Across the Galaxy · Band 03
Gleis Null
Salma Rhys' GeschichteKapitel 01
Unter der Kuppel
Salma Rhys war acht Jahre alt, als sie begriff, dass die Sterne über Berenice nicht leuchteten.
Sie wurden angeschaltet.
Jeden Abend um einundzwanzig Uhr dimmte die Stationsverwaltung die große Kuppel über dem Nordbahnhof. Das Glas verlor seinen milchigen Schimmer, Projektoren zeichneten Sternbilder in die künstliche Dunkelheit, und aus den Lautsprechern kam das leise Zirpen eines Tieres, das auf Berenice nie gelebt hatte. Die Erwachsenen nannten das Nacht. Salma und ihre ältere Schwester Ilyra nannten es die Vorstellung.
Ihr Vater Miran arbeitete an den Magnetschienen. Er kam nach Hause, wenn andere Menschen aufbrachen, und roch nach heißem Metall, Kühlmittel und dem blauen Reinigungsmittel der Wartungshallen. Ihre Mutter Dahl sortierte in der Gepäckausgabe verlorene Gegenstände. In der kleinen Wohnung der Familie lagen deshalb Dinge, nach denen niemand mehr gefragt hatte: ein einzelner Handschuh aus Echsenleder, eine Spieluhr ohne Melodie, ein abgelaufener Koloniepass und ein Metallkoffer, dessen Schloss sich nicht öffnen ließ.
Dahl„In jedem Koffer ist eine Geschichte“, sagte Dahl oft.
Salma„In dem auch?“, fragte Salma und zeigte auf den verschlossenen Metallkoffer.
Dahl„Besonders in dem“, antwortete ihre Mutter. „Manche Geschichten wollen nur nicht erzählt werden.“
Ilyra hielt das für Unsinn. Sie war zehn, schnell im Denken und ungeduldig mit allem, was sich nicht prüfen ließ. Sie kniete sich mit einem Diagnosegerät vor den Koffer, fand eine unterbrochene Leitung im Schloss und öffnete ihn innerhalb einer Stunde. Darin lagen sechs Paar identische graue Socken.
Ilyra„Eine sehr langweilige Geschichte“, sagte Ilyra.
Dahl hob eine Socke an. „Vielleicht war jemand zum ersten Mal auf einer kalten Welt.“
Salma lachte. Ilyra verdrehte die Augen. Trotzdem legte sie die Socken ordentlich zurück.
Die Familie wohnte in Ring C, drei Bahnstationen vom Terminal entfernt. Ihre Fenster blickten nicht ins All, sondern auf einen Versorgungsschacht, in dem Lastdrohnen auf und ab glitten. Für Salma war der Bahnhof deshalb der einzige Ort, an dem Berenice weit wirkte. Dort wölbte sich die Kuppel über Abflughallen, Gleisen und silbernen Zügen. Dahinter drehte sich der Planet, blau, gewitterhell und zu stürmisch für große Städte. Berenice Station war sein bewohnbarer Ring, sein Hafen und für fast eine Million Menschen die einzige Heimat.
Miran nahm seine Töchter manchmal mit auf die Wartungsstege. Sie mussten gelbe Westen tragen und durften die Handläufe nicht loslassen. Unter ihnen schwebten die Züge einen Fingerbreit über den Magnetschienen. Es gab keine Räder, nur lange Reihen supraleitender Spulen, die einander anzogen und abstießen, bis Hunderte Tonnen Metall lautlos in Bewegung gerieten.
Salma„Was hält sie oben?“, fragte Salma.
Miran„Ein Feld“, erklärte Miran.
Salma„Ich sehe nichts.“
Miran„Das ist bei den wichtigsten Dingen oft so“, sagte ihr Vater.
Ilyra schnaubte. „Das Feld kann man messen.“
Miran lächelte. „Dann ist es ja gut, dass wir dich haben.“
Salma mochte nicht die Maschinen am meisten. Sie mochte die Menschen kurz vor einer Abfahrt. Manche drückten ihre Stirn gegen die Scheiben. Manche telefonierten bis zum letzten Signal. Manche saßen reglos auf ihren Koffern, als müssten sie nur lange genug warten, damit jemand anders die Entscheidung für sie traf. Einmal sah Salma einen Mann lachen, während ihm Tränen über das Gesicht liefen. Sie fragte ihre Mutter, ob er glücklich oder traurig sei.
Dahl„Beides“, antwortete Dahl.
Salma„Das geht nicht gleichzeitig.“
Dahl„An Bahnhöfen schon“, sagte ihre Mutter.
Im Sommer des Jahres 2184 wurde der Midnight Starliner in Dienst gestellt. Achtzehn Wagen, dunkelblaue Fenster, eine silberne Außenhaut und eine Route durch vier Systeme. Der Zug legte einen Teil der Strecke auf gewöhnlichen Magnetschienen zurück. Zwischen den Stationen glitt er durch künstliche Transittunnel, die zwei weit voneinander entfernte Tore für wenige Minuten miteinander verbanden. Die Erwachsenen sprachen über Fahrpreise und Energiebedarf. Salma sah nur, wie sich in der Außenhaut der ganze Bahnhof spiegelte.
Bei der Eröffnungsfeier stand sie zwischen Ilyra und ihrem Vater. Eine Zugbegleiterin namens Mara Vey ging über den Bahnsteig. Ihre dunkelrote Uniform saß so gerade, als wäre sie darin geboren worden. Sie begrüßte jeden Fahrgast mit Namen, ohne auf ihr Display zu sehen.
Salma„Woher kennt sie alle?“, fragte Salma.
Dahl„Sie hat gelernt, hinzusehen“, antwortete Dahl.
Der Starliner setzte sich in Bewegung. Erst langsam, dann so schnell, dass die Lichter seiner Fenster zu einer einzigen Linie wurden. Salma hob die Hand, obwohl sie niemanden an Bord kannte.
Ilyra bemerkte es. „Wem winkst du?“, fragte ihre Schwester.
Salma„Allen“, sagte Salma.
Ilyra lachte, aber sie winkte ebenfalls.
Kapitel 02
Zwei Schwestern
Ilyra wollte Berenice verändern. Salma wollte verstehen, warum Menschen sie verließen.
Als Jugendliche saßen die Schwestern oft auf der oberen Galerie des Bahnhofs und erfanden Leben für die Reisenden unter ihnen. Ein Mann mit drei Werkzeugkoffern wurde zum Reparateur eines Wetterkontrollturms. Eine Frau mit frisch geschorenem Haar war eine Spionin. Ein schweigsames Paar reiste nicht zu einer Hochzeit, sondern von einer fort.
Salma„Du gibst ihnen immer traurige Geschichten“, sagte Salma.
Ilyra„Du gibst ihnen immer gute Enden“, erwiderte Ilyra.
Salma„Vielleicht stimmt manchmal eins davon.“
Ilyra„Vielleicht stimmt nie etwas davon“, sagte ihre Schwester. „Aber wenigstens sehen wir hin.“
Ilyra bekam mit achtzehn ein Stipendium bei der Berenice Atmosphere Authority. Die Behörde steuerte die Sturmschilde des Planeten und betrieb die Energieanlagen unter der Station. Ihr Ausbildungsplatz galt als sicherer Weg in eine Wohnung mit echtem Außenfenster. Miran feierte drei Tage lang. Dahl kaufte einen Kuchen, der mehr kostete als eine Woche Lebensmittel.
Salma begann im selben Jahr eine Ausbildung beim Bahnbetrieb. Ihr Vater hatte erwartet, dass sie Schienentechnik wählte. Stattdessen schrieb sie sich für Fahrgastdienst und Sicherheit ein.
Miran„Du kannst die ganze Anlage auswendig“, sagte Miran. „Warum willst du Tickets prüfen?“
Salma„Weil die Anlage selten lügt“, antwortete Salma.
Ilyra grinste. „Sie will Menschen reparieren.“
Miran„Menschen haben keine Wartungsklappen“, sagte Miran.
Salma„Leider“, erwiderte Salma.
Ihre Ausbilderin war Mara Vey, die Frau aus der roten Uniform. Sie war kleiner, als Salma sie in Erinnerung hatte, und erheblich strenger. Am ersten Tag ließ sie die Auszubildenden eine leere Wagenreihe sechsmal abgehen. Sie mussten jedes Gepäckfach, jede Verriegelung und jeden Notrufpunkt prüfen. Beim siebten Rundgang entfernte Mara unbemerkt einen Sicherheitshammer.
Nur Salma bemerkte es.
Mara Vey„Gute Augen“, sagte Mara.
Salma wartete auf Lob.
Mara Vey„Jetzt lernen Sie, sie für Menschen zu benutzen“, fügte Mara hinzu.
Im Fahrgastdienst ging es nur zum kleineren Teil um Tickets. Salma lernte, Panik zu erkennen, bevor sie laut wurde. Sie lernte, welche Fragen man einem verirrten Kind stellte und welche nicht. Sie lernte, dass Reisende mit zu leichtem Gepäck oft mehr zurückließen als Menschen mit fünf Koffern. Vor allem lernte sie, dass Regeln selten für den Augenblick geschrieben waren, in dem man sie brach. Sie waren für die Untersuchung danach geschrieben.
Ilyras Arbeit veränderte sich ebenfalls. Am Anfang erzählte sie begeistert von Wolkenmodellen und den tiefen Energiebrunnen unter Berenice. Später sprach sie nur noch von Schichten. Sie kam spät nach Hause, legte ihr Dienstgerät mit dem Display nach unten auf den Tisch und erschrak bei privaten Nachrichten.
Salma„Ist etwas passiert?“, fragte Salma eines Abends.
Ilyra„Auf Berenice passiert ständig etwas“, antwortete Ilyra.
Salma„Du weißt, was ich meine.“
Ilyra schob ihr Essen hin und her. „Die Behörde verkauft freie Schildleistung an Meridian. Industriefrachter bekommen Wetterfenster, während Siedlungen am Äquator evakuiert werden.“
Salma„Darfst du mir das erzählen?“
Ilyra„Nein“, sagte Ilyra. „Und genau das ist das Problem.“
Meridian war damals schon mehr als ein Verkehrsunternehmen. Der Konzern kontrollierte Trassen, Transittore und ein Drittel der Energieverträge der Kernsysteme. Auch der Midnight Starliner fuhr unter einer Meridian-Lizenz. Auf jeder Fahrkarte stand, dass Sicherheit Vorrang habe. Ilyra zeigte Salma Tabellen, in denen Sicherheit als Kostenstelle geführt wurde.
Salma verstand nicht alle Zahlen. Sie verstand aber, dass ein Sturmfenster über einer Raffinerie geöffnet und dafür über einer Küstensiedlung geschlossen worden war. Zweiundvierzig Menschen waren gestorben. Die öffentliche Untersuchung sprach von einer unvorhersehbaren Kettenreaktion.
Ilyra„Es war vorhersehbar“, sagte Ilyra. „Ich habe die Simulationen gesehen.“
Salma„Dann gib sie der Aufsicht“, schlug Salma vor.
Ilyra„Die Aufsicht hat sie freigegeben.“
Ilyra begann Kopien anzufertigen. Nicht viele, nie auf einem Gerät, das auf ihren Namen registriert war. Salma half nicht. Sie hielt Wache, während ihre Schwester in einem öffentlichen Terminal Daten übertrug, und redete sich ein, Wachehalten sei etwas anderes als Beteiligung.
Elf Jahre nach Beginn ihrer Ausbildung lernte Ilyra Kellan Dorr kennen, einen Prüfer der Behörde. Er war höflich, klug und schien ihren Zorn zu teilen. Dahl mochte ihn. Miran misstraute jedem Mann, der seine Arbeitsstiefel nie selbst putzte. Salma war dankbar, dass Ilyra wieder lachte.
Sechs Monate später zog Ilyra zu Kellan. Ein weiteres halbes Jahr später hörte sie auf zu lachen.
Ilyra„Er liest meine Nachrichten“, sagte Ilyra, als sie Salma heimlich im Bahnhof traf.
Salma„Dann komm nach Hause“, antwortete Salma.
Ilyra„Es geht nicht nur um ihn.“ Ilyra blickte zur Galerie hinauf. „Kellan arbeitet für die interne Sicherheit. Er weiß von den Kopien.“
Salma„Hat er dich bedroht?“
Ilyra„Er nennt es Schutz“, sagte Ilyra. „Wenn ich stillhalte, wird nichts gemeldet. Wenn ich gehe, bin ich eine Saboteurin.“
Salma sah die Züge unter der Kuppel und dachte zum ersten Mal nicht an Ziele, sondern an Türen.
Kapitel 03
Die rote Uniform
Salmas erste feste Strecke führte von Berenice nach Aster Vale. Sie war neunzehn und trug eine Uniform, die an den Schultern zu weit war. Mara Vey kontrollierte vor jeder Abfahrt ihre Manschetten, ihre Dienstmarke und die Stellung ihres Kinns.
Mara Vey„Fahrgäste sehen zuerst, ob Sie selbst glauben, dass alles unter Kontrolle ist“, erklärte Mara.
Salma„Und wenn es nicht unter Kontrolle ist?“, fragte Salma.
Mara Vey„Dann müssen sie es nicht an Ihrem Kinn erkennen.“
Die Route dauerte nur vier Stunden, aber Salma sammelte in ihr mehr Geschichten als in den neunzehn Jahren zuvor. Ein Mann verpasste beinahe die Geburt seines Kindes, weil er am falschen Tor wartete. Eine Musikerin reiste mit der Asche ihres Publikumsleiters. Drei Studenten fuhren ohne Rückfahrkarte zu einer Demonstration und kamen zwei Wochen später zu zweit zurück.
Salma begann, Namen vor dem Einsteigen zu lernen. Sie sprach sie leise, während sie die Liste prüfte. Namen waren keine Garantie, jemanden zu kennen. Sie verhinderten nur, dass ein Mensch vollständig zu einer Sitznummer wurde.
Mara brachte ihr die ungeschriebenen Regeln bei. Weck niemanden vor einer Grenze, wenn es nicht nötig ist. Frage einen Flüchtenden nicht, ob er sicher sei; frage, ob er Hilfe braucht. Berühre niemals ungefragt den Koffer eines Trauernden. Und sage bei der Begrüßung nicht: Willkommen an Ihrem Ziel.
Salma„Warum nicht?“, wollte Salma wissen.
Mara Vey„Weil wir nur wissen, wo der Zug hält“, antwortete Mara. „Nicht, ob ein Mensch dort ankommt.“
Während Salmas ersten Jahren auf der Strecke verschärfte sich Ilyras Lage. Kellan hatte ihre Zugangscodes sperren lassen. Offiziell geschah das wegen einer Routineprüfung. Inoffiziell durfte sie das gemeinsame Quartier nur mit seiner Bestätigung verlassen. Die Behörde nannte solche Maßnahmen Schutzauflage. Sie waren für Beschäftigte vorgesehen, die mit sensiblen Daten in Kontakt gekommen waren und als psychisch belastet galten.
Ilyra„Er hat einen Arzt gefunden, der mich als instabil einstuft“, sagte Ilyra. „Wenn ich mich wehre, bestätigt das nur den Bericht.“
Salma„Mutter kennt jemanden im Krankenhaus“, sagte Salma. „Wir bekommen ein Gegengutachten.“
Ilyra„Und wohin soll ich dann?“
Salma„Zu uns.“
Ilyra schüttelte den Kopf. „Dann durchsuchen sie euch. Vater verliert seine Freigabe. Du deine Stelle.“
Salma wurde wütend. „Hör auf, für uns zu entscheiden.“
Ilyra„Irgendjemand muss es tun“, erwiderte Ilyra.
Die Schwestern stritten auf einem Wartungssteg über Gleis Null. Es war die älteste Strecke der Station, außen an der Kuppel entlang. Dort hatte Salma als Kind mit Miran gestanden. Der Bahnsteig wurde nur noch für Nachtzüge und technische Überführungen genutzt. Unter ihnen drehte sich Berenice. Über ihnen lagen echte Sterne, sobald sie den projizierten Bereich der Kuppel verließen.
Ilyra zog einen dünnen Datenträger aus dem Ärmel. „Hier sind die Schildsimulationen, die Zahlungsanweisungen und die Namen der Prüfer“, sagte sie. „Alles.“
Salma wich zurück. „Warum gibst du das mir?“
Ilyra„Weil du Zugang zu Zügen hast.“
Salma„Nein.“
Ilyra„Salma.“
Salma„Nein“, wiederholte Salma. „Ich kann dich auf eine Verbindung setzen. Ich kann einen Platz finden. Aber ich transportiere keine gestohlenen Behördendaten.“
Ilyras Gesicht wurde still. „Gestohlen.“
Salma hörte das Wort, sobald es ihren Mund verlassen hatte. Es klang wie Kellan. Es klang wie die Aufsicht. Es klang nicht wie eine Schwester.
Salma„So meinte ich das nicht“, sagte Salma.
Ilyra„Doch“, antwortete Ilyra. „Du meinst, ich habe recht. Aber nur, solange dein Name nicht danebensteht.“
Sie steckte den Datenträger wieder ein und ging.
Salma folgte ihr nicht.
Drei Tage später wurde an der Küste eine weitere Siedlung geräumt. Meridian veröffentlichte eine Erklärung über außergewöhnliche atmosphärische Belastungen. Die Behörde versprach eine unabhängige Prüfung. Kellan Dorr erhielt eine Beförderung.
Am Abend fand Salma in ihrem Dienstfach ein Ticket nach Lumen. Es war auf den Namen Nera Sil ausgestellt. Der Geburtscode gehörte Ilyra.
Auf der Rückseite stand nur: Morgen. 22:10. Bitte.
Kapitel 04
Die offene Tür
Der Tag, an dem Salma ihre Schwester verlor, begann mit einer Verspätung von sieben Minuten.
Später erinnerte sie sich an jede Anzeige. Linie 4 nach Aster Vale: plus drei. Frachtzug 82: planmäßig. Nachtverbindung nach Lumen: Bahnsteigwechsel von sechs auf Null. Als ließe sich Schuld in Abfahrtszeiten aufteilen.
Ilyra erschien um 21:43 Uhr. Sie trug einen grauen Mantel und hatte einen kleinen Koffer bei sich. Ihr Haar war kürzer als am Vortag. Eine blasse Stelle am Ringfinger zeigte, dass sie ihren Verbindungschip entfernt hatte.
Ilyra„Du bist gekommen“, sagte Ilyra.
Salma„Natürlich bin ich gekommen“, antwortete Salma.
Ilyra„Du hast gestern etwas anderes gesagt.“
Salma„Ich habe gestern Angst gehabt.“
Ilyra sah sie lange an. Dann nickte sie. „Ich auch.“
Der Datenträger steckte im Futter des Koffers. Ilyra wollte ihn auf Lumen einer Journalistin übergeben. Danach sollte ein Schiff sie in die freien Häfen bringen. Nichts an dem Plan war sicher. Nur das Bleiben war sicherer nicht.
Salma prüfte das gefälschte Ticket. Der Name war sauber registriert, aber im Geburtsmonat fehlte eine Null. Ein kleiner Fehler, genau die Art Fehler, die ein Mensch übersah und ein System nicht.
Salma„Ich kann das korrigieren“, sagte Salma.
Ilyra„Dann tu es“, bat Ilyra.
Salma setzte den Stift an. In diesem Augenblick kam eine Nachricht der Leitstelle auf ihr Dienstgerät: Verdacht auf Datendiebstahl. Weibliche Person, dreißig, wahrscheinlich auf den äußeren Linien. Kontrolle aller Identitäten. Unterstützung durch interne Sicherheit.
Salmas Hand blieb über dem Papier stehen.
Ilyra„Was ist?“, fragte Ilyra.
Salma„Sie suchen dich.“
Ilyra„Das wussten wir.“
Salma„Nein. Jetzt. Hier.“
Eine Durchsage bat alle Reisenden, ihre Dokumente bereitzuhalten. An den Zugängen senkten sich die Kontrollbügel. Zwei Sicherheitsbeamte betraten die Halle. Hinter ihnen ging Kellan Dorr.
Ilyra folgte Salmas Blick. „Schließ die Tür“, sagte sie.
Der Nachtzug stand abfahrbereit auf Gleis Null. Noch neunundvierzig Sekunden. Salma konnte die Wagentür manuell verriegeln und dem Fahrer das Signal geben. Kellan würde einen Stoppbefehl senden. Der Zug könnte trotzdem den ersten Wartungsabschnitt erreichen, bevor die Sperre griff. Vielleicht würde die Leitstelle Salmas Lizenz löschen. Vielleicht würde Miran seine Freigabe verlieren. Vielleicht würden Dahl und er wegen Beihilfe verhört.
Neunundvierzig Sekunden waren viel Zeit, um ein ganzes Leben gegen ein anderes abzuwägen.
Ilyra„Salma“, sagte Ilyra. Ihre Stimme war kaum hörbar. „Bitte.“
Salma legte die Hand auf die Türsteuerung.
Kellan rief Ilyras Namen.
Ilyra stieg ein. Salma blieb auf dem Bahnsteig. Die Tür hätte sich auf ihren Befehl schließen müssen. Doch das Zugriffssymbol der Behörde blinkte bereits auf ihrem Display. Eine Dienstanweisung verlangte, den Einstieg offenzuhalten.
Salma gehorchte.
Kellan erreichte den Wagen. Zwei Beamte zogen Ilyra zurück auf den Bahnsteig. Sie wehrte sich nicht. Sie sah nur Salma an.
Salma„Es tut mir leid“, sagte Salma.
Ilyra antwortete nicht.
Die Tür blieb offen, bis die Sicherheitsbeamten verschwunden waren. Dann gab die Leitstelle die Strecke frei. Der Zug fuhr ohne Ilyra nach Lumen.
Kellan erklärte der Familie am nächsten Morgen, Ilyra befinde sich in einer medizinischen Einrichtung. Wegen akuter Gefährdung dürfe niemand sie besuchen. Drei Wochen später wurde aus der medizinischen Maßnahme ein Verfahren wegen Wirtschaftssabotage. Die Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Verteidiger war von der Behörde bestellt. Als Beweis dienten Zugriffsprotokolle, deren Richtigkeit Ilyra selbst nie bestreiten durfte.
Salma sagte aus. Sie bestätigte, dass ihre Schwester mit falschem Namen reisen wollte. Sie verschwieg den Datenträger. Sie glaubte, dadurch wenigstens die Anklage wegen Geheimnisverrats zu verhindern.
Es half nicht.
Ilyra wurde zu acht Jahren auf Morrow verurteilt, einer Arbeitskolonie an der äußeren Meridian-Trasse. Dahl schrieb jede Woche. Miran stellte Anträge auf Besuchserlaubnis. Alle wurden abgelehnt. Nach zwei Jahren kam der erste Brief zurück. Empfängerin verlegt. Keine neue Adresse.
Salma suchte in Fahrgastlisten, Frachtmeldungen und Transfertabellen. Sie fand den Namen Ilyra Rhys nie wieder.
Miran sprach nicht über den Abend auf Gleis Null. Dahl sprach über nichts anderes. Sie fragte Salma immer wieder, warum die Tür nicht geschlossen worden sei. Salma gab Antworten über Zugriffssymbole, Sperrbefehle und die Gefahr für die Familie. Jede Antwort war wahr. Keine war ausreichend.
Mara Vey bot ihr an, vorübergehend in der Verwaltung zu arbeiten.
Mara Vey„Sie dürfen auch kündigen“, sagte Mara. „Niemand verlangt, dass Sie weiter Züge begleiten.“
Salma„Ich verlange es“, antwortete Salma.
Mara Vey„Warum?“
Salma blickte auf die Abfahrtstafel. „Weil ich wissen muss, ob ich die nächste Tür schließe.“
Mara musterte sie lange. „Dann hoffen Sie, dass Sie nicht zu lange auf die Gelegenheit warten.“
Salma wartete achtundzwanzig Jahre.
Kapitel 05
Namen statt Nummern
Die Jahre nach Ilyras Verurteilung waren nicht leer. Sie waren voll von Menschen, deren Namen Salma behalten konnte, weil sie den einen Namen nicht fand.
Sie arbeitete zunächst auf kurzen Pendellinien. Später begleitete sie Verbindungen nach Lumen, Port Meridian und Solares. Mit jeder Prüfung stieg sie eine Stufe auf. Sie lernte Evakuierungen, medizinische Erstversorgung und die alten mechanischen Systeme, die in modernen Zügen nur noch auf Notfallplänen vorkamen. Wenn andere nach Schichtende in den Speiseringen saßen, studierte Salma Trassenkarten.
Mara Vey beobachtete ihren Eifer mit Sorge. „Eine Laufbahn ist kein Bußgang“, sagte sie.
Salma„Meine auch nicht“, widersprach Salma.
Mara Vey„Sie schlafen im Bereitschaftsraum.“
Salma„Nur bei Doppelschichten.“
Mara Vey„Sie haben seit vier Monaten Doppelschichten.“
Salma schloss ihre Tasche. „Zu Hause wartet niemand.“
Mara Vey„Das ist kein Naturgesetz“, erwiderte Mara.
Es hätte jemanden geben können. Ein Techniker namens Oren Tal brachte Salma zwei Jahre lang Kaffee an den Bahnsteig. Er war geduldig, lachte leise und wusste, wann sie nicht über Ilyra sprechen konnte. Sie teilten eine Wohnung in Ring B und planten eine Reise, die keinen Dienstplan enthielt. Dann bat Oren sie, eine Strecke in der Nähe von Berenice zu übernehmen.
Oren„Ich möchte nicht jeden Morgen prüfen, ob dein Schiff zurückgekehrt ist“, sagte Oren.
Salma„Es ist ein Zug“, antwortete Salma.
Oren„Du weißt, was ich meine.“
Salma wusste es. Sie konnte ihm trotzdem nicht versprechen zu bleiben. Oren zog aus, ohne eine Tür zuzuschlagen. Gerade deshalb tat es weh.
Miran starb einige Jahre später an einem Herzstillstand auf einem Wartungssteg. Er hatte bis zum letzten Tag gearbeitet. In seinem Spind fand Salma eine alte Zeichnung von ihr und Ilyra: zwei Mädchen vor einem silbernen Zug, über ihnen Sterne in grüner Farbe. Miran hatte auf die Rückseite einen Satz geschrieben. Felder tragen Züge. Menschen tragen Entscheidungen.
Dahl wurde stiller. Sie gab Salma nicht länger die Schuld, aber Vergebung war etwas anderes. Einmal saßen Mutter und Tochter am Fenster eines Cafés, von dem aus man die Abflughalle sah. Eine junge Frau rannte einem Zug hinterher, obwohl die Türen bereits geschlossen waren. Der Fahrer öffnete noch einmal.
Dahl„So einfach“, sagte Dahl.
Salma antwortete nicht.
Nach Dahls Tod räumte Salma die alte Wohnung. Der verschlossene Metallkoffer stand noch immer im Schrank. Die grauen Socken waren längst verschenkt. Stattdessen lagen darin Ilyras zurückgesandte Briefe, Mirans Besuchsanträge und eine Kopie des Urteils. Salma nahm den Koffer mit. Sie öffnete ihn danach nur an Ilyras Geburtstag.
Im Dienst wurde sie zu der Frau, die jedes Gesicht bemerkte. Sie wusste, wann ein Ehemann nicht zu seiner Frau gehörte, obwohl ihre Tickets gemeinsam gebucht waren. Sie erkannte Minderjährige, die das Alter auf ihren Pässen auswendig gelernt hatten, aber ihren angeblichen Geburtsort nicht aussprechen konnten. Sie meldete Menschenhandel, verhinderte drei Suizide und fand siebenundvierzig verlorene Kinder. Die offizielle Personalakte nannte sie zuverlässig, gelegentlich eigenmächtig und außergewöhnlich aufmerksam.
Salma führte ein kleines Papierheft. Für jede Fahrt schrieb sie die Namen der Reisenden hinein, die Hilfe gebraucht hatten. Keine Adressen, keine Geheimnisse, nur Namen und manchmal einen einzigen Satz.
Teren Voss – konnte nach der Beerdigung nicht aussteigen.
Maya Renn – wollte nicht mit ihrem Vater weiterfahren.
Orin Pell – gab sein letztes Essen einem Fremden.
Die Hefte füllten eine Schublade. Salma behauptete, sie brauche sie für Berichte. In Wahrheit waren sie ihr Beweis, dass Hinsehen eine Handlung sein konnte.
Mit vierunddreißig übernahm sie erstmals den Midnight Starliner. Mara Vey begleitete sie auf der ersten Fahrt. Der Zug war älter geworden, aber in seinen Scheiben lag noch immer der Bahnhof ihrer Kindheit. Achtzehn Wagen bedeuteten bei voller Belegung fast sechshundert Reisende. Salma ging jede Nacht mehr als zwanzig Kilometer durch die Gänge.
Mara Vey„Sie müssen nicht jeden Namen auswendig lernen“, sagte Mara.
Salma„Wie viele dann?“, fragte Salma.
Mara Vey„Die, die Sie brauchen.“
Salma„Das weiß ich erst hinterher.“
Mara seufzte. „Dann eben alle.“
Salma entwickelte ihre Begrüßung: „Für diese Nacht ist dies Ihr Platz.“ Sie vermied das Wort Ziel. Sie versprach keine sichere Zukunft, nur einen überprüften Sitz, eine verriegelte Tür und die Gewissheit, dass jemand ihre Anwesenheit bemerkt hatte.
Mara ging sechs Jahre später in den Ruhestand. Bei ihrer letzten Fahrt setzte sie sich in Wagen achtzehn und ließ Salma das gesamte Protokoll führen. Als sie in Solares ausstieg, reichte sie ihr die alte Messingpfeife der ersten Starliner-Besatzung.
Salma„Die brauchen wir seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagte Salma.
Mara Vey„Das ist bei Erinnerungen meistens so“, antwortete Mara.
Salma„Was soll ich damit?“
Mara sah zum Zug zurück. „Merken, wann ein Signal nicht aus einem Lautsprecher kommen kann.“
Kapitel 06
Gleis Null
Zwölf Jahre vor Salmas letzter Fahrt wurde Gleis Null geschlossen.
Die offizielle Mitteilung sprach von einer Anpassung an moderne Sicherheitsstandards. Tatsächlich war die Strecke älter als die meisten Versicherungsverträge. Sie verlief außen an der Stationskuppel entlang, über Wartungsbrücken, deren Schutzfelder bei schweren Gewittern flackerten. Von dort sah man Berenice ohne Projektion und ohne getöntes Glas. Der Planet füllte die Hälfte des Himmels.
Salma liebte die Strecke. Fahrgäste wurden still, sobald der Zug die Kuppel verließ. Selbst Menschen, die ihr ganzes Leben auf Stationen verbracht hatten, legten die Hände an die Scheiben. Das echte All hatte keine Atmosphäre und brauchte keine Geräusche. Es war nicht schön, weil es für Menschen gemacht war. Es war schön, weil es gleichgültig blieb.
Der Unfall geschah in einem Frachtzug. Eine Halterung am äußeren Schienenring brach, nachdem Wartungsintervalle mehrfach verlängert worden waren. Der Zug blieb im Feld hängen; drei Wagen schlugen gegen die Sicherungsbarriere. Niemand starb, aber zwei Arbeiter verloren durch Druckabfall ihre Hände. Meridian erklärte die Strecke zum Risiko und sperrte sie, bevor eine Untersuchung nach den verschobenen Wartungen fragen konnte.
Miran hatte die Halterung Jahre zuvor beanstandet. Salma fand seinen Bericht im Archiv. Er trug sieben Freigabestempel und darunter den Vermerk: Ersatz im laufenden Betrieb wirtschaftlich nicht vertretbar.
Sie brachte die Akte zur Betriebsleitung. Direktor Corin Bale blätterte nicht einmal bis zur zweiten Seite.
Direktor Bale„Die Strecke ist geschlossen“, sagte Bale. „Das Problem ist erledigt.“
Salma„Die gleichen Halterungen sind auf Ring Ost verbaut“, erklärte Salma.
Direktor Bale„Dort gelten andere Lastprofile.“
Salma„Metall liest keine Lastprofile.“
Bale legte die Akte auf den Tisch. „Sie sind Zugbegleiterin, Frau Rhys.“
Salma„Leitende Zugbegleiterin.“
Direktor Bale„Dann leiten Sie Zugbegleiter.“
Salma nahm die Akte wieder mit. Zwei Monate später wurden die Halterungen auf Ring Ost ausgetauscht. Niemand erklärte, warum.
Gleis Null blieb funktionstüchtig. Wartungsfahrzeuge nutzten die Strecke einmal im Monat. Salma sorgte dafür, dass jede Starliner-Besatzung den manuellen Zugang kannte. Sie nannte es Notfallvorsorge. Bale nannte es ihre persönliche Besessenheit.
Der Lokführer Rian Vel teilte diese Besessenheit. Er war auf Frachtrouten groß geworden und vertraute automatischen Systemen nur, wenn er wusste, wie man sie abschaltete. Rian und Salma arbeiteten mehr als fünfzehn Jahre zusammen. Sie waren keine engen Freunde außerhalb des Zuges. Innerhalb des Zuges kannten sie die Pausen im Atem des anderen.
Rian„Wenn du ‚eine kurze Frage‘ sagst, wird es teuer“, bemerkte Rian einmal.
Salma„Nur für Meridian“, erwiderte Salma.
Rian„Das beruhigt mich überhaupt nicht.“
Rian half ihr, Gleis Null zweimal jährlich heimlich zu testen. Sie meldeten die Fahrten als Bremsprüfungen in der äußeren Schleife. Die Strecke war rauer geworden, aber die Felder hielten. An drei Stellen musste ein Zug unter zwanzig Prozent Leistung bleiben. Der Übergang zur Haupttrasse konnte nur manuell geschaltet werden.
Rian„Wofür üben wir das?“, fragte Rian bei der vierten Testfahrt.
Salma„Für einen Stromausfall“, antwortete Salma.
Rian„Wir haben sechs andere Evakuierungswege.“
Salma„Dann für den siebten Fall.“
Rian sah sie von der Seite an. „Hat dieser Fall einen Namen?“
Salma dachte an Ilyra. „Noch nicht.“
Die Jahre machten aus Gleis Null eine Legende. Junge Techniker erzählten, dort draußen fahre ein leerer Zug um die Kuppel. Kinder pressten ihre Gesichter an die Scheiben und warteten auf sein Licht. Salma korrigierte niemanden. Ein Gespenst war manchmal nur eine Strecke, die ein Unternehmen lieber vergessen wollte.
Der Midnight Starliner selbst wurde modernisiert. Neue Sitze, neue Anzeigen, neue Zugänge zu den Transittoren. Seine achtzehn Wagen blieben. Meridian hätte sie auf zwölf verkürzt, wenn die Marke nicht so eng mit der Zahl verbunden gewesen wäre. In Werbeaufnahmen saßen elegante Reisende unter Sternen und tranken goldene Getränke. Salma erkannte keinen einzigen Geruch ihrer echten Fahrten: kalten Kaffee, nasse Kleidung, Desinfektionsmittel und Angst.
Als sie fünfundfünfzig wurde, bot Bale ihr einen Vertrag als Ausbilderin an. Kein Nachtdienst, feste Stunden, eigenes Büro.
Salma„Sie wollen mich von den Zügen haben“, stellte Salma fest.
Direktor Bale„Ich will Ihre Erfahrung erhalten“, sagte Bale.
Salma„In einem Raum ohne Fenster.“
Direktor Bale„In einem Raum ohne Fahrgäste“, korrigierte er.
Salma lehnte ab. Daraufhin erhielt sie einen verbindlichen Termin für die medizinische Ruhestandsprüfung. Noch zwölf reguläre Fahrten, dann würde Meridian für sie entscheiden.
Sie begann, jede Abfahrt zu zählen.
Kapitel 07
Was Reisende tragen
Die vorletzte Fahrt des Sommers brachte Salma eine Nachricht, auf die sie achtundzwanzig Jahre gewartet hatte.
Der Absender hieß Archiv Morrow. Die Arbeitskolonie war vor sieben Jahren geschlossen worden, nachdem Meridian die Förderrechte verkauft hatte. Eine unabhängige Stiftung digitalisierte nun die Personalakten. Angehörige konnten Auskunft beantragen. Salma hatte das Formular so oft ausgefüllt, dass sie die Fallnummer auswendig wusste.
Diesmal enthielt die Antwort eine Datei.
Ilyra Rhys war nicht verlegt worden. Sie war fünf Jahre nach ihrer Verurteilung bei einem Unfall im Versorgungstunnel 4 gestorben. Ein Kühlrohr war gebrochen. Die Schichtleitung hatte die Evakuierung verzögert, um den Förderbetrieb nicht zu unterbrechen. Elf Gefangene starben.
Der Bericht nannte Ilyra Nummer M-4418.
Angehängt war eine Aussage einer überlebenden Arbeiterin. Ilyra habe beim Druckabfall eine manuelle Schleuse offengehalten, bis die Frauen aus dem hinteren Abschnitt hindurch waren. Sie selbst habe es nicht mehr geschafft.
Salma las den Absatz, bis die Wörter keine Sprache mehr waren.
Rian fand sie im leeren Speisewagen. Vor ihr stand eine Tasse, die sie nicht berührt hatte.
Rian„Wer ist gestorben?“, fragte er.
Salma„Meine Schwester“, antwortete Salma.
Rian setzte sich. „Heute?“
Salma„Vor dreiundzwanzig Jahren.“
Salma erzählte ihm zum ersten Mal alles: die Daten, den falschen Pass, Kellan, die Tür und die Aussage. Rian unterbrach sie nicht. Als sie fertig war, fragte er nur: „Hätte der Zug es geschafft?“
Salma„Ich weiß es nicht.“
Rian„Das ist nicht dasselbe wie nein.“
Salma„Es ist auch nicht ja“, sagte Salma.
Rian nahm die Tasse aus ihren Händen. „Du hast eine Entscheidung getroffen. Eine falsche vielleicht. Aber nicht ihren ganzen Tod.“
Salma„Dahl hat das anders gesehen.“
Rian„Dahl war ihre Mutter.“
Salma„Und ich ihre Schwester.“
Rian nickte. „Dann wirst du vermutlich nie ganz vernünftig darüber denken.“
Die Stiftung hatte auch die Prozessunterlagen freigegeben. Der Datenträger aus Ilyras Koffer war bei der Festnahme beschlagnahmt worden. Seine Inhalte galten inzwischen als authentisch. Die damaligen Wetterverträge hatten tatsächlich Siedlungen gefährdet. Zwei ehemalige Prüfer waren verurteilt, ein Entschädigungsfonds war eingerichtet worden. Kellan Dorr starb lange vor der Untersuchung bei einem Shuttleunfall. Ilyras Name stand in einem Anhang unter Hinweisgeberinnen, posthum rehabilitiert.
Salma empfand keine Gerechtigkeit. Ein Anhang war kein Leben.
Sie druckte Ilyras Namen auf ein Stück Papier und legte es in ihre Brusttasche. Am Ende der Schicht nahm sie das alte Heft aus ihrer Tasche. Auf der ersten freien Seite schrieb sie: Ilyra Rhys – hielt eine Schleuse offen.
Rian stand in der Tür. „Hilft das?“, fragte er.
Salma„Nein“, antwortete Salma. „Aber es stimmt.“
In den folgenden Tagen wurde Salma ungewöhnlich ungeduldig mit Vorschriften. Sie ließ eine Familie trotz zu schwerer Koffer einsteigen, weil der nächste Zug erst nach Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung fuhr. Sie weigerte sich, einen verwirrten Mann der Stationssicherheit zu übergeben, bevor ein Arzt ihn untersucht hatte. Bale bestellte sie zweimal in sein Büro.
Direktor Bale„Ihre Ruhestandsprüfung ist in acht Tagen“, sagte er beim zweiten Mal. „Machen Sie es uns nicht unnötig schwer.“
Salma„Wem ist uns?“, fragte Salma.
Direktor Bale„Der Gesellschaft.“
Salma„Welche?“
Bale schob ein Dokument über den Tisch. „Bestätigen Sie, dass Sie nach der nächsten Fahrt in den Verwaltungsdienst wechseln. Dann bleibt Ihre volle Pension erhalten.“
Salma las die Bedingungen. Sie sollte Schulungen über regelkonformes Verhalten leiten. Als Fallbeispiel war der Umgang mit nicht übereinstimmenden Identitätsdaten genannt.
Salma„Sie möchten, dass ich Menschen beibringe, wann eine Tür offenbleiben muss“, sagte Salma.
Direktor Bale„Ich möchte, dass Sie Ihre Erfahrung weitergeben.“
Salma schob das Dokument zurück. „Dann müssen Sie mit der Erfahrung leben, die ich tatsächlich habe.“
Sie unterschrieb nicht.
Kapitel 08
Die achtzehnte Liste
Am Nachmittag ihrer letzten geplanten Nachtfahrt lag Berenice unter einem Gürtel aus Gewittern. Blitze wanderten durch die Wolken, lautlos aus der Höhe. In der Kuppel des Nordbahnhofs schalteten die Projektoren um einundzwanzig Uhr die Sterne an.
Salma war drei Stunden vor Abfahrt im Dienst. Sie prüfte Wagen, Notstrom und Heizung. Im dritten Wagen reagierte ein Temperatursensor verzögert. Techniker versprachen, das Modul bei der nächsten großen Wartung auszutauschen. Salma ließ sich eine Spule Draht und zwei Ersatzkontakte geben.
Rian„Du erwartest immer den Zusammenbruch der Zivilisation“, sagte Rian, als er die Teile sah.
Salma„Nur der Heizung“, antwortete Salma.
Rian„Fast dasselbe in Wagen drei.“
Rian wirkte müde. Seine eigene Lizenzprüfung stand im Winter an. Auf dem Führerpult lag ein Bild seiner Enkelin, die eine Papiermütze mit dem Starliner-Zeichen trug. Salma deutete darauf.
Salma„Sie wird dir nicht glauben, dass du einmal pünktlich gefahren bist“, sagte Salma.
Rian„Das glaubt mir niemand“, erwiderte Rian. „Nicht einmal ich.“
Um 21:30 Uhr lud Salma die Passagierliste. Achtzehn Namen. Das war ungewöhnlich wenig für den Starliner, aber die Meridian-Trasse war wegen Militärtransporten nur eingeschränkt geöffnet. Neben jedem Namen stand dasselbe gelbe Symbol: Anschluss außerhalb der Kernsysteme.
Salma ging die Liste durch.
Hauptmann Eren Vos, Genesungsurlaub.
Alina Senn, neues Bürgerregister, ausgestellt am selben Tag.
Miko Ardell und sein Vater Toma, Umsiedlungsvertrag nach Helion, einer Welt mit zwei Sonnen.
Mara Calder, Ticket übertragen von Jun Calder.
Joren Tavel, Rückkehr nach neun Jahren Minenvertrag.
Suri An und Leda Orr, getrennte Buchungen, identische Zieladresse.
Pavel Ess, Sondergepäck: Resonanzinstrument.
Dr. Neva Tal, freiwillige Ausreise nach Berufsverfahren.
Cian Morro, Geschäftsreise.
Lian Serr, Lehrvertrag, medizinische Priorität wegen Schwangerschaft.
Ren Dava, Wartungstechniker, Vertragsende.
Yanis Muir, privater Anlass.
Oko Aster, ehemaliger Kartograf.
Pell Ask, Stationskoch ohne Rückfahrt.
Die Zwillinge Eno und Vara Quill, beide neunzehn, Ausbildungsplätze auf unterschiedlichen Monden von Solares.
Achtzehn Menschen. Achtzehn Gründe, auf einer Nachtlinie zu sitzen. Salma sprach jeden Namen leise aus. Bei Alina Senn hielt sie inne. Das Bürgerregister war echt ausgestellt, aber zu neu. Im Geburtscode fehlte der Monat.
Salma öffnete die internen Meldungen. Eine Sicherheitsnotiz warnte vor gefälschten Identitäten im Umfeld der Atmosphere Authority. Keine Namen. Keine Haftanordnung. Nur die Bitte, Unstimmigkeiten sofort zu melden.
Das Papier mit Ilyras Namen lag in Salmas Brusttasche.
Sie hätte den Fehler vorab melden können. Das wäre korrekt gewesen. Stattdessen druckte sie die Liste aus und steckte ihren alten Dienststift in die Jacke.
Rian„Problem?“, fragte Rian über den Kanal.
Salma„Noch nicht“, antwortete Salma.
Rian„Diese Formulierung beruhigt mich seit fünfzehn Jahren nicht.“
Salma blickte durch die Frontscheibe auf den silbernen Zug. „Vielleicht heute Nacht.“
In ihrem Dienstfach wartete eine neue Nachricht von Bale. Nach Abschluss der Fahrt solle sie sich unmittelbar zur medizinischen Prüfung melden. Ihr Zugang zum Fahrbetrieb ende um zwölf Uhr mittags.
Salma löschte die Nachricht nicht. Sie markierte sie als gelesen.
Dann nahm sie Maras alte Messingpfeife aus dem Spind, obwohl es dafür kein Protokoll gab. Sie befestigte sie an der Innenseite ihrer Jacke, direkt neben Ilyras Namen.
Um 22:56 Uhr öffnete Salma die Türen des Midnight Starliner.
Kapitel 09
Für diese Nacht
Der erste Fahrgast war Hauptmann Eren Vos.
Er trug keine Uniform, doch sein Rücken hielt sich so gerade, als erwarte er eine Inspektion. Unter dem Arm klemmte eine flache schwarze Schachtel. Bei jedem Türsignal zuckte seine rechte Hand.
Salma„Guten Abend, Hauptmann Vos“, begrüßte Salma ihn.
Eren Vos„Nur Vos“, sagte der Mann. „Der Dienstgrad ruht.“
Salma„Dann guten Abend, Herr Vos.“ Salma sah auf die Schachtel. „Zerbrechlicher Inhalt?“
Eren Vos„Nur Metall“, antwortete Vos.
Als hinter ihnen eine Gepäckklappe zuschlug, wurde sein Gesicht grau.
Salma„Wagen eins liegt weit vom Maschinenmodul“, erklärte Salma. „Die Fenster lassen sich vollständig verdunkeln. Oder Sie lassen einen Spalt offen.“
Vos musterte sie, als suche er nach Spott. „Was empfehlen Sie?“
Salma„Heute Nacht müssen Sie nichts beweisen“, sagte Salma. „Beides ist erlaubt.“
Vos nahm sein Ticket zurück. Seine Finger zitterten. „Ein Spalt“, entschied er.
Alina Senn erschien vier Minuten später. Sie trug einen dunklen Mantel, einen zu leichten Koffer und einen Pass, der vier Stunden alt war. Ihr Blick sprang von jeder Kamera zur nächsten. Salma scannte das Dokument. Das System markierte den fehlenden Geburtsmonat rot.
Salma„Ihr Geburtsmonat fehlt“, stellte Salma fest.
Alinas Lippen wurden blass. „Dann kann ich nicht fahren?“
Salma zog den Papierausdruck aus ihrem Klemmbrett. Der alte Dienststift lag schwer in ihrer Hand. Achtundzwanzig Jahre zuvor hatte sie denselben Fehler gesehen und gezögert.
Diesmal schrieb sie eine Null.
Salma„Jetzt fehlt er nicht mehr“, sagte Salma und setzte ihr Dienstsiegel darunter.
Alina starrte auf das Papier. „Warum?“
Salma„Weil eine unvollständige Zahl kein Grund ist, einen Zug zu verpassen“, antwortete Salma.
Sie wies der Frau einen Platz in Wagen zwei zu. Alina ging, ohne sich umzudrehen. Erst an der Tür blieb sie stehen.
Alina„Danke, Frau Rhys“, sagte Alina.
Salma hatte ihren Namen nicht genannt. Er stand auf dem Schild ihrer Uniform. Trotzdem fühlte sich die Anrede wie ein Versprechen an.
Miko Ardell ging seinem Vater auf dem Weg zur Kontrolle verloren. Toma Ardell sprach gleichzeitig mit einer Spedition, einer Behörde und vermutlich seiner ehemaligen Frau. Er schob drei Koffer durch die Sperre und bemerkte erst danach, dass sein Sohn fehlte.
Salma fand Miko an der Kuppelscheibe. Der Junge malte mit dem Finger Kreise in das Kondenswasser.
Miko„Das sind unsere neuen Sonnen“, erklärte Miko. „Die große heißt A und die kleine B. Papa sagt, ich werde die alte bald vergessen.“
Salma„Erwachsene sagen vieles, wenn sie selbst Angst haben“, erwiderte Salma.
Miko betrachtete sie. „Hast du Angst?“
Salma„Manchmal.“
Miko„Was sagst du dann?“
Salma dachte nach. „Dass ich die Türen prüfen muss.“
Miko schien die Antwort vernünftig zu finden. Salma gab ihm ein Reinigungstuch, auf dem er weiterzeichnen konnte, und führte ihn zu seinem Vater.
Toma„Ich hatte ihn im Blick“, behauptete Toma.
Salma„Dann brauchen Sie bessere Augen“, sagte Salma.
Toma öffnete den Mund, sah den Jungen an ihrer Hand und schloss ihn wieder. „Danke“, sagte er leiser.
Die alte Dame im roten Mantel hieß Mara Calder. Ihr Ticket war auf Jun Calder ausgestellt. Salma kannte die Beförderungsregeln: Tickets waren personengebunden. Übertragungen nach dem Tod erforderten eine Freigabe, drei Formulare und mindestens einen Arbeitstag.
Mara Calder„Mein Bruder wollte die Reise machen“, erklärte Mara Calder.
Salma„Wo ist er?“, fragte Salma, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
Mara Calder„Seit gestern tot.“ Die alte Dame hielt das Ticket in beiden Händen. „Wir wollten als Kinder nach Solares. Dann kam immer etwas. Arbeit. Unsere Eltern. Seine Krankheit. Jetzt kommt nichts mehr.“
Salma nahm das Ticket, strich den Namen aber nicht durch. „Möchten Sie seinen Platz am Fenster?“
Mara Calder nickte. „Darf ich das?“
Salma„Für diese Nacht ist es Ihr Platz“, antwortete Salma.
Danach kamen die Menschen schneller. Joren Tavel trug die breiten Schultern eines Minenarbeiters und ging, als erwarte er unter jedem Boden eine Schräge. Suri An und Leda Orr reichten ihre Tickets getrennt, obwohl ihre Hände sich berührten, sobald sie glaubten, niemand sehe hin. Pavel Ess bestand darauf, seine Resonanzharfe selbst zu tragen. Dr. Neva Tal fragte, wo medizinisches Personal gebraucht werde, bevor sie nach ihrem Sitz fragte.
Cian Morro erklärte dreimal, er reise zu einer Konferenz. Sein maßgeschneiderter Anzug war zerknittert, und sein Geschäftskonto hatte eine rote Markierung. Salma widersprach ihm nicht. Lian Serr, die schwangere Lehrerin, hielt ein Bild ihrer neuen Kolonie in der Hand. Drei Gebäude standen auf einer Ebene aus schwarzem Eis.
Lian Serr„Es soll im Sommer wärmer sein“, sagte Lian.
Salma„Wie warm?“, fragte Salma.
Lian Serr„Minus zwölf“, antwortete die Lehrerin.
Salma„Dann nehmen Sie den Platz nahe der Heizung.“
Ren Dava zählte mechanisch die Monate seines beendeten Vertrages. Yanis Muir spielte eine Nachricht auf seinem Gerät ab, stoppte sie aber jedes Mal vor dem Ende. Oko Aster trug einen Sternatlas aus Papier. Pell Ask roch nach gebratenen Zwiebeln und hatte ein Küchenmesser vorschriftsmäßig versiegelt. Eno und Vara Quill stritten darüber, wer zuerst am Fenster sitzen dürfe, obwohl ihre Ausbildungsorte nach Solares in entgegengesetzten Richtungen lagen.
Salma begrüßte jeden mit demselben Satz: „Für diese Nacht ist dies Ihr Platz.“
Um 23:41 Uhr waren alle achtzehn Namen markiert. Salma ging die Wagen ab. Vos saß im Dunkeln, aber sein Fenster war einen Fingerbreit hell. Alina stand neben ihrer Tür. Miko malte Sonnen auf das Tuch. Mara Calder hatte das Ticket ihres Bruders auf den leeren Nebensitz gelegt.
Im Führerstand prüfte Rian die Trassenfreigabe. „Militärverkehr auf Meridian“, meldete er. „Uns schieben sie vielleicht zwanzig Minuten.“
Salma„Vielleicht“, sagte Salma.
Rian„Bale hat angerufen“, fügte Rian hinzu. „Er wollte wissen, ob du an Bord bist.“
Salma„Was hast du gesagt?“
Rian„Dass die leitende Zugbegleiterin normalerweise mitfährt.“
Salma„Sehr hilfreich.“
Rian„Ich übe für die Verwaltung“, erwiderte Rian.
Salma lächelte. Dann sah sie drei Männer die Abflughalle betreten. Graue Mäntel. Kein Gepäck. Einer hielt ein Zugriffssymbol der internen Sicherheit in der Hand.
Alina erkannte sie ebenfalls.
Kapitel 10
Dreißig Sekunden
Um 23:58 Uhr sperrte die Leitstelle die Meridian-Trasse.
Militärtransporte hätten Vorrang, teilte eine automatische Stimme mit. Der Midnight Starliner müsse bis zum Morgen auf Gleis sechs warten. Salma hörte die Worte, während die drei Männer auf Wagen zwei zugingen.
Alina stand hinter der Scheibe. Ihr Koffer lag offen auf dem Sitz. Darin befanden sich nur zwei Hemden, ein versiegeltes Datenmodul und ein Foto, das sie gerade zerriss.
Der Mann an der Spitze zeigte Salma sein Zugriffssymbol. „Sicherheitsprüfung“, sagte er über die Außenanlage. „Öffnen Sie Wagen zwei.“
Die Türen waren noch nicht verriegelt. Salma musste nichts öffnen. Sie musste nur nichts tun.
Ilyras Stimme war achtundzwanzig Jahre entfernt und unmittelbar neben ihr.
Schließ die Tür.
Salma aktivierte den internen Kanal. „Rian, wie lange bis zur technischen Abfahrbereitschaft?“
Rian„Zwei Minuten“, antwortete der Lokführer.
Salma„Du hast dreißig Sekunden.“
Rian„Die Trasse ist gesperrt.“
Salma„Gleis Null nicht.“
Rian schwieg. Salma hörte, wie er im Führerstand mehrere Anzeigen öffnete. Hinter der Scheibe hob der Sicherheitsmann das Zugriffssymbol höher.
Sicherheitsbeamter„Frau Rhys“, sagte er. „Bestätigen Sie die Anweisung.“
Salma schaltete den Außenkanal stumm.
Rian„Auf Gleis Null fehlt die Freigabe für Fahrgäste“, sagte Rian.
Salma„Die Felder wurden vor drei Monaten geprüft.“
Rian„Von uns.“
Salma„Das ist die gründlichste Prüfung, die diese Strecke in zwölf Jahren hatte.“
Rian„Wenn ich das tue, verliere ich die Lizenz“, sagte Rian.
Salma legte die Hand auf die Türsteuerung. „Dann sind wir schon zwei.“
Fünfzehn Sekunden.
Der Sicherheitsmann schlug gegen Wagen zwei. Alina wich zurück. In den Nachbarwagen standen Menschen auf. Hauptmann Vos hatte seine dunkle Scheibe geöffnet und beobachtete den Bahnsteig.
Rian atmete einmal tief ein. „Weiche Null reagiert nicht auf Fernsteuerung“, sagte er. „Jemand muss den manuellen Schalter im Servicegang halten.“
Salma„Das übernehme ich.“
Rian„Die Beschleunigung beginnt, bevor du zurück bist.“
Salma„Dann fahr langsam.“
Rian„Ich fahre immer langsam“, behauptete Rian.
Salma„Niemand auf vier Systemen glaubt das.“
Salma schloss alle Türen.
Die Männer erreichten Wagen zwei. Einer setzte ein Entriegelungsgerät an die Außenplatte. Salma deaktivierte die Kommunikation des Zuges mit dem Bahnsteig. Sofort gingen die normalen Lichter aus. Die Notversorgung sprang an und tauchte die Wagen in blaues Licht.
Ein sanfter Ruck lief durch den Starliner.
Salma rannte durch den Servicegang zur Weiche. Der manuelle Hebel saß hinter einer Abdeckung, die seit Jahren nicht geöffnet worden war. Sie brach das Siegel mit Maras Messingpfeife auf. Das Metall verbog sich. Der Hebel bewegte sich keinen Millimeter.
Rian„Noch zehn Meter“, warnte Rian über ihren Ohrkanal.
Salma stemmte beide Hände gegen den Griff. „Langsamer.“
Rian„Dann koppelt das Feld ab.“
Der Zug glitt rückwärts aus der Bucht. Auf dem Bahnsteig liefen Sicherheitsbeamte neben Wagen zwei her. Ein zweites Zugriffssymbol erschien auf Salmas Gerät. Sie warf es auf den Boden.
Der Hebel gab nach.
Die Weichenanzeige sprang von MERIDIAN auf NULL. Salma hielt den Griff, während die ersten Wagen über den Übergang schwebten. Die Magnetfelder griffen nacheinander. Jeder Impuls schlug durch ihre Arme. Eine automatische Warnung verlangte, den Hebel freizugeben. Salma hielt ihn weiter.
Rian„Wagen zehn“, meldete Rian.
Der Boden vibrierte. Salmas Schulter brannte.
Rian„Wagen vierzehn.“
Auf dem Bahnsteig blieb die Sicherheit zurück. Vor den Fenstern wich die Kuppel einem schwarzen Raum.
Rian„Achtzehn. Loslassen!“
Salma ließ den Hebel frei. Er schlug in die Ausgangsposition zurück. Die Weiche verriegelte sich hinter dem letzten Wagen. Der Midnight Starliner war auf Gleis Null.
Die Beschleunigung warf Salma gegen die Wand. Für einen Moment bekam sie keine Luft. Dann setzte sie sich auf, prüfte ihre Schulter und lachte einmal, kurz und ungläubig.
Rian„Lebst du?“, fragte Rian.
Salma„Dienstfähig“, antwortete Salma.
Rian„Das war nicht meine Frage.“
Salma„Ja.“
Rian„Gut. Dann darfst du jetzt erklären, warum unsere Fahrgäste den Planeten von unten sehen.“
Salma ging in den ersten Wagen. Unter ihnen drehte sich Berenice, blau und von Gewittern überzogen. Über ihnen lag das All ohne projizierte Sternbilder. Die achtzehn Reisenden standen an den Scheiben, obwohl die Sicherheitsansage sie bat, sitzen zu bleiben.
Hauptmann Vos hatte die Schachtel mit seinen Orden geöffnet. Sein Fenster war vollständig hell.
Alina wartete im Übergang zu Wagen zwei. „Sie kommen zurück“, sagte sie.
Salma„Nicht auf dieser Strecke“, antwortete Salma.
Alina„Sie sperren das Tor.“
Salma„Dann fahren wir nicht durch dieses Tor.“
Alina„Wegen mir verlieren Sie alles.“
Salma sah den echten Sternenhimmel. „Nicht alles“, sagte sie.
Die Umleitung kostete vierzig Minuten. Salmas Stelle kostete sie weniger Zeit. Noch bevor der Starliner wieder die Haupttrasse erreichte, traf die Nachricht der Betriebsleitung ein: sofortige Suspendierung nach Abschluss der Sicherheitslage, Untersuchung wegen Gefährdung des Verkehrs, mutmaßliche Beihilfe zur Flucht und Entzug aller Systemrechte.
Salma las die Nachricht zweimal. Dann speicherte sie eine Kopie und löschte die Anzeige.
Sie hatte noch neun Stunden Dienst und achtzehn Menschen an Bord.
Kapitel 11
Achtzehn Herzen
Niemand schlief.
Zunächst kamen die Reisenden aus Neugier in den Speisewagen. Sie wollten wissen, warum der Zug die Station rückwärts verlassen hatte, ob die Sterne draußen echt waren und ob sie verhaftet würden. Salma beantwortete die Fragen, auf die sie Antworten hatte.
Salma„Die Strecke ist stabil“, erklärte Salma. „Wir erreichen die Haupttrasse in zweiunddreißig Minuten. Danach fahren wir ohne planmäßigen Halt nach Solares.“
Cian Morro„Und die Männer am Bahnsteig?“, fragte Cian Morro.
Salma„Sind nicht an Bord“, antwortete Salma.
Cian Morro„Das ist keine Antwort.“
Salma„Heute Nacht genügt sie.“
Morro wollte protestieren. Dr. Neva Tal sah auf Salmas Schulter. „Sie bluten“, stellte die Ärztin fest.
Erst da bemerkte Salma den Riss in ihrer Uniform. „Nur eine Schürfung.“
Dr. Neva Tal„Das entscheide ich“, sagte Neva.
Die Ärztin hatte ihre Zulassung verloren, weil sie Medikamente an Menschen ohne Bürgerstatus verteilt hatte. Sie versorgte Salma mit der Ruhe einer Frau, die ihre beruflichen Entscheidungen nicht bereute. Währenddessen öffnete Pavel Ess den Kasten seiner Resonanzharfe.
Pavel„Ist Musik in einer Sicherheitslage erlaubt?“, fragte Pavel.
Salma„Nur gute“, antwortete Salma.
Pavel strich über die Saiten. Ein tiefer Ton füllte den Wagen, warm und vibrierend. Dann spielte er ein altes Lied von der Erde. Niemand kannte die Worte. Mara Calder kannte die Melodie. Sie summte zuerst zögernd, dann lauter.
Miko verteilte Servietten, auf die er zwei Sonnen malte. Er gab eine an Hauptmann Vos. Der Soldat hielt sie, als wäre sie ein offizielles Dokument.
Miko„Warst du schon auf einer Welt mit zwei Sonnen?“, fragte Miko.
Eren Vos„Nein“, antwortete Vos.
Miko„Hast du auf vielen Welten gekämpft?“
Toma Ardell wollte seinen Sohn unterbrechen. Vos hob eine Hand.
Eren Vos„Auf drei“, sagte Vos.
Miko„Hast du gewonnen?“, fragte Miko.
Vos sah auf die gemalten Kreise. „Ich bin zurückgekommen.“
Miko„Das ist nicht dasselbe“, stellte Miko fest.
Eren Vos„Nein“, sagte Vos. „Ist es nicht.“
Lian Serr bat Vos, ihre Tasse zu halten, während sie den schweren Mantel auszog. Es war eine kleine Bitte. Der Soldat nahm die Tasse mit beiden Händen. Als er sie zurückgab, zitterten sie weniger.
Alina blieb nahe der Tür. Sie beobachtete jede Bewegung, als müsse sie den Moment erkennen, in dem die anderen beschlossen, sie auszuliefern. Salma stellte sich neben sie.
Alina„Warum haben Sie das getan?“, fragte Alina.
Salma„Vor achtundzwanzig Jahren stand meine Schwester in einer Abflughalle“, antwortete Salma. „Jemand hätte nur eine Tür schließen müssen. Niemand tat es.“
Alina„Was geschah mit ihr?“
Salma„Sie starb“, sagte Salma.
Alina senkte den Blick. „Es tut mir leid.“
Alina„Mir auch.“
Alina„Ich bin nicht Ihre Schwester.“
Salma„Nein“, bestätigte Salma. „Sie sind Alina Senn. Für heute reicht das.“
Alina lächelte zum ersten Mal. Es war kein glückliches Lächeln, aber eines, das ihrem Gesicht gehörte.
Gegen drei Uhr fiel im dritten Wagen die Heizung aus.
Salma hatte mit dem defekten Sensor gerechnet, nicht mit dem vollständigen Ausfall. Die Temperatur sank innerhalb von Minuten. Rian konnte den Zug im Transittunnel nicht abbremsen, ohne das Torfenster zu verpassen.
Ren Dava und Joren Tavel öffneten das Wartungsfeld. Ein Kontakt war geschmolzen. Salmas Ersatzteil passte, doch die Halterung war gebrochen.
Ren Dava„Wir brauchen etwas Leitfähiges mit Federung“, sagte Ren.
Pavel hielt einen dünnen Draht hoch. „Eine Saite.“
Joren Tavel„Danach klingt Ihre Harfe anders“, warnte Joren.
Pavel„Nach heute klingt alles anders“, antwortete Pavel.
Sie reparierten die Heizung mit einem Stück der Resonanzharfe. Als die warme Luft wieder einsetzte, applaudierten die Passagiere. Cian Morro bot Joren Geld an.
Joren Tavel„Wofür?“, fragte der Minenarbeiter.
Cian Morro„Für die Reparatur.“
Joren zeigte auf den Wagen. „Der gehört mir nicht.“
Cian Morro„Aber Sie haben gearbeitet.“
Joren Tavel„Ich habe neun Jahre gearbeitet“, sagte Joren. „Heute Nacht wollte ich damit aufhören.“
Alle sahen Cian an. Der Unternehmer begann zu lachen. Es klang zunächst falsch, dann erleichtert.
Cian Morro„Ich fahre zu keiner Konferenz“, gestand Cian. „Meine Firma ist heute Morgen zusammengebrochen. Ich fahre zu meinem Bruder. Wir haben seit sechzehn Jahren nicht gesprochen.“
Mara Calder„Rufen Sie vorher an“, riet Mara Calder.
Cian Morro„Dann sagt er vielleicht nein.“
Mara Calder„Und wenn Sie vor der Tür stehen, kann er es nicht?“
Cian dachte darüber nach. „Sie sind eine gefährliche Frau.“
Mara Calder„Ich habe siebzig Jahre geübt“, erwiderte Mara.
Nach und nach erzählten weitere Menschen, warum sie reisten. Suri und Leda wollten auf Solares heiraten, weil ihre Familien auf Berenice die Verbindung ablehnten. Yanis Muir spielte die Nachricht ab, die er seit Stunden stoppte. Eine junge Frau sagte darin, sie könne nicht weiter auf seine Entscheidung warten. Yanis hatte nun vor, ihr nachzureisen, wusste aber nicht, ob er um Verzeihung oder nur um ein letztes Gespräch bitten durfte.
Oko Aster öffnete seinen Papieratlas. Er hatte als Kartograf Transittunnel eingezeichnet, bis Algorithmen seine Arbeit übernommen hatten. Nun wollte er einen Ort besuchen, der auf keiner seiner alten Karten existierte. Pell Ask hatte zwanzig Jahre in derselben Stationsküche gekocht und war eines Morgens aufgewacht, ohne sich an den Geschmack seines eigenen Essens zu erinnern. Eno und Vara Quill gaben zu, dass sie nur deshalb auf getrennte Monde gingen, weil jede Angst hatte, die andere um Verzicht zu bitten.
Der Zug wurde nicht zu einer Familie. Salma misstraute diesem Wort, wenn es zu schnell verwendet wurde. Familien konnten lieben und versagen. Fremde konnten helfen und am nächsten Morgen wieder Fremde sein. Doch für einige Stunden hörten die achtzehn Reisenden auf, einander als Kulissen zu betrachten.
Salma ging durch die Wagen, prüfte Türen, Temperaturen und Tickets. Bei jedem Platz kannte sie nun mehr als einen Namen. Miko schlief mit einer bemalten Serviette auf der Brust. Vos saß daneben, weil Toma endlich selbst eingeschlafen war. Mara Calder hatte Juns Ticket an das Fenster geklebt, damit er Solares sehen konnte. Alina trug den dunklen Mantel nicht mehr.
Im Führerstand lag eine Flut von Nachrichten. Bale verlangte, der Zug solle vor Solares an einer Sicherheitsplattform halten. Rian hatte die Anweisung als technisch unmöglich markiert.
Salma„Ist sie unmöglich?“, fragte Salma.
Rian„Nein“, antwortete Rian. „Aber sehr unvernünftig.“
Salma„Wegen der Bremsen?“
Rian„Wegen uns“, sagte Rian.
Solares bestätigte die reguläre Einfahrt. Die Stationsbehörde verlangte eine Passagierliste und kündigte eine Untersuchung an, untersagte Meridian aber einen Zugriff außerhalb ihres Hafengebiets. Wenn sie die Bahnsteigtüren erreichten, befanden sich die Reisenden unter solarem Recht.
Salma„Dann erreichen wir die Türen“, entschied Salma.
Rian legte beide Hände auf das Pult. „Zum letzten Mal nach Fahrplan.“
Salma„Wir sind vierzig Minuten zu spät.“
Rian„Für uns ist das Fahrplan“, sagte er.
Kapitel 12
Ein anderer Morgen
Kurz vor dem Morgen erschien Solares als bernsteinfarbener Ring vor dem Starliner.
Sein Licht traf die Fenster und löste die künstliche Nacht aus den Abteilen. Die Anzeigen wechselten auf Ankunft. In den Wagen schlossen Menschen ihre Koffer. Manche legten Dinge hinein, die sie auf Berenice noch nicht besessen hatten: eine bemalte Serviette, eine Adresse, die Melodie eines Liedes oder den Mut, eine Nachricht vollständig abzuspielen.
Salma bereitete die Durchsage vor. Ihre Stimme würde ein letztes Mal durch den Midnight Starliner gehen. Danach warteten Sicherheitsbeamte, Verhöre und ein Leben ohne rote Uniform. Sie empfand Trauer. Reue empfand sie nicht.
Salma„Meine Damen und Herren“, begann Salma, „wir erreichen in Kürze Solares. Bitte prüfen Sie, ob Sie alles mitgenommen haben.“
Sie sah auf die achtzehn Namen.
Salma„Was Sie zurücklassen wollten, dürfen Sie liegen lassen“, fügte Salma hinzu.
Rian bremste den Zug sanfter, als Salma es ihm zugetraut hätte. Am Bahnsteig standen Beamte der solaren Verkehrspolizei, Vertreter von Meridian und mehrere Reporter. Alina sah die Kameras und blieb stehen.
Salma„Sie müssen nicht als Erste aussteigen“, sagte Salma.
Alina„Wenn ich warte, gehe ich vielleicht gar nicht“, antwortete Alina.
Salma öffnete die Türen.
Alina trat auf den Bahnsteig. Ein solarer Beamter stellte sich zwischen sie und die Meridian-Vertreter. Salma konnte die Worte nicht hören, aber sie sah, wie Alina ihren neuen Pass übergab und das Datenmodul aus dem Koffer nahm. Danach stiegen die anderen aus.
Vos trug die Schachtel mit den Orden unter dem Arm. Miko hielt seine Hand. Mara Calder blieb am Fenster, bis alle vor ihr den Wagen verlassen hatten. Sie löste Juns Ticket von der Scheibe und gab es Salma.
Mara Calder„Er ist angekommen“, sagte Mara.
Salma„Sie sind angekommen“, korrigierte Salma sanft.
Mara schüttelte den Kopf. „Beides darf wahr sein.“
Sie ging.
Als Letzte verließen Salma und Rian den Zug. Meridian-Direktor Bale war nicht persönlich gekommen. Seine Anwälte schon. Eine Frau im grauen Anzug verlas die Suspendierung und verlangte Salmas Dienstmarke.
Salma löste das Schild von ihrer Uniform. Darunter war der Stoff heller.
Meridian-Anwältin„Frau Rhys, Sie müssen uns zur Befragung begleiten“, sagte die Anwältin.
Dr. Neva Tal„Unter welchem Recht?“, fragte Dr. Neva Tal vom Rand des Bahnsteigs.
Meridian-Anwältin„Das betrifft Sie nicht“, antwortete die Anwältin.
Dr. Neva Tal„Ich war Zeugin“, sagte Neva.
Cian Morro„Wir alle“, ergänzte Cian Morro.
Die achtzehn Reisenden waren noch nicht gegangen. Sie standen zwischen Koffern und Kameras. Kein Schwur verband sie. Niemand hatte sie darum gebeten. Dennoch gaben sie ihre Namen zu Protokoll.
Die solare Verkehrspolizei nahm Salma nicht fest. Sie erhielt eine Vorladung und durfte die Station nicht verlassen. Rian bekam dieselben Auflagen. Meridian kündigte beiden fristlos und sperrte ihre Pensionen bis zum Abschluss der Untersuchung.
Die ersten drei Tage verbrachte Salma in einem kleinen Transitquartier. Sie schlief schlecht, weil keine Schienen durch die Wände summten. Rian saß jeden Morgen im Gemeinschaftsraum und tat so, als lese er Nachrichten.
Am vierten Tag erschien die Aufnahme der Fahrt im Netz. Miko hatte die Sterne über Gleis Null gefilmt. Cian Morro, dessen Firma tatsächlich zusammengebrochen war, kannte genügend Journalisten, um die Sicherheitsanweisung von Meridian öffentlich zu machen. Dr. Neva Tal veröffentlichte ihre Aussage. Pavel stellte das Lied von der Erde darunter. Innerhalb einer Woche wussten mehr Menschen von Gleis Null, als je darüber gefahren waren.
Meridian behauptete, Salma habe achtzehn Leben gefährdet. Die Fahrgäste antworteten gemeinsam, dass die größte Gefahr am Bahnsteig gestanden habe. Alinas Daten bewiesen, dass Mitarbeiter der Atmosphere Authority erneut Sturmfenster zugunsten industrieller Transporte verschoben hatten. Die Muster ähnelten den Akten, die Ilyra achtundzwanzig Jahre zuvor kopiert hatte.
Salma sagte vor der solaren Untersuchung aus. Diesmal beschrieb sie auch Ilyras Festnahme und ihre eigene Entscheidung. Sie beschönigte nichts.
Vorsitzende„Warum haben Sie die Vorschrift bei Alina Senn gebrochen?“, fragte die Vorsitzende.
Salma„Weil ich sie beim ersten Mal befolgt habe“, antwortete Salma.
Vorsitzende„Hielten Sie Gleis Null für sicher?“
Salma„Sicher genug, um es selbst zu nehmen.“
Vorsitzende„Das war nicht die Frage.“
Salma dachte an Mirans Berichte, Rians Testfahrten und die dreißig Sekunden vor der Abfahrt. „Vollständig sicher ist nur ein Zug, der nie fährt“, sagte sie. „Die Frage war, welche Gefahr ich einem anderen Menschen aufzwinge.“
Die Untersuchung dauerte fünf Monate. Salma verlor ihre Meridian-Lizenz endgültig. Rian ebenfalls. Beide wurden wegen unerlaubter Streckennutzung zu einer Geldstrafe verurteilt, aber vom Vorwurf der Gefährdung und der Beihilfe zu einer Straftat freigesprochen. Alina erhielt in Solares Schutzstatus. Ihre Unterlagen führten zu einer neuen Untersuchung der Berenice-Verträge.
Meridian musste Salmas Pension auszahlen. Nicht aus Einsicht, sondern weil der Konzern vermeiden wollte, dass ein Gericht die internen Wartungsakten von Gleis Null öffnete. Rian nannte das die teuerste Bremsprüfung seines Lebens.
Der Midnight Starliner fuhr weiter. Meridian ersetzte die Besatzung, lackierte die Kratzer an Wagen zwei und erwähnte Gleis Null in keiner Werbung. Doch Reisende begannen, auf ihren Fahrkarten kleine Nullen zu zeichnen. Niemand wusste, wer damit angefangen hatte.
Salma blieb in Solares.
Zunächst glaubte sie, nur bis zum Ende der Untersuchung dort zu sein. Dann bot ihr eine Hilfsstelle im Transitbereich Arbeit an. Die Organisation hieß Offene Tür. Sie half Menschen mit unvollständigen Dokumenten, abgelaufenen Pässen und Zielen, die auf keinem regulären Fahrplan standen. Salma prüfte keine Tickets. Sie erklärte Wege, fand Schlafplätze und rief bei Behörden so lange an, bis aus einem Problem ein Name wurde.
Rian kaufte mit seiner Pension ein kleines Transportschiff und behauptete, ein Schiff sei einfacher als ein Zug, weil es keine Schienen brauche. Nach drei Monaten bat er Salma um Hilfe mit den Passagierlisten.
Salma„Ich dachte, du wärst selbstständig“, sagte Salma.
Rian„Bin ich“, antwortete Rian. „Selbstständig überfordert.“
Ein Jahr nach der Fahrt kam Alina zu Besuch. Sie trug ihr Haar offen und benutzte noch immer den Namen Alina Senn. Salma hatte nie nach dem früheren gefragt.
Alina„Die Untersuchung auf Berenice hat Ilyras Akte veröffentlicht“, berichtete Alina. „Ihre Schwester steht jetzt im Hauptbericht, nicht mehr im Anhang.“
Salma nickte. Es schmerzte noch. Schmerz war kein Beweis, dass etwas vergeblich gewesen war.
Alina„Ich wollte Ihnen das geben“, sagte Alina.
Sie legte eine kleine Metallplakette auf den Tisch. Darauf standen zwei Namen: Ilyra Rhys und Salma Rhys. Darunter war eine geöffnete Tür eingraviert.
Salma„Das ist zu viel“, sagte Salma.
Alina„Nein“, widersprach Alina. „Es ist nur Metall.“
Salma lachte. Sie erinnerte sich an Vos und seine Schachtel, an Mirans Wartungsstege und an die unsichtbaren Felder, die Züge trugen.
Am Abend brachte sie die Plakette in den Ankunftsbereich. Durch die hohe Scheibe sah sie einen Nachtzug einfahren. Achtzehn Wagen glitten unter der Kuppel von Solares zum Bahnsteig. Türen öffneten sich. Menschen stiegen aus, suchten Schilder, Namen und Gesichter.
Ein Mädchen stand allein neben einem zu großen Koffer. Salma ging zu ihr.
Salma„Weißt du, wo du hinmusst?“, fragte Salma.
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Salma„Gut“, sagte Salma. „Dann finden wir es heraus.“
Hinter ihnen schlossen sich die Türen des Zuges. Vor ihnen lag die Station, hell und unbekannt.
Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte Salma eine Tür zufallen, ohne an Ilyra zu denken.
Sie dachte an das Mädchen neben sich.