ich“, antwortete er. „Mehr kann ich heute nicht versprechen.“

Nia nickte. „Das reicht heute.“

Zwei Wochen später erreichte Nine-Seven das Oris-System. Der Planet unter ihm war grün und braun gefleckt. Ganze Hydrokulturfelder lagen dunkel. Am Raumhafen warteten keine Händler, sondern medizinische Teams, Techniker und Familien hinter Absperrungen.

Die Frachtkontrolle wollte zuerst die Maschinenteile entladen. Joren bestand darauf, dass das medizinische Modul Vorrang erhielt. Ein Verwalter drohte mit einer Meldung.

Joren„Melden Sie mich“, sagte Joren. „Aber öffnen Sie zuerst Schleuse vier.“

Die Dialysefilter verließen Nine-Seven neun Minuten später. Dann folgten Medikamente, Saatgut und Pumpen. Joren stand im Dock, während Arbeiter die Kiste mit Merrows rotem Wintergetreide auf einen Transporter luden.

Eine junge Agronomin strich über das Siegel. „Wenn die Sorte hält, können wir in sechs Monaten wieder selbst ernten“, sagte sie.

Joren sah der Kiste nach. Der Frachter seiner Kindheit hatte eine letzte Ernte fortgetragen. Nine-Seven brachte nun eine erste.

Manche Kreise schlossen sich nicht. Sie änderten nur die Richtung.

Kapitel 12

Kilometer aus Licht

Das Entladen dauerte zwei Tage.

Am Ende waren die achtundvierzig Frachtfelder auf Jorens Monitor grau. Nine-Seven lag leichter im Dock und wirkte plötzlich zu groß für seinen leeren Rahmen. Die Arbeiter verschwanden Schicht für Schicht. Zuletzt holte ein alter Dockmeister die Sicherungsschlüssel ab.

Dockmeister„Vertrag erfüllt“, sagte der Dockmeister. „Sie können im Fahrerquartier schlafen. Die erste Nacht ist für Ostlinienbesatzungen kostenlos.“

Joren„Ich schlafe an Bord“, antwortete Joren.

Der Dockmeister musterte Nine-Sevens geflickte Außenhaut. „Freiwillig?“

Joren„Gewohnheit“, sagte Joren.

Die Spedition überwies den Restlohn. Nach Reparatur, Strafe und Gebühren blieb weniger übrig als versprochen, aber genug. Joren öffnete das Bankkonto von Nine-Seven und bezahlte die letzte Rate.

Auf der Konsole erschien ein nüchterner Satz: SICHERUNGSRECHT AUFGEHOBEN.

Joren wartete auf Freude. Stattdessen spürte er Stille. Fast zwanzig Jahre lang hatte Freiheit für ihn bedeutet, pünktliche Raten zu zahlen. Nun gehörte Nine-Seven tatsächlich ihm, und kein Dokument sagte ihm, was er damit tun sollte.

Er rief Nia an.

Joren„Die Ladung ist unten“, berichtete Joren. „Die Bank ist bezahlt.“

Nia lächelte. „Dann bist du frei.“

Joren„Offenbar“, antwortete Joren.

Nia„Du klingst nicht begeistert“, sagte Nia.

Joren blickte durch die Frontscheibe. Über dem Dock stiegen Frachter in den Abendhimmel von Oris. Ihre Triebwerke wurden zu orangefarbenen Punkten. „Ich dachte immer, die Schulden halten mich auf der Straße“, sagte er.

Nia„Tun sie das nicht?“, fragte Nia.

Joren„Nicht nur“, antwortete Joren.

Nia wartete. Sie füllte sein Schweigen nicht mehr für ihn aus.

Joren„Ich fahre gern“, sagte Joren schließlich. „Nicht lieber als dich. Aber anders. Ich weiß nicht, ob ich je ganz aufhören kann.“

Nia„Das weiß ich seit ich dreizehn bin“, antwortete Nia. „Vielleicht seit ich acht bin.“

Joren„Warum bist du dann noch da?“, fragte Joren.

Nia„Weil du am siebten Bordtag auch da bist“, sagte Nia. „Meistens.“

Joren lachte leise. „Ich habe eine Rückfracht nach Caldera gefunden. Leere Medizinmodule und zwei Generatoren. Kein Umweg über Ilyon.“

Nia„Wann kommst du an?“, fragte Nia.

Joren prüfte die Route. „Wenn alle Tore offen sind, in elf Wochen. Wenn nicht, später. Ich sende dir die Sprungfenster.“

Nia„Gut“, sagte Nia. „Ich habe das Praktikum bekommen.“

Joren richtete sich auf. „Du hast es bekommen?“

Nia„Auf Helix Gate“, erklärte Nia. „Systemdiagnostik. Beginn im nächsten Umlauf.“

Joren dachte an die Station, die ihn einst verschluckt und aus einem Farmer einen Fahrer gemacht hatte. Er wollte Nia warnen, ihr Quartiere empfehlen und zwanzig Namen nennen, denen sie nicht trauen sollte.

Joren„Bist du froh?“, fragte er.

Nia„Ja“, antwortete Nia.

Joren„Dann bin ich es auch“, sagte Joren.

Nach dem Gespräch blieb er im Cockpit sitzen. Auf dem Regal lag die versiegelte Tasche mit Erde aus Merrow. Joren nahm sie zum ersten Mal in die Hand und öffnete den Verschluss.

Die Erde war dunkler, als er sie in Erinnerung hatte. Sie roch nach nichts. Jahrzehnte in einer Tasche hatten ihr Wasser, ihre Wärme und fast jede Spur des Feldes genommen. Trotzdem ließ Joren ein wenig davon durch die Finger laufen.

Er streute sie nicht im All aus. Martha hatte ihm das verboten. Stattdessen füllte er eine kleine transparente Kapsel und befestigte sie neben Nias Foto. Den Rest verschloss er wieder.

Draußen verließ der letzte Dockarbeiter die Plattform. Das Licht in der Halle sank auf Nachtstufe. Aus den benachbarten Buchten drang das vertraute Summen startender Maschinen.

Joren hätte im Quartier schlafen können. Er hätte eine Woche auf Oris bleiben und sich von der Route erholen können. Niemand drängte ihn. Zum ersten Mal war kein Kredit fällig und kein Vertrag stark genug, ihn gegen seinen Willen fortzuschicken.

Er startete die Systeme.

Nicht, weil Dinge wichtiger waren. Nicht, weil die Bank es verlangte. Nicht, weil er seiner Tochter ein Opfer erklären musste.

Er startete, weil die Straße zwischen den Sternen ein Teil seines Lebens war – und weil die Rückreise diesmal wirklich zu Nia führte.

Die Konsole fragte nach der Kennung. Joren öffnete den Kanal.

Joren„Haul Nine-Seven“, sagte er. „Rückfracht nach Caldera. Bereit zum Auslaufen.“

Die Freigabe kam wenige Sekunden später. Joren drehte den Schlüssel. Das Steuerbordtriebwerk pfiff, Backbord antwortete tiefer. Zwei verschiedene Stimmen fanden denselben Takt.

Nine-Seven rollte aus dem Dock. Hinter dem Schiff lag eine Welt, auf der Merrows Getreide wieder wachsen konnte. Vor Joren lagen elf Wochen, mehrere Tore und ein grüner Himmel, unter dem seine Tochter auf ihn wartete.

Er würde weiterfahren. Er würde wieder fortgehen. Er würde zurückkehren, nicht immer pünktlich und nie ohne den Teil von sich, der in Bewegung bleiben musste. Nia würde ihm nicht jede Abwesenheit verzeihen, und Joren würde nicht mehr so tun, als mache Liebe die versäumten Jahre ungeschehen. Aber sie kannten nun die Wahrheit über ihn und eine feste Zeit, zu der seine Stimme die Entfernung überbrückte.

Die Sterne zogen als lange Linien über die Scheibe.

Joren nahm den kalten Kaffee, trank einen Schluck und verzog das Gesicht.

Joren„Haul Nine-Seven“, sagte er ins leere Funkband. „Still rolling.“

Dann trug er den nächsten Morgen durch die permanente Nacht, Kilometer aus Licht, zurück nach Hause.

ENDE