Across the Galaxy · Band 01
Der letzte Morgen von Navira
Mera Venns GeschichteKapitel 01
Das Geräusch der Schiffe
Mera Venn lernte die Schiffe kennen, lange bevor sie lesen konnte.
Die Frachter waren die langsamen. Sie drückten ihr Gewicht mit einem tiefen Grollen gegen die Deiche, bis in den Küchenschränken die Tassen zitterten. Die Postkutter klangen hell und ungeduldig. Sie stiegen fast senkrecht aus dem Raumhafen, warfen einen weißen Strich über den Himmel und waren verschwunden, ehe Lio vom Fensterbrett auf den Boden geklettert war. Die alten Personentransporter klapperten beim Abheben, als trügen sie lose Schrauben in ihren Bäuchen.
Mera„Der da hat einen kranken Injektor“, sagte Mera eines Morgens.
Sie war sieben und kniete auf der Rückenlehne des Sofas. Hinter der Scheibe lag der östliche Deich wie der Rücken eines schlafenden Tieres. Darüber kämpfte sich ein Versorgungsschiff durch den Regen.
Ihr Vater Elias stellte seine Tasse ab und lauschte. „Steuerbord zwei“, sagte er. „Der Takt ist unruhig.“
Mera„Hab ich doch gesagt.“
Elias„Du hast Injektor gesagt.“
Mera„Ist das nicht dasselbe?“
Elias„Nur wenn man später im Bericht erklären möchte, warum man das falsche Teil ausgebaut hat.“
Mera verzog das Gesicht. Elias lachte und hob sie vom Sofa, obwohl sie protestierte, sie sei dafür längst zu groß. Seine Uniform roch nach kaltem Metall und dem scharfen Waschmittel des Orbitaldienstes. An der Brust steckte die kleine Messingplakette mit seinem Namen. Wenn Licht darauf fiel, glänzte sie wie ein Stück Sonne.
In der Küche zog ihre Mutter Tessa die Arbeitsjacke zu. Ihre Hände waren schon damals rau von der Deichwerft. Sie verlegte Kabelstränge in die Pumpentürme, Bündel so dick wie Baumstämme, und behauptete, jeder Deich habe ein Nervensystem. Wenn die Sensoren den Druck einer Sturmflut meldeten, schlossen sich draußen Tore, Ventile öffneten sich, Pumpen erwachten. Für Mera war ihre Mutter deshalb nicht einfach Elektrikerin. Sie hielt das Meer zurück.
Lio saß im Hochstuhl und schlug mit einem Löffel gegen die Tischkante. Sie war zwei, trug eine dunkelblaue Strähne im schwarzen Haar, mit der sie geboren worden war, und betrachtete jedes Geräusch als Aufforderung, ein lauteres zu machen.
Damals lag das Wasser noch hinter dem alten Deich. Vom Dach ihres Wohnturms aus konnte man bei klarem Wetter die Salzgärten sehen: flache Becken, dazwischen schmale Wege und niedrige Häuser mit weißen Dächern. Tessa war dort aufgewachsen. Sie erzählte von Sommerabenden, an denen ihre Familie die Fenster offen gelassen hatte und die Luft nach Mineralien, warmem Schlamm und den violetten Blüten der Saliere roch.
Nur die unterste Straße war bereits aufgegeben. Bei Flut stand Wasser über dem Pflaster, und die Kinder fuhren mit selbst gebauten Brettern zwischen den Laternen hindurch. Die Erwachsenen schimpften darüber. Nicht weil es gefährlich war, sondern weil niemand gern sah, wie selbstverständlich Kinder sich an eine Katastrophe gewöhnten.
Mera„War das Meer früher niedriger?“, fragte Mera ihren Vater, als sie gemeinsam zur Küstenbahn gingen.
Elias blieb vor einer Hauswand stehen. In den Beton waren waagerechte Striche eingeritzt, daneben Jahreszahlen. Die untersten Markierungen lagen auf Meras Kniehöhe. Die jüngste reichte bis zu ihrer Hüfte.
Elias„Ja“, sagte er.
Mera„Warum?“
Er blickte hinauf. Über den Wolken kreiste der Klimakranz von Navira, achtundvierzig gewaltige Spiegelsegmente, die man tagsüber nur als wandernde Funken sah. Seit der Besiedlung lenkten sie einen Teil des Sternenlichts vom Planeten fort. Ohne den Kranz, erklärte Elias, würden die westlichen Eisschilde schmelzen und die flachen Küsten verschlingen.
Elias„Der Kranz ist verstellt worden“, sagte er.
Mera„Wer stellt einen Himmel falsch ein?“
Elias lächelte nicht. „Menschen, die am Boden nie nasse Füße bekommen.“
Dann kam die Bahn, und das Gespräch endete zwischen Türen, Durchsagen und dem Gedränge der Frühschicht.
Mera vergaß die Antwort nicht. Jahre später würde sie verstehen, dass dies der erste Satz gewesen war, den ihr Vater ihr gegen eine ganze Welt mitgegeben hatte.
An diesem Tag nahm er sie zum Raumhafen mit. Nicht in die Flugleitung, wo Kinder verboten waren, sondern auf die öffentliche Galerie oberhalb der Startfelder. Sie legte beide Hände gegen die Scheibe. Unter ihr standen Schiffe in ihren Buchten, verbunden mit Treibstoffschläuchen und Versorgungsarmen. Menschen bewegten sich dazwischen wie winzige Blutkörperchen in einem metallischen Organismus.
Mera„Wie weiß ein Schiff, wohin es muss?“, fragte sie.
Elias„Es weiß es nicht“, sagte Elias. „Menschen sagen es ihm.“
Mera„Und wenn die Menschen sich irren?“
Elias„Dann braucht man jemanden im Cockpit, der es merkt.“
Ein kleiner Vermessungskutter hob ab. Erst schien er unbeweglich zwischen den Türmen zu hängen. Dann kippte seine Nase in den bleichen Himmel, und das Licht seiner Triebwerke zog über Meras Gesicht.
Sie wusste noch nicht, was eine Lizenz kostete, wie viele Prüfungen zwischen ihr und einem Pilotensitz lagen oder wie wenig ein Traum bedeutete, wenn eine Firma ihn besaß. Sie wusste nur, dass der Boden sie festhielt und dass es Maschinen gab, die sich davon nicht beeindrucken ließen.
Mera„Ich fliege später auch“, sagte sie.
Elias antwortete nicht sofort. Er betrachtete sie im Spiegelbild der Scheibe, klein, dünn, mit entschlossen zusammengepressten Lippen.
Elias„Dann lern zuerst zuzuhören“, sagte er. „Ein Schiff warnt dich fast immer. Menschen sind das Problem. Die reden über die Warnung hinweg.“
Kapitel 02
Acht Zentimeter
Als Mera elf war, kam das Wasser bis zur Schule ihrer Mutter.
Das Gebäude stand in den Salzgärten, ein langes Haus aus hellem Beton, dessen Dach an den Ecken nach oben gebogen war. Tessa hatte dort als Kind rechnen gelernt und später auf der Rückseite ihren Namen in eine Bank geritzt. Nun standen Soldaten vor den Türen und klebten orangefarbene Evakuierungszeichen an die Fenster.
Die Familie fuhr mit der Küstenbahn hinaus, um Tessas Schwester beim Packen zu helfen. Hinter dem neuen Deich glänzte Wasser zwischen den Häusern. Es war windstill, beinahe friedlich. Kleine Fische zogen über einen Sportplatz. In einem Klassenzimmer trieben Papierblätter unter der Decke.
Tante Neva„Nur für diesen Winter“, sagte Tante Neva, während sie Geschirr in Kisten legte. „Danach setzen sie die Pumpen instand.“
Tessa sah zu Elias. Elias sah aus dem Fenster.
Mera bemerkte den Blickwechsel. „Sie kommt nicht zurück, oder?“
Niemand antwortete. Lio, inzwischen sechs, saß auf dem Boden und drehte die Kurbel einer Spieluhr. Sieben helle Töne wiederholten sich immer wieder, viel zu fröhlich für das leere Haus.
Auf der Rückfahrt lief über den Anzeigen der Küstenbahn eine Ansprache des Meridian-Konsortiums. Eine Frau mit silbernem Kragen erklärte, Navira erlebe eine vorübergehende hydrologische Abweichung. Die mittlere Pegelerhöhung betrage acht Zentimeter im Jahr. Neue Deiche, intelligente Pumpen und schwimmende Wohnbezirke würden Wohlstand und Sicherheit für kommende Generationen garantieren.
Lio„Acht Zentimeter klingt wenig“, sagte Lio.
Elias nahm ihr die Spieluhr ab und hielt sie senkrecht vor das Fenster. „In zehn Jahren ist es ungefähr so viel.“ Er zeigte den Abstand zwischen seinem Daumen und seinem Ellbogen. „Im Mittel. Bei einem Sturm kommt noch alles dazu, was der Wind vor sich herschiebt.“
Mera„Dann bauen wir die Deiche höher“, sagte Mera.
Tessa„Das tun wir“, sagte Tessa.
Ihre Stimme war müde, nicht hoffnungslos. Damals bestand für Mera noch ein Unterschied.
Zu Hause fand sie ihren Vater in der Nacht am Küchentisch. Vor ihm lagen ausgedruckte Diagramme, obwohl Papier teuer geworden war. Blaue Kurven stiegen über Jahreszahlen. Rote Flächen zeigten den Rückgang des Varda-Eisschildes im Westen. Auf einem Blatt war der Klimakranz abgebildet. Elf der achtundvierzig Segmente waren gelb markiert.
Elias„Du sollst schlafen“, sagte Elias.
Mera setzte sich ihm gegenüber. „Du auch.“
Er schob die Blätter zusammen, doch nicht schnell genug. „Was hast du gesehen?“
Mera„Dass Gelb schlecht ist.“
Elias„Gelb bedeutet umgeleitet.“
Nach der Gründung Naviras hatten die Spiegel des Klimakranzes überschüssiges Sternenlicht in den leeren Raum gelenkt. Die Welt war bewohnbar geworden, weil Maschinen eine Grenze hielten, die keine Küste sehen konnte. Dann hatte Meridian elf Segmente gedreht. Ihr Licht traf seither schwimmende Raffinerien und Algenfarmen am Äquator. Aus Wärme wurde Energie, aus Energie Treibstoff, aus Treibstoff Gewinn.
Die zusätzliche Wärme blieb jedoch nicht an den Raffinerien. Strömungen trugen sie nach Westen unter das Eis. Zuerst brachen Zungen des Varda-Schildes ab. Dunkles Wasser ersetzte helle Flächen und nahm noch mehr Wärme auf. Das Meer dehnte sich aus. Gletscher, die Jahrtausende lang fest gewesen waren, rutschten in die See.
Mera„Meridian sagt, die Sterne werden heller“, sagte Mera.
Elias„Das stimmt sogar“, antwortete Elias. „Um einen winzigen Bruchteil. Gerade genug, um damit zu lügen.“
Mera„Warum drehen sie die Spiegel nicht zurück?“
Elias„Weil auf dreißig Welten Schiffe mit Treibstoff von Navira fliegen. Weil unsere Regierung die Deiche mit dem Geld bezahlt, das Meridian für die Raffinerien zahlt. Weil alle Angst davor haben, zuzugeben, dass sie die Sicherheit verkauft haben, um die nächste Rechnung zu begleichen.“
Mera strich über die rote Fläche des schmelzenden Eises. „Kann man es noch aufhalten?“
Elias lehnte sich zurück. In seinem Gesicht lag für einen Moment etwas, das sie bei ihm nicht kannte: Scham.
Elias„Den Kranz zurückdrehen. Die Äquatorfelder abschalten. Die Tiefenwärme ausleiten. Dann würde der Anstieg langsamer. Vielleicht nach zwanzig, dreißig Jahren fast stoppen.“
Mera„Dann sag es ihnen.“
Elias„Das tun viele.“
Mera„Sag es lauter.“
Er lachte leise, aber seine Augen blieben ernst. „Du bist wirklich meine Tochter.“
Später begriff Mera, warum die Diagramme bei ihnen lagen. Die Flugleitung koordinierte nicht nur Starts. Sie verwaltete auch die orbitalen Wartungsfenster des Klimakranzes. Elias hatte gesehen, wie aus elf vorübergehend umgeleiteten Segmenten ein Dauerzustand geworden war. Er hatte Vermerke geschrieben, Einsprüche eingereicht und Protokolle kopiert. Jeder Widerspruch war beantwortet worden. Keiner hatte etwas verändert.
Am nächsten Morgen waren die Blätter verschwunden. Zwei Wochen später durchsuchte die interne Sicherheit sein Büro.
Sie fanden nichts.
Elias hatte die Daten längst in die Messingplakette seiner Uniform übertragen.
Kapitel 03
Die Karte aus der Müllpresse
Mit zwölf fand Mera den Plan des Raumhafens.
Sie half damals nach der Schule in der Recyclinghalle, weil das Geld der Familie nicht mehr bis zum Monatsende reichte. Tessas Schichten in der Deichwerft wurden länger, aber ein Teil des Lohns kam nur noch als Wohngutschrift. Elias war von der zentralen Flugleitung in eine Außenstation versetzt worden. Offiziell handelte es sich um eine Umstrukturierung. Inoffiziell wusste jeder, dass Meridian Menschen nicht entließ, wenn es sie auch unsichtbar machen konnte.
Die Müllpresse fraß alte Schilder, Uniformen und Papierarchive. Mera sortierte Metalle aus einem Förderband, als zwischen zwei Wartungshandbüchern ein zusammengerollter Plan auftauchte. Er zeigte den Hafen, wie er vor dem dritten Deichbau ausgesehen hatte. Dock Sieben war noch als Passagierterminal markiert. Die Startfelder reichten wie Finger in Richtung Meer.
Sie zog den Plan aus der Maschine, strich ihn mit den Handflächen glatt und nahm ihn mit nach Hause.
Elias„Das ist Eigentum des Orbitaldienstes“, sagte Elias.
Mera„Es lag im Müll.“
Elias„Dann ist es Müll des Orbitaldienstes.“
Mera„Willst du mich verhaften?“
Er betrachtete die Karte lange. Dann holte er Klebestreifen und half ihr, sie über dem Bett zu befestigen.
Von da an lernte Mera die Nummern der Startbuchten, die Versorgungstunnel und die Notrouten. Elias erklärte ihr Symbole. Tessa zeigte, welche Leitungen unter dem Hafen mit den Deichpumpen verbunden waren. Lio malte heimlich kleine Sterne an die Ränder und bestritt jede Schuld, obwohl sie den Stift noch in der Hand hielt.
Die Karte wurde zum Mittelpunkt des Zimmers. Wenn draußen der Regen gegen die Scheiben schlug, lag Mera im Bett und verfolgte mit dem Finger die Route von der Küstenbahn bis zur Flugleitung. In ihrer Vorstellung trug sie eines Tages eine Pilotenuniform. Der Hafen war dann kein Ort, an dem Menschen Navira verließen. Er war ein Ort, an dem sie zurückkehrten.
In der Schule begann sie einen Kurs für technische Navigation. Dort lernte sie Savi Noll kennen, einen Jungen aus den schwimmenden Bezirken. Savi wollte keine Schiffe fliegen. Er wollte sie bauen. Seine Mutter reparierte Pumpenrotoren, sein Vater war verschwunden, nachdem ein Wohnponton sich während eines Salzsturms losgerissen hatte.
Gemeinsam bauten Mera und Savi einen Gleiter aus ausrangierten Drohnenteilen. Das Ding flog elf Sekunden, riss zwei Wäscheleinen herunter und landete im Innenhof einer Hafenbeamtin. Es war der schönste Flug ihres Lebens.
Mera„Beim nächsten Mal mehr Schub“, sagte Mera.
Savi„Beim nächsten Mal eine Bremse“, sagte Savi.
Sie blieben Freunde, bis Savi mit sechzehn eine Lehrstelle bei Meridian annahm. Er entschuldigte sich dafür, als hätte er sie verraten.
Savi„Meine Mutter braucht die Medikamente“, sagte er.
Mera wusste nicht, was sie antworten sollte. Auf Navira besaß Meridian die Ursache vieler Krankheiten, die Fabriken für ihre Behandlung und die Verträge, die beides miteinander verbanden.
Tessa wurde in diesem Winter zum ersten Mal krank. Nach einem Einsatz in Pumpenturm Ost bekam sie Fieber und einen metallischen Husten. Der Arzt nannte es Brineaerosol-Syndrom, eine Entzündung durch feinste Salz- und Algenpartikel. Er verschrieb Tabletten mit dem Meridian-Zeichen und empfahl, die Deichwerft zu meiden.
Am nächsten Montag ging Tessa wieder zur Arbeit.
Tessa„Wenn ich nicht hingehe, sperren sie unsere Wohngutschrift“, sagte sie.
Mera„Dann geh ich arbeiten“, sagte Mera.
Tessa„Du gehst zur Schule.“
Mera„Wozu? Damit ich später für Meridian fliege?“
Tessa packte sie am Kinn, nicht grob, aber fest. „Damit du später entscheiden kannst, für wen du nicht fliegst.“
Der Satz blieb. Er wurde zu einer zweiten Karte über Meras Bett, unsichtbar, aber genauer als alle Linien auf dem Papier.
Kurz darauf meldete Elias sie ohne ihr Wissen für die Vorprüfung der Orbitalakademie an. Als die Einladung kam, hielt Mera den Umschlag für Werbung. Die Akademie nahm jedes Jahr zweihundert Bewerber aus Navira. Zwölf erhielten ein Stipendium.
Mera„Das können wir uns trotzdem nicht leisten“, sagte sie.
Elias legte seine Messingplakette auf den Tisch. „Wenn du bestehst, finden wir einen Weg.“
Mera„Und wenn nicht?“
Elias„Dann finden wir einen anderen.“
Sie bestand als Dritte.
Die Nachricht kam am selben Tag, an dem der westliche Varda-Schild eine Eisfläche von der Größe des alten Kontinents verlor.
In den offiziellen Meldungen hieß es, der Abbruch habe keine unmittelbare Auswirkung auf bewohnte Gebiete.
Drei Monate später wurde der achte Deich geplant.
Kapitel 04
Die Nacht, in der Elias blieb
Der Sturm erhielt erst danach einen Namen.
Während er über Navira zog, war er nur ein Druckabfall, eine Reihe roter Symbole auf den Wetterkarten und ein Wind, der die Außenhaut der Wohntürme heulen ließ. Später nannte man ihn die Schwarze Flut, weil Sediment aus den überfluteten Salzgärten das Wasser färbte.
Mera war fünfzehn. Lio lag mit hohem Fieber im Bett, Tessa saß bei ihr, und Elias hatte Nachtschicht in der Außenflugleitung. Seit Stunden befahl die Verwaltung den Bewohnern des Küstengürtels, ihre Wohnungen zu verlassen. Die Evakuierungszüge waren überfüllt. Der Regen stand waagerecht in den Straßen.
Tessa„Wir gehen nicht“, sagte Tessa.
Mera„Der siebte Deich hält nicht“, sagte Mera.
Tessa„Lio schafft den Weg nicht.“
Mera„Dann tragen wir sie.“
Tessa blickte zur Tür und schüttelte den Kopf. Mera hatte ihre Mutter noch nie so gesehen. Nicht stur, nicht müde – gelähmt. Jede Sirene schien etwas in ihr enger zu machen.
Elias rief über den Notkanal an. Sein Bild zerfiel in grüne Blöcke. Hinter ihm bewegten sich Menschen durch die Flugleitung.
Elias„Seid ihr im Zug?“, fragte er.
Tessa antwortete nicht.
Mera sagte: „Mutter will nicht.“
Für einen Moment schloss Elias die Augen. Dann wurde er wieder zu dem Mann, der Stimmen ordnete, während draußen Schiffe gegen den Wind starteten.
Elias„Nehmt den Versorgungstunnel unter Block C“, sagte er. „Am Ende wartet ein Wartungsfahrzeug. Ich schicke Narek.“
Lio„Kommst du auch?“, fragte Lio vom Bett aus.
Elias lächelte in die Kamera. „Ich muss noch ein paar sehr große, sehr dumme Vögel aus dem Regen holen.“
Lio„Papa.“
Elias„Ich komme nach.“
Es war keine Lüge, als er es sagte. Das lernte Mera später. Hoffnung konnte ehrlich sein und trotzdem nicht eintreffen.
Chief Narek fand sie im Tunnel. Damals besaß er noch sein ganzes Gesicht. Er trug Lio auf dem Rücken, während Mera die Notlampen mit einer Handkurbel am Leuchten hielt. Hinter ihnen brach Block D vom Stromnetz ab. Vor ihnen füllte sich der Tunnel knöcheltief, dann knietief mit schwarzem Wasser.
Im Wartungsfahrzeug hörten sie die Flugleitung. Elias koordinierte die letzten Evakuierungsschiffe vom tieferen Startfeld. Die automatische Routenführung war ausgefallen. Auf den Kanälen schrien Piloten durcheinander. Elias sprach langsam und klar.
Elias„Kutter Vier, halten Sie zwei Grad Nord. Frachter Ansai, Schub auf sechzig. Personentransporter Lumen, Sie starten auf mein Zeichen.“
Mera hielt das Funkgerät mit beiden Händen.
Mera„Papa, wir sind bei Narek.“
Elias„Gut. Sehr gut.“
Mera„Wann kommst du?“
Eine Pause. Im Hintergrund schlug etwas Metallisches gegen Metall.
Elias„Sobald die Lumen oben ist.“
Der siebte Deich brach um 03:17 Uhr.
Die Flut traf zuerst die Deichwerft, dann die unteren Startfelder. Auf den Kameras hob die Lumen ab, während schwarzes Wasser über ihre Landestützen schlug. Im selben Moment brach die Verbindung zur Außenflugleitung ab.
Narek wendete das Fahrzeug, obwohl Tessa ihn anschrie. Er fuhr zurück, bis ein Pumpenturm vor ihnen einstürzte. Eine Metallstrebe durchschlug die Frontscheibe. Sie riss Narek die linke Wange auf und klemmte das Fahrzeug zwischen zwei Tunnelwänden fest.
Mera erinnerte sich später nicht daran, wie sie ihn befreit hatte. Sie erinnerte sich an Blut, an Lios Spieluhr, die in einer Tasche immer wieder dieselben sieben Töne spielte, und an Tessas Hände, die trotz ihres Zitterns ein Stromkabel aus der Wand rissen und den Notmotor überbrückten.
Sie erreichten den Hochdeich bei Tagesanbruch.
Elias nicht.
Von der Außenflugleitung blieb nur der obere Antennenring. Die offizielle Untersuchung erklärte, die Besatzung habe ihren Evakuierungsbefehl zu spät umgesetzt. Meridian verlieh Elias posthum eine Verdienstmarke und schickte der Familie eine Rechnung für nicht zurückgegebene Uniformteile.
Mera zerschlug den Datenrahmen, auf dem die Rechnung erschienen war.
Tessa legte die Messingplakette ihres Mannes in eine Schublade und sprach drei Monate lang kaum. Als sie wieder zur Deichwerft ging, war ihr Husten schlimmer.
Mera bestand darauf, dass Elias als Held gestorben sei. Er habe Hunderte Menschen gerettet. Er habe keine Angst gehabt.
Tessa widersprach ihr nie.
Diese Geschichte war leichter zu tragen als die Wahrheit: Elias war geblieben, weil Tessa Angst gehabt hatte und weil er glaubte, noch Zeit zu besitzen. Er hatte seine Familie gerettet und war trotzdem nicht aus freiem Mut gestorben. Liebe, Pflicht, Angst und Hoffnung hatten ihn in derselben Nacht in verschiedene Richtungen gezogen, bis keine Richtung mehr übrig gewesen war.
Mera machte aus seinem Tod eine Flugbahn. Sie schwor, niemals zu zögern, niemals zurückzuweichen und jede Warnung rechtzeitig zu hören.
Es war ein Schwur, der sie viele Jahre später beinahe zerstörte.
Kapitel 05
Flugbahn
Die Orbitalakademie lag auf einer Plattform über dem nördlichen Hochland. Dort roch die Luft nicht nach Salz. Die Fenster waren dreifach versiegelt, das Wasser kam klar aus den Leitungen, und in der Kantine gab es echtes Getreidebrot.
Mera hasste den Ort in der ersten Woche.
Die anderen Stipendiaten sprachen über Schiffe, als wären es Sportgeräte. Viele kamen aus Familien, in denen Lizenzen vererbt wurden. Sie kannten die Namen berühmter Piloten, aber nicht die Nummern der Deiche. Wenn in den Nachrichten ein Küstenbezirk aufgegeben wurde, sagten sie, Navira müsse sich eben anpassen.
Mera lernte mehr als alle anderen. Nicht aus Freude, sondern aus Trotz. Sie zerlegte Steueralgorithmen, bis die Ausbilder sie baten, schlafen zu gehen. Im Simulator flog sie Frachter durch Seitenwind, landete Kutter mit ausgefallener Hydraulik und brach Anflüge ab, die andere noch für rettbar hielten.
Keva Sol„Sie fliegen, als wäre jeder Fehler persönlich“, sagte Ausbilderin Keva Sol.
Mera„Für irgendwen ist er das.“
Keva Sol„Das war keine Anerkennung.“
Mera verstand es trotzdem als eine.
Chief Narek kam nach seiner Rekonstruktion zurück in den Dienst. Eine künstliche Platte ersetzte seine linke Wange. Sie bewegte sich beim Sprechen eine Spur später als die rechte Seite, weshalb Fremde oft wegschauten. Mera tat es nie.
Er traf sie während ihres zweiten Jahres in einer Wartungshalle. Sie lag unter einem Trainingsgleiter und wechselte ohne Auftrag einen Drucksensor.
Narek„Der Sensor war innerhalb der Toleranz“, sagte Narek.
Mera„Die Toleranz war falsch.“
Narek„Das ist ein großer Satz für eine Kadettin.“
Mera„Er war dreimal kurz vor dem Sprung.“
Narek kroch zu ihr unter den Rumpf, prüfte die Messwerte und reichte ihr wortlos einen besseren Schlüssel.
Von da an wurde er ihr Mentor. Er lehrte sie nicht, mutiger zu fliegen. Mut besaß sie im Übermaß. Er lehrte sie, zwischen Gefahr und Schuld zu unterscheiden.
Narek„Wenn du jeden Flug rettest, wirst du irgendwann einen starten, der am Boden bleiben sollte“, sagte er.
Mera„Mein Vater hat die Lumen gestartet.“
Narek„Dein Vater hat Menschen evakuiert. Das ist nicht dasselbe wie einen Zeitplan zu retten.“
Mera hörte den Satz. Sie verstand ihn noch nicht.
Nach dem Abschluss erhielt sie eine Stelle bei Navira Transit, einer Tochterfirma von Meridian. Tessa sagte nichts zu dem Emblem auf der Uniform. Lio, inzwischen sechzehn, malte mit abwaschbarer Farbe eine Welle darüber.
Lio„Damit du weißt, wem der Laden wirklich gehört“, sagte sie.
Mera flog zuerst Fracht zwischen Navira und den orbitalen Raffinerien. Von oben sah sie den Planeten anders. Die Küstenstädte waren dünne helle Linien zwischen Dunkelblau und Schwarz. Hinter jedem Deich lagen Becken, in denen sich Regenwasser sammelte. Die Salzgärten verschwanden unter einer glatten Fläche. Weiter westlich trieb das zerbrochene Varda-Eis wie eine Scherbe aus milchigem Glas.
Der Klimakranz funkelte am Horizont. Elf Segmente warfen ihr Licht nicht mehr fort, sondern bündelten es auf die Äquatorfelder. Die Raffinerien leuchteten Tag und Nacht.
Bei ihrem ersten Alleinflug öffnete Mera einen privaten Kanal und rief zu Hause an.
Mera„Ich sehe unser Dach“, log sie.
Lio„Wink“, sagte Lio.
Mera hob eine Hand, obwohl niemand sie sehen konnte.
Sie schickte den größten Teil ihres Lohns an Tessa. Die Medikamente hielten den Husten unter Kontrolle, nicht die Krankheit. Lio begann im Stadtarchiv zu arbeiten. Sie sammelte Namen aufgegebener Straßen und Interviews mit Bewohnern, bevor die Bezirke geräumt wurden.
Mera„Du bewahrst Dinge auf, die weg sind“, sagte Mera.
Lio„Nein“, sagte Lio. „Ich verhindere, dass jemand behauptet, sie wären nie da gewesen.“
Mera stieg auf. Fracht, Post, schließlich Passagiere. Sie war gut, und gute Piloten bekamen mehr Flugstunden, bis niemand mehr fragte, ob sie auch ein Leben außerhalb des Cockpits hatten. Sie liebte die Sekunden vor einem Start: das Zusammenfallen aller Geräusche zu einem System, die roten Anzeigen, die nacheinander grün wurden, die gespannte Stille vor dem Schub.
Jedes Mal hörte sie die Stimme ihres Vaters.
Ein Schiff warnt dich fast immer.
Mera hörte hin.
Nur den Menschen glaubte sie noch zu oft.
Kapitel 06
Die Zahlen hinter dem Wasser
Mit sechsundzwanzig wurde Mera Prüf- und Ausbildungspilotin. Sie durfte neue Besatzungen abnehmen, technische Freigaben bewerten und Startabbrüche anordnen. Auf dem Papier war das Macht. In der Praxis bedeutete es, dass Einsatzleiter sie anriefen, wenn eine rote Anzeige in einem Formular gelb werden sollte.
Karsen leitete damals die Hafenaufsicht. Er trug tadellose Anzüge, selbst in den Startgruben, und sprach jede Drohung wie einen freundlichen Rat aus.
Karsen„Sie haben ein gutes Auge für Risiken“, sagte er bei ihrem ersten Gespräch. „Aber ein Hafen kann nicht funktionieren, wenn jede Abweichung zur Grundsatzfrage wird.“
Mera„Eine Dichtung kennt keine Grundsatzfragen.“
Karsen„Eine Dichtung kennt auch keine Vertragsstrafen.“
Mera dachte an Narek und brach den Start ab. Zwei Stunden später fand das Wartungsteam einen Haarriss in einer Treibstoffkupplung.
Karsen gratulierte ihr schriftlich und strich ihr im nächsten Monat drei Flugschichten.
Zu Hause verschlechterte sich die Lage. Der zehnte Deich wurde gebaut, während der achte noch nicht bezahlt war. Tessas ehemaliger Arbeitsplatz lag hinter einer Sperrzone. Das Konsortium verkaufte schwimmende Wohnungen zu Preisen, die sich nur Menschen leisten konnten, deren Häuser nicht überflutet waren.
Lio brachte eines Abends ein Datenmodul mit. Sie hatte es im Archiv zwischen alten Genehmigungen gefunden. „Das musst du sehen.“
Es enthielt Protokolle aus der Flugleitung – dieselben Modelle, die Elias Jahre zuvor kopiert hatte, ergänzt um neue Messungen. Die elf umgeleiteten Spiegelsegmente waren nicht die ganze Ursache. Meridian hatte zusätzlich Tiefenwärmetauscher in den Äquatorgräben installiert. Sie sollten Energie aus dem Temperaturunterschied zwischen kaltem Tiefenwasser und warmen Oberflächenströmungen gewinnen. Wegen mangelhafter Isolation gaben sie Abwärme in eine Strömung ab, die direkt unter den Varda-Schild führte.
Das Konsortium wusste seit einundzwanzig Jahren, dass sein Betrieb den Meeresspiegel beschleunigte.
In einem internen Bericht stand: Eine vollständige Wiederherstellung des Klimakranzes würde die Treibstoffproduktion um zweiunddreißig Prozent senken und sei daher gesellschaftlich nicht vertretbar.
Mera las den Satz dreimal.
Lio„Gesellschaftlich“, sagte Lio. „Sie meinen ihre Gesellschaft.“
Zwischen den Dateien fand sich eine verschlüsselte Signatur von Elias Venn. Die Messingplakette in Tessas Schublade war nicht nur eine Kopie gewesen. Sie war der Schlüssel zu einem Archiv, das Elias über Jahre an verschiedenen Stellen verteilt hatte.
Mera wollte die Daten veröffentlichen. Tessa verbot es.
Tessa„Sie haben deinen Vater kaltgestellt“, sagte sie. „Sie können dir die Lizenz nehmen. Uns die Wohnung.“
Mera„Das Wasser nimmt uns die Wohnung sowieso.“
Tessa„Aber nicht morgen.“
Mera„Genau damit gewinnen sie immer.“
Tessa begann zu husten. Als sie die Hand vom Mund nahm, glänzte Blut darauf. Der Streit endete im Krankenhaus.
Die Ärzte stellten eine fortschreitende Vernarbung der Lunge fest. Mit einer Behandlung von Meridian könnte Tessa noch Jahre leben. Ohne sie vielleicht Monate.
Mera gab die Daten nicht an die Presse. Sie gab sie Chief Narek, der sie über einen unabhängigen Kanal an den planetaren Rat weiterleitete. Dort verschwanden sie in einem Ausschuss. Ein halbes Jahr später kündigte die Regierung ein Programm zur „langfristigen Überprüfung orbitaler Wärmeflüsse“ an. Die Spiegelsegmente blieben, wo sie waren.
Lio war wütend auf Mera. „Du hast ihnen Zeit gekauft.“
Mera„Ich habe Mutter Zeit gekauft.“
Lio„Und was kaufen wir, wenn das Wasser an Block C steht?“
Mera wusste es nicht.
In jener Nacht nahm sie die Messingplakette aus der Schublade. Elias’ Name war auf der Vorderseite fast abgerieben. Auf der Rückseite verlief ein Kratzer quer durch das Metall, entstanden in der Nacht der Schwarzen Flut.
Sie dachte an den Schwur, niemals zu zögern.
Zum ersten Mal fragte sie sich, wie viele Arten von Feigheit es gab. Vielleicht war Vorsicht eine davon. Vielleicht war auch jedes schnelle Handeln nur eine Möglichkeit, nicht lange genug hinsehen zu müssen.
Am nächsten Morgen ging sie zum Hafen und bildete Tavin Or aus.
Kapitel 07
Dock Sieben
Tavin war dreiundzwanzig, redete zu schnell und behandelte jede Maschine, als müsse er ihr beweisen, dass er keine Angst hatte. Er kam aus einem überfluteten Bezirk im Süden und hatte seine Ausbildung als Wartungstechniker begonnen. Für die Pilotenlizenz fehlten ihm die Flugstunden, deshalb arbeitete er in den Startgruben und nahm jede freie Simulatorschicht, die Mera ihm besorgen konnte.
Mera„Du erinnerst mich an jemanden“, sagte sie nach seinem ersten abgebrochenen Anflug.
Tavin„An dich?“
Mera„Leider.“
Tavin„Dann war er fast perfekt.“
Mera„Sie. Und sie war unerträglich.“
Tavin grinste. Mera mochte ihn, obwohl sie sich dagegen wehrte. Er trug eine Papiermütze unter dem Helm, gefaltet aus einem alten Flugplan. Als Kind habe er Schiffe von der Küstenbahn aus gezählt, erzählte er. Bei jedem Start habe er die Hände gehoben, als könne er sie tragen.
Mera erzählte ihm nicht, dass sie dasselbe getan hatte.
Dock Sieben war inzwischen ein Terminal für schnelle Passagierverbindungen. Meridian hatte die alte Startgrube modernisiert, ohne den Unterbau vollständig zu erneuern. Die Dichtungen der Versorgungsbrücken bestanden aus einer Legierung, die bei Salzbelastung spröde werden konnte. Mera beanstandete sie zweimal. Beide Male bestätigte das Labor, die Werte lägen innerhalb der zulässigen Toleranz.
Am Morgen des Unfalls hing ein gelbes Wartungssymbol über der Schleusenanzeige. Ein Sensor meldete Druckverlust, so gering, dass die automatische Prüfung ihn als Schwankung einstufte.
Mera ordnete eine manuelle Kontrolle an.
Einsatzleiter Joren Vale erschien im Cockpit. Hinter ihm warteten hundertachtzig Passagiere auf der Brücke. Ein Sturm zog vom Süden heran. Würde das Schiff nicht in den nächsten zwölf Minuten starten, blieb es mindestens neun Stunden am Boden. Die Vertragsstrafe überstieg das Jahresbudget der Wartungsabteilung.
Joren Vale„Die Dichtung wurde gestern geprüft“, sagte Vale.
Mera„Der Sensor war gestern nicht gelb.“
Joren Vale„Er ist gelb, weil die Luftfeuchte steigt.“
Mera„Dann warten wir auf das Team.“
Vale legte ihr eine Freigabe auf die Konsole. „Das Team ist in Dock Drei. Sie können den Start unter Vorbehalt zulassen.“
Mera dachte an ihren Vater, der die Lumen trotz der Flut in die Luft gebracht hatte. Sie dachte an hundertachtzig Menschen, die bei einem Abbruch im Terminal festsitzen würden. An den Sturm. An Karsen, an ihre bereits gekürzten Schichten und an die Medikamente ihrer Mutter.
Mera„Ich lasse ihn nicht zu“, sagte sie.
Es hätte reichen müssen.
Vale rief Karsen. Karsen rief die technische Leitung. Jemand änderte die Anzeige von Gelb auf Grün und berief sich auf die externe Laborfreigabe. Damit war Mera nicht mehr die formell Verantwortliche.
Sie hätte den Hauptschalter ziehen können.
Sie hätte den Passagierkanal öffnen und die Warnung aussprechen können.
Sie hätte sich vor die Schleuse stellen können.
Stattdessen protestierte sie in der Leitung, laut genug für das Protokoll und leise genug, um nicht verhaftet zu werden. Als Vale die Freigabe erteilte, blieb sie im Cockpit. Sie wollte eingreifen, falls etwas geschah. Sie nannte es Verantwortung.
Später nannte sie es Feigheit.
Tavin befand sich mit Selka Jian und Om Ren in der Startgrube. Sie kontrollierten die Verriegelungen von Hand. Tavin meldete über Funk einen feinen weißen Belag am Dichtungsring.
Mera„Start abbrechen“, sagte Mera sofort.
Vale sprach gleichzeitig: „Team zurückziehen. Schleuse hält.“
Die Dichtung riss.
Der Druckunterschied verwandelte Luft in eine unsichtbare Faust. Tavin wurde gegen den Versorgungsarm geschleudert. Selka verschwand im offenen Wartungsschacht. Om erreichte den Notschalter, doch der äußere Verschluss klemmte. Drei Körper, drei rote Signale, dann nichts.
Die Passagierkabine blieb dicht. Hundertachtzig Menschen überlebten.
In den Meldungen hieß es später, eine geistesgegenwärtige Freigabe habe eine größere Katastrophe verhindert.
Mera saß bis zum Abend im leeren Cockpit. Tavins Papiermütze lag unter dem Sitz. Jemand hatte sie beim Bergen der Ausrüstung übersehen.
Die Untersuchung dauerte sechs Wochen. Meridian legte Materialgutachten vor. Der Hersteller gab dem Salzsturm die Schuld. Die technische Leitung verwies auf das Team, das den Belag falsch beurteilt habe. Vale sagte, Mera habe den Start nicht formgerecht untersagt.
Man bot ihr einen Vergleich an: Sie sollte bestätigen, dass das Versagen nicht vorhersehbar gewesen sei. Im Gegenzug behielt sie ihre Lizenz und erhielt eine Stelle außerhalb Naviras.
Karsen schob ihr das Dokument über den Tisch.
Karsen„Sie können hier nichts mehr ändern“, sagte er.
Mera„Dann muss ich es auch nicht unterschreiben.“
Karsen„Denken Sie an Ihre Familie.“
Mera stand auf. „Das tue ich seit Jahren. Das ist das Problem.“
Sie unterschrieb gar nichts.
Am folgenden Morgen war ihr Zugang zum Hafen gesperrt. Navira Transit erklärte, sie werde bis zum Abschluss weiterer Prüfungen nicht eingesetzt. Die Prüfung erhielt keinen Termin.
Tavin, Selka und Om bekamen eine Gedenkplatte in einem Wartungskorridor, den Passagiere nicht sehen konnten.
Dock Sieben blieb vier Tage geschlossen.
Kapitel 08
Vierzehn Monate Boden
Ohne Cockpit wurde Navira kleiner.
Mera nahm Arbeit an, wo man ihre Lizenz nicht überprüfen musste. Sie reparierte Pumpendrohnen, kalibrierte Bahnsteuerungen und half Narek bei privaten Wartungsaufträgen. Manchmal stand sie nachts auf dem Hochdeich und bestimmte startende Schiffe nur nach ihrem Klang. Sie irrte sich nie.
Tessa wurde schwächer. Die Medikamente verlangsamten die Vernarbung ihrer Lunge, doch selbst der Weg vom Bett in die Küche erschöpfte sie. Lio zog wieder in das Familienapartment und schlief auf dem Sofa. Ihre Arbeit im Archiv hatte sie verloren, nachdem sie die Namen aufgegebener Straßen an eine Außenwand projiziert hatte.
Mera„Du hättest sie kleiner projizieren sollen“, sagte Mera.
Lio„Ich hatte nur eine Fassade.“
Sie stritten über Geld, über Pflege, über Meras Lizenz und darüber, wer am meisten aufgegeben hatte. Meistens stritten sie über etwas anderes als das, was wehtat.
Das Meer stieg weiter.
Im Mittel acht Zentimeter im Jahr, sagten die Anzeigen. In Wirklichkeit kam es in Sprüngen. Ein Eisfeld brach ab, eine Strömung kippte, ein Sturm schob Wasser über einen Deich. Dann verlor Navira in einer Nacht mehr Land als in den fünf Jahren zuvor.
Das Meridian-Konsortium begann, Abwanderungsverträge anzubieten. Wer sein Grundstück abtrat, erhielt einen Platz auf einer Koloniewelt. Die besten Verträge gingen an Fachkräfte. Alte, Kranke und Menschen ohne verwertbare Ausbildung blieben zurück.
Tessa hätte als ehemalige Deichtechnikerin einen Platz bekommen können, doch nur bei Verzicht auf ihre medizinischen Ansprüche. Lio lehnte den Vertrag ab, bevor Mera ihn zu Ende gelesen hatte.
Lio„Sie wollen uns unsere eigene Flucht verkaufen“, sagte sie.
Mera„Und wenn es trotzdem eine Flucht ist?“
Lio„Mutter überlebt die Reise nicht.“
Mera„Hier vielleicht auch nicht.“
Tessa hörte den Streit aus dem Schlafzimmer. Am nächsten Tag ließ sie beide an ihr Bett kommen.
Tessa„Ihr werdet mein Sterben nicht zu eurem Beruf machen“, sagte sie.
Lio„Du stirbst nicht“, sagte Lio.
Tessa„Dann verschwendet auch nicht so viel Zeit damit.“
Mera bewarb sich bei sechs Reedereien. Fünf antworteten nicht. Die sechste bot ihr einen Verwaltungsposten auf einem Orbitaldepot an, wenn sie eine Verschwiegenheitserklärung zu Dock Sieben unterschrieb.
Sie löschte die Nachricht.
Im zehnten Monat kam Chief Narek mit einer Flasche echtem Kaffee. Das bedeutete, dass er etwas wollte.
Narek„Ein Kartierungsschiff sucht eine Pilotin“, sagte er.
Mera„Kartierung wohin?“
Narek„Blaue Grenze.“
Mera lachte einmal, ohne Freude. „Dann suchen sie keine Pilotin. Sie suchen jemanden, dessen Ruf billig genug ist.“
Narek„Beides kann wahr sein.“
Die Nadir gehörte einer kleinen wissenschaftlichen Stiftung, die Relaispunkte außerhalb der etablierten Routen vermessen wollte. Das Schiff war alt, die Besatzung klein, die Versicherung schlecht. Achtzehn Monate Bordzeit. Abhängig von den Sprungfenstern konnten auf Navira sieben Jahre vergehen.
Mera„Kein festes Rückflugdatum“, sagte Mera.
Narek„Nein.“
Mera„Meine Mutter ist krank.“
Narek„Ja.“
Mera„Lio wird denken, ich fliehe.“
Narek„Vielleicht tust du das.“
Mera sah ihn an.
Die künstliche Seite seines Gesichts blieb unbewegt. Die andere war müde.
Narek„Flucht ist nicht automatisch Feigheit“, sagte Narek. „Manchmal ist sie nur eine Richtung, die noch offen ist.“
Er legte die technischen Daten der Nadir auf den Tisch. Mera wollte sie nicht anfassen. Eine Minute später las sie den Bericht über den Steuerbordflügel. Zwei Minuten später markierte sie eine fragwürdige Reparatur am Kühlkreislauf.
Narek lächelte.
Mera„Hör auf“, sagte sie.
Narek„Ich sage gar nichts.“
Mera„Du siehst laut.“
In der Nacht lag Mera wach. Hinter der Wand hustete Tessa. Auf dem Sofa drehte Lio im Schlaf die Kurbel ihrer alten Spieluhr; einmal erklangen die sieben Töne, dann verstummten sie.
Mera stellte sich die Nadir vor. Kein glänzendes Schiff, keine Passagiere, kein Karsen. Nur eine kleine Besatzung, eine Karte, die an einer blauen Linie endete, und dahinter Raum, der noch niemandem gehörte.
Am Morgen bewarb sie sich.
Kapitel 09
Die Nadir
Das Auswahlgespräch fand in einem Lagerraum statt, weil die Stiftung auf Navira kein Büro besaß. Zwei Wissenschaftler waren als Hologramme zugeschaltet. Der Missionsleiter trug einen Pullover mit ausgefranstem Kragen und stellte keine einzige Frage zu Meras Ruf.
Missionsleiter„Warum haben Sie den Bericht nicht unterschrieben?“, fragte er.
Mera„Weil er falsch war.“
Missionsleiter„Und warum haben Sie den Hauptschalter nicht gezogen?“
Mera schwieg.
Das war die Frage, die Meridian nie gestellt hatte. Das Konsortium hatte wissen wollen, wer formal verantwortlich war. Dieser Mann wollte wissen, wo Mera selbst versagt hatte.
Mera„Ich hatte Angst, alles zu verlieren“, sagte sie. „Also habe ich gerade genug widersprochen, um später behaupten zu können, ich hätte es versucht.“
Missionsleiter„Das ist keine gute Antwort.“
Mera„Nein.“
Missionsleiter„Aber eine seltene.“
Die Stiftung prüfte ihre Simulatorwerte, ihre Aussagen im Untersuchungsverfahren und jede medizinische Akte. Drei Wochen später lag der Vertrag auf ihrem Terminal.
Mera las ihn siebenmal. Beim achten Mal bestätigte sie.
Lio reagierte zunächst gar nicht. Sie saß am Küchentisch, den Blick auf die schwarze Scheibe gerichtet.
Mera„Sag etwas“, bat Mera.
Lio„Was soll ich sagen? Dass du bleiben musst? Dann wirst du mich eines Tages dafür hassen. Dass du gehen sollst? Dann hasse ich mich vielleicht selbst.“
Mera„Es sind achtzehn Monate.“
Lio drehte sich zu ihr um. „Für dich.“
Tessa nahm die Nachricht anders auf. „Welches Schiff?“
Mera„Die Nadir.“
Tessa„Klingt nach einem Ort, an dem man nicht sein sollte.“
Mera„Du hast noch nicht einmal ein Bild gesehen.“
Tessa„Ein Nadir ist der Punkt direkt unter einem Beobachter. Der Gegenpunkt zum Zenit. Dein Vater hätte darüber einen schlechten Witz gemacht.“
In den folgenden Wochen packte Mera. Viel gab es nicht. Zwei Uniformhemden, Werkzeug, feste Stiefel. Narek brachte ihr eine neue Pilotentasche. Savi Noll, den sie seit Jahren nicht gesehen hatte, stand eines Abends vor der Tür. Meridian hatte ihn zum leitenden Werkstofftechniker gemacht.
Savi„Ich habe von der Nadir gehört“, sagte er.
Mera„Der Hafen redet zu viel.“
Savi gab ihr ein Datenmodul. Darauf lagen die ursprünglichen Materialanalysen der Dichtung von Dock Sieben. Sie bewiesen, dass Meridian die Grenzwerte nachträglich angepasst hatte.
Mera„Warum jetzt?“
Savi„Weil du gehst.“
Mera„Das ist kein Grund.“
Savi„Doch. Solange du hier warst, dachte ich, irgendwann könnten wir beide so tun, als hätten wir noch Zeit.“
Mera wollte ihn anschreien. Stattdessen fragte sie: „Was passiert mit dir, wenn ich das veröffentliche?“
Savi„Wahrscheinlich verliere ich meine Stelle.“
Mera„Deine Mutter braucht die Medikamente.“
Savi„Ja.“
Sie saßen lange schweigend in der Küche. Draußen stieg ein Personentransporter auf. Sein linker Injektor lief unruhig.
Am nächsten Tag übergab Mera die Daten einer unabhängigen Ermittlerin. Sie bestand darauf, dass Savis Name versiegelt blieb, bis sie Navira verlassen hatte. Es war ein Kompromiss. Vielleicht ein feiger. Vielleicht ein sorgfältiger.
Die Untersuchung wurde neu eröffnet. Karsen rief an und bot ihr den Posten in der Hafenaufsicht an. Er brauchte jemanden, der wusste, wann eine Schleuse gefährlich war – und jemanden, dessen Name die Behörde glaubwürdig aussehen ließ.
Mera lehnte ab.
Tessa sagte: „Du könntest bleiben und etwas verändern.“
Mera„Oder ich unterschreibe seine Zahlen.“
Tessa„Du weißt nicht, ob er das verlangt.“
Mera„Doch.“
Tessa sah zum Schlafzimmerfenster, hinter dem der Deich im Regen lag. „Du klingst wie dein Vater.“
Mera„Ist das schlecht?“
Tessa„Es ist gefährlich, aus einem Toten eine Richtung zu machen.“
Mera antwortete nicht.
Am letzten Abend löste sie den alten Hafenplan von der Wand. Die Klebestreifen rissen ein Stück Farbe mit ab. Auf der Rückseite standen Lios kindliche Sterne, Elias’ handschriftliche Erklärungen und ein dunkler Wasserfleck aus der Nacht der Schwarzen Flut.
Mera faltete den Plan, legte ihn auf den Tisch und ließ ihn dort.
Sie sagte sich, sie brauche ihn nicht mehr.
Kapitel 10
Der letzte Abend
Der Regen begann kurz vor Sonnenuntergang.
Er lief in silbernen Bahnen über die Fenster und verwischte die Lichter der Deichkrone. Im Apartment standen nur noch die Möbel, die Lio behalten wollte. Helle Rechtecke zeichneten sich an den Wänden ab, wo Bilder gehangen hatten. Meras Koffer wartete neben der Tür.
Tessa bestand darauf, zu kochen. Es gab Algennudeln, konserviertes Gemüse und einen Rest Gewürzpaste, den sie für einen besonderen Tag aufgehoben hatte. Niemand sagte, ob dies ein besonderer Tag war.
Lio„Erzähl von der Besatzung“, sagte Lio.
Mera nannte die Namen. Eine Kartografin, ein Signaltechniker, zwei Systemingenieure. Menschen, die Lio nie getroffen hatte und die auf einmal mehr Zeit mit Mera verbringen würden als ihre eigene Familie.
Lio„Und wer hat das Kommando?“
Mera„Die Missionsleitung wechselt je nach Phase. Beim Flug bin ich es.“
Lio„Also du.“
Mera„Beim Flug.“
Lio„Du findest immer ein kleineres Wort für eine große Sache.“
Tessa aß kaum. Ihre Hände zitterten stärker als am Vortag. Mera wollte helfen, doch sie hielt die Gabel fest, bis die Bewegung nachließ.
Später holte Lio die Spieluhr. Das Holz war an den Kanten glatt geworden. Sie drehte die Kurbel, und sieben Töne füllten die Küche.
Lio„Nimm sie mit“, sagte sie.
Mera„Nein.“
Lio„Warum nicht?“
Mera„Weil sie zu dir gehört.“
Lio„Du nimmst überhaupt nichts mit, was zu uns gehört.“
Mera sah auf den Koffer. Lio hatte recht.
Mera„Wenn ich Dinge mitnehme, fehlen sie hier.“
Lio„Du fehlst hier sowieso.“
Tessa schloss die Augen. „Nicht heute.“
Lio stand auf und ging. Die Tür zum Schlafzimmer schlug zu.
Mera blieb mit ihrer Mutter in der Küche. Zwischen ihnen kühlte das Essen ab.
Tessa„Dein Vater wollte weg“, sagte Tessa plötzlich.
Mera hob den Kopf.
Tessa„Nach dem ersten Bericht über den Klimakranz. Er hatte ein Angebot von einer Relaisstation. Er wollte uns alle mitnehmen.“
Mera„Warum sind wir nicht gegangen?“
Tessa strich mit dem Daumen über eine Kerbe im Tisch. „Ich hatte Angst vor dem Flug. Vor einer fremden Welt. Vor einem Leben, in dem meine Arbeit nichts bedeutete. Ich sagte, Navira sei unsere Heimat. Als wäre Heimat ein Argument gegen Wasser.“
Mera dachte an Elias in der Außenflugleitung. An sein Versprechen, nachzukommen.
Mera„Er ist wegen dir geblieben.“
Tessa„Wegen uns. Wegen sich. Menschen haben selten nur einen Grund.“ Tessa sah sie an. „Ich erzähle dir das nicht, damit du mir vergibst.“
Mera„Warum dann?“
Tessa„Damit du uns nicht wiederholst.“
Mera spürte Zorn, heiß und kindlich. Jahrelang hatte sie ihren Vater zu einem furchtlosen Mann gemacht, der im entscheidenden Augenblick geblieben war. Nun stand hinter der Heldengeschichte eine Küchentür, vor der eine verängstigte Frau Nein gesagt hatte.
Mera„Du hättest es mir sagen müssen.“
Tessa„Ja.“
Mera„Vor Jahren.“
Tessa„Ja.“
Tessa verteidigte sich nicht. Das machte den Zorn schwerer.
Mera ging in ihr leeres Zimmer. Der Plan lag nicht mehr auf dem Tisch. Sie suchte ihn nicht. Stattdessen setzte sie sich auf den Boden und hörte dem Regen zu.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür. Lio stellte eine Tasse Kaffee neben sie. Metallisch, bitter, mit gerösteten Algen.
Lio„Ich bin noch wütend“, sagte Lio.
Mera„Ich auch.“
Lio„Gut.“
Sie saßen Schulter an Schulter.
Lio„Was passiert, wenn du nicht zurückkommst?“, fragte Lio.
Mera dachte an eine ehrliche Antwort. „Dann habe ich bis dahin gelebt.“
Lio„Das ist ein schrecklicher Trost.“
Mera„Mehr habe ich nicht.“
Lio lehnte den Kopf an ihre Schulter. „Wenn du das erste Relais hinter der Blauen Grenze erreichst, schick mir nur zwei Wörter: Ich lebe.“
Mera versprach es.
In der Nacht schlief sie kaum. Schiffe stiegen über dem Deich auf, eines nach dem anderen. Irgendwann hörte sie auf, sie zu zählen.
Kapitel 12
Departure Sequence
Die Startfreigabe verzögerte sich wegen des Wetters.
Mera saß angeschnallt im Pilotensitz und hörte den Regen gegen die Hülle schlagen. Auf Kanal vier liefen Abschiede: eine Mutter, die ihrem Sohn befahl, regelmäßig zu essen; ein Händler, der über fehlende Kisten stritt; ein Kind, das immer wieder „Noch einmal winken“ sagte.
Mera suchte den privaten Familienkanal. Sie fand nur Stille.
Tessa würde nicht sprechen. Vielleicht konnte sie es nicht. Vielleicht wollte sie Mera nicht mit einem letzten Satz belasten. Vielleicht war nach all den Jahren jedes mögliche Wort zugleich zu groß und zu spät.
Die Versorgungsanzeigen wechselten nacheinander auf Grün.
Alle Ports waren versiegelt.
Alle Namen waren bestätigt.
Die Nacht stand offen.
Dann flackerte eine Übertragung auf. So schwach, dass der Computer sie beinahe verwarf. Das Bild blieb schwarz, aber Tessas Stimme war klar.
Tessa„Mera, die Wahrheit, die ich dir noch schulde: Ich wünsche mir, dass du bleibst. Aber dieser Wunsch ist meiner, nicht deiner. Du schuldest uns keine Wiederholung.“
Ein Atemzug, fernes Rauschen.
Tessa„Flieg sorgfältig. Nicht vorsichtig. Das ist nicht dasselbe.“
Die Verbindung brach ab.
Mera speicherte die Nachricht dreimal.
Sie legte den Hafenplan unter die Konsole, dort, wo andere Piloten Notfallkarten aufbewahrten. Die Messingplakette fühlte sich warm an, obwohl das Metall kalt war. In ihr lagen die Daten eines Mannes, der gegen die Lüge vom natürlichen Wasser gekämpft hatte. Auf ihr stand der Name eines Mannes, der Menschen gerettet, Angst gehabt und einen Fehler gemacht hatte.
Zum ersten Mal sah Mera Navira nicht als Heimat, Gefängnis oder Schuld.
Der Planet war ein Ort, an dem Menschen sie liebten und Fehler geschehen waren. Beides durfte wahr sein.
Flugleitung„Nadir, hier Flugleitung“, sagte eine junge Stimme. „Alle Ports versiegelt. Route bestätigt. Bereit für die Abflugsequenz?“
Mera legte die Hände auf die Steuerflächen.
Vor der Scheibe öffnete sich das Dach der Startbucht. Regen fiel herein und verdampfte über den Triebwerksgittern. Dahinter lag der Morgen, bleich und riesig.
Sie dachte an den Jungen in der Bahn, an Tavin, Selka und Om, an Lio und Tessa, an Elias und an die unbekannten Himmel jenseits der Karten.
Mera„Nadir an Flugleitung“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte nicht. „Bereit.“
Über der Konsole wechselten die letzten Kontrollleuchten von Rot auf Grün.
Der Countdown erschien.
Fünf.
Unter dem Schiff erwachten die Triebwerke. Das tiefe Dröhnen stieg durch den Sitz in Meras Brust. Die Anzeigen blieben stabil.
Vier.
Die Versorgungsarme lösten sich. Einer nach dem anderen schwenkte aus dem Regen. Kein Mensch sprach über Gebühren. Kein Mensch änderte eine Warnfarbe.
Drei.
Die Sterne bewegten sich nicht. Es war Navira, die sich unter ihr drehte, eine blaue Welt, die auf jeder Karte größer aussah, als sie für ihre Bewohner geworden war.
Zwei.
Mera öffnete einen schmalen Funkkanal und legte eine Nachricht in den planetaren Speicher. Sie bestand aus fünf Worten.
Navira ist noch immer hier.
Eins.
Für einen Herzschlag zögerte sie.
Nicht aus Angst vor dem Flug. Aus Ehrfurcht vor allem, was der nächste Augenblick voneinander trennen würde: Bordzeit und Planetenzeit, Tochter und Mutter, Erinnerung und Gegenwart, Boden und Himmel.
Dann löste sie die Halteklammern.
Der Schub presste sie in den Sitz. Die Nadir stieg durch Regen, Dampf und die niedrigen Wolken. Der Hafen fiel unter ihr zusammen: Startfelder wurden zu Linien, Türme zu Nadeln, Deiche zu schwarzen Bögen. Dahinter glänzten die Salzgärten wie eine zweite, versunkene Stadt.
Im Funk rauschte eine zerhackte Stimme.
Unbekanntes Signal„Are—are—are you receiving me?“
Mera schaltete auf Fernkommunikation. „Nadir empfängt.“
Die Atmosphäre wurde dünner. Das Dröhnen der Hülle verstummte. Vor dem Schiff öffnete sich die Schwärze, nicht leer, sondern voller Licht.
Kein Weg lag unter ihnen.
Kein Dach über ihnen.
Nur eine Million brennende Türen, und eine davon gehörte ihnen.
Die Nadir erreichte den Orbit. Hinter Mera lag ein Planet voller Namen, Erinnerungen und Wege, die bis zu diesem Morgen wichtig gewesen waren. Vor ihr standen Karten ohne Linien.
Flugleitung„Departure confirmed“, sagte die Flugleitung.
Mera legte Kurs auf die Blaue Grenze an. Sie war nicht gerettet. Navira war nicht gerettet. Tavin, Selka, Om und Elias blieben tot, und kein Start machte aus einer Schuld eine Unschuld.
Aber sie war auch nicht verschwunden.
Sie hatte hingesehen, die Warnung gehört und eine Entscheidung getroffen. Aus der Pilotin, die am Boden festgehalten worden war, wurde in diesem Augenblick die Frau, die den Rand der bekannten Karten vermessen würde.
Auf der Konsole blinkte die vorbereitete Sprungroute.
Mera berührte die Messingplakette ihres Vaters ein letztes Mal und bestätigte den Kurs.
Die Sterne wurden zu langen Linien.
Die Nadir brach aus dem System.
Und Mera Venn flog weiter – sorgfältig, nicht vorsichtig, quer durch die Galaxie.
ENDE