Across the Galaxy · Band 04
Der weiße Punkt
Elara Senns GeschichteKapitel 01
Drei Gasriesen
Elara Senn war sechs Jahre alt, als sie begriff, dass eine Heimat sich bewegen konnte.
Die Station Kestrel umkreiste keinen festen Stern und keinen einzelnen Planeten. Sie zog auf einer langen Bahn zwischen den Gasriesen Pelion, Thyr und dem blassen Nemeon hindurch, sammelte Helium aus ihren oberen Atmosphären und lieferte es an Schiffe, deren Besatzungen nur zum Tanken kamen. Alle sieben Monate veränderte sich der Himmel hinter den Beobachtungsfenstern. Mal füllten die bernsteinfarbenen Stürme Pelions das Glas, mal die violetten Bänder von Thyr. Die Erwachsenen nannten das eine Förderroute. Für Elara war es der Jahreslauf.
Ihr Vater Lev arbeitete an den Pumpen, die kilometerlange Schläuche in die Gasmeere hinabließen. Er kam nach Hause und roch nach Metall, Schmiermittel und der scharfen Minzseife der Technikschleusen. Ihre Mutter Rhea verwaltete Frachtlisten im Dockbüro. Sie konnte am Geräusch einer Verriegelung hören, ob ein Container richtig saß, und behauptete, kein Schiff verlasse Kestrel, ohne dass irgendwo ein Name falsch geschrieben sei.
Die Familie bewohnte zwei Räume in Ring D. Lev hatte an der Wand neben der Küchentür dünne Striche eingeritzt, um Elaras Größe zu markieren. Über jedem Strich stand ein Datum und dahinter der Gasriese, an dem Kestrel gerade vorbeizog.
Lev„Wenn wir wieder bei Pelion sind, bist du größer als der Tisch“, sagte Lev einmal.
Elara„Der Tisch wächst doch nicht“, erwiderte Elara.
Lev„Darauf verlasse ich mich“, sagte ihr Vater.
In einer alten Filterkartusche zog er Minze. Drei bleiche Stängel, zu wenig Licht, zu viel recycelte Wärme. Rhea erklärte die Pflanze für hoffnungslos. Lev goss sie trotzdem jeden Morgen mit einem Löffel Wasser.
Rhea„Pflanzen brauchen einen Ort“, sagte Rhea.
Lev„Sie braucht nur Wasser und jemanden, der wiederkommt“, widersprach Lev.
Elara glaubte beiden.
Kestrel war alt. Das merkte sie nicht an den Wänden, denn alle Stationen in ihren Bilderbüchern hatten Kratzer und Kabelschächte. Sie merkte es an den Gesprächen, die verstummten, sobald sie den Raum betrat. Lev und Rhea sprachen über Ersatzteile, die nicht geliefert wurden, über Ventile aus einer Serie, die längst hätte ausgetauscht werden müssen, und über Inspektoren der Ardent-Gesellschaft, die bei ihren Besuchen nur die frisch gestrichenen Korridore sahen.
Eines Abends lag auf dem Küchentisch ein Kühlventil, halb so groß wie Elaras Kopf. Ein feiner Riss lief durch das Gehäuse.
Lev„Das ist das dritte in zwei Monaten“, sagte Lev.
Rhea„Hast du es gemeldet?“, fragte Rhea.
Lev„Mit Bildern, Messwerten und Seriennummer“, antwortete Lev.
Rhea„Und?“, fragte Rhea.
LevLev legte zwei Finger auf den Riss. „Betrieb innerhalb zulässiger Abweichung.“
RheaRhea lachte nicht. „Dann lass dir die Anweisung schriftlich geben.“
Lev„Habe ich“, bestätigte Lev.
Elara fragte, was eine zulässige Abweichung sei. Lev hob sie auf den Stuhl und zeigte ihr den Riss.
Lev„Das ist ein Wort, das Erwachsene benutzen, wenn etwas kaputt ist, aber noch niemand dafür bezahlen will“, erklärte er.
RheaRhea warf ihm einen Blick zu. „Du solltest einer Sechsjährigen nicht beibringen, wie Gesellschaften funktionieren.“
Lev„Warum nicht? Sie lebt in einer“, entgegnete Lev.
An freien Tagen nahm Lev seine Tochter in die Beobachtungskuppel. Dort stand ein altes Navigationsgerät, das noch mit physischen Token arbeitete. Die kleinen sechseckigen Platten enthielten Karten und Positionsschlüssel. Lev steckte ein Token in das Pult, und über ihren Köpfen erschien Kestrels Route: eine dünne weiße Linie zwischen drei riesigen Kugeln.
Elara„Wo ist unser Stern?“, fragte Elara.
Lev„Wir haben keinen“, antwortete Lev. „Nicht so, wie Planeten einen haben.“
Elara„Sind wir dann verloren?“, fragte Elara.
LevLev schüttelte den Kopf. „Verloren ist man, wenn niemand weiß, wo man ist. Wir wissen es sehr genau.“
Er tippte auf einen weißen Punkt, der sich langsam über die Linie bewegte. Kestrel. Elara mochte den Punkt. Er gehörte zu keinem der Gasriesen und war trotzdem vorhanden.
Die Station hatte einen Schulgarten, eine Krankenstation, zwei Schankräume und einen Gedenkkorridor für Menschen, die während der Förderung gestorben waren. Sie hatte Feste an den Wendepunkten der Route. Wenn Kestrel den Zug von Pelion verließ, hängten die Bewohner gelbe Bänder in die Hallen. Vor Thyr trugen sie violette Lampen. Niemand auf der Station besaß Land, aber jeder wusste, in welchem Ring er geboren worden war.
Lev versprach Elara, dass sie eines Tages in einem Zimmer mit einem Fenster wohnen würden, an dem echter Regen hinablief. Nicht Kondenswasser. Kein Reinigungsfilm. Regen aus Wolken.
Lev„Dann pflanzen wir die Minze in Erde“, sagte Lev.
Elara„Und wenn sie dort auch stirbt?“, fragte Elara.
Lev„Dann haben wir es wenigstens anständig versucht“, antwortete er.
Zwei Wochen später begann im Reaktor drei die zulässige Abweichung zu brennen.
Kapitel 02
Sechs Stunden
In der Nacht des Feuers weckte Elara kein Alarm.
Sie wachte auf, weil Rhea sie aus dem Bett hob und in eine Decke wickelte. Im Korridor blinkte gelbes Licht. Rauch kroch an der Decke entlang, so dicht, dass die Leuchten darin verschwanden. Menschen kamen aus den Wohnungen, manche barfuß, manche mit Koffern, einer mit einem Vogelkäfig, in dem kein Vogel saß.
Elara„Wo ist Papa?“, fragte Elara.
Rhea„Bei der Kühlung“, antwortete Rhea.
Elara„Kommt er?“, fragte Elara.
RheaRhea zog die Decke fester um sie. „Er kommt zur Kapsel.“
Später erinnerte Elara sich an diesen Satz deutlicher als an das Gesicht ihrer Mutter. Vielleicht weil Rhea ihn dreimal sagte. Vielleicht weil jedes Mal weniger Überzeugung darin lag.
Reaktor drei lag zwei Ringe unter ihnen. Ein gebrochenes Ventil hatte Kühlmittel in eine Kabeltrasse gedrückt. Die automatische Brandtrennung hätte den Abschnitt abriegeln müssen, doch zwei Sensoren waren seit Monaten als unzuverlässig markiert. Als das System den Temperaturanstieg erkannte, brannten bereits die Leitungen zur Notsteuerung.
Lev erreichte die manuelle Kühlung mit dem Techniker Baret Noll. Noll brach sich beim ersten Druckstoß das Bein. Lev hätte ihn zur Rettungsschleuse ziehen und den Reaktor aufgeben können. Stattdessen setzte er ihn in einen Wartungsaufzug, verriegelte die Tür und ging allein zurück zu den Ventilen.
Rhea wusste davon nichts, als sie mit Elara zum Dock lief.
Hinter ihnen schlossen Brandschotts. Vor ihnen zählten Anzeigen die freien Plätze in den Kapseln herunter. 143. 112. 87. Der Boden bebte. Aus einem Lüftungsgitter kam schwarze Luft.
Am Zugang zu Dock vier hielt ein Sicherheitsmann die Menge auf. Die Kapsel sei voll, erklärte er. Die nächste werde in neun Minuten bereitgestellt.
RheaRhea schob ihre Dienstkarte in das Lesegerät. „Im hinteren Segment sind noch acht Plätze“, sagte sie.
Sicherheitsmann„Die sind für Technikpersonal reserviert“, entgegnete der Sicherheitsmann.
Rhea„Meine Tochter ist sechs“, sagte Rhea.
Sicherheitsmann„Das ändert die Reservierung nicht“, erwiderte der Sicherheitsmann.
Rhea griff durch die halb geöffnete Sperre und entriegelte sie von innen. Später behauptete der Bericht, die Menge habe die Barriere gewaltsam überwunden. Elara wusste, dass es nur die Hand ihrer Mutter gewesen war.
In der Kapsel roch es nach Kunststoff und Angst. Rhea setzte Elara in einen Sitz, zog den Gurt fest und kniete vor ihr.
Rhea„Du bleibst hier“, sagte Rhea.
Elara„Du auch“, verlangte Elara.
Rhea„Ich hole deinen Vater“, sagte Rhea.
ElaraElara packte den Ärmel ihrer Mutter. „Er kommt zur Kapsel.“
RheaRhea sah zur Tür. Noch dreißig Sekunden bis zum Schließen. „Ja“, sagte sie. „Darum muss ich ihn finden.“
Sie löste Elaras Finger einzeln vom Stoff. Dann küsste sie ihre Stirn und verließ die Kapsel.
Lev erreichte sie über den Dienstkanal. Das Bild war voller Störungen. Hinter ihm lag der Kühlraum in rotem Licht.
Lev„Die Notpumpen laufen“, sagte Lev. „Ich komme mit der nächsten Kapsel.“
Es war der letzte vollständige Satz, den Elara von ihm hörte.
Die Tür schloss. Elara schrie nach ihrer Mutter, bis die Frau im Nachbarsitz ihre Hände festhielt. Die Kapsel löste sich von Kestrel und wurde in die Dunkelheit geschleudert. Durch das kleine Fenster sah Elara die Station, eine Ansammlung aus Ringen und Lichtern vor dem gewaltigen Blau von Nemeon. Auf der Hülle liefen Brände wie orange Adern.
Die Kühlung hielt sechs Stunden. Lange genug, um elf weitere Kapseln zu starten und den Frachter Aster Vale aus dem Förderschatten zu holen. Dann brach Reaktor drei auf. Kestrel riss an der Verbindung zwischen Ring C und D auseinander. Trümmer drehten sich in die Gaswolken, und der Ort, an dem Elara ihre Größe an einer Wand gemessen hatte, verschwand in einem weißen Blitz.
Von zweitausend Bewohnern erreichten achthundert den Frachter. Rhea gehörte zu ihnen. Lev nicht.
Auf der Aster Vale wurden die Geretteten nach freien Betten verteilt. Die Stationen Orison und Nemea erklärten sich bereit, jeweils einen Teil aufzunehmen. Familien sollten zusammenbleiben. So stand es im Plan.
Elaras Kapsel war jedoch ohne vollständige Passagierliste gestartet. Eine Helferin trug sie als „Elara Sen, unbegleitet“ ein. Rhea wurde unter ihrer Dienstkennung „R. Senn, Dockverwaltung“ registriert. Eine Software verglich Namen, keine Gesichter, und fand keine Verbindung.
Als Rhea den Fehler bemerkte, befand sich Elara bereits im Shuttle nach Orison. Rhea stand am falschen Gate und sah ein anderes Schiff ablegen. Der Frachter sprang zwei Stunden später durch das Tor. Nachrichten zwischen den Aufnahmewelten liefen über überlastete Behördenkanäle. Anträge wurden doppelt angelegt, geschlossen und neu eröffnet. Jeder Eintrag war dringend. Keiner war schnell.
Elara fragte auf Orison nach ihrer Mutter. Eine Betreuerin prüfte die Liste und sagte, dort stehe niemand.
Elara„Dann ist die Liste falsch“, erklärte Elara.
Betreuerin„Wir suchen weiter“, versprach die Betreuerin.
Elara glaubte ihr nicht. In der Innentasche ihrer Decke fand sie drei vertrocknete Minzblätter. Sie legte sie in eine leere Rationsschachtel und wartete darauf, dass jemand sie abholte.
Niemand kam.
Kapitel 03
Vier Minuten
Das erste Pflegequartier auf Orison hatte grüne Wände und ein Fenster zu einem Versorgungshof. Elara blieb dort vier Monate. Das zweite lag über einer Wäscherei. Das dritte gehörte einem Paar, das drei Kestrel-Kinder aufgenommen hatte und nach einem Jahr entschied, dass zwei genug seien.
Bis zu ihrem zehnten Geburtstag hatte Elara in fünf Wohnungen gelebt. Sie stellte den kleinen Koffer nie in einen Schrank. Er stand geschlossen neben dem Bett, die Schuhe darunter, die Jacke auf dem Griff. Ihre Kleidung faltete sie nach Größe. Papiere kamen in die Außentasche. Wasser und Rationen obenauf.
Hessa Dorn, die Betreuerin im fünften Quartier, beobachtete sie eines Abends.
Hessa„Wovor läufst du weg?“, fragte Hessa.
Elara„Vor nichts“, antwortete Elara.
Hessa„Warum ist der Koffer dann immer fertig?“, fragte Hessa.
ElaraElara zog den Reißverschluss zu. „Damit ich nicht noch einmal etwas verliere.“
HessaHessa setzte sich auf den Boden, ohne den Koffer anzufassen. „Du könntest auch Dinge hierlassen.“
Elara„Dann gehören sie Ihnen“, sagte Elara.
Hessa„Nein. Dann warten sie auf dich“, widersprach Hessa.
Elara verstand den Unterschied nicht.
Die Behörden fanden Rhea bereits im zweiten Jahr. Eine Nachricht lag drei Wochen in einer falschen Akte und erreichte dann Orison. Rhea lebte auf Nemea, litt unter Lungenschäden vom Rauch und durfte die Klinik noch nicht verlassen. Sie bat um einen Bildkanal.
Elara erschien nicht zum Termin.
Sie sagte Hessa, sie habe Bauchschmerzen. In Wahrheit saß sie im Treppenhaus und zählte die Schrauben im Geländer. Ihre Mutter war am Dock weggegangen. Dieser eine Vorgang hatte alle Erinnerungen überlagert: Rhea löste ihre Finger vom Ärmel und verschwand durch die Tür. Elara wusste, dass sie nach Lev gesucht hatte. Wissen änderte nichts an der Bewegung.
Rhea schrieb. Anfangs jede Woche, später jeden Monat. Die Briefe enthielten Bilder von Nemeas flachen Städten, medizinische Berichte, Erinnerungen an Kestrel. Elara las sie selten bis zum Ende. Sie bewahrte sie trotzdem in der Außentasche ihres Koffers auf.
In der Schule freundete sie sich mit Yaro Pell an, einem Jungen aus dem Küstenbezirk. Er lud sie zu Geburtstagen ein und fragte nie, warum sie am Abend nicht bleiben wollte. Seine Familie wohnte seit vier Generationen im selben Haus. An einer Säule in der Küche standen die Größen von Kindern, Eltern und Großeltern.
Elara„Das ist unübersichtlich“, sagte Elara.
Yaro„Das ist Geschichte“, widersprach Yaro.
Elara„Es sind Striche“, beharrte Elara.
YaroYaro zeigte auf eine Markierung in Schulterhöhe. „Meine Mutter mit zwölf.“
Elara dachte an die Wand auf Kestrel. Sie ging früher als geplant.
Mit dreizehn wechselte sie erneut das Quartier. Hessa hatte einen Unfall und konnte keine Kinder mehr betreuen. Niemand war schuld. Niemand hatte Elara verlassen wollen. Der gepackte Koffer stand trotzdem bereit, bevor der Sozialdienst anrief.
Sie brauchte drei Minuten und zweiundfünfzig Sekunden, um den Raum zu räumen.
Im sechsten Quartier begann sie, Fahrpläne zu sammeln. Orison besaß drei Raumhäfen und ein Netz aus Gleitbahnen. Elara lernte, welche Kontrollen nachts schwächer besetzt waren, welche Transitschiffe minderjährige Hilfskräfte suchten und wie lange ein temporärer Arbeitsausweis gültig blieb. Sie fuhr manchmal zum Hafen, setzte sich vor eine Abflugtafel und las Zielnamen, bis die Buchstaben ihre Bedeutung verloren.
Yaro fand sie dort einmal.
Yaro„Willst du fort?“, fragte er.
Elara„Nicht heute“, antwortete Elara.
Yaro„Warum sitzt du dann hier?“, fragte Yaro.
Elara„Weil ich fortkönnte“, antwortete Elara.
YaroYaro sah zur Tafel. „Du könntest auch zu uns kommen.“
Elara mochte ihn dafür und nahm ihm die Einladung übel.
Kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag wurde Rhea aus der Klinik entlassen. Die Behörde genehmigte eine persönliche Begegnung auf Orison, neun Jahre nach der Evakuierung. Elara hatte das Recht abzulehnen. Sie tat es nicht.
Am Morgen packte sie ihren Koffer. Hessa, die trotz ihres Unfalls gekommen war, bemerkte es.
Hessa„Das Treffen dauert zwei Stunden“, sagte Hessa.
Elara„Vielleicht“, erwiderte Elara.
Hessa„Und danach?“, fragte Hessa.
ElaraElara prüfte die Außentasche mit den ungelesenen Briefen. „Danach weiß ich, ob ich zurückkomme.“
Vier Minuten später stand sie an der Tür.
Kapitel 04
Neun Jahre
Rhea wartete in einem Besucherraum der Orison-Klinik. Sie war dünner, als Elara sie erinnerte. Ihr Haar war grau an den Schläfen, und beim Atmen hob sich eine kleine Narbe über ihrem Schlüsselbein. Auf dem Tisch zwischen ihnen stand eine Tasse Minztee.
Rhea„Du bist groß geworden“, sagte Rhea.
ElaraElara sah auf die Tasse. „Das passiert in neun Jahren.“
RheaRhea nickte, als hätte sie diese Antwort verdient. „Ich habe deine Bilder bekommen.“
Elara„Die Schule schickt sie automatisch“, sagte Elara.
Rhea„Das weiß ich“, antwortete Rhea.
Sie versuchten, über Orison zu sprechen. Rhea fragte nach der Schule, Hessa und dem Meer, das Elara nur zweimal gesehen hatte. Elara fragte nach Nemea, obwohl sie die Antwort aus den Briefen kannte. Hinter der Tür ging eine Pflegekraft vorbei. Jedes Mal blickte Rhea auf, als müsse sie mitgenommen werden.
Elara„Warum bist du aus der Kapsel gestiegen?“, fragte Elara schließlich.
RheaRhea legte beide Hände um die Tasse. „Ich wollte Lev holen.“
Elara„Er hat gesagt, er kommt“, sagte Elara.
Rhea„Ich wusste nicht, ob er den Weg zum Dock schafft“, erwiderte Rhea.
Elara„Du hättest bei mir bleiben sollen“, sagte Elara.
RheaRhea schloss kurz die Augen. „Ja.“
Elara hatte Erklärungen erwartet. Rauch, Panik, Pflicht, Liebe. Das einfache Ja nahm ihr die Möglichkeit, dagegen anzukämpfen.
Elara„Warum hast du mich nicht gefunden?“, fragte Elara.
Rhea„Ich habe dich gesucht“, antwortete Rhea. „Die Listen waren falsch. Die Behörden auf Nemea und Orison haben monatelang nicht dieselben Kennungen benutzt. Als ich wusste, wo du bist, war ich noch in Behandlung.“
Elara„Du hättest kommen können“, sagte Elara.
Rhea„Später ja“, sagte Rhea. „Später hätte ich kommen können.“
Elara wartete.
RheaRhea sah sie an. „Ich hatte Angst, dass du mich nicht sehen willst. Dann verging ein Monat. Danach fühlte sich jeder weitere Monat wie ein Beweis an, dass ich recht hatte.“
Elara„Du hattest nicht recht“, entgegnete Elara.
Rhea„Nein“, sagte Rhea. „Ich hatte Angst.“
Das Treffen endete ohne Umarmung. Elara ließ den Koffer im Schließfach und kehrte in ihr Quartier zurück. Eine Woche später fuhr Rhea nach Nemea. Sie schrieb weiterhin. Elara antwortete zum ersten Mal mit drei Sätzen.
Ich bin wieder in der Schule. Hessa geht an Krücken. Der Tee war zu süß.
Rhea schrieb zurück: Dein Vater hätte noch mehr Zucker genommen.
Über Lev sprachen sie selten. Der offizielle Bericht nannte ihn unter den vermissten Technikern. Die Ardent-Gesellschaft zahlte eine kleine Entschädigung und erklärte den Brand zu einer Verkettung unvorhersehbarer Materialfehler. Rhea sandte Elara eine Kopie des Berichts. An der Stelle über die Ventilserie hatte sie einen Satz markiert: Wartungsstatus ohne ursächliche Bedeutung.
Elara wusste, dass es eine Lüge war, aber sie wusste nicht, was sie mit der Wahrheit anfangen sollte.
Mit sechzehn verließ sie das siebte Pflegequartier. Der Sozialdienst hatte eine neue Familie vorgesehen, diesmal im Nordbezirk. Elara erschien nicht zur Übergabe. Sie änderte auf einem Schulkonto ihr Geburtsjahr, kopierte das Siegel eines Arbeitsprogramms und kaufte ein Ticket nach Lyr.
Yaro begleitete sie zum Hafen.
Yaro„Das Ticket ist schlecht“, sagte er, nachdem er es geprüft hatte.
Elara„Es ist gut genug“, widersprach Elara.
Yaro„Du könntest bis achtzehn warten“, sagte Yaro.
Elara„Dann entscheide ich zwei Jahre lang nicht selbst“, erwiderte Elara.
YaroYaro trat gegen den Fuß ihres Koffers. „Du entscheidest auch jetzt nicht. Du reagierst nur schneller als alle anderen.“
ElaraElara wurde wütend, weil er recht haben könnte. „Kommst du mit?“
Yaro„Nein“, antwortete Yaro. „Ich will nicht weg.“
Sie verabschiedeten sich mit einer Umarmung, die beide zu kurz hielten. An der Kontrolle bemerkte die Beamtin das falsche Geburtsjahr nicht. Elara ging durch das Tor, ohne sich umzudrehen.
Auf Lyr arbeitete sie in einer Großküche und schlief in einem Raum mit sechs anderen Aushilfen. Nach drei Monaten wurde der Betrieb verkauft. Elara fand eine Stelle im Archiv eines Frachtmaklers. Dort lernte sie, Identitäten zu prüfen, Zugänge zu verlängern und Fehler so aussehen zu lassen, als seien sie von einem älteren System verursacht worden.
An ihrem achtzehnten Geburtstag schickte Rhea eine Nachricht. Elara ließ sie ungeöffnet. Sie stand am Dock eines Frachters nach Damar und spürte die vertraute Ruhe, sobald die Halteklammern sich lösten.
Erst drei Wochen später hörte sie die Nachricht ab.
Rhea„Ich wünsche dir keinen festen Ort“, sagte Rhea darin. „Ich wünsche dir einen Ort, den du verlassen kannst, ohne dass er verschwindet.“
Elara löschte die Nachricht nicht.
Kapitel 05
Zwölf Raumhäfen
Mit achtzehn kannte Elara die Kontrollen von zwölf Raumhäfen. Sie wusste, auf welchen Stationen Arbeitsverträge vor dem Sicherheitscheck geprüft wurden und wo erst danach. Sie konnte in einer Küche sechzig Portionen aus Vorräten kochen, die für vierzig berechnet waren. Sie konnte Frachtcodes lesen, Luftfilter reinigen und in einer Kuppel Bäume schneiden, die echte Erde unter den Wurzeln hatten.
Nie blieb sie länger als ein Jahr.
Anfangs gab es Gründe. Auf Lyr wurde der Betrieb verkauft. Auf Damar stieg die Miete. In der Iona-Kuppel zahlte der Arbeitgeber zwei Monate keinen Lohn. Auf Talassa endete ihr Vertrag mit der Erntesaison. Später genügte das Gefühl, dass Menschen begannen, sie zu erwarten.
In der Iona-Kuppel arbeitete sie mit Kio Varen, einem Gärtner, der jede Pflanze benannte. Er gab den Obstbäumen Namen verstorbener Musiker und den Reinigungsmoosen Namen unbeliebter Politiker.
Elara„Wie heißt die Minze?“, fragte Elara.
Kio„Minze“, antwortete Kio. „Manche Dinge sind schon genau genug benannt.“
Kio lud sie an freien Abenden zu seiner Familie ein. Elara ging zweimal mit. Beim dritten Mal behauptete sie, arbeiten zu müssen. Eine Woche später kündigte sie.
Kio„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte Kio am letzten Tag.
Elara„Nein“, sagte Elara.
Kio„Das klingt nicht wie eine gute Nachricht“, sagte Kio.
ElaraElara zog den Koffergriff aus der Halterung. „Es hat nichts mit dir zu tun.“
Kio„Das sagen Menschen meistens, wenn sie nicht erklären wollen, was es mit ihnen zu tun hat“, erwiderte Kio.
Er ließ sie gehen. Gerade deshalb dachte sie lange an ihn.
Auf Talassa ereignete sich während einer Nachtschicht ein Druckabfall. Eine beschädigte Schleuse verriegelte zwei Wohnsegmente. Elara hörte die Sirene, packte ihren Koffer und stand bereits im Korridor, bevor die Durchsage begann. Nebenan weinte ein achtjähriges Mädchen und versuchte, einen schlafenden Hund in eine Transporttasche zu heben.
Elara hätte zum Sammelpunkt laufen können. Stattdessen trug sie den Hund, nahm das Mädchen an der Hand und führte beide durch einen Wartungsschacht. Sie kannte den Weg, weil sie in jeder Unterkunft zuerst die Fluchtpläne las.
Am Sammelpunkt fragte eine Aufseherin nach ihrem Namen.
Elara„Elara Senn“, antwortete sie.
Aufseherin„Heimatort?“, fragte die Aufseherin.
Elara nannte den letzten Ort, den sie verlassen hatte.
Später wurde ihr bewusst, dass sie es immer so machte.
Sie sammelte keine Andenken. In ihrem Koffer lagen Kleidung, Arbeitsnachweise, ein Werkzeugset und Rationsriegel. Aus Kestrel besaß sie nur die Briefe ihrer Mutter und drei Minzblätter, die längst zu Staub zerfallen waren.
Dann erhielt sie ein Paket vom Kestrel-Nachlassbüro. Ein Bergungsschiff hatte Trümmer aus dem Nemeon-Schatten geborgen. In einem zerstörten Wartungsfach fand man ein beschädigtes Navigationstoken mit Levs Dienstkennung. Die Karte war gelöscht. Wenn Elara das Token einschaltete, zeigte es nur einen weißen Punkt ohne Koordinaten.
Sie trug es fortan in der Innentasche ihrer Jacke.
Rhea fragte bei einem seltenen Gespräch, warum sie einen defekten Gegenstand behalte.
Elara„Weil er von Kestrel ist“, antwortete Elara.
Rhea„Kestrel ist fort“, sagte Rhea.
Elara„Der Punkt leuchtet noch“, antwortete Elara.
RheaRhea schwieg. „Dein Vater mochte Dinge, die noch irgendwie funktionierten.“
Elara wechselte das Thema.
Auf einem Frachtschiff nach Caelum lernte sie eine ältere Pilotin namens Sava kennen. Sava hatte auf vier Welten Kinder und auf keiner einen eigenen Raum. Sie erkannte an Elaras Koffer, wie lange jemand unterwegs war.
Sava„Du packst wie eine Flüchtende“, sagte Sava.
Elara„Ich reise leicht“, widersprach Elara.
Sava„Leicht ist weniger. Bei dir ist alles da, nur nichts außerhalb des Koffers“, erklärte Sava.
Elara fragte, ob Sava Psychologin sei.
Pilotin„Nein“, antwortete die Pilotin. „Ich habe Augen.“
Caelum erschien drei Tage später vor dem Bug. Eine Ringwelt, schmal und hell, um einen gelben Stern gelegt. Auf ihrer Innenseite lagen Städte, Seen und Wolkenfelder. Elara hatte einen Dreimonatsvertrag in der Wettersteuerung. Gute Bezahlung, möbliertes Zimmer, Rückflug inklusive.
Als das Schiff andockte, begann es über der Stadt zu regnen. Pünktlich um neunzehn Uhr.
Elara fand diese Zuverlässigkeit lächerlich.
Kapitel 06
Der geplante Regen
Die Wetterzentrale von Caelum lag unter dem Wolkenreservoir. Von außen sah sie wie ein flacher schwarzer See aus. Darunter regelten Pumpen, Drucktore und Kondensationsfelder den Regen für zwölf Millionen Menschen.
Am ersten Arbeitstag entdeckte Elara eine fehlerhafte Druckkurve. Die Westzone sollte am Abend achtzehn Minuten warmen Regen erhalten. Nach den eingestellten Werten würde der Wind die Hälfte davon in den Industriekanal drücken.
Tomas„Das ist Absicht“, erklärte Tomas Arq, der die Klimozone entworfen hatte.
Elara„Dann ist die Absicht falsch“, sagte Elara.
TomasTomas war groß, trug die Ärmel immer hochgekrempelt und behandelte Wetterkarten wie Baupläne. „Der Kanal braucht zusätzliche Kühlung.“
Elara„Dann nennen Sie es Kühlung und nicht Regen für die Westzone“, erwiderte Elara.
Tomas„Die Bewohner interessiert nicht, wie wir die Leitung nennen“, sagte Tomas.
Elara„Die Bewohner stehen mit offenen Fenstern da und bekommen trockene Luft“, widersprach Elara.
TomasTomas sah auf ihren temporären Dienstausweis. „Sie sind seit vier Stunden auf Caelum.“
Elara„Lang genug, um eine Kurve zu lesen“, antwortete Elara.
Er korrigierte die Einstellung. Aus Trotz, wie er später behauptete, lud er sie zum Essen ein. Elara sagte zu, weil sie nichts Besseres vorhatte und weil sie wissen wollte, ob er außerhalb der Wetterzentrale ebenso überzeugt klang.
Tomas brachte sie in eine Bäckerei, die Salzgebäck in Form des Rings verkaufte. Danach gingen sie durch den Abendregen. Das Wasser war warm, die Tropfen gleichmäßig, das Ende auf die Minute berechnet.
Elara„Das ist Dekoration“, sagte Elara.
Tomas„Das ist Infrastruktur“, widersprach Tomas.
Elara„Echter Regen hört nicht auf Kommando auf“, sagte Elara.
Tomas„Echter Regen überschwemmt Häuser und zerstört Ernten“, sagte Tomas. „Menschen bauen, damit Dinge verlässlich werden.“
ElaraElara wischte Wasser aus ihrem Gesicht. „Und wenn das Gebaute brennt?“
TomasTomas antwortete nicht sofort. „Dann baut man besser.“
Sie mochte nicht, wie einfach das klang. Sie mochte, dass er es nicht als Trost meinte.
Aus dem Essen wurden Spaziergänge. Tomas zeigte ihr Viertel, die auf keiner Touristenkarte standen: einen Tunnel, in dem Kinder Drachen in den Luftströmen steigen ließen, einen stillgelegten Wartungssteg über dem Wolkenreservoir und eine Plattform, von der man die Krümmung der Ringwelt sehen konnte. Über ihnen zog das Land wie ein leuchtendes Band durch den Himmel und schloss sich hinter dem Horizont.
Tomas„Auf Caelum kann man sein Zuhause sehen, wenn man nur weit genug nach oben blickt“, sagte Tomas.
Elara„Man sieht eine Konstruktion“, entgegnete Elara.
Tomas„Das schließt einander nicht aus“, sagte Tomas.
Er fragte, woher sie kam. Elara nannte Talassa, den letzten Ort, den sie verlassen hatte. Tomas kannte die Station nicht und fragte nach dem Meer. Sie erzählte ihm vom Druckabfall und dem Mädchen mit dem Hund. Erst später bemerkte sie, dass sie Kestrel nicht erwähnt hatte.
Tomas stellte viele Fragen, aber nie dieselbe zweimal. Wenn Elara schwieg, ließ er die Lücke bestehen. Gerade deshalb begann sie, sie zu füllen.
Nach sechs Wochen zeigte sie ihm das Navigationstoken. Der weiße Punkt schwebte über seiner Hand.
Tomas„Keine Koordinaten, kein Zeitstempel“, sagte Tomas. „Nur ein Positionsmarker.“
Elara„Es gehörte meinem Vater“, erklärte Elara.
Tomas„Wo ist er?“, fragte Tomas.
Elara„Kestrel“, antwortete Elara.
Tomas kannte den Namen. Jeder Techniker kannte ihn. Der Untergang der Förderstation war in Schulungen ein Beispiel für veraltete Sicherheitssysteme, meistens ohne die Namen der Toten.
Tomas„Dann bist du Elara Senn von Kestrel“, sagte Tomas.
ElaraElara spürte den Impuls, das Token zurückzunehmen. „Ich bin von vielen Orten.“
Tomas„Das habe ich nicht bestritten“, sagte Tomas.
Nach drei Monaten verlängerte sie ihren Vertrag. Sie sagte sich, die Arbeit sei interessant. Nach sechs kaufte sie eine zweite Tasse für ihr möbliertes Zimmer. Sie behauptete, Tomas habe seine ständig stehen lassen. Nach neun Monaten lagen ein Paar ihrer Stiefel in seiner Wohnung.
Jede Entscheidung war klein. Keine sah aus wie eine Wurzel.
An einem Abend gab Tomas ihr einen Schlüssel. Er war aus Metall, obwohl die Tür sich auch über ein Armband öffnen ließ.
Elara„Warum so altmodisch?“, fragte Elara.
Tomas„Weil man ihn zurückgeben muss, wenn man ihn nicht mehr will“, antwortete Tomas.
ElaraSie drehte den Schlüssel zwischen den Fingern. „Das soll romantisch sein?“
Tomas„Nein“, sagte Tomas. „Präzise.“
Elara nahm ihn. In derselben Nacht packte sie ihren Koffer neu.
Kapitel 07
Die zweite Tasse
Tomas’ Wohnung lag am Rand des Rings. Das große Fenster zeigte den Regen, der jeden Abend in schrägen Linien über die Stadt zog. Manchmal sah Elara dahinter das gegenüberliegende Landband von Caelum, so fern, dass Städte wie Sterne wirkten.
Tomas räumte ihr zwei Schubladen frei. Elara benutzte eine. Er baute unter der Fensterbank ein kleines Fach für das Navigationstoken.
Tomas„Damit du nicht mehr danach suchen musst“, erklärte Tomas.
Elara legte das Token hinein und konnte nicht schlafen. Um drei Uhr stand sie auf, nahm es wieder an sich und setzte sich bis zum Morgen in die Küche.
Tomas fand sie dort.
Tomas„Schlechtes Fach?“, fragte er.
Elara„Gutes Fach“, antwortete Elara.
Tomas„Dann verstehe ich das Problem“, sagte Tomas.
Elara„Nein“, widersprach Elara.
Tomas„Stimmt“, sagte Tomas. „Aber ich erkenne es.“
Er verlangte nicht, dass sie das Token zurücklegte.
In der Wetterzentrale erhielt Elara mehr Verantwortung. Sie kannte inzwischen die Schwankungen der alten Pumpen und bemerkte Fehler, bevor Warnsysteme sie meldeten. Als ein Kondensationsfeld über dem Südbezirk ausfiel, entwickelte sie mit Tomas eine Umleitung, die einen ganzen See als Wärmespeicher nutzte. Sie arbeiteten sechzehn Stunden. Danach saßen sie auf dem Boden des Kontrollraums und aßen kaltes Salzgebäck.
Tomas„Du könntest hier bleiben“, sagte Tomas.
Elara„Ich bin hier“, erwiderte Elara.
Tomas„Das ist eine Ortsangabe, keine Antwort“, erwiderte Tomas.
ElaraElara sah auf die grünen Kurven an der Wand. „Mein Vertrag läuft noch drei Monate.“
TomasTomas nickte. „Das ist immerhin eine Zeitangabe.“
Er drängte nicht weiter. Diese Geduld machte es schwerer.
Elara begann, Wege zu wiederholen. Morgens nahm sie dieselbe Gleitbahn. Freitags kaufte sie Brot bei derselben Verkäuferin. Das Personal im kleinen Café stellte ihre Tasse bereit, sobald sie eintrat. Als eine Kollegin sagte, man könne sich auf Elara verlassen, meldete sie sich am nächsten Tag krank und verbrachte drei Stunden am Raumhafen.
Sie wollte nirgendwohin. Die Abflugtafeln genügten.
Am Abend fragte Tomas, ob etwas geschehen sei.
Elara„Nein“, antwortete Elara.
Es war die erste bewusste Lüge zwischen ihnen.
Eine Woche später fand er ein günstiges Ticket nach Ardos auf ihrem Display. Nicht gebucht, nur markiert.
Tomas„Willst du nach Ardos?“, fragte Tomas.
Elara„Ich weiß nichts über Ardos“, antwortete Elara.
Tomas„Warum suchst du dann Flüge?“, fragte Tomas.
ElaraElara schloss die Anzeige. „Weil ich sehen wollte, ob es welche gibt.“
TomasTomas setzte sich ihr gegenüber. „Soll ich so tun, als wäre das normal?“
Elara„Für mich ist es normal“, sagte Elara.
Tomas„Das war nicht meine Frage“, entgegnete Tomas.
ElaraElara nahm die zweite Tasse vom Tisch und spülte sie, obwohl sie sauber war. „Ich habe nie versprochen, für immer zu bleiben.“
Tomas„Ich habe nie für immer verlangt“, sagte Tomas. „Ich möchte nur wissen, ob du morgen noch da sein willst.“
Elara konnte die Frage beantworten. Sie wollte bleiben. Das war der beängstigende Teil.
Elara„Ja“, sagte sie.
TomasTomas atmete aus. „Dann fangen wir mit morgen an.“
Am folgenden Morgen stellte Elara ihren Koffer in den Schrank. Sie schloss die Tür nicht ganz.
Zwei Monate später bot die Wetterbehörde ihr einen unbefristeten Vertrag an. Der Text enthielt eine Wohnzulage, Rentenansprüche und ein Feld mit der Bezeichnung dauerhafter Lebensmittelpunkt. Elara ließ das Angebot drei Tage offen.
Dann kam die Nachricht aus Nemea.
Rheas Lungenerkrankung war zurückgekehrt. Die Narben aus Kestrel hatten sich entzündet. Weitere Eingriffe waren nicht möglich. Die Ärzte rechneten in Monaten.
Elara buchte den nächsten Flug. Tomas packte Essen in ihren Koffer und brachte sie zum Gate.
Tomas„Soll ich mitkommen?“, fragte er.
Elara„Nein“, antwortete Elara zu schnell.
TomasTomas nahm die Hand vom Koffer. „Dann komme ich nicht.“
Elara„Ich weiß nicht, wie lange es dauert“, sagte Elara.
Tomas„Sag mir nur, ob du angekommen bist“, bat Tomas.
Elara versprach es. Noch im Shuttle schickte sie die Nachricht.
Es war das erste Mal, dass sie einen Ort verließ und jemand genau wusste, wohin sie ging.
Kapitel 08
Die hässliche Wahrheit
Rhea lag in derselben Klinik, in der Elara sie neun Jahre nach Kestrel wiedergesehen hatte. Das Zimmer war kleiner geworden oder Elara größer. Auf dem Tisch stand wieder Minztee, diesmal unberührt.
Rhea„Du siehst müde aus“, sagte Rhea.
Elara„Du siehst krank aus“, erwiderte Elara.
RheaRhea lächelte. „Dann sind wir mit den Höflichkeiten fertig.“
Elara blieb drei Wochen. Sie schlief auf einem ausziehbaren Stuhl, stritt mit Ärzten über Medikamente und las Rhea aus den Nachrichten vor. Tomas schickte jeden Abend ein Bild vom Regenfenster. Nie schrieb er, sie solle zurückkommen.
Wenn Rhea wach war, sprach sie über Kestrel. Sie erzählte von Levs erster Schicht, von der Minze und von einem Fest vor Elaras Geburt, bei dem die Schwerkraft für vier Minuten ausgefallen war. Die Erinnerungen klangen wie Gegenstände, die Rhea lange in einem verschlossenen Raum gelagert hatte.
Eines Nachts fragte Elara nach dem Reaktorbericht.
Elara„Die Ventile waren defekt“, sagte sie. „Lev wusste es.“
Rhea„Wir wussten es beide“, antwortete Rhea.
Elara„Warum habt ihr nicht gekündigt?“, fragte Elara.
RheaRhea musste lange atmen, bevor sie sprach. „Wohin hätten wir gehen sollen? Ardent besaß unsere Verträge, die Wohnung und den Transport. Dein Vater glaubte, er könne die Station sicher halten, bis die Teile kamen.“
Elara„Er hätte bei der Kapsel sein können“, sagte Elara.
RheaRhea blickte zum Fenster. „Ja.“
Elara„Er musste die Kühlung bedienen“, sagte Elara, obwohl es wie eine Bitte klang.
Rhea„Nein“, erwiderte Rhea. „Baret Noll war bei ihm. Ein Techniker hätte übernehmen können, sobald der erste Kreislauf lief. Lev glaubte nur, er dürfe die Station nicht verlassen.“
ElaraElara stand auf. Zorn kam so plötzlich, dass sie den Stuhl umstieß. „Er hat achthundert Menschen Zeit verschafft.“
Rhea„Das hat er“, sagte Rhea.
Elara„Dann ist er nicht einfach geblieben, weil er Angst vor dem Gehen hatte“, widersprach Elara.
Rhea„Menschen können mutig sein und trotzdem Angst haben“, antwortete Rhea.
ElaraElara hob den Stuhl auf. „Warum sagst du mir das jetzt?“
Rhea„Weil du ihn zu einem Gesetz gemacht hast“, antwortete Rhea. „Lev blieb, also gehst du. Als müsste eines davon immer richtig sein.“
ElaraElara spürte Zorn, obwohl es nichts Lebendes gab, worauf sie ihn richten konnte. „Und du? Warum hast du mich nach der Evakuierung nicht gefunden?“
RheaRhea drehte den Kopf zum Fenster. „Ich habe gesucht. Aber jedes Mal, wenn eine Spur endete, wurde es leichter, mir zu sagen, du wärst sicher. Als ich endlich reisen konnte, hatte ich Angst vor der Wahrheit. Ich dachte, du würdest mich ansehen und nur die Tür sehen, durch die ich gegangen bin.“
Elara„Das habe ich“, sagte Elara.
Rhea„Ich weiß“, antwortete Rhea.
Elara„Es ist keine Entschuldigung“, sagte Elara.
Rhea„Nein“, sagte Rhea. „Es ist die hässliche Wahrheit.“
Elara setzte sich wieder. Sie nahm die Hand ihrer Mutter. Vergebung kam nicht. Aber für eine Weile hörten sie auf, sie mit Erklärungen zu verwechseln.
Rhea starb sechs Tage später im Schlaf. Elara fand am Morgen ihre Hand noch warm. Sie rief Tomas an und konnte minutenlang nichts sagen.
Tomas„Ich bin hier“, sagte Tomas.
Elara„Du bist auf Caelum“, erwiderte Elara.
Tomas„Ja“, sagte er. „Und ich bin hier.“
Nach der Beisetzung blieb Elara zwei Tage im Transitbereich von Nemea. Sie saß zwischen Abflügen nach Orison, Caelum, Lyr und Welten, deren Namen sie nicht kannte. Der Koffer stand zwischen ihren Füßen. Zum ersten Mal machte die Möglichkeit des Fortgehens sie nicht ruhig. Jede Richtung fühlte sich wie eine Wiederholung an.
Tomas schickte keine Forderungen. Nur jeden Abend ein Bild vom Regenfenster.
Am dritten Morgen kaufte Elara ein Ticket nach Caelum.
Tomas wartete am Gate. Er umarmte sie nicht sofort.
Tomas„Willst du nach Hause?“, fragte er.
ElaraDas Wort traf Elara härter als jede Anklage. „Ich weiß nicht, wo das ist.“
Tomas„Dann können wir es herausfinden“, sagte Tomas.
Elara ließ sich von ihm halten. Hinter der Scheibe begann der planmäßige Regen.
Kapitel 09
Ein Zimmer mit Aussicht
Elara versuchte zu bleiben. Wirklich.
Sie unterschrieb den unbefristeten Vertrag. Im Feld dauerhafter Lebensmittelpunkt trug sie Caelum ein. Gemeinsam mit Tomas strich sie eine Wand in einem tiefen Blau, das an Nemeon erinnerte. Tomas baute ein Regal, und Elara stellte das Navigationstoken sichtbar hinein.
Einen Monat lang fühlte sie sich ruhig.
Sie lernte die Namen der Nachbarn. Sie pflanzte Minze in einen Topf mit echter Erde. Als die ersten Triebe kamen, schickte sie Hessa ein Bild. Hessa antwortete, dass manche Dinge tatsächlich warten könnten.
Dann kündigte die Stadtverwaltung eine dreitägige Evakuierungsübung an.
Die Wetterzentrale nahm an dem Test teil. Am ersten Morgen heulten Sirenen. Schotts schlossen, Anzeigen wechselten auf Rot, und eine Lautsprecherstimme wies die Bewohner zu Sammelpunkten. Elara wusste seit Wochen davon. Sie hatte selbst Teile des Ablaufplans geprüft.
Ihr Körper wusste es nicht.
Sie war wieder sechs Jahre alt. Sie roch Rauch, obwohl keiner da war. In der Wohnung zog sie den Koffer aus dem Schrank, faltete Kleidung, legte Papiere nach außen und das Token in die Jackentasche. Drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden später stand sie an der Tür.
Tomas kam aus der Wetterzentrale. Er trug noch seine gelbe Einsatzjacke.
Tomas„Es ist nur eine Übung“, sagte Tomas.
Elara„Ich weiß“, antwortete Elara.
Tomas„Dann stell den Koffer ab“, bat Tomas.
ElaraElara hielt den Griff so fest, dass die Finger schmerzten. „Ich kann nicht.“
Tomas sah auf den Koffer, dann auf sie. In seinem Gesicht lag der Augenblick, in dem er verstand, dass Liebe keinen Schalter in ihr reparieren würde.
Tomas„Willst du gehen?“, fragte er.
Elara„Ich will, dass die Tür offen ist“, antwortete Elara.
Tomas„Sie ist offen“, sagte Tomas.
Elara„Nicht, wenn ich den Koffer abstelle“, widersprach Elara.
TomasTomas trat einen Schritt zurück. „Wenn du gehst, sag wenigstens, dass du Angst hast. Nenn es nicht Freiheit.“
ElaraElara wollte ihm widersprechen. Sie wollte von Verträgen, Horizonten und einem Leben ohne Ketten sprechen. Stattdessen sagte sie: „Ich habe Angst.“
Es war die ehrlichste Antwort, die sie ihm je gegeben hatte. Sie änderte nichts.
Elara blieb noch eine Nacht. Sie und Tomas saßen am Fenster und sahen dem planmäßigen Regen zu. Er bat sie nicht mehr zu bleiben. Sie versprach nicht zurückzukommen.
Tomas„Ich liebe dich“, sagte Tomas.
Elara„Ich liebe dich auch“, antwortete Elara.
Tomas„Das ist keine Lösung“, sagte Tomas.
Elara„Nein“, sagte sie. „Aber es soll nicht so klingen, als hätte es nichts bedeutet.“
Am Morgen küsste sie ihn, nahm den kleinen Koffer und legte den Metallschlüssel auf die Fensterbank. Das Navigationstoken steckte in ihrer Jacke. Die Minze blieb im blauen Zimmer.
Im Raumhafen kaufte Elara das billigste Ticket ohne Rückfahrbindung. Das Ziel hieß Vesper, eine Bergbaustation, von der sie nichts wusste. Als die Kontrolleurin nach ihrem Heimatstern fragte, nannte Elara Caelum.
Das Wort fühlte sich gleichzeitig falsch und wahr an.
Am Gate setzte sie sich mit dem Koffer zwischen den Füßen. Auf der anderen Seite des Fensters erwachten die Triebwerke eines alten Passagierschiffs. Elara spürte Erleichterung, Trauer und etwas Drittes, für das sie keinen Namen hatte.
Zum ersten Mal begriff sie, dass Weiterziehen sie nicht unverwundbar machte. Es bestimmte nur, welche Art von Schmerz sie kannte.
Als der Einstieg begann, schaltete sie das Navigationstoken ein. Der weiße Punkt leuchtete ohne Koordinaten. Elara schloss die Hand darum und stand auf.
Kapitel 10
Vesper
Vesper hing an einem grauen Mond und bestand aus Minenschächten, Raffinerien und einem Wohnring, der bei jeder Schichtübergabe vibrierte. Elara erhielt Arbeit in der Luftaufbereitung. Ihr Vertrag lief sechs Monate. Das Zimmer war möbliert. Sie öffnete den Koffer nur so weit, wie nötig.
Tomas schrieb am ersten Abend: Bist du angekommen?
Elara starrte lange auf die Nachricht. Früher hätte sie nicht geantwortet. Dann erinnerte sie sich an den Satz am Fenster.
Ich bin auf Vesper. Die Luft riecht nach Stein. Mir geht es gut, schrieb sie.
Tomas antwortete: Danke.
Mehr verlangte er nicht.
Elara arbeitete mit Nemi Olan, einer Schichtleiterin, die auf Vesper geboren war und die Station hasste, ohne sie verlassen zu wollen. Nemi hatte zwei Söhne im Nordring und ein Gedächtnis für jede Leitung.
Nemi„Du prüfst zuerst die Fluchtwege“, bemerkte Nemi.
Elara„Das sollte jeder tun“, sagte Elara.
Nemi„Jeder sollte auch seine Bettwäsche wechseln. Trotzdem erkennt man Menschen, die es übertreiben“, erwiderte Nemi.
Drei Monate nach Elaras Ankunft brach im Schacht neun eine Stützwand. Der Stoß beschädigte die Hauptleitung zum Wohnring. Türen verriegelten, Anzeigen fielen aus, und auf den Gängen liefen widersprüchliche Durchsagen. Elara hatte ihren Koffer in der Hand, bevor die erste Sirene endete.
Vor ihrem Zimmer stand ein alter Mann und hielt zwei Kinder an den Schultern. Ihre Mutter arbeitete im Schacht. Auf seiner Netzhaut flackerten mehrere Evakuierungsanweisungen.
Mann„Welches Dock?“, fragte der Mann.
ElaraElara sah zum Korridor, der zu den Rettungskapseln führte. Dann sah sie die Kinder. „Dock zwei“, antwortete sie. „Bleiben Sie hinter mir.“
Im Sammelraum herrschte das Chaos, das Elara von der Aster Vale kannte. Namen wurden auf unterschiedlichen Geräten erfasst. Schichtlisten passten nicht zu Wohnregistern. Ein Kind stand als evakuiert in Dock vier und zugleich als vermisst in Schacht neun.
Elara stellte ihren Koffer ab.
Sie nahm ein leeres Wartungsdisplay, legte eine gemeinsame Liste an und zwang jede Dockleitung, nur noch diese Kennungen zu verwenden. Nemi schaltete ihr die Personalakten frei. Zwölf Stunden lang glichen sie Namen, Gesichter, Arbeitsorte und Kapseln ab.
Sicherheitsmann„Du bist Lufttechnikerin“, sagte ein Sicherheitsmann.
Elara„Heute nicht“, erwiderte Elara.
Am Ende fehlten sieben Menschen. Fünf wurden in einem Wartungsraum gefunden. Zwei waren im Schacht gestorben. Die Mutter der Kinder lebte. Als sie den Sammelraum betrat, rannten beide auf sie zu.
Elara sah weg und dachte an ein Dock, an dem niemand die richtige Liste gehabt hatte.
Die Stationsleitung lobte ihre Improvisation. Eine Ermittlerin des Interstellaren Transitdienstes, Imani Reeve, fragte, wo Elara das Registrieren gelernt habe.
Elara„Indem man mich falsch registriert hat“, antwortete Elara.
Imani kannte den Fall Kestrel. Sie arbeitete für den mobilen Such- und Rückführungsdienst, der nach Unfällen Familienlisten zusammenführte. Das Team reiste dorthin, wo Stationen brannten, Monde evakuiert und Kolonien aufgegeben wurden.
Imani„Wir suchen Menschen, die Systeme verstehen und ihnen nicht blind vertrauen“, erklärte Imani.
Elara„Wie lange bleibt Ihr Team an einem Ort?“, fragte Elara.
Imani„Selten länger als drei Monate“, antwortete Imani.
Elara hätte sofort zusagen können. Die Antwort passte zu ihrem Leben. Gerade deshalb wartete sie.
Elara„Menschen müssen wissen, wo ich bin“, sagte Elara.
ImaniImani hob eine Braue. „Das ist normalerweise Teil des Arbeitsvertrags.“
Elara„Ich meine nicht nur der Dienst“, präzisierte Elara.
Imani„Dann geben Sie ihnen die Adresse“, sagte Imani.
Elara nahm die Stelle an. Vor der Abreise schrieb sie Tomas, Hessa, Yaro und Nemi denselben Satz: Ich fliege morgen mit der Wayfinder nach Sora. Ihr könnt mich über diese Kennung erreichen.
Vier Menschen antworteten.
Elara las jede Nachricht, bevor sie an Bord ging.
Kapitel 11
Namen im Transit
Die Wayfinder war kein schönes Schiff. Ihre Hülle trug Platten in fünf verschiedenen Grautönen, die Schlafkojen waren schmal, und im Aufenthaltsraum funktionierte nur eine der beiden Heizflächen. Für Elara war sie der erste Ort seit Kestrel, der sich bewegte, ohne zu verschwinden.
Sie arbeitete sieben Jahre für den Suchdienst.
Auf Sora ordnete sie die Passagierlisten dreier Evakuierungsfrachter und fand achtundsechzig Menschen, die als vermisst galten. Auf Hadeon ging sie durch ein überflutetes Archiv, um Speicherkarten zu bergen. Auf der Kolonie Eos traf sie ein Mädchen, das seinen Vater nur als „der Mann mit der roten Jacke“ beschreiben konnte. Elara ließ vierzehntausend Ankunftsbilder prüfen. Sie fand ihn auf dem Bild eines anderen Docks.
Nach jedem Einsatz schickte Elara eine Nachricht mit ihrem nächsten Ziel. Manchmal antwortete Tomas. Er erzählte von Caelum, neuen Wolkenfeldern und der Minze, die irgendwann den Topf gesprengt hatte. Er schrieb nicht, dass er wartete. Elara fragte nicht, ob er jemand anderen liebte.
Yaro schickte Bilder von seinen Kindern vor der alten Messsäule. Hessa starb im dritten Jahr der Wayfinder. In ihrem letzten Brief stand: Du hast endlich verstanden, dass Dinge auf dich warten können, ohne dich festzuhalten.
Elara trug den Brief beim Navigationstoken.
Der Suchdienst erhielt schließlich Zugang zum Kestrel-Wrackfeld. Ardent hatte die Bergungsrechte nach jahrzehntelangem Streit abgeben müssen. Angehörige durften persönliche Daten und Gegenstände prüfen. Elara meldete sich für die Mission.
Nemeon füllte das Sichtfenster wie in ihrer Kindheit. Zwischen den blauen Wolken zogen Trümmer. Ringstücke, Tanks, ein halber Dockarm. Der weiße Punkt des Wrackfelds erschien auf der Navigationskarte genau dort, wo Levs Token keine Koordinaten mehr kannte.
Im geborgenen Wartungsarchiv fand Elara die letzten Aufzeichnungen aus Reaktor drei. Messwerte, Meldungen, Levs Stimme.
Lev„Kreislauf eins hält“, sagte Lev in der Aufnahme. „Baret ist unterwegs zum Dock. Manuelle Ventile zwei und vier bleiben offen.“
Eine Leitstelle befahl ihm, den Raum zu verlassen. Lev antwortete, das automatische System werde nach drei Minuten schließen. Jemand anders könne übernehmen, sagte die Stimme.
Lev„Negativ“, erwiderte Lev. „Der Zugang ist blockiert. Wenn ich loslasse, verlieren wir Ring C.“
Dann folgte eine private Nachricht an Rhea. Das Bild fehlte, aber die Stimme war klar.
Lev„Rhea, ich weiß nicht, ob du das hörst“, sagte Lev. „Ich bleibe nicht, weil ihr mir weniger bedeutet. Ich bleibe, weil eure Kapsel Zeit braucht. Sag Elara, dass der weiße Punkt immer irgendwo ist, auch wenn die Karte ausfällt.“
Elara hörte die Aufnahme nur einmal. Sie musste sie nicht wiederholen. Die Worte veränderten nicht, dass Lev geblieben war. Sie veränderten, was er dabei gesehen hatte: keine Station, die ihn festhielt, sondern eine Kapsel, die fortmusste.
Im Wrack von Ring D fanden die Bergenden eine Wandplatte mit mehreren dünnen Strichen. Die Datenbank ordnete sie keiner technischen Funktion zu. Elara erkannte ihre Größenmarken. Neben dem letzten Strich stand Nemeon.
Sie nahm die Platte nicht mit. Sie ließ sie im Gedenkarchiv erfassen, mit den Namen Lev Senn und Rhea Senn und der Notiz: Wohnung D-41, Minze in Filterkartusche.
Zurück auf der Wayfinder öffnete Elara eine Verbindung nach Caelum.
Tomas erschien am Fenster. Sein Haar war kürzer, an den Schläfen grau. Hinter ihm stand noch immer die blaue Wand.
Elara„Ich habe seine Stimme gefunden“, sagte Elara.
Tomas„Deines Vaters?“, fragte Tomas.
ElaraElara nickte. „Er ist geblieben, damit wir gehen konnten.“
Tomas wartete.
Elara„Ich habe dich verlassen, damit ich nicht bleiben musste“, sagte Elara. „Das war nicht dasselbe. Ich habe es nur lange so genannt.“
Tomas„Freiheit“, sagte Tomas.
Elara„Ja“, bestätigte Elara.
Tomas„Und wie nennst du es jetzt?“, fragte Tomas.
ElaraElara sah durch das Schiffsfenster auf Nemeon. „Angst. Aber nicht nur Angst“, antwortete sie.
TomasTomas nickte. „Das klingt näher an der Wahrheit.“
Elara fragte, ob sie Caelum besuchen dürfe. Tomas sagte ja. Er sagte nicht nach Hause.
Kapitel 12
Der weiße Punkt
Caelum hatte sich verändert. Es gab eine neue Gleitbahn, ein zweites Wolkenreservoir und am Raumhafen eine Sicherheitskontrolle, die Elara zu langsam fand. Der Regen begann noch immer um neunzehn Uhr.
Tomas wartete nicht am Gate. Elara hatte ihn darum gebeten. Sie wollte den Weg zur Wohnung allein gehen und herausfinden, ob ihr Körper ihn noch kannte.
Die Bäckerei verkaufte weiterhin Salzringe. Im Tunnel ließen andere Kinder Drachen steigen. Vor Tomas’ Tür lag eine neue Matte. Elara klingelte, obwohl ihr alter Metallschlüssel vermutlich noch gepasst hätte. Sie hatte ihn vor Jahren auf der Fensterbank zurückgelassen.
Tomas öffnete. Neben ihm stand eine Frau namens Lale, Biologin im Nordreservoir. Tomas hatte in seiner Nachricht von ihr erzählt. Elara hatte den Absatz dreimal gelesen und dann geantwortet, sie freue sich, dass die Wohnung nicht leer geblieben sei.
LaleLale begrüßte sie ohne Misstrauen. „Tomas behauptet, Sie hätten die Westkurve am ersten Tag korrigiert“, sagte sie.
Elara„Sie war falsch“, antwortete Elara.
Lale„Das sagt er auch“, erwiderte Lale.
Die blaue Wand war heller geworden. Auf dem Regal stand die zweite Tasse. Nicht als Denkmal, sondern mit Stiften darin. Die Minze wuchs inzwischen in einem Kasten vor dem Fenster.
Elara und Tomas gingen später allein zum Wartungssteg über dem Wolkenreservoir. Unter ihnen zogen künstliche Wolken. Über ihnen leuchtete das gegenüberliegende Landband.
Tomas„Ich dachte, du würdest zurückkommen“, sagte Tomas.
Elara„Ich auch“, antwortete Elara.
Tomas„Dann dachte ich, du würdest nie zurückkommen“, sagte Tomas.
Elara„Das dachte ich ebenfalls“, antwortete Elara.
TomasTomas lehnte sich an das Geländer. „Du bist anstrengend, selbst wenn du nicht da bist.“
ElaraElara lachte. „Es tut mir leid.“
Tomas„Mir auch“, sagte Tomas. „Und einiges nicht.“
Sie gaben einander keine zweite Version ihrer Geschichte. Tomas liebte Lale. Elara liebte den Mann, der ihr einmal einen Schlüssel gegeben hatte, ohne daraus eine Forderung zu machen. Beides durfte wahr sein, ohne einen neuen Vertrag zu verlangen.
Am nächsten Morgen flog Elara weiter.
Sie blieb beim Suchdienst, bis die Wayfinder außer Dienst gestellt wurde. Danach übernahm sie die Leitung eines neuen Schiffes. Die Argo war schneller, besaß eine gemeinsame Datenbank für alle Docks und im Aufenthaltsraum zwei funktionierende Heizflächen. Elara bestand darauf, dass jedes Crewmitglied einen privaten Schrank erhielt und dass Evakuierungslisten nach Gesichtern, Beziehungen und Namen abgeglichen wurden.
Als Heimatkennung trug sie nicht Caelum, Orison oder Kestrel ein. Sie registrierte die Argo. Das Schiff hatte keinen festen Orbit. Es wechselte Systeme, folgte Notrufen und blieb, bis die letzten Namen geklärt waren.
Elara reiste weiter. Sie schlief durch Dockingsirenen, aber nicht mehr durch Nachrichten. Sie trug das Navigationstoken in ihrer Jacke. Der weiße Punkt hatte weiterhin keine Koordinaten. Ein Techniker bot an, die Karte zu rekonstruieren. Elara lehnte ab.
Suri„Warum behalten Sie ein defektes Token?“, fragte eine junge Kollegin namens Suri.
Elara„Es ist nicht defekt“, antwortete Elara.
Suri„Es zeigt nicht, wo Sie sind“, sagte Suri.
Elara„Das muss es nicht“, antwortete Elara.
Suri wartete auf eine Erklärung.
Elara„Es erinnert mich daran, dass ein Ort existiert haben kann, auch wenn nichts von ihm übrig ist“, sagte Elara. „Und dass ein Mensch unterwegs sein kann, ohne verschwunden zu sein.“
Vor jedem Abflug schickte Elara ihre neue Kennung an die Menschen, die sie kannten. Yaro, Nemi, Tomas, Lale und die wechselnden Mitglieder der Wayfinder-Crew. Manchmal kamen nur kurze Antworten. Gute Reise. Melde dich. Regen heute später. Die Nachrichten waren keine Ketten. Sie waren Linien auf einer Karte.
Viele Jahre nach Kestrel brachte die Argo eine Gruppe evakuierter Kinder nach Nemea. Ein Junge saß im Ankunftsbereich auf seinem Koffer und weigerte sich, mit der Betreuerin zu gehen. Seine Eltern standen auf einer anderen Transportliste.
Elara setzte sich neben ihn.
Junge„Sie sagen, meine Mutter ist nicht hier“, sagte der Junge.
Elara„Dann ist die Liste möglicherweise falsch“, antwortete Elara.
Junge„Finden Sie sie?“, fragte der Junge.
ElaraElara sah zum Dock, wo die Lichter eines weiteren Frachters erschienen. „Ja“, sagte sie. „Und bis dahin weiß sie, wo du bist.“
Sie öffnete das Register, verband die Kennungen und wartete, bis die Bestätigung kam. Der Junge nahm die Hand der Betreuerin. Sein Koffer blieb geschlossen, aber er musste ihn nicht allein tragen.
Später stand Elara am Fenster der Argo. Nemea wurde kleiner, dann zu einem hellen Punkt und schließlich zu einem Namen auf der Karte. Vor ihr lagen neue Tore, neue Himmel und Orte, die sie wieder verlassen würde.
Sie hatte keinen festen Stern, keinen Orbit und keine Kette.
Sie war nicht verloren.
Jemand wusste immer, wo sie war.